Wo Männer Männer kaufen

Der Journalist Oliver Demont hat sich in seinem Buch dem Zürcher Männerstrich gewidmet. Ein Streifzug durch die Kontaktbars.

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Das Wort Sex fällt, und das Kopfkino läuft an. Wenn sich noch das Wort Geld zum Wort Sex fügt, wirds erst richtig abenteuerlich. Im Kopfkino wird die Rauchmaschine eingeschaltet, sie vernebelt die klare Sicht. Doch bevor er ausholen will zu seinem Buchprojekt, sorgt Oliver Demont dafür, dass die Rauchmaschinen im Kopf wieder ausgeschaltet sind.

Wir sitzen im Predigerhof im Zürcher Niederdorf, einer von zwei Lokalitäten in Zürich, in denen sich Männer begegnen, die später zusammen im Bett landen. Der eine zahlt, der andere verdient. Freitagabend, es ist wenig los in diesem Lokal. Im Fernsehen läuft ein Actionfilm, an der Wand stehen Spielautomaten. Die Bar ist auf Warten eingestellt. Und wir schauen zu, wie sie reinkommen, die Stricher, wie sie schweigend auf ihr Bier starren. «Etwas trostlos, dieses Ambiente», sagt Oliver Demont, der nichts gegen Prostitution hat. Zuschauen aber, wie da angebandelt wird, ist kein grosses Kino, obwohl im Predigerhof sogar eine Rauchmaschine steht.

200 Franken die Stunde

Oliver Demont (35) stellt klar: Er war nie in dieser Szene. Er ist auch keiner, der bezahlt und nun mit seinem Buch ­«Männer kaufen» aus dem Nähkästchen plaudern will. Oliver Demont ist freier Journalist, einer, der jünger ausschaut, als er ist, ja, selbst ein Jüngling sein könnte. Dafür sind seine Manieren aber zu ausgereift und seine Worte zu gewählt. Es ist ihm wichtig, nicht in eine schmierige Ecke gedrängt zu werden, nur weil in seinem Buch nicht nur das Wort Sex, sondern «Schwanz» und «Ficken» und «Abspritzen» vorkommen.

Die weibliche Prostitution ist sichtbar in Zürich. Die Welt dagegen, in der sich Männer anderen Männern anbieten, findet nur, wer weiss, wo sie stattfindet. Hier im Predigerhof, um die Ecke in der Sauna Paragonya oberhalb der Migros Niederdorf, wo nicht geschwitzt wird, weil es so heiss ist, ein paar Häuser weiter im Dynasty. Bei den Frauen sind die Preise im Keller, hört man. Ohne Gummi, das ganze Programm soll es für unter hundert Franken geben. Nicht so bei den Strichern. Der Markt sei da noch intakt, sagt Demont. In der Schwulenszene macht man über den Tauschhandel kein Geheimnis oder zumindest nicht so ein grosses. Demont hat erfahren: «Wenn ein Stricher gut ist, erzählen sich das die Schwulen weiter.» Sie sagten es auch ihm. So fand er seine Protagonisten.

Etwa zweihundert Franken kostet eine Stunde Sex, je nach Wunsch mehr. Demont sprach mit dem Verleger seines ersten Buchs über diesen Männermarkt. Auch der Verleger fand, dass man mal eintauchen müsste in diese Welt.

Viele Stricher sind nicht schwul

In «Männer kaufen» hat Demont ehrliche Porträts gezeichnet von Männern mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Er traf Stricher aus Osteuropa, Südamerika und der Schweiz. Er lässt Freier sprechen über ihr Bedürfnis, die «Liebesdiener», wie einer sagt, in Anspruch zu nehmen. Er schaut hinter die Kulissen und fragt sich: Wirklich alles so problemlos, wie er sich anfangs dachte?

An der Bar sitzen zwei um die 20 mit osteuropäischem Einschlag. Demont vermutet: Bulgarien. Es sind Männer, die an Yvor erinnern, einen der Stricher im Buch. Yvor (20) kommt mit einem Touristenvisum, um Geld zu verdienen, damit er zu Hause in Sofia wieder Mädchen ausführen kann. Yvor sagt es noch direkter: Er ficke Männer, um zu Hause Mädchen zu ficken. Yvor ist wie viele Stricher aus dem Osten nicht schwul. Das könne zum Problem werden, sagen einige Freier in «Männer kaufen». Die Jungs gehen an ihre Grenzen, verabscheuen dabei gleichzeitig ihre Kunden. Es kommt zu Gewalt, Verletzungen, nicht nur äusseren, Narben in der Seele.

Arbeit im Graubereich

Wir ziehen weiter Richtung Dynasty, das an der Zähringerstrasse liegt. Schätzungsweise 1000 Stricher gibt es in Zürich, die Stadt hat einen guten Ruf für käuflichen Männersex. Früher traf man sich auf dem Lindenhof und rund um den Bahnhof, heute im Niederdorf. Ein Freier erzählt im Buch von den wilden 50ern. Selbst die GIs, die in Deutschland stationiert waren, reisten nach Zürich. In Deutschland verbot der Paragraf 175 sexuelle Handlungen zwischen Männern. Die paradiesischen Zustände endeten nach einem Mord. Eine restriktive Zeit folgte, und die Polizei führte Schwulenregister. Doch war es hier immer noch besser als anderswo.

Wie damals wird auch heute im Grau­bereich miteinander verkehrt. Die wenigsten Stricher versteuern ihren Verdienst. Für die Zeit, in der die ausländischen Jungs hier anschaffen, wohnen sie in Hotels, bei ehemaligen Freiern oder noch aktiven Kunden.

Demont skizziert im Buch auch die «Brasilianer-Mafia». Die funktioniert so: In Zürich etablierte Brasilianer mieten günstige Wohnungen. Die Zimmer vermieten sie einzeln und überteuert an ihre Landsleute mit Touristenvisum weiter. Sie stellen Betten rein und sorgen für einen schnellen Internetzugang. Den brauchen Stricher, weil die Kontaktaufnahme längst nicht mehr nur in den Bars stattfindet, sondern hauptsächlich über Schwulenwebsites.

Kopfrechnen statt flatternde Herzen

Die Stimmung im Dynasty ist heiterer. Dafür sorgen ein paar Männer, die sich angeblich das erste Mal in Frauenkleider gewurstelt haben. Ihre Füsse stecken in riesigen Pumps, die Lippen sind über die Ränder hinaus geschminkt. In der Bar gibt es viele Spiegel, die uns erlauben, die Stricher indirekt zu beobachten. Wir starren, die Jungs schauen gelegentlich zurück, winken gar. Sie kennen ihr Handwerk, sie suchen Augenkontakt, sie flirten. ­Demont kommentiert: «Balzen wie im Zoo, nicht?»

Die Dynasty-Besitzer distanzieren sich davon, dass sich Männer in der Bar Freiern anbieten. Bei ihnen sind einfach alle Kunden willkommen. Eine Stimme singt vom Karussell im Bauch. Doch hier flattern die Herzen nicht. Hier rechnet der Kopf. Halb eins und noch kein Kunde. Ein Brasilianer schaltet einen Gang höher und tanzt nun einen Mann mit Wampe an. Sein Gesicht feminin und bartlos, der Körper gestählt. Nur wenige Jahre hätten die Stricher, um gutes Geld zu verdienen, sagt Demont. Denn auf dem «Fleischmarkt» herrscht das Diktat der Jugend: Sobald die ersten Falten kommen, sinkt der Marktwert beträchtlich. Auch die Freier reflektieren ihr Verlangen nach dem Unverbrauchten, während sie selber immer älter werden und zu Hause, ob mit Mann oder Frau, längst nichts mehr läuft im Bett.

Das Diktat der Grösse

Es herrscht nicht nur das Diktat der Jugend, auch jenes der Grösse: 20 auf 6 Zentimeter. Das ist Manuel (20), einer von zwei Schweizer Strichern im Buch. Ein Riesenteil, das Walter Pfeiffer auf seinen Porträts, die er von den Strichern für das Buch gemacht hat, ins Zentrum rückt. Die Bilder werden vor allem jene ansprechen, die auf diese pfeiffersche Schwulenästhetik stehen. Ein grosses Gemächt verkauft sich wie von selber. Manuel stellt die Daten ins Internet und packt seinen Penis auf der Wiese vor dem Haus seiner Eltern aus, statt sich endlich eine Lehrstelle zu suchen.

Vielleicht schafft er zeitig den Absprung. Oder er hat so viel Glück wie ein Kubaner, der sich einen Zürcher Psychiater angelacht hat. Wie dieser im Buch zugibt, hat er für seinen Schützling schon 300'000 Franken ausgegeben: Für ein Ingenieurstudium, für die Unterstützung von dessen Familie. Nun hilft ihm der Psychiater, in Europa einen Job zu finden. Viele der Freier im Buch investieren in die Stricher viel mehr Geld, als der Sex kostet. Demont fragt nach: Die Freier antworten offen, sie fragen sich zuweilen selbst, wieso sie das machen. Schuldgefühle? Aus Verantwortung, weil ihre Stricher so schnell verblühen und, statt zu sparen, alles für Konsum und Kleider ausgeben? Weil die Freier selber sonst kein Projekt haben im Leben?

Wir verlassen diese Welt wieder. Zurück bleibt das Gefühl, einer der vielen Wahrheiten des Lebens in die Augen geschaut zu haben. Jener nämlich, dass Leute Triebe haben, zu denen sie stehen und die sie befriedigt haben wollen. Sex. Darum gehts im Buch, um viel Sex, Sex in Gebüschen und kargen auf Holzbänken in Saunas, Kirchenmänner neben Familienvätern. Einiges, aber nicht alles, wird in «Männer kaufen» genau beschrieben. Den Rest überlässt Oliver Demont dem Kopfkino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2012, 12:33 Uhr

Grösse und Jugend entscheiden: Zürcher Stricher in der Dusche. (Bild: Walter Pfeiffer)

Der Zürcher Autor Oliver Demont (35) skizziert in seinem Buch die Männerprostitution in Zürich.

Oliver Demont, «Männer kaufen. Unterwegs mit Strichern und Kunden in Zürich», Salis-Verlag 2012, ISBN 3-905801-65-5, 200 Seiten, ca. 53 Franken. (Bild: PD)

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