Wo die Krise die Menschen in den Tod treibt

Spardiktat, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung: Laut einer aktuellen Studie hat die Wirtschaftskrise seit 2008 zu einem deutlichen Anstieg der Suizidrate geführt. Eine Bevölkerungsgruppe ist besonders stark betroffen.

Anzahl Suizide pro 100'000 Bewohner. (Quelle: Studie BMJ)

Anzahl Suizide pro 100'000 Bewohner. (Quelle: Studie BMJ)

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Keine Arbeit, keine Geld, keine Perspektiven: Bereits vor zwei Jahren war die ansteigende Suizidrate im Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise ein Thema. Im Herbst 2011 veröffentlichten britische und amerikanische Forscher in der Fachzeitschrift «The Lancet» eine Studie, welche Suizide in Griechenland und Irland direkt mit der wirtschaftlichen Situation und den Sparprogrammen der Länder verband (Tagesanzeiger.ch berichtete).

Die Fachzeitschrift «British Medical Journal» (BMJ) hat nun in der Internet-Ausgabe eine neue Studie zu dem Thema veröffentlicht: der Ausbruch der weltweiten Wirtschaftskrise im Jahr 2008 hat in zahlreichen Industrienationen zu einem deutlichen Anstieg von Suiziden bei Männern geführt.

Demnach stieg die Zahl der Suizide 2009 im Vergleich zum Zeitraum vor der Krise in Europa um 4,2 Prozent, in den USA, Kanada und Lateinamerika sogar um 6,4 Prozent. Die Studie nahm die Zahlen aus 54 Ländern unter die Lupe.

Besonders starker Anstieg bei Männern

Bei europäischen Männern im Alter von 15 bis 24 Jahren war der Anstieg mit 11,7 Prozent besonders stark. In Nord- und Südamerika wurde der höchste Anstieg der Suizidfälle (plus 5,2 Prozent) bei Männern zwischen 45 und 64 Jahren registriert. Um die Zahlen von 2009 mit dem Zeitraum vor der Krise vergleichen zu können, wurde die Entwicklung von Suiziden zwischen 2000 bis 2007 herangezogen.

Insgesamt habe es 2009 in den untersuchten Ländern 4884 mehr Suizide gegeben, als aufgrund der Tendenz von 2000 und 2007 zu erwarten gewesen sei, heisst es in der Untersuchung. Demnach war der Anstieg in den Ländern am deutlichsten, die besonders von der Krise betroffen waren und in denen die Zahl der Arbeitslosen stark anstieg.

Eine Selbsttötung, 40 Versuche

Registriert wurde diese Tendenz vor allem bei Männern. Die Zahl der Suizide bei Frauen änderte sich dagegen kaum. Die Verfasser der Studie gehen davon aus, dass ihre Analyse das Problem eher konservativ bewerte. Erstens hätten einige von der Finanzkrise besonders betroffene Staaten wie Italien und Australien nicht in die Untersuchung eingeschlossen werden können. Zweitens müsse man beachten, dass auf jede Selbsttötung noch bis zu 40 Versuche und auf jeden Versuch noch zehn Personen mit Suizidgedanken kämen.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler vor allem Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus. Die Angaben betreffen 21 EU-Staaten, sechs europäische Länder ausserhalb der EU – darunter Russland – die USA, Kanada und 16 süd- und mittelamerikanische Länder. Ausgewertet wurden ausserdem Statistiken aus mehreren asiatischen Industriestaaten und Israel. Die Schweiz war nicht in die Studie einbezogen.

Parallelen zu früheren Krisen

Schon in der Vergangenheit seien ähnliche statistische Muster beobachtet worden, schreiben die Verfasser der Studie weiter: Während der Finanzkrise von 1997 in Japan, Südkorea und Hongkong kam es nach Schätzungen zu mehr als 10'000 zusätzlichen Suiziden. Vor allem Männer im typischen Arbeitsalter hätten sich damals das Leben genommen, so die Zeitung. Dasselbe Phänomen haben man ebenfalls während der russischen Finanzkrise Anfangs der neunziger Jahre und während der Grossen Depression in den dreissiger Jahren beobachtet.

Dennoch: «Spiegel online» gibt die Zeitung zu bedenken, dass die Studien Schwächen aufweist. Die Forscher hätten nur mit bereits bestehenden Daten arbeiten können. Für einige wirtschaftlich bedeutende Staaten wie China und Indien seien keine Daten verfügbar gewesen. (kpn/sda)

Erstellt: 18.09.2013, 18:06 Uhr

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