«Wir konnten ein Tabu brechen»

Almaz Böhm, die Frau von Karlheinz Böhm, kämpft in Äthiopien gegen Mädchenbeschneidung. Und erklärt, warum sich die Männer dort gar nicht um dieses Thema kümmern.

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Sie stammen aus Äthiopien, leben in Salzburg und kehren häufig in Ihre alte Heimat zurück. Wo sind Sie zu Hause, in Afrika oder in Europa?
Die schwierigste Frage gleich zu Beginn. Ich lebe in beiden Ländern gern, in Österreich wie in Äthiopien. Und ich bin glücklich, zwei Heimatländer zu haben.

Kochen Sie hier den Kaffee so wie in Äthiopien mit der ganzen Zeremonie, die dazugehört?
Selten. Es schmeckt zwar sehr gut, ist aber aufwendig. Und in Europa haben die Leute eine Uhr und keine Zeit.

Sie haben also eine Kaffeemaschine?
Ja, leider. (Lacht.) Wenn ich aber Zeit und besondere Gäste habe, mache ich die Kaffeezeremonie, auch um meine Kultur zu zeigen.

Sie sind vor einigen Tagen aus Äthiopien zurückgekehrt. Was haben Sie dort vermisst?
Die klassische Musik. Mein Mann hat mich mit der Liebe zur klassischen Musik angesteckt. Das habe ich früher nicht gekannt. Mozart gefällt mir, auch Vivaldi. Und vor allem Beethoven.

Wann und wie haben Sie Karlheinz Böhm kennen gelernt?
Sie bekommen nur die Kurzversion. Ich arbeitete als Viehzüchterin in einem Projekt von Menschen für Menschen, als wir uns erstmals begegneten. Er war ein lieber Chef, der seine Mitarbeiter schätzt und motiviert. Ich war total begeistert. Dann wurde ein Kälbchen geboren. Ich war stolz und zeigte es ihm. Später sagte mir Karl, er habe nicht nur das Kalb, sondern auch mich gesehen.

Ist es schwierig, die Frau eines Filmstars zu sein?
Als ich ihn 1987 kennen lernte, war Karl für mich einfach der Chef. Ich wusste nicht, wie bekannt er in Europa war. Ich hörte, dass er Schauspieler sei. Aber das hat mich nicht beeindruckt. Auch bei uns gibt es Schauspieler, aber das sind keine Stars. Ich war also nicht voreingenommen.

Wann realisierten Sie, dass er ein Star ist?
Als ich erstmals nach Europa kam. Wir landeten in Zürich und waren zu Gast bei Rolf Knie, einem alten Freund meines Mannes. Wenn wir unterwegs waren, kamen die Leute und baten um ein Foto oder Autogramm. Ich fragte, machen das alle hier? Karl sagte nur, die kennen mich von den Filmen. Rolf hat mir dann die Sissi-Filme gezeigt, denn ich kannte sie nicht. Obwohl ich damals kein Wort Deutsch verstand, habe ich mich in diese Filme verliebt.

Vor fast 30 Jahren hat Karlheinz Böhm Menschen für Menschen gegründet. Wo steht die Stiftung?
Als wir 1981 begannen, halfen wir 2500 Halbnomaden, die vor dem Krieg zwischen Somalia und Äthiopien geflohen waren. Heute haben wir 11 Projekte, von denen aktuell über vier Millionen Menschen profitieren. 2011 wollen wir weitere Kliniken, Schulen und Wasserstellen aufbauen für 500'000 Menschen.

Es gibt viele Hilfswerke. Was ist speziell an Ihrem?
Keines unserer Projekte wird in Europa an einem Schreibtisch gemacht, sondern in Äthiopien mit der Bevölkerung. Und gemäss den lokalen Bedürfnissen. Jedes Projekt ist massgeschneidert. Die Menschen müssen sich damit identifizieren können, sonst werden sie es später nicht weiterführen. Unser Prinzip ist, dass die Initiative von den Äthiopiern kommen muss.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?
In Europa 30. In Äthiopien sind es 800, von denen sind 4 Europäer. Die Idee ist, dass die Äthiopier ihr Land entwickeln und nicht wir. Das hat viele Vorteile: Sie kennen Sprache, Kultur und Geografie. Was ihnen fehlt, sind die Mittel.

Wie viel Geld pumpen Sie jährlich nach Äthiopien?
Wir pumpen nicht. Das Geld kommt genau definierten Projekten zu. Wir bringen nicht nur das Geld, sondern setzen unsere Projekte auch selbst um, weil wir das Geld nicht an Dritte geben wollen. Pro Jahr sind das 20 Millionen Euro. Davon stammen 6 Millionen Franken aus der Schweiz, der Rest aus Deutschland und Österreich. 5 bis 7 Prozent brauchen wir für die Administration.

Sie setzen sich sehr gegen Mädchenbeschneidung und Mädchenheirat ein. Mit welchem Erfolg?
Nur schon, dass wir diese grossen Tabus brechen konnten, ist ein Erfolg. Wir haben in Äthiopien wunderbare Traditionen, aber auch viele schädliche. Und die sind so schädlich, dass man sie früher nie benannt hat. Sogar in der Familie nicht. Grotesk ist, dass die Beschneidung von Frauen durchgeführt wird, um für das Mädchen einen besseren Platz in der Gesellschaft zu bekommen. Ausserdem soll gewährleistet werden, dass der Mann, der dann das Mädchen bekommt, der erste ist, der es berührt. Deshalb kümmern sich die Männer gar nicht um die Mädchenbeschneidung. Sie wissen zwar davon, reden aber nicht darüber.

Gibt es heute weniger Beschneidungen?
Ja, auch weil die Führer der Muslime und der Orthodoxen, der beiden grössten Religionen Äthiopiens, sich hinter unsere Kampagne stellten. Sie hatten lange debattiert, ob nun die Mädchenbeschneidung tatsächlich nicht im Koran und der Bibel angeordnet sei. Dann kam es zu einer Kundgebung mit den Medien, und die Glaubensführer sagten, die Mädchenbeschneidung sei eine schädliche Tradition und habe nichts mit Religion zu tun. In jenem Moment stand eine Frau auf und sagte: «Das sagt ihr uns erst heute?» Da antworteten die Religionsführer: «Ihr habt uns ja nie gefragt.» Die Imame wie die Priester wussten Bescheid. Doch selbst sie hatten sich nicht getraut, das Tabu zu brechen.

Wie kann man als europäische Hilfsorganisation solche Tabuthemen ansprechen?
Wir werden in Äthiopien nicht als europäische Organisation wahrgenommen, sondern als äthiopische. Und Karl wurde immer als Partner gesehen. Er sprach wochenlang mit den Bauern unter den Bäumen. Die Menschen spürten, dass er sie kennen lernen wollte. Dann erzählten sie von ihren familiären Problemen. Deshalb konnte er als Ausländer Tabus ansprechen. Vielleicht war es sogar notwendig, dass das eine unabhängige Person tat. Zudem war er ein Mann.

Hätten Sie die Mädchenbeschneidung nicht ansprechen können?
Ich hätte mich nicht getraut. Ich wurde so erzogen, dass man eine Tradition nicht infrage stellt. Alles stimmte, was die Eltern, die Grosseltern und die Urgrosseltern sagten. Diskutiert wurde nichts. Jetzt weiss ich, dass es möglich ist, eine Kultur infrage zu stellen. Und heute wage ich es, Tabus wie die Mädchenbeschneidung anzusprechen.

Äthiopien gehört trotzdem noch zu den ärmsten Ländern und scheint nicht vom Fleck zu kommen.
Doch, es geht wirtschaftlich besser als vor 20 Jahren. Und heute gehen mehr Kinder zur Schule als damals. Viele Erwachsene können nicht lesen, aber bei den Kleinen ist es besser.

Gemäss einem Bericht von Human Rights Watch benutzt die äthiopische Regierung Hilfsgelder, um die Opposition zu unterdrücken. Wer nicht die Regierungspartei unterstützt, bleibt aussen vor. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Nein. Der HRW-Bericht bezieht sich auf die Entwicklungshilfe, die direkt an den Staat fliesst, sei es von der Weltbank, den USA oder Grossbritannien. Von uns geht kein Geld an die Regierung. Wir gehen erst auf die Behörden zu, wenn wir von den Bewohnern eines Dorfes gehört haben, dass sie zum Beispiel eine Schule brauchen.

Äthiopien hat in Sachen Menschenrechte einen schlechten Ruf. Wie können Sie mit dieser Regierung zusammenarbeiten?
Menschen für Menschen war stets unabhängig von Politik, Religion und Wirtschaft. Als Karl erstmals nach Äthiopien kam, herrschte eine Militärdiktatur. Das war noch schlimmer als jetzt. Er sagte zu den Behörden: «Meine Hilfe für die Menschen ist bedingungslos. Meine einzige Bedingung ist, dassSie mir keine Bedingung stellen.» Und das haben sie kapiert. Wenn wir aber in die Bildung investieren, fördern wir auch die Demokratie.

Es gibt Ökonomen, die fordern, dass die Entwicklungshilfe eingestellt werde, weil sie Afrika ärmer und korrupter mache. Was meinen Sie?
Das betrifft vielleicht die staatliche Entwicklungshilfe. Wir als private Organisation arbeiten direkt mit den Äthiopiern. Entwicklungshilfe, die von innen kommt, funktioniert hundertprozentig.

Trotzdem ist das Misstrauen gegenüber Hilfsorganisationen gross.
Es ist schade, dass alle Hilfswerke in einen Topf geworfen werden. Es gibt auch in der Wirtschaft und der Politik gute und schlechte Beispiele. Zu sagen, alle Wirtschaftsführer seien Gauner, ist auch ungerecht. Wir haben 254 Schulen gebaut. Pro Jahr erhalten Hunderttausende Kinder dadurch eine Chance.

Eine letzte Frage: Weshalb reden Sie von Karl und nicht von Karlheinz, wenn Sie Ihren Mann meinen?
(Lacht.) Es ist einfacher. Kein Mensch sagt Karlheinz. Es ist ein so langes Wort. Wie «Tages-Anzeiger». Jeder sagt Karl. Für uns ist er Karl. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2011, 13:56 Uhr

«Hier in Europa haben die Leute eine Uhr und keine Zeit:» Almaz Böhm in Zürich. (Bild: Reto Oeschger)

Die Äthiopien-Hilfe der Böhms

Der Schauspieler Karlheinz Böhm (82) hat Menschen für Menschen 1981 gegründet. Grundstock der Stiftung waren 1,2 Millionen Mark, die nach einer Wette bei der Fernsehsendung «Wetten, dass ...?» zusammengekommen waren. Heute leitet Böhm das Hilfswerk gemeinsam mit seiner Frau. Almaz Böhm (46) stammt aus Jijiga im Osten Äthiopiens. Als Agrarexpertin arbeitet sie auch vor Ort. Menschen für Menschen engagiert sich ausschliesslich in Äthiopien in den Bereichen Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit und Rechte der Frau. Davon profitierten bisher vier Millionen Menschen.

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