«Wir meinen, alles müsse erledigt, erledigt, erledigt werden»

Der entscheidungsfreudige Macher ist unser Vorbild. Therapeut Willi Butollo sagt, warum wirklich frei ist, wer Leere und Unsicherheit zulässt.

Haken wir Dinge auf der To-Do-Liste ab, fühlen wir uns wirksam: Ein Businessmann hetzt durch den Gang. Foto: Getty Images

Haken wir Dinge auf der To-Do-Liste ab, fühlen wir uns wirksam: Ein Businessmann hetzt durch den Gang. Foto: Getty Images

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Heute ist man permanent dem Druck durch Bewertung ausgesetzt. Der Taxifahrer braucht seine fünf Sterne ebenso wie die Influencerin Resonanz qua Herzchen.
Ja, die soziale Kontrolle hat extrem zugenommen. Online-Netzwerke und Datenmissbrauch spielen da eine Rolle. Und auch die Medien, die bestimmte Gefühle durch die Themenauswahl befeuern. Bei manchen Lesern entsteht eine Sucht, eine Abhängigkeit von dieser Art von Neuigkeiten: Gib mir meinen Trump-Ärger, jetzt!

Was hat diese Dynamik mit privaten Ängsten zu tun?
In der aktuellen politischen Situation haben gewisse Akteure kapiert, dass, wer den Stresspegel in der Gesellschaft insgesamt anhebt, auch die Macht hat, eine Stressreduktion zu steuern – und damit eine Bindung an die Instanz oder Person herzustellen, die eben diese Reduktion verspricht.

«Die Toleranz für Ambiguität, für das Aushalten offener Fragen, ist wohl niedriger geworden.»

Wie soll ein Tweet, in dem Trump etwa Iran droht, Stress reduzieren?
Zuerst steigt die Aufregung bei den Konsumenten der Nachricht oder des Tweets. Anhänger solidarisieren sich mit dem Präsidenten, seine Gegner ärgert das Getwitter. Den Ärger drosseln sie, indem sie die Abgrenzung verstärken. Die provozierenden Thesen erhöhen also erst den Stresspegel, lösen dann eine gedankliche Gegenreaktion aus und führen so zur Polarisierung – man meint, man gehört plötzlich zu einer Gruppe, und weiss, wer seine Feinde sind. Spaltung im Denken reduziert kurzfristig Ängste, besonders wenn die angebliche Lösung denkbar einfach, zu einfach ist.

Und wenn man Trump mal beiseitelässt?
Das Problem, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist, dass die Menschen meinen, dass es schnelle Lösungen von Stress geben muss. Die Toleranz für Ambiguität, für das Aushalten offener Fragen, ist wohl niedriger geworden. Alles muss erledigt, erledigt, erledigt werden. Egal, wie schädlich solche Schnellschüsse langfristig sind.

Mit dem Handy geht das besonders gut: Dinge erledigen, quasi nebenher.
Die unmittelbare Erledigung transportiert das Gefühl: Ich bin wirksam, ich kann etwas abhaken. Das macht süchtig, weil eine schnelle Rückmeldung auf das eigene Tun erfolgt.

«Jeder Klick lässt einen etwas Neues sehen, füttert ein Vakuum.»

Wie wirkt sich das auf den Menschen aus?
Erledigen ist an sich ja nichts Schlechtes. Aber wie viele Leute erledigen heute ununterbrochen etwas, auch wenn sie im Grunde nichts erledigen? Sie produzieren Scheinerledigungen. Jeder Klick lässt einen etwas Neues sehen, füttert ein Vakuum. Das aktiviert das Gehirn, löst eine Art Orientierungsreflex im Denken aus, der dem Gefühl von Leere entgegenwirkt.

Musse scheint nicht in diese rasendste aller Zeiten zu passen.
Ich spreche nicht von Musse, im Gegenteil, ich spreche von Stresstoleranz: einen Konflikt zu tolerieren, obwohl er einen unter Spannung setzt. Stellen Sie sich vor, ein Freund ändert seine politische Haltung radikal. Statt die Beziehung abzubrechen, wäre das Nachfragen, das Dagegenhalten angesagt. Das ist eine Art von psychischer Arbeit, vielleicht die wichtigste in unserer Zeit: andere Sichtweisen respektieren. Wir haben zu wenig Modelle für Menschen, die im Kontakt bleiben, zu ihrem Zögern stehen, die abwartend bleiben, während andere drauflos poltern. Solche Eigenschaften sind nicht mehr sehr positiv besetzt. Stattdessen wird das Bild vom ach so entscheidungsfreudigen Macher kultiviert. Schauen Sie mal Bilder von Politikern und Politikerinnen an, die haben meist den Mund geöffnet und zeigen irgendwohin, so als hätten sie permanent etwas anzuordnen.

Arbeiten wir – zumindest in Wohlstandsgesellschaften – heute zu sehr an unserem perfekten Bild, als mal zu zweifeln?
Psychologisch wäre es hilfreich, wenn Menschen mehr zu ihrer Unsicherheit stehen würden. Man kann sich dafür entscheiden. Der Mensch lebt umso entspannter, je mehr er Kontakt zu seinen Schattenseiten hat und diese annehmen kann. Dann muss man nichts mehr verstecken; schaut sich die anderen Menschen an und wundert sich, was die für Manöver inszenieren, nur um nicht mit einer vermeintlichen Schwäche gesehen zu werden. Unsicherheit ist etwas Menschliches. Stattdessen haben wir den Fetisch Sicherheit entwickelt – und die Kehrseite davon ist das Kumulieren der Angst. Frei ist aber eher jemand, der von sich nicht verlangt, perfekt sein zu müssen.

«Wenn man sich dem Angstgefühl zuwendet, verliert es mit der Zeit das Bedrohliche.»

Wie gehen Sie als Therapeut mit dieser Art der Verschiebung um?
Wir arbeiten ja hier in der Praxis oft mit traumatisierten Menschen, und eines ihrer Kernthemen ist der Verlust an gefühlter Sicherheit. In der Therapie versuchen wir, verfestigte Denkmuster zu hinterfragen und Toleranz gegenüber dem Angstgefühl zu entwickeln. Das heisst, dass der schnellen Angstreduktion – etwa indem man sich vor allem Verunsichernden zurückzieht – widerstanden wird. Man kann sich ja unsicher fühlen und trotzdem weiter leben und handeln. Im Gespräch fragen wir: Wie fühlt sich die Angst jetzt an? Es erstaunt mich immer wieder: Wenn man sich dem Angstgefühl zuwendet, kann es zwar unmittelbar intensiv sein, verliert aber mit der Zeit das Bedrohliche.

Weil man die Angst zulässt?
Genau, weil das Jetzt meist ruhig ist. Angst lebt von Vorstellungen vergangener Schocks und zukünftiger Bedrohungen. Was einen nicht ruhig sein lässt, ist das Drama im Kopf.

Was geschieht in uns, wenn wir uns fürchten?
Angst ist Energie, Angst mobilisiert, das ist ihre Urfunktion. Bei realer Bedrohung kann Angst einem das Leben retten. Bei irrationaler Angst oder unklarer Bedrohung kann der Lösungsversuch verkürzt und falsch sein. Wenn man Angst hat, alleine auf die Strasse zu gehen, reduziert man kurzfristig diese Angst, indem man daheim bleibt. Solange man aber keiner konkreten Gefahr ausgesetzt ist, empfiehlt es sich zu prüfen: Bin ich die ganze Zeit damit beschäftigt, meine Angst durch Vermeidung wegzuschieben? Und bei gesellschaftlich relevanten Ängsten: Schliesse ich mich radikalen Positionen an, um ein vages Gefühl von Bedrohung zu reduzieren? Denn unsere Ängste nagen beständig an unseren Vorstellungen, selbst wenn diese kaum etwas mit der Realität zu tun haben. Dem zuzuschauen, ohne sofort gegenzusteuern, das ist die Kunst. Irrationale Ängste verschwinden, wenn man sich ihnen stellt.

Welches Werkzeug braucht man gegen vielleicht sogar haltlose Ängste, die einen aber trotzdem umtreiben?
Werkzeug suggeriert: Es gibt etwas zu reparieren. Aus meiner Sicht gibt es aber nichts zu reparieren. Zu sich mit seinen Ängsten und Schwächen zu stehen, eröffnet den Weg zu einer echten Selbstsicherheit. Sie ist leiser als die mittels Dominanz-Getöse erzeugte, aber dafür tief und menschlich. Selbstakzeptanz statt Selbstoptimierung.

Erstellt: 04.12.2019, 11:44 Uhr

Der Angstexperte

Willi Butollo hat deutsche Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan betreut, Missbrauchsopfer und Menschen, die nicht gern unter Leute gehen. In den 1970er-Jahren kam er als Professor für Psychologie an die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seit sieben Jahren ist er emeritiert, behandelt in seiner Praxis aber immer noch Patienten, die mit Angststörungen oder Depressionen zu ihm kommen. Butollo hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem über die Bewältigung von Alltagsängsten («Die Angst ist eine Kraft», 2015).

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