Wo beginnt Betrug?

Ein Flirt im Café, eine SMS an die Ex – früher ein harmloser Spass, heute in vielen Partnerschaften schon eine Mini-Affäre. Über den modernen Treuekrampf und den Umgang mit «Micro-Cheating».

Fluchtpunkt Handy: Wer sich nach Bestätigung, Nervenkitzel und sexuellen Lustgefühlen sehnt, greift heute gern zum Smartphone.

Fluchtpunkt Handy: Wer sich nach Bestätigung, Nervenkitzel und sexuellen Lustgefühlen sehnt, greift heute gern zum Smartphone. Bild: iStock

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Ganz am Anfang haben sie einander versprochen, dass sie sich alles erzählen werden, auch und gerade die unschönen Dinge. Und seitdem haben sie wirklich einiges hinbekommen, Jacob und Julia gemeinsam: drei Söhne, keine ausserehelichen Affären, ein Leben in Wohlstand, ein paar gemeinsame Interessen. Würde man sie fragen, ob sie in ihrer Beziehung glücklich sind, ihre Antwort wäre die vieler altgedienter Paare: Na ja, was heisst glücklich, aber unterm Strich passts.

Und dann läuft Julia eines Tages in ein Ladengeschäft hinein, wo sie mit Mark verabredet ist, um Baustoffe auszusuchen (Julia ist Architektin). Mark ist alles, was ihr Mann nicht ist, charismatisch also, lässig, selbstbewusst. Sie haben kaum Hallo gesagt, da flirtet sie schon mit ihm. «Ein unschuldiger Flirt war so erfrischend – der sanfte Kitzel der Sprache, das sanfte Kitzeln des Egos. Sie flirtete gut, und sie mochte es, hatte es immer gemocht, im Laufe ihrer Ehe jedoch Schuldgefühle deswegen entwickelt.» Die Skrupel hätte sie sich sparen können. Wie Julia wenig später herausfindet, kitzelt auch Jacob sein Ego, er hat sich in einen heissblütigen Sexchat mit einer Kollegin gestürzt.

«Micro-Cheating» oder die Geschichte der Treulosigkeit

«Hier bin ich» heisst Jonathan Safran Foers Roman über das Zerbrechen einer Ehe, 2016 ist er erschienen. Zwei Jahre später hatte die Welt dann auch einen Begriff für das, was Julia und Jacob (und so viele von uns) da treiben, die australische Psychologin Melanie Schilling nannte es «Micro-Cheating». Mikrofremdgehen. Gemeint sind alle Signale, die eine Person hinter dem Rücken des Partners aussendet, um einer anderen Person zu suggerieren, dass er oder sie sexuell verfügbar ist. Stichwort Fremdflirten. Oder Sexting. Oder eine feste Beziehung haben, aber bei Tinder angemeldet bleiben. Oder der attraktiven Kollegin erst mal verschweigen, dass man verheiratet ist. Oder heimlich mit dem Ex chatten. All so was eben, ausser realem Geschlechtsverkehr. Denn das wäre ja kein Mikrobetrug, sondern eine Riesensauerei.

Jetzt könnte man zu Recht einwenden, dass das so irre neu auch nicht ist, nachzulesen schon in der Bergpredigt, Matthäus 5, 28: «Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.» Die Geschichte der Paarbeziehung ist eben auch die Geschichte der Treulosigkeit, nicht nur in Form von handfestem Sex, sondern auch als Betrug in Gedanken, mit Gesten, mit Blicken. Wenn der Zeitgeist ein quasi universelles Verhalten plötzlich mit einem Begriff belegt, der dieses Verhalten pathologisiert, dann erzählt es womöglich vor allem etwas über den Zeitgeist. Die späten 2010er-Jahre wären dann im Rückblick die Phase gewesen, in der ein Flirt dem Betrug gleichgestellt wurde. Und nun natürlich die Frage: Warum ausgerechnet jetzt?

«Der Mensch ist dem Absolutheitsanspruch der Liebe in der Praxis einfach häufig nicht gewachsen.»

Ironischerweise hat es viel damit zu tun, dass Paare nicht mehr aus primär ökonomischen Erwägungen zusammenfinden, sondern die Freiheit haben, sich ineinander zu verlieben. Dass der eine das Geld verdient, die andere die Kinder grosszieht und dafür finanziell versorgt ist (im besten Fall mag man sich, wenn nicht, ist es aber auch kein Drama): Dieser jahrhundertelang gängige Handel erscheint einem heute hoffnungslos zynisch und veraltet. Das Problem ist nur, die Liebe hat sich seither als womöglich noch bröseligeres Fundament erwiesen, als es Aufgabenteilung und finanzielle Sicherheit je waren. Der Mensch ist dem Absolutheitsanspruch der Liebe in der Praxis einfach häufig nicht gewachsen.

Sehr schön ist das in «Entweder – Oder» nachzulesen, dem Traktat, in dem Kierkegaard 1843 den Dialog eines Ethikers und eines Ästheten montiert hat. Der Ethiker sagt: «Die Liebe begehrt nur einen zu lieben und hat darin ihre Glückseligkeit, sie begehrt nur einmal zu lieben und hat darin ihre Ewigkeit.» Der Ästhet antwortet: «Wenn die Betreffenden statt ‹auf ewig› etwa sagen würden ‹bis Ostern› oder ‹bis zum Mai nächsten Jahres›, so hätte das doch einen Sinn, damit wäre wirklich etwas gesagt, etwas, worüber sich reden liesse.»

Das ist leider die Bredouille, in die sich der Mensch gebracht hat, als er den kühlen Transfer Finanzielle-versus-häusliche-Fürsorge gegen das flirrende Konzept der Liebesbeziehung eingetauscht hat. Denn wie man es auch dreht, man hat in jedem Fall verloren: Entweder muss man den Partner in dem Moment verlassen, in dem dieser nicht mehr die Welt für einen ist (statistisch nach 18 Monaten bis drei Jahren). Oder man lässt es gleich ganz bleiben mit der Liebe und stürzt sich in kurzatmige Lebensabschnitts-Techtelmechtel. Die Regel ist aber: Man schlawinert sich so durch.

«Für jeden Vierten war schon der blosse Blickkontakt ein Treuebruch.»

Damit ist die Frage, warum «#Microcheating» gerade jetzt durchs Internet rast, längst nicht beantwortet. Drei Entwicklungen hat es dazu noch gebraucht, die alle miteinander verknüpft sind: der Totalitarismus von Treue in Paarbeziehungen; das empfundene Gefühl von Unsicherheit; die technologisch generierte Verfügbarkeit von Sex als Konsumware.

Während die Realität gezeigt hat, dass sich die Menschen schon allein mit der körperlichen Treue abkämpfen (etwa die Hälfte der Deutschen ist Umfragen zufolge schon einmal fremdgegangen), erlebt die Treue als allumfassendes Handlungspostulat gerade einen Boom. Sprich: Es reicht oft nicht mehr aus, dass man der Versuchung widersteht, mit einem anderen Menschen ins Bett zu gehen. 46 Prozent der Deutschen gaben in einer Parship-Umfrage im vergangenen Jahr an, dass sie auch den Kontakt mit dem Ex-Partner als Fremdgehen empfinden, 56 Prozent hielten Flirten für Betrug. Für jeden Vierten war schon der blosse Blickkontakt ein Treuebruch.

Das Instrument, das Abhilfe schafft: Das eigene Handy

Gleichzeitig erlebt die Figur des Partners eine ungeheure Aufwertung – vor allem bei jungen Menschen, obwohl sie viel häufiger die Beziehung wechseln als die älteren Semester. Der Partner sollte heute idealerweise alles sein: Sexpartner, Beichtvater, bester Freund, Verführer, Beschützer, Mensch-der-mit-mir-joggen-geht. Soziologen erklären das damit, dass die Zahl der analogen Beziehungen im Smartphone- und Homeoffice-Zeitalter insgesamt abgenommen hat, was sie zusätzlich mit Bedeutung auflädt. Für sehr viele Menschen ist der Partner die einzige Person, mit der sie tagtäglich noch Auge in Auge interagieren. Die Beziehung funktioniert dabei auch als Bollwerk zwischen zwei Menschen und der Welt. Draussen: Unstetigkeit, Unsicherheit, Kälte. Drinnen: Kontinuität, Sicherheit, Wärme.

Von der grossen Freiheit, sich jenseits von wirtschaftlicher Vernunft und gesellschaftlicher Etikette an einen geliebten Menschen zu binden (und diesen auch wieder zu verlassen, wenn die Gefühle aufgebraucht sind), ist damit allerdings nicht mehr viel übrig. Die Leute sitzen heute in ihren sogenannten Liebesbeziehungen herum wie in einem Knast, in dem keinerlei Freigang, nicht einmal kurzes Luftschnappen im Innenhof gestattet ist. Sie könnten sich jederzeit selbst entlassen, aber damit fiele auch die Sicherheit weg. Da bleiben sie lieber, wo sie sind, und tippen mit schlechtem Gewissen auf ihren Handys rum, weil sie ja gerade Micro-Cheating begehen.

Der wohl wichtigste Grund, warum sich Micro-Cheating zum Begriff verdichtet hat, ist natürlich: weil es nachweisbar geworden ist. Ein kurzer Blick, eine kleine Berührung, ein anspielungsreiches Lächeln, das waren so flüchtige Vergehen, dass man sich Sekunden später sogar selbst einreden konnte, sie hätten niemals stattgefunden. Ein Chat ist da substanzieller. Als Julia in Foers Roman schliesslich das Handy ihres Ehegatten knackt, hat sie es schwarz auf weiss, was er mit der Kollegin in seinen Fantasien gerne tun würde: «Ich lasse dich kommen, nachdem du mich angefleht hast aufzuhören», hat Jacob getextet – ganz der Macker, der er im echten Leben nicht ist.

Die blosse Möglichkeit, den Partner zu überwachen, generiert Misstrauen

Die israelische Soziologin Eva Illouz spricht in ihrem Buch «Warum Liebe endet» von einer «Wahlverwandtschaft zwischen Gelegenheitssex und Konsum durch die Internettechnologie». Wer sich nach Bestätigung, Nervenkitzel und sexuellen Lustgefühlen sehnt, die der Partner nicht mehr zu entfachen vermag, hat das Instrumentarium, das hier Abhilfe schafft, ja allzeit bei sich: das eigene Handy. Da kann geflirtet, geschmutzelt und das Ego wieder aufgeladen werden, ganz kommod vom Sofa aus. Allerdings, wie Illouz schreibt: «Die in Konsumkultur und Technologie eingebettete freie Sexualität schlägt sich in der Struktur von Paarbeziehungen nieder und führt zu Formen von Ungewissheit, die wiederum den Kern negativer Beziehungen bilden.» Die permanente Verfügbarkeit von Bestätigung schafft eben nicht nur Abhilfe, sie erzeugt auch ein Bedürfnis – genau wie die blosse Möglichkeit, den Partner zu überwachen, Misstrauen generiert. Darum verwischen Menschen selbst bei harmlosen Chats ihre digitalen Spuren, melden sich unter falschem Namen an, löschen Einträge, schaffen heimlich ein Zweithandy an, führen sich also tatsächlich wie Betrüger auf – und all das nur, weil es in ihrer Beziehung am Vertrauen fehlt, zu sagen: Ja, wir lieben uns, aber wir können nicht alles füreinander sein.

Man kann sich jetzt hinsetzen und das Ganze vertraglich fixieren. Womit man auch offiziell wieder so unfrei wäre wie früher, nur dass diesmal nicht Rollenerwartungen festgeschrieben würden, sondern Micro-Cheating-Regeln. Etwa: Chats sind erlaubt, Sexchats tabu. Hinterherschauen darf man, flirten nicht. Doch selbst dann führt kein Weg daran vorbei, dass Liebe immer auch Vertrauenssache ist. Weshalb man sich lieber locker machen, dem anderen und sich selbst Luft zum Atmen, Raum zum Schauen gönnen sollte. Falls der Blick dann tatsächlich einmal auf einen attraktiven Dritten fällt: Herrje, hätte Kierkegaards Ästhet gesagt, wenns weiter nichts ist.

Erstellt: 27.03.2019, 15:00 Uhr

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