Wo die Kondome herkommen

Seit fast hundert Jahren vertreibt die Firma Lamprecht Präservative. Ein Besuch im Schweizer Präservativ-Hauptquartier in Regensdorf.

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Die Nachmittagssonne scheint ins Büro in der Regensdorfer Industriezone, und während Patrik Probst ein paar Kondome auf den Tisch legt, denkt sein Gegenüber an einen Ausspruch von Charlotte Roche: «Ich glaube, dass es vom echten Sex, dem Sex, der riecht und schmeckt und schmutzige Geräusche macht, nie genug geben kann.»

Nun ist der immer etwas spiessige Hype um die Roche in die Jahre gekommen, doch an diesem Ort ist und bleibt Sex allgegenwärtig, zumindest als profitables Geschäft. Für Probst und seine Mitarbeiter kann es von einem nie genug geben – von Kondomen. Sie sind die Gesichter hinter der Marke Ceylor, die von der Firma Lamprecht in Regensdorf vertrieben wird. Bis vor zwanzig Jahren wurden die Verhüterli noch in der hauseigenen Produktionsstätte hergestellt. Heute kommen sie aus Malaysia. Von dort, wo die grossen Kautschukplantagen den Rohstoff für die Gummifabriken liefern. «Wir erarbeiten hier in Regensdorf die neuen Kondome, und unser Partner vor Ort setzt diese nach unserem Auftrag um», erklärt Patrik Probst, dem es wichtig ist, Präservative nicht als blosse Massenware, sondern als ausgefeiltes Qualitätsprodukt zu sehen. Die zarte Fracht wird in Malaysia auf Containerschiffe geladen, bis sie von Regensdorf aus in Supermärkten oder Automaten und schliesslich auf dem besten Stück des Mannes landen.

28 Liter Berstvolumen

Die Qualitätsanforderungen sind äusserst hoch. Etliche Kontrollschritte und fest vorgeschriebene Berechnungen sind nötig, damit ein Ceylor-Kondom in den Verkauf kommen darf oder, wie es Patrik Probst ausdrückt, «servierbereit» ist. Die aktuelle Wanddicke der Kondome zum Beispiel variiert zwischen 0,02 und 0,05 Millimeter. Zusätzlich bekommt das Präservativ nur dann das Okay, wenn das Berstvolumen mindestens 28 Liter beträgt. Ebenso eine Rolle spielt der sogenannte Berstdruck der Einzelprobe. Sein Wert darf nicht mehr als 1,0 Kilopascal betragen. Eine Laborantin der Lamprecht AG stülpt die Gummis jeweils über eine spezielle Kondomprüfanlage, so etwas wie eine Art «Blasmaschine», für die definitive Prüfung.

Für die Kondomdesigner von Regensdorf gilt es noch weitere Punkte zu beachten. Sie tauchen dafür ein in das Sexleben der Schweizer, erforschen die Eigenschaften jeder Sexpraktik und richten ihre Produktpalette entsprechend danach aus. Es geht um das «Extra-Feeling», so zumindest nennt sich das genoppte Latexkondom mit Gleitcreme auf Silikonöl-Basis. Oder dann den «Hot Shot», dessen Öffnung unten verengt ist, um ein Abrutschen zu verhindern.

«Ein Einsteigerkondom», klärt Patrik Probst auf, «speziell für Männer unter zwanzig, bei denen der Penis noch nicht vollständig ausgewachsen ist». Der letzte Schrei aus dem Hause Lamprecht allerdings ist der «Energy», der nach Energydrink schmeckt und im Notfall den lahmen Sex doch noch zur Party machen soll. Dazu gibts das Gleitmittel im eleganten Flacon, weil die herkömmliche Tube auch schon mal zum Lustkiller wurde.

Mit Parisern in den Krieg

Von solchen Lifestyle-Spielchen war der Gründer der Firma meilenweit entfernt, als er 1916 den Auftrag von der Schweizer Armee erhielt, Kondome für die Soldaten zu liefern. In Europa tobte der Erste Weltkrieg. An der Front sollten keine unerwünschten Kuckuckskinder gezeugt werden. Die «Lamprecht und Cie.», damals noch in Zürich-Oerlikon beheimatet, fertigte die gewünschten Produkte bereits aus Gummi, hierzulande ein absolutes Novum. Bis dahin hatten die Präservative aus Schafsdärmen bestanden oder aus der Fischblase, in Form einer Kappe, die über die Eichel gestülpt wurde. Nach dem Verkehr wurden diese Ur-Kondome jeweils gewaschen und zum Trocknen aufgehängt.

Nach dem Krieg begann das Geschäft mit den Gummis erst richtig zu florieren, das zeigen die Prospekte aus den 20er- und 30er-Jahren, die Patrik Probst präsentiert. Damit sie nicht von allzu unzüchtigen Händen geöffnet werden konnten, sind manche von ihnen noch mit einem signalroten «Diskretionssiegel» verschlossen. Denn obwohl es sich um eine rein medizinische und hygienische Angelegenheit handelte, luden die Heftchen zum Voyeurismus geradezu ein. Das «Diskret-Versandhaus für Ehehygiene» warb für seine «Gummiwaren» mit einer nackten Schönheit, die einen «Blick in die Zauberwelt der Erotik» versprach. Zu bestellen gab es dort unter anderem für den Herrn die «Chérie»-Zigarettenpackung. «Niemand wird glauben», versicherten die Hersteller, «dass sich in dieser Packung etwas anderes befindet als Zigaretten.»

Vom Luxusprodukt zum Schutz vor Aids

Die Firmen Kaufmann an der Zürcher Kasernenstrasse und Hübscher an der Seefeldstrasse wiederum schworen auf die «Reform-Eichelcondome» Marke Triumphator für 7.50 Franken das Dutzend. Für 1.50 Franken war das Kondom-Reinigungsgestell «Perfekt» zu haben. Für die damaligen Verhältnisse waren das enorm hohe Preise, das Kondom galt als Luxusprodukt. Dabei sollte die Schwangerschaftsverhütung der Verelendung der Kinder vorbeugen und die Sterblichkeitsrate bei Geburten in der Schweiz erheblich vermindern.

1929 lancierte die Lamprecht AG schliesslich die Marke Ceylon, die später zu Ceylor umbenannt wurde. Mit dem Aufkommen von Aids in den frühen 80er-Jahren wurde das Kondom schockartig aus der gesellschaftlichen Schamecke herausgerissen. Neben dem medizinischen Aspekt kam nun noch ein anderer dazu: In den Köpfen wurde der Präser mit Ansteckung, Tod und einer vermeintlich fehlenden Moral verbunden. «Plötzlich», sagt Probst, «durfte Sex keinen Spass mehr machen.»

Hilfe von der Aids-Hilfe

So makaber es klingt, die 80er- und 90er-Jahre mit ihrem düster umwölkten Sexleben waren für den Verkauf der Ceylor-Kondome die lukrativsten. Die Marke avancierte zur Nummer eins der Schweiz, «sie schaffte es, das Kondom zu enttabuisieren und Farbe in den düsteren Hintergrund zu bringen», meint Marketingprofi Probst. Nicht zuletzt die berühmten Plakatkampagnen der Aids-Hilfe Schweiz sorgten dafür, dass der Zürcher Gummi endgültig zum Alltagsprodukt wurde. Wobei von endgültig, findet Patrik Probst, nicht wirklich die Rede sein kann. Auch er weiss, dass es noch heute für manche Männer nur abtörnend ist, sich ein Kondom drüberzuziehen. Sie wollen lieber gleich zur Sache kommen, als noch an dem Latexding herumzunesteln, Risiko hin oder her.

Weltweit sinkt seit einigen Jahren der Absatz an Kondomen, vor allem jüngere Männer halten sich zurück. Gleichzeitig nehmen die Erkrankungen zu, die durch Geschlechtsverkehr verursacht werden können. Patrik Probst spricht diesbezüglich sogar von einer «dramatischen Entwicklung». Ungeachtet dessen tüfteln sie in Regensdorf weiter an der farbigen Kondom-Fun-Welt. Sie wissen, dass auch in Zukunft das Kondom unverzichtbar sein wird. «Wir möchten jetzt», sagt Probst, «auch die Generationen ab dreissig ansprechen, bei denen es mehr um den Geschlechtsverkehr geht als ums schnelle Poppen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2012, 07:33 Uhr

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