Wischt euch mal den Geifer ab!

Das «Blick»-Girl des Jahres heisst Ruth, ist 38 Jahre alt und hat einen Haufen jüngere Konkurrentinnen ausgestochen. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Autorin Michèle Binswanger weiss warum.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Volk hat entschieden: Coiffeuse Ruth, 38, ist das «Blick»-Girl des Jahres. Sie setzte sich durch gegen Jacqueline, 25, Sabrina, 20 und Ramona, 20. Wir gratulieren. Und staunen. Dass Alter nicht vor Torheit schützt, wissen wir. Und dass zunehmend mehr Frauen beim Anblick einer professionellen Fotokamera den Drang verspüren, sich zu entblättern, ist ebenfalls nicht so neu. Schliesslich hat Madonna den Weg für das chirurgisch gepimpte Ü-50-Pin-up geebnet und Photoshop besorgt dann den Rest.

Anders der Fall Ruth. Sie ist 38 Jahre alt und diese 38 Jahre sind sichtbar. Aber ja, ihr Körper ist in perfekter Form, auch wenn die Form ihres Busen von meinen männlichen Kollegen bemängelt wird. Überhaupt ereifern sich meine männlichen Redaktionskollegen verdächtig ob dieser Wahl. «Das kann doch nicht sein», heisst es. «Die?!?» Schon wird «Schiebung» geraunt, Kopfschütteln allenthalben.

Da kann ich nur sagen: Wischt euch mal den Geifer ab, liebe Männer. Denn, so sagt «Blick»: «Es war eine echte Volksabstimmung!» Und wie wir spätestens seit dem Erfolg der SVP wissen, hat das Volk immer recht. Zudem scheinen meine männlichen Kollegen da etwas gründlich zu missverstehen. Sie denken, wir befänden uns noch im 20. Jahrhundert. Sie denken, die «Blick»-Aktion sei eine Neuauflage des klassischen Seite-3-Girls, das im internetlosen und pornographisch unterentwickelten Präkambrium des Informationszeitalters dem Büezer das Kafi Crème mit Gipfeli erotisch versüsste.

Banalitäten statt schlüpfrige Sprüche

So und nun müsst ihr stark sein, liebe Männer: Diese Zeiten sind vorbei. Es geht beim «Blick»-Girl nicht mehr um euch. Es geht um uns, die Frauen. Heute ist «Girlpower» angesagt, Frauen, die nicht müde werden zu betonen, dass sie das nur für sich selber tun, weil sie ja dann «uh viel» Komplimente und ganz, ganz viele positive Reaktionen bekommen. Weshalb die Redaktoren auch keine schlüpfrigen Sprüche mehr dichten, um die männliche Phantasie anzuregen. Stattdessen werden Banalitäten feilgeboten, dass Lucy gerne kocht und isst, dass Fabienne sich mit Joggen fit hält, Ursula nie ungeschminkt aus dem Haus geht und Evi sich einen toleranten und spontanen Partner wünscht. Das soll wohl bei der Leserschaft ein Gefühl von Zugehörigkeit evozieren, in die sich alle kuschelig betten können. Oder müsste ich sagen: Leserinnenschaft? Denn es scheint, als interessierten sich heute vor allem Frauen für die «Blick»-Girls und die «Volkswahl» wird wohl in erster Linie eine Wahl der Frauen gewesen sein, die diejenige Kandidatin wählten, in der sie sich am meisten wiedererkennen konnten.

Natürlich müssten der Feministin ob diesem modernen Drang zur Bewirtschaftung des weiblichen Körpers die Haare zu Berge stehen. Aber es kommt noch schlimmer. Professionelle Pin-up-Girls verkaufen ihr Bild wenigstens für Geld, ökonomisieren also ihre Sexualität. Die «Blick»-Girls belassen es bei der Selbstausbeutung. Ihre Kernaussage lautet: «Ich bin nicht prüde. Ich tue das nur für mich selber.» Aufmerksamkeit ist die Währung, in der sie bezahlt werden, vermeintliches Selbstbewusstsein der Lohn. Doch in einer Diktatur des Ästhetizismus sind nicht einmal mehr Feministinnen bereit, sich die Haare zu raufen. Das ist einfach zu unattraktiv. ()

Erstellt: 11.11.2010, 12:35 Uhr

Artikel zum Thema

Die nackte Begeisterung

Ob Doktorandin oder Dentalassistentin: Der «Blick» wird mit Anfragen von Frauen überschwemmt, die sich halbnackt auf Seite 1 zeigen wollen. Warum eigentlich? Mehr...

«Wir hatten Beziehungen zu Leuten, die diese Miezen züchteten»

Der «Blick» will das Seite-3-Girl wieder einführen – auf Seite 1. Peter Übersax, legendärer Chefredaktor des Boulevardblattes in den 80er-Jahren, über die frühere Rolle des Girls. Mehr...

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...