Wo kommt der Sinn des Lebens her?  

Die Antwort auf eine Frage zu den grundlegenden Dingen.

Sinn ist keine metaphysische Grösse; sondern etwas, etwas, das unter den Menschen zirkuliert. Foto: Pexels

Sinn ist keine metaphysische Grösse; sondern etwas, etwas, das unter den Menschen zirkuliert. Foto: Pexels

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Ich habe den Eindruck bekommen, dass das Bedürfnis, einen Sinn zu erleben, ein biologisches ist und gar nichts mit der Welt an sich zu tun hat. So definiere ich Sinn als Bedürfnis, für andere etwas tun zu können und damit Zugehörigkeit zu bekommen. Wir sind schon physisch nur mit Mitmenschen in der Lage zu überleben. Ich bin etwas enttäuscht, dass es mir kaum gelingt, mit meiner Art von anthropologischem Verständnis von Sinn mehr Resonanz zu bekommen. Es interessiert mich, wie sie ein solches Verständnis aufnehmen. P.S.

Lieber Herr S.

Ich hoffe, ich habe beim Kürzen Ihrer Zuschrift das Wesentliche korrekt zusammengefasst. Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie den ominösen «Sinn» in die Menschen hinein verlagern: als etwas, das nicht der Welt oder dem Leben selber zukommt, sondern als etwas, das Menschen hervorbringen und damit einen gemeinsamen Rahmen für die wechselseitige Abhängigkeit voneinander und für soziales Handeln schaffen. Wenn das so ist, bin ich vollständig Ihrer Meinung. Sinn ist keine metaphysische Grösse; nichts, was Gott gedacht hat, als er uns und die Welt schuf und das zu erkennen er uns als Rätsel aufgegeben hat, sondern etwas, das unter den Menschen zirkuliert und zwischen ihnen ausgetauscht wird. Gemeinsame Geschichten und Geschichten des Gemeinsamen.

Sinn in diesem Sinn müssen wir also keineswegs erst suchen, sondern wir befinden uns immer schon darin. Nicht nur in einem, sondern in vielen sich überschneidenden und durchkreuzenden Sinnen. Für gewöhnlich sind Menschen nämlich recht flexibel, was den «Sinn» angeht (das macht sie so sozial); nur sture Fundis haben sehr genaue und enge Vorstellungen davon (das macht sie so unsozial).

Das «Pathologische» an der Sinnfrage liegt darin, dass man so tut, als wäre Sinnfindung ein höchstpersönlicher statt sozialer Akt.

Wenn man es so betrachtet, entmystifiziert sich dieser ominöse Sinn. Es gibt eine berühmte Passage in einem Brief Sigmund Freuds an Marie Bonaparte, die gut trifft, was Sie und ich meinen: «Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat von unbefriedigter Libido hat, und irgend etwas anderes muss damit vorgefallen sein, eine Art Gärung, die zur Trauer und Depression führt.»

Das «Pathologische» an der Sinnfrage liegt wohl darin, dass man damit aus dem sozialen Netz gefallen ist und so tut, als wäre Sinnfindung ein höchstpersönlicher (statt sozialer) Akt. Freud fügt übrigens einen netten Gedanken hinzu: «Mir geht ein 'advertisement' im Kopf herum, das ich für das kühnste und gelungenste Stück amerikanischer Reklame halte: ‹Why live, if you can be buried for ten Dollars?›»


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 20.03.2019, 14:26 Uhr

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