«Wo soll Papa schlafen, wenn dieser Mann kommt?»

Kann ich Kinder? Ich war mir da nicht so sicher. Also habe bei einer Familie als Gastvater hospitiert. Dort war ich Hirte und Stier zugleich.

«Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass viele Väter die Wurmfortsätze der Mütter ihrer Kinder sind»: Autor Aaron Grünberg mit Testbaby. Foto: Valentina Vos

«Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass viele Väter die Wurmfortsätze der Mütter ihrer Kinder sind»: Autor Aaron Grünberg mit Testbaby. Foto: Valentina Vos

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Mein Vater war neunundfünfzig, als ich geboren wurde. Auf der Strasse und in Geschäften wurde er häufig für meinen Grossvater gehalten. Er tat, als sei es die normalste Sache der Welt, dass Väter für Grossväter gehalten werden. In die Erziehung mischte er sich kaum ein, als wäre er tatsächlich mein Grossvater.

Er war abwesend und anwesend zugleich, abwesend in seiner Anwesenheit, denn er war immer zu Hause, er sass im Wohnzimmer am Esstisch und hörte Radio.

Das Alter meiner Eltern war geheim, und auch das hielt ich für normal. Ich dachte, alle Eltern hielten ihr Alter, und vielleicht sogar noch mehr, vor ihren Kindern verborgen. Das Alter meiner Eltern heimlich zu ergründen, verspürte ich kaum ein Bedürfnis. Wenn ich es wüsste, müsste ich nur immerzu daran denken, wie bald sie sterben würden.

Ich selbst bin inzwischen siebenundvierzig und spiele ernsthaft mit dem Gedanken, eventuell doch noch Vater zu werden, vorzugsweise bevor ich das neunundfünfzigste Lebensjahr erreicht habe. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass mir der Gedanke an ein Kind Angst macht, fast mehr noch als der Gedanke an den Tod. Ein eigenes Kind scheint mir eine existenzielle Bedrohung. Dennoch kann ich ein unbestimmtes Verlangen nach dieser Bedrohung nicht leugnen.

Das Verlockende der Junggesellenexistenz besteht in der Freiheit, jederzeit ersetzt werden zu können.

Was ist das Besondere an einem eigenen Kind? Worin unterscheidet es sich von dem Kind eines anderen, das versorgt werden muss? Was sind diese «Bande des Bluts», über die oft so leidenschaftlich gesprochen wird?

Im Jahr 2004 wurde mein Patenkind Mayu geboren. Für den Jungen bin ich im Grunde schon ein Vater. So wie mein Vater abwesend war in seiner Anwesenheit, hoffe ich, für ihn in der Abwesenheit anwesend zu sein. Vor ein paar Jahren fragte er mich, ob ich ihn weniger lieb haben würde, wenn ich ein eigenes Kind hätte. Die Frage zerriss mir das Herz. Ich antwortete, ich würde nie mehr jemanden so lieb haben wie ihn. Obwohl mir klar war, dass eine Drohung über uns schwebte, vor allem über ihm: das «eigene Kind».

Die «Ersatzvaterschaft» schien mir darum ein geeigneter Anfang. Wenn Leben Üben ist, obwohl man oft nicht recht weiss, wofür, müsste ich dann nicht auch für die Vaterschaft üben? Vielleicht würde das Ergebnis für mich ja lauten: kein Talent. Auf der Theaterschule in Maastricht war ich einst mit der Begründung «technisch ungeeignet» abgelehnt worden. Könnten Eltern in spe womöglich mit der gleichen Begründung abgelehnt werden?

Wirklich bedrohlich jedoch wird es erst da, wo man – vermeintlich oder real – nicht mehr ersetzt werden kann. Das Verlockende der Junggesellenexistenz besteht in der Freiheit, jederzeit ersetzt werden zu können. Also: erst einmal üben. Schwimmunterricht nehmen, bevor man echt schwimmen geht.

Es dauerte drei Jahre, bis ich meine Pläne realisierte.

Andere Leute haben dieses Problem anders gelöst, aber jeder darf auf seine Weise der eigenen Unersetzbarkeit gegenübertreten. Also startete ich im Jahr 2014 einen Aufruf, dass ich mich als Ersatzvater zur Verfügung stellen würde. In vielen Familien ist der Vater oft auf Reisen oder auf Radtour mit seinen Freunden. Ich bot an, seine Aufgaben vorübergehend zu übernehmen. Natürlich würde ich auch darüber schreiben, das ist nämlich, was Schriftsteller tun: Sie schreiben über alles.

Dutzende Mütter, mitunter auch Väter, meldeten sich. Allerdings dauerte es drei Jahre, bis ich meine Pläne realisierte. Manche Dinge, erst recht eine Ersatzvaterschaft, brauchen etwas Zeit. Zu guter Letzt kamen sechs Familien in die engere Wahl. Im Spätfrühling und Frühsommer 2017 besuchte ich sie. Eine Art Date. Passen wir zusammen? Welche Erwartungen werden an den Ersatzvater gestellt? Wo soll er schlafen? Läuft er halb nackt durch die Wohnung, oder trägt er einen Bademantel?

Zunächst die Familien, die mich als Ersatzvater aufnehmen wollten:

Yu Lian und Niels, Amsterdam

Yu Lian hat geschrieben: «Im Sommer wohnen wir an den Wochenenden in unserem Strandhaus in Castricum. Meine Familie besteht aus meinem (zweiten) Ehemann und mir, Tochter (dreizehn, aus erster Ehe), Tochter (sechs) und Tochter (vier). Ich arbeite Vollzeit, vom Vater wird darum viel Einsatz erwartet (mit Unterstützung von Babysittern)...»

Ich sitze in einem schönen, hellen Wohnzimmer in der Nähe des Amsterdamer Zoos. Die beiden jüngeren Töchter, Lauren und Alexa, sind zu Hause. Alexa trägt ein Hörgerät. «Sie ist ein wenig schwerhörig», sagt Yu Lian, «und eine Weile haben wir uns Sorgen über ihren Wortschatz gemacht, aber es läuft gut. Wir haben alle Gebärdensprache gelernt.»

«Ich will dir zeigen, wie viel Schönheit im Familienleben steckt.»Yu Lian, Mutter

Der Vater, Niels, ist auch da, sagt aber wenig.

Yu Lian zeigt mir Fotos von ihrem Ferienhäuschen. «Was erwartet ihr von einem Ersatzvater?», will ich wissen.

«Ja, was machen Papas?», fragt Yu Lian ihre Töchter. «Abwaschen, kochen, ‹Jonas im Walfisch› spielen.»

Dann kommt Lila, die Tochter aus erster Ehe, nach Hause. Sie war mit ihrem Hockeyteam zum Schwimmen. Sie sagt zu Lian: «Meine Freundinnen finden ihre Mütter total doof, aber ich finde dich toll.»

Beim Abschied sagt Yu Lian zur mir: «Ich will dir zeigen, wie viel Schönheit im Familienleben steckt.»

(Im Herbst 2017 esse ich mit Lian in New York zu Abend, wo sie sich für eine Weile im Rahmen ihrer Arbeit aufhält, und sie erklärt: «Ich hätte dir so gern gezeigt, wie schön sich das Elternsein anfühlen kann.»)

Marjolein und Rini, Zutphen

Marjolein hat geschrieben: «Wie ich schon sagte, wir wohnen in einer Ferienanlage.»

An einem Sonntagnachmittag im Juni komme ich dort an. Viele geschiedene Väter und Drogenhändler würden hier wohnen, hat mir der Taxifahrer erzählt. Marjolein erklärt, sie habe mir zu Ehren eine Torte gebacken, ob ich ein Stück wolle? Sie haben vier Kinder, lauter Mädchen: Ronja (fünf), Thura (vier), Layla (zwei) und Zora (neun Monate). Die Älteste liegt krank auf dem Sofa, die anderen lassen sich die Schokoladentorte schmecken. «Für das Erste haben wir uns bewusst entschieden», erzählt Marjolein. «Wir kennen natürlich die gängigen Verhütungsmethoden, setzen aber vor allem auf Enthaltsamkeit während der fruchtbaren Tage.»

Unter dem Tisch reibt eines der Kinder seinen Kopf an meinen Beinen wie eine Katze.

Er ist dreiundfünfzig, sie einunddreissig.

«Wir schlafen alle zusammen in einem Bett.»Marjolein, Mutter

«Wie habt ihr euch kennen gelernt?», frage ich.

«Ich wollte eine Freundin in einer Wohngemeinschaft in Den Haag besuchen», sagt Marjolein, «aber ich hab auf die falsche Klingel gedrückt, und da stand er in der Tür. Später meinte die Freundin: ‹Puh, Rini war ganz hin und weg von dir.›»

Rini: «Ich musste richtig nach Luft schnappen.»

Marjolein: «Als er mir eines Tages seine Liebe gestand, habe ich geantwortet: ‹Schön zu hören, aber ich bin lesbisch und will keine Freundschaften mit Männern, weil die früher oder später doch alle mehr wollen.›»

Ich bekomme noch eine Führung durch das kleine, einstöckige Haus. «Wir schlafen alle zusammen in einem Bett», sagt Marjolein. «Da musst du dann auch rein, wir haben nicht viel Platz.»

Marieke, Utrecht

Dies ist eine Einelternfamilie, aber der wahre Ersatzvater schliesst auch die Einelternfamilie nicht aus, obwohl die Ersatzvaterschaft sich in solch einer Familie leicht in die Länge ziehen kann.

Marieke hat geschrieben, ich solle mich auf etwas gefasst machen. «Meine Tochter ist mitten in der Pubertät.»

Ich nehme Platz in dem kleinen Garten einer chaotischen, aber gemütlichen modernen Reihenhauswohnung. Marieke hat sechzehnjährige Zwillinge, Khadra und Kilian. Khadra trägt eine Zahnspange und will zur Kleinkunstakademie, Kilian will Medizin studieren, die Psychiatrie interessiert ihn.

«Eigentlich suchen wir eine Art Vater.»Marieke, Mutter

«Khadra ist aufmüpfig», sagt Marieke, «letztens wollte mich ein Lehrer sprechen. Da hab ich sie gefragt: ‹Was war da los?› Antwortet sie: ‹In Französisch in der ersten Stunde schläft es sich immer so schön.›»

Wir gehen ins Haus. Drinnen zieht Khadra lässig eine Ausgabe von Nabokovs «Lolita» aus dem Regal. «Darf ich das lesen?», fragt sie. «Ich hab schon viel darüber gehört.»

«Okay», antwortet Marieke, «aber vorher müssen wir uns mal unterhalten.»

«Was für eine Art Ersatzvater sucht ihr?», frage ich.

Marieke wirft einen Blick auf ihre Zwillinge. «Eigentlich suchen wir eine Art Vater», sagt sie.

Marieke und Roel, Utrecht

Leidsche Rijn, eine Neubausiedlung. Es ist Sonntagabend, ich werde herzlich empfangen. Ob ich mitessen möchte? Marieke schreibt Kolumnen für die Zeitung «Utrechts Nieuwsblad», lange Zeit unter dem Pseudonym Vorstadttussi. Roel ist Stadtplaner. «Wir waren siebenundzwanzig und anders als unsere Freunde», sagt Marieke. «Die wollten nach Thailand, wir wollten Kinder. Wenn Roel jetzt um zehn vor sechs verschwitzt mit dem Fahrrad nach Haus kommt, so ein bisschen zerzaust – dann finde ich das toll!»

Marieke und Roel haben vier Kinder: Aart (dreizehn), Joost (elf), Dieuwertje (acht) und Emiel (vier).

«Der Vater hat vor allem praktische Aufgaben.»Marieke, Mutter

«Mein Vater war Berufssoldat», erzählt Marieke, «und ein paar Jahre auf Kreta stationiert. Das war eine grossartige Zeit für meine Eltern. Rauschende Feste. Dann mussten sie zurück in die Niederlande und landeten in einem Nest, da haben sie sich nie wieder eingelebt. Roel freut sich auf dich, dann kann er mit seinen Freunden Radtouren machen.»

«Und die Kinder?», möchte ich wissen.

«Die machen sich ein wenig Sorgen. Sie fragen: ‹Wo soll Papa schlafen, wenn dieser Mann kommt?›»

«Was hat der Vater für Aufgaben?»

«Vor allem praktische», antwortet Marieke, «es geht nicht darum, was du sagst, sondern um das, was du tust.»

Anouck und Jeroen, Eindhoven

Anouck macht mir auf. Jeroen reicht mir ein Stück Torte, heute feiert ihre älteste Tochter Elin ihren siebten Geburtstag. Sie haben noch ein fünfjähriges Mädchen, Stine.

«Es soll ein echter Kindergeburtstag werden», sagt Anouck. «Süssigkeiten schnappen, eine Schatzsuche.»

«Warum habt ihr auf meinen Aufruf reagiert?», frage ich.

«Man ist nie mehr allein.»Anouck, Mutter

«Jeroen ist geschäftlich viel unterwegs», sagt Anouck. «In den Jahren nach Stines Geburt konnten wir jede Hilfe gebrauchen, und da sahen wir deinen Aufruf. Eine Nanny, ein Au-pair, alles war willkommen. Bei jeder Betreuungsmöglichkeit haben wir zugegriffen.»

Ich esse meine Torte und frage: «Kannst du Kinder empfehlen?»

«Man ist nie mehr allein», sagt Anouck. «Immer in einer Herde.»

In diesem Moment wird mir klar, was von einem Ersatzvater verlangt wird. Der Ersatzvater ist Hirte und Stier zugleich. Er sorgt, wie vorübergehend auch immer, für Ordnung in der Herde.

Hannie und Peter, Elst

Neubau. Ein warmer Nachmittag. Hannie müht sich sichtlich mit einem Kind ab. «Das ist nicht meins», erklärt sie. «Es ist gewissermassen geliehen. Eine Freundin hat mich angemeldet.»

Wir setzen uns in den Garten.

«Wir haben Mark, der ist acht, Robin ist sechs und Laura vier. Eine kleine Zugabe. Sie war nicht geplant.»

Von Kindern kann man sich nicht scheiden lassen.

Hannie sagt: «Wir sind bürgerlich geworden. Früher war das anders, wir waren kinderlos. Endlose Partys. Dann kamen die Kinder. Ich war sieben Jahre mit ihnen zu Hause – tödlich. Ich hab mal gehört, Schulden senken den IQ, weil man nur kurzfristig denkt. Also, bei Kindern geht das einem genauso.»

Ich denke an die Herde.

«Man bekommt so viel dafür zurück, heisst es immer – das hörst du mich nicht sagen. Aber man ist auf der Stelle in seine Kinder verliebt.»

Ich fahre nach Amsterdam zurück. In jeder Familie würde ich Ersatzvater sein wollen, aber ich muss eine Wahl treffen. Abends entscheide ich mich für Marjolein in Zutphen. Als Ersatzvater darf man die Herde – auch wenn sie nicht in Eindhoven grast – nicht auf diskrete Distanz halten, ich muss meine Komfortzone verlassen. Ich werde weiden, wo die Herde weidet, schlafen, wo die Herde schläft, leben, wo die Herde lebt. Von Kindern kann man sich nicht scheiden lassen, ausser, man will den Hohn seiner Umgebung riskieren und ein lebenslanges Schuldgefühl übrig behalten. Das Geniale an der Ersatzvaterschaft besteht darin, dass Scheidung nicht nur erlaubt ist, sondern moralisch geradezu eine Pflicht.

September 2017

Als ich die Treppen des Zutphener Bahnhofs hinunterkomme, stehen drei barfüssige Mädchen vor mir. Bei meinem ersten Besuch war mir erklärt worden: «Zu Hause tragen wir keine Schuhe.» Am Bahnhof offenbar auch nicht.

So fängt meine Ersatzvaterschaft an, mit blossen Füssen.

Ich küsse die Mutter, Marjolein, auf die Wange. Auf dem Arm hält sie Zora, die Jüngste. Die anderen drei Mädchen – Layla (zwei), Thura (vier) und Ronja (fünf) – rennen voraus zum Wagen. Mein Gepäck passt nicht in den Kofferraum, weil dort durch Umklappen ein weiterer Rücksitz für die Kinder geschaffen wurde, deshalb muss ich nun gesetzeswidrig auf dem Boden zwischen zwei Kindersitzen kauern, während mein Koffer auf dem Beifahrersitz neben Marjolein steht.

«Hattest du eine lange Reise?», fragt sie.

Während wir zu ihrem Haus in der Ferienanlage fahren, erzählt Marjolein: «Ich bin echt am Ende, du kommst gerade noch rechtzeitig. Ein Mann in der Anlage hat schon gefragt: ‹Kommt euer Ersatzvater noch? Dann hab ich ein paar fiese Fragen für ihn. Seine Bücher krieg ich nämlich nie durch.› Erst wollte ich ihn zu Zoras Geburtstag einladen, aber dann habe ich es doch bleiben lassen.» Zora wird am 4. September ein Jahr alt.

«Ich bin fiese Fragen gewöhnt», sage ich.

Ich habe kein eigenes Bett, wohl aber einen eigenen Schreibtisch.

In dem Moment bewerfen die beiden älteren Mädchen in ihren Kindersitzen direkt hinter mir mich mit einem Stofftier. Sie fangen auch an, mich zu treten. «Ich hab ihnen gesagt, das sollen sie nicht machen, über Stofftiere haben wir nicht gesprochen», erklärt die Mutter.

«Vermisst ihr euren Papa sehr?», will ich wissen.

«Jaaaa!», ruft Ronja. «Soll ich dich nass spritzen?»

Der Ersatzvater muss getestet werden wie ein neuer Staubsauger. Der echte Vater war kürzlich in Brasilien, er importiert Ayahuasca-Tee, der psychedelische Wirkungen hervorruft, und organisiert Verkaufsnachmittage. Momentan streift er durch Südeuropa, weil der Ersatzvater in seinem Haus ist. Leider war es nicht möglich, meine Ersatzvaterschaft so zu planen, dass sie genau mit seiner Zeit in Brasilien zusammenfällt.

Zu Hause werfen die grösseren Mädchen sich auf ihre Buntstifte, das jüngste wird gestillt; danach schlägt die Mutter vor, ich solle vorlesen, damit sie kochen kann. Ich lese vor aus «Kaatje zieht um» von Liesbet Slegers, das auf dem Sofa herumliegt.

Erst lässt sich die Älteste laut stöhnend hintüberfallen. Kurz darauf laufen alle Kinder weg.

«Pack erst mal in Ruhe den Koffer aus», sagt die Mutter.

Ich habe kein eigenes Bett, wohl aber einen eigenen Schreibtisch: im ersten Stock, in Rinis Arbeitszimmer. Auf diesem Tisch liegt ein Geschenk von ihm, ein Buch, das er selbst geschrieben hat: «The Power of Nothing – A Spiritual Guide to True Emptiness».

Auf dem Umschlag stehen Empfehlungen wie: «One of those truly exceptional books.»

Ich schlage es auf. Alle Seiten sind leer. Ich muss an mein Patenkind denken und an seine Mutter, die mir regelmässig vorwirft, dass ich zu wenig Zeit mit ihm verbringe. Ist die Ersatzvaterschaft nicht vor allem ein literarisches Projekt?

Meine Freundin wurde nervös

Soll ich Marjolein meine Ersatzfreundin nennen? Ist das die Konsequenz meiner Ersatzvaterschaft für ihre vier Töchter? Meine eigene Freundin wurde nervös, als der erste Tag meiner Ersatzvaterschaft näher rückte. «Ich finde es schrecklich, dass du dich neben diese Frau legst», sagte sie. «Nicht mal so sehr, weil du Sex mit ihr haben könntest, sondern weil sie dann weiss, wie du schläfst.»

«Ach», erwiderte ich, «das wissen noch mehr Leute!»

Trotzdem habe ich ihr dieses Projekt auch als Übung verkauft, als einen Kurs, aus dem ich als besserer potenzieller Vater hervorgehen werde. Sie reagierte mit einiger Skepsis, aber ich liess mich nicht von meinem Vorhaben abbringen: «Sie verlassen sich darauf, dass ich komme, jetzt kann ich nicht mehr zurück», erklärte ich ihr.

Als ich ein paar Stunden nach meiner Ankunft Layla, der Zweitjüngsten, im Garten gerade einen Ball zuwerfe, höre ich die Mutter laut schreien. Ich betrachte es als meine Pflicht, zu ihr zu eilen. Sie sagt: «Da war eine Ratte!»

Eigentlich scheint mir Marjolein nicht die Art Frau, die vor Ratten Angst hat, also beschränke ich meine Reaktion auf ein kurzes: «Oh.»

Danach setze ich das Ballspiel fort, wobei ich darauf achte, den Ort, an dem die Ratte gesichtet wurde, zu meiden.

«Ich finde es lieb von dir, dass du freiwillig mit mir am Tisch sitzt.»Aaron Grünberg zu Testtochter Zora

Das Abendessen rückt näher. Man setzt sich hier früh zu Tisch, ungefähr um halb sechs. Bis vor kurzem ass ich abends meistens zwischen halb zehn und zehn.

Marjolein kommt besorgt aus der Küche. «Ich muss Ronja suchen», sagt sie, «sie wollte zu ihrer Freundin Fleur. Sie will nicht mit dir am Tisch sitzen.»

Mir wird klar, dass die Ankunft des Ersatzvaters mehr Spannungen auslöst als vorhergesehen. Die Älteste stösst den Ersatzvater ab wie der Körper eine neue Niere. «Ich kann das verstehen», sagt Marjolein. «Als ich klein war, schlief ich immer bei meiner Mutter. Wenn sie dann Männer mit nach Haus brachte, wurde ich aus dem Bett geworfen. Das machte mich fuchsteufelswild.»

Das klingt, als sei der Ersatzvater ein Stück Fleisch, das Marjolein in ihre Höhle geschleift hat. Ich will alles sein, auch ein Stück Fleisch, aber das ist nicht die Rolle, auf die ich mich vorbereitet habe.

Solange Marjolein weg ist, stapfe ich mit Zora, der Jüngsten, durch den Garten und sage: «Ich finde es lieb von dir, dass du freiwillig mit mir am Tisch sitzt.»

Marjolein kommt mit Ronja zurück. «Ich habe mit Fleurs Mutter und Ronja abgemacht, dass Ronja zu Fleur darf, wenn ein Schild mit Schmetterlingen neben der Tür hängt. Hängt da das Schild mit dem Mond, wollen sie nicht gestört werden. Irgendwann war sie mehr bei ihnen als hier.»

Wir setzen uns an den Tisch, Ronja bei ihrer Mutter auf dem Schoss, in sicherer Entfernung vom Ersatzvater.

Und wie viel Mühe der sich auch gibt, er, der Fremde, sorgt für Spannungen.

Nasenschleim vermischt sich mit Essen

«Am liebsten wäre es mir», sagt Marjolein, «der Ersatzvater würde jetzt vorlesen.»

Aber die Kinder wollen kein Buch, sie wollen einen Film. Sie wollen Peter Hase, und den kriegen sie auch. «Eigentlich versuche ich immer, ohne Filme auszukommen», sagt Marjolein, «aber manchmal geht es nicht anders.»

Das Abendessen ist zu Ende. Marjolein ist keine übertrieben ängstliche Mutter. Nasenschleim vermischt sich mit Essen, vor allem die Jüngste hat immer eine Rotznase. Essen und Schnodder fallen auf den Boden und werden später trotzdem in den Mund gesteckt. Zu viel Hygiene schwächt die Immunabwehr.

Die Vaterschaft geht mit Scheitern einher, ungefähr alle fünf Minuten.

Marjolein bittet mich, die stehen gelassenen Nudeln der Kinder ins Klo zu schütten. Ich weiss nicht, ob dies praktische oder rituelle Gründe hat.

«Wenn du was komisch findest, sagst dus, ja?», fragt Marjolein.

Ich finde nichts komisch.

Im Bad putze ich der Jüngsten die Zähne. Sie leckt die Zahnpasta von der Bürste und presst danach die Lippen zusammen. Ich schaffe es nicht, ihr die Zähne zu putzen, ich bringe höchstens ihre Zunge kurz mit der Zahnbürste in Berührung.

Die Vaterschaft geht mit Scheitern einher, ungefähr alle fünf Minuten.

«Jetzt kannst du Layla vorlesen», ruft Marjolein.

Layla und ich gehen ins obere Stockwerk, wo die Älteste ihr Zimmer hat, obwohl sie meist immer noch mitten in der Nacht zu den anderen herunterkommt und ihren Vater gnadenlos aus dem grossen Bett stösst, der sich darauf notgedrungen nach oben ins Kinderbett legt. So wurde mir berichtet. Das Matriarchat beginnt früh.

Ich darf nicht aus «Pippi Langstrumpf» vorlesen. Das darf nur Papa.

Ein Buch über den Nikolaus darf der Ersatzvater vorlesen. Die vierjährige Thura gesellt sich zu uns und sagt: «Nikolaus ist verkleidet, aber es gibt ihn wirklich.»

Eine Aussage, die offenbar auf mich gemünzt ist: als Ersatzvater verkleidet, aber nicht frei erfunden.

Marjolein erzählt: «Meine Mutter hat fünf Kinder von vier verschiedenen Männern. Meinen Vater hatte sie sich ausgesucht, weil sie ein dunkelhäutiges Kind wollte. Ich wurde fast nie geschlagen, weil ich immer alles tat, was sie wollte.»

«Möchtest du noch ein fünftes Kind?», frage ich.

«Darüber nachdenken tue ich schon», antwortet sie, «letztens dachte ich sogar, ich sei schwanger. Obwohl wir nach unserer Methode verhüten, wir fassen uns sowieso kaum noch an. Aber neulich fuhr ich mit dem Rad an ein paar Jugendlichen vorbei, mit meinen vier Kindern. Und da hörte ich: ‹Siehst du die Frau da? Die hat ja mächtig drauflosgerammelt.› So will ich nicht abgestempelt werden.»

Der erste Absolvent der Vaterschule

Die Nacht beginnt früh in der Feriensiedlung bei der Familie, der ich als Ersatzvater diene, obwohl eine Ex neulich hämisch meinte, ich sei nicht mehr als ein Ersatz-Babysitter. Die Mutter Marjolein dagegen zieht in Erwägung, eine Vaterschule zu gründen, wenn dieses Experiment gelingt. Ich könnte der erste Absolvent sein, der bei ihr seinen Abschluss macht.

Ein Staubsaugroboter, von der Familie Staubi genannt, bewegt sich über den Teppich. Die vier Mädchen liegen in dem grossen Bett, in dem auch Marjolein schläft. Sie sagt: «Vielleicht wäre es gut, wenn du dich die erste Nacht ins Kinderzimmer legst, die Mädchen sind noch nicht so richtig an dich gewöhnt.»

Das verstehe ich, und heimlich bin ich erleichtert. Darum schlage ich sofort vor, das leere Bett von Ronja im ersten Stock zu nehmen, aber Marjolein will eine Matratze neben das Kinderbett legen. Sie wirft eine bunte Bettdecke darauf. «Bestimmt das erste Mal, dass du unter einer Meerjungfrau schläfst, was?», fragt sie.

«Morgen früh um sechs geht der Tanz wieder los.» Marjolein, Mutter

Unten trinken wir noch einen Tee und schauen Staubi zu, der einsamen Menschen Trost spenden könnte.

«Ja, der Rini», sagt Marjolein über ihren Freund und Kindsvater, «sein Problem ist, dass ich ihn nicht wirklich brauche. Ich brauche niemanden. Obwohl ich mich ohne Kinder nackt fühle.»

«Nackt», sage ich, «interessant.»

Momentan ist Rini in Lissabon. Es war vielleicht etwas hart, dem echten Vater den Zutritt zu seinem Haus zu verbieten, solange der Ersatzvater da ist, und ich bemerke auch Marjoleins Zweifel, ob Rini sich in Lissabon so recht amüsiert. Ihren Worten entnehme ich eher, dass er sich dort überhaupt nicht wohlfühlt.

Ich gehe schlafen. Eine Puppe, die aussieht wie ein Embryo zu medizinischen Demonstrationszwecken, einschliesslich Pimmel, sitzt neben meiner Matratze auf einem Eimer und starrt mich an. Unten höre ich die Jüngste husten. «Morgen früh um sechs geht der Tanz wieder los», hat Marjolein mich gewarnt.

Am nächsten Morgen gibt es Sonntagsfrühstück. «Für dich habe ich Marmelade geholt», sagt Marjolein. «Wir essen keinen Zucker.»

Nach dem Frühstück hängt Marjolein die Wäsche auf. Ich frage, ob ich helfen kann.

«Nein», sagt sie, «das tut Rini auch nicht.» Ich soll tun, was Rini tut.

Marjolein wirkt ein wenig bedrückt.

«Bist du traurig?», frage ich.

«Ja», antwortet sie.

«Liegt das an mir?»

«Ganz bestimmt.»

Dann springt jeden von uns ein Kind an. Die Kinder sind Kletteraffen an diesem Morgen.

Vielleicht bleibt weniger Zeit zum Schreiben, wenn der Schriftsteller erst einmal Vater geworden ist, aber dann ist auch weniger Zeit für Wehmut und Kummer. Das wäre schon mal ein Vorteil.

Der Ersatzvater denkt nicht genug nach

Obwohl es erst morgen so weit ist, feiern wir heute Zoras ersten Geburtstag. Girlanden werden aufgehängt, Besuch wird erwartet, auf jeden Fall Marjoleins Vater sowie Jan und Liesbeth, die Marjolein ihre «Leiheltern» nennt. Als sie es am Ende ihrer Pubertät bei sich zu Hause nicht mehr aushielt, durfte sie eine Weile bei ihnen wohnen.

Ich muss noch ein Geschenk besorgen. Später am Tag werde ich mit einer Flasche Kinderchampagner und Champagner Rosé für Mutter und Ersatzvater auftapern, aber es wird sich herausstellen, dass die Mutter nicht trinkt. Und der Kinderchampagner enthält natürlich Zucker. Der Ersatzvater denkt nicht genug nach. Er ist mit den Gedanken bei seinen Artikeln und dem Roman, an dem er zwischendurch auch noch arbeiten muss.

Während Marjolein Kuchen backt, versuche ich auf ihre Bitte, die jüngeren beiden Kinder mit einem kleinen Spaziergang zu beschäftigen. Die Akzeptanz des Ersatzvaters bei den beiden älteren lässt zu wünschen übrig. Das mag an mir liegen – was an meinem Verhalten muss ich ändern? Wenn sie sich den Rotz an meiner Wange abwischen, akzeptiere ich das gelassen und denke: Morgen rasiere ich mich sowieso.

Nach dem Backen gehen wir länger spazieren, diesmal an der Ijssel, dem Fluss, der an Zutphen vorbeifliesst. Marjolein erklärt, Schutzimpfungen kritisch gegenüberzustehen, weil sie bei Kindern zu Persönlichkeitsveränderungen führen können.

«Das wusste ich nicht», sage ich. Es ist nicht Sache des Ersatzvaters, Diskussionen über das Pro und Kontra von Schutzimpfungen vom Zaun zu brechen.

Der Besuch kommt, und wir setzen uns in den Garten.

Cor, Marjoleins Vater, wendet sich an mich. «Ich war in der Psychiatrie», sagt er, «aber es geht mit wieder ganz gut. Jetzt mache ich einen grossen Bogen um die Jungs dort und lebe ohne grössere Einschränkungen.»

Marjolein hat bereits erzählt, dass ihr Vater früher unter Wahnvorstellungen litt. Ihre Pflegeeltern sind beide Ärzte: sie Onkologin, er Internist. Über persönliche Dinge scheinen sie nicht gern zu sprechen.

«Ist es in Ordnung, wenn sich der Ersatzvater ins Kinderzimmer legt?»: Aaron Grünberg mit Testbaby. Foto: Valentina Vos

Opa Cor, für den ich instinktiv Sympathie empfinde, redet dagegen gern und viel. «Du bist Jude», sagt er zu mir, «tja, was der Herrgott mit dem jüdischen Volk vorhat, das will mir beim besten Willen nicht klar werden.»

«Sind Sie gläubig?», möchte ich wissen.

«Das nicht, aber ich versuche, eine persönliche Beziehung zum Herrgott zu unterhalten.»

Eine persönliche Beziehung zu seiner Tochter und zu den Enkelinnen scheint ihm grössere Schwierigkeiten zu bereiten. Verglichen mit den Menschen ist der Herrgott vermutlich nur halb so schlimm.

Als das Gespräch auf Kinder in Gestalt von Kletteraffen kommt, sagt Opa Cor zu Liesbeth und Jan: «Ihr klettert bestimmt nicht mehr aufeinander, oder?»

Kaum ist der Besuch weg, bekomme ich Migräne. «Bist du sensibel?», fragt Marjolein.

«Keine Ahnung», sage ich.

«Das Erste, was mir auffiel, als du damals bei uns vorbeikamst, war, wie sensibel du bist.»

Es liegt wohl an der Migräne – ihre Worte rühren mich.

«Ist es in Ordnung, wenn der Ersatzvater sich einen Moment ins Kinderzimmer legt?», frage ich.

Und während ich dort in der Dunkelheit liege, ertappe ich mich bei dem Gedanken: Ich bin froh, dass ich hier wieder wegkann. Doch was ist, wenn man sich das wünscht und nicht wieder wegkann?

Ein strikter Zeitplan

«Heute Nacht habe ich geträumt, dass ich einen Sohn zur Welt bringe», sagt Marjolein. «Er war sehr gross, und sein Name war irgendwas mit ‹Br›.»

«Br», erwidere ich, «interessant.»

Die beiden Älteren müssen heute in den Kindergarten. Um acht Uhr geht es aus dem Haus. Ein strikter Zeitplan.

Während ich noch auf dem Sofa sitze und über den Traum nachdenke, ruft Marjolein aus dem Badezimmer:

«Eine Aufgabe für den Ersatzvater! Könntest du Zoras Windeln wechseln?»

Ich renne zu ihr. Das Gefühl, mich zu viel ums Schreiben und zu wenig um meine Pflichten als Ersatzvater zu kümmern, lässt mich nicht los.

Ich lege Zora auf die Wickelkommode und flüstere ihr zärtliche Worte ins Ohr.

«Schau, so musst du sie hinlegen», sagt Marjolein.

Wie in jedem Haushalt gelten auch hier strenge Regeln. Einmal habe ich beim Zähneputzen das Wasser zu lange laufen lassen, und Marjolein drehte sofort ein wenig genervt den Hahn zu.

Die Windel ist vom Kinderpopo herunter. «Wir benutzen keine Feuchttücher», ruft Marjolein, jetzt aus der Küche.

«Wir nehmen nur Watte.»

«Soll ich sie eincremen?», rufe ich zurück.

«Puder.»

So würde ich auch gern jeden Tag von einer sanftmütigen Autorität begrüsst werden.

Ich finde die Watte. Solche Watte benutzt meine Freundin zum Abschminken. Ich brauche sehr viel davon, und der Nachteil ist, dass die Watte zwischen den Pobacken kleben bleibt und ich sie wieder abpulen muss. Als ich mir nicht mehr anders zu helfen weiss, löse ich die Reste mit warmem Wasser. Danach streue ich reichlich Puder darüber, das ist, wie ich mal gehört habe, gesund.

Wir radeln zum Waldorfkindergarten. Marjolein mit ihrem Lastrad, in dem die beiden Jüngeren sitzen, die beiden Älteren mit eigenen Rädern, ich auf einem Damenrad, das etwas zu gross für mich ist.

Die Kindergärtnerin Marieke – ursprünglich hatte sie sich auch als an einem Ersatzvater interessiert anmelden wollen, schliesslich aber doch davon abgesehen, nicht zuletzt darum, weil ihre Kinder fast aus dem Haus sind – begrüsst jeden Schützling mit offenen Armen und einer Streicheleinheit.

Das berührt mich. So würde ich auch gern jeden Tag von einer sanftmütigen Autorität begrüsst werden.

Es wird gesungen. Manche Eltern singen laut mit.

«Heute ist Elternabend», sagt Marjolein, «kommst du auch?»

Ich bin Marjoleins Wurmfortsatz, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Väter die Wurmfortsätze der Mütter ihrer Kinder sind, obwohl manch einer das zu tarnen versucht, indem er sich einen Bart stehen lässt.

«Arnon, wovon lebst du eigentlich?»

Marjoleins Mutter ist zu Besuch, weil Zora Geburtstag hat. Ich habe noch nicht geduscht, denn dafür ist früh am Morgen kaum Zeit. Für den Ersatzvater beginnt der Tag mit dem Ausräumen des Geschirrspülers und dem Beschäftigen der Kinder, was auf Angebote hinausläuft, ihnen etwas vorzulesen. Manchmal werden die Angebote angenommen, manchmal bekommt der Ersatzvater nicht mehr als ein kurzes «Hau ab!» zu hören. Doch das geht dem echten Vater dem Vernehmen nach häufig genauso: Auch er muss sich immer wieder trollen. Offenbar haben Kinder das öfter: Als kleines Kind soll ich auch wiederholt zu meiner Mutter gesagt haben, sie solle Papa, meinen Vater also, in den Mülleimer werfen. Jedenfalls sollte ich es nicht persönlich nehmen, dass Marjoleins Kinder mich ab und zu aus dem Haus werfen wollen.

Als ich nach dem Duschen in kurzen Hosen durch die Wohnung laufe – auch der Ersatzvater soll sich ja zu Hause fühlen –, fragt Marjoleins Mutter mich mit leichtem Groninger Akzent: «Arnon, wovon lebst du eigentlich?»

Sie schaut nicht unfreundlich, jedoch argwöhnisch, und ich merke, sie denkt: Dem Ersatzvater dient seine Rolle nur als Vorwand, sich mal hier, mal da durchzufressen und einzunisten.

«Ich lebe vom Schreiben», antworte ich.

«Oh, das geht also auch.»

Sie selbst arbeitet in einem Geschäft, früher hatte sie eine Kneipe.

Wir essen zu Mittag, doch Marjoleins Mutter isst nicht mit. «Sie mag meine Suppe nicht», sagt Marjolein.

Layla, die Zweijährige, sitzt auf der Toilette und ruft: «Mama, fertig!»

«Darf Oma dir helfen?», fragt Marjolein. «Ich bin gerade in der Küche.»

Doch Rotz hin oder her, der Ersatzvater verliebt sich gerade ein wenig in die Jüngste.

Der Ersatzvater wischt keine Hintern ab. Nicht, dass er sich dafür zu fein wäre. So kämpft er zum Beispiel hartnäckig gegen den Rotz mit Papiertaschentüchern, die danach im Altpapier entsorgt werden müssen. «Wir trennen eigentlich alles», hatte Marjolein bereits am ersten Tag gesagt, und mir war klar geworden, dass, wer ihre Liebe gewinnen will, mit dem systematischen Trennen von Abfall anfangen muss.

Nachteil der Mülltrennung ist, dass die Tempos von der Kleinsten aus dem Altpapier gefischt und im ganzen Haus verteilt werden; auch eine Form des Recyclings, bereits im Haus bekommt der Rotz ein zweites und mitunter auch drittes Leben.

Okay, der echte Vater darf den Kleinen den Hintern auch nur dann abwischen, wenn Marjolein nicht da ist. Wie viele Kinder, erinnere ich mich aus meiner eigenen Kindheit, wollen auch diese Mädchen, dass ausschliesslich ihre Mama sie abwischt.

Aber die Grossmutter ruft: «Oma hat das schon zigmal gemacht!», und eilt zur Toilette. Zu Marjoleins und meinem Erstaunen lässt Layla Oma widerspruchslos gewähren.

Anschliessend wendet der Ersatzvater sich mit schon bewährter Freude wieder Zoras graugelbem Rotz zu. Doch Rotz hin oder her, er verliebt sich gerade ein wenig in die Jüngste.

Passieren kann immer was

Vor dem Elternabend wird mit der ganzen Familie im See geschwommen. Ich schwimme kurz selbst und versuche dann, das Baby vor dem Tod durch Ertrinken zu retten.

«Passieren kann immer was», sagt die Mutter. «Das gehört zu den Risiken, wenn man autonom leben will.»

Als Unterhaltungsprogramm wird uns eine Gruppe Polizisten geboten, die mit einem Seil um die Schultern durch den See rennen; in der Nähe befindet sich eine Polizeischule. Ein Trainer brüllt: «Nicht schlappmachen!»

«Das wär mein Tod, mich so behandeln zu lassen», sagt Marjolein.

Danach legen wir uns auf unsere Handtücher. Es gibt Reiswaffeln. Immer Reiswaffeln.

«An diesem See habe ich den ganzen Sommer verbracht», erzählt Marjolein. «Naja, ab und zu hat es schon auch mal geregnet.»

Ist das ein Vorwurf oder eine wehmütige Bemerkung? Marjolein ist schwer zu ergründen.

Auf dem Rückweg will ich die Kinder zu einem Eis einladen. Marjolein besteht auf Birneneis. «Das geht gerade noch», erklärt sie.

Die Kinder dürfen fast alles, ausser Zucker. Selbst frisch gepresster Orangensaft, auf den meine Mutter immer schwor, ist tabu. Marjolein ist eine Zuckerfaschistin, allerdings die liebste und warmherzigste Zuckerfaschistin, der ich jemals begegnet bin. Und dabei ist, wie sie erzählt, der Vater der Kinder noch fanatischer gegen Zucker als sie.

Am Abend kommen wir beinah zu spät zum Elternabend des Waldorfkindergartens.

Wir beginnen mit einem gemeinsamen Lied. Anschliessend müssen alle erzählen, was für ein Typ Eltern sie sind und was sie beruflich machen. Eine Mutter sagt, sie sei früher Perfektionistin gewesen. Eine andere, die als Betreuerin in einer psychiatrischen Klinik arbeitet, kriegt sich vor Lachen nicht mehr ein. «Mein Mann kümmert sich um Bäume, ich um Menschen», stösst sie gerade noch flüsternd hervor. Dann kann sie sich nicht mehr halten. Die Erzieherin schaut sich die Sache kurz an und erteilt dann dem nächsten Elternteil das Wort.

An einem Elternabend sind alle Eltern Kinder.

Ich erzähle von meinem Patenkind. «Grenzen setzen ist ziemlich langweilig», sage ich. «Darum habe ich die Neigung, Erziehung zu ironisieren. Die Folge ist allerdings, dass man so seine Autorität untergräbt.»

Ich bin aufrichtig, habe aber den Eindruck, dass man mich nicht richtig versteht.

Heimlich vertilge ich fast eine ganze Tüte Gummibärchen.

Auf dem Rückweg schreit Marjolein gegen den Wind: «Du hast gestottert und mich Marije genannt!»

«Ja!», brülle ich zurück. «Ich habe eine schlechte Figur gemacht. Ich weiss den Namen meiner Frau nicht.»

Wie man es auch dreht und wendet, Marjolein und ich spielen Vater und Mutter, aber das sollte man dann auch schon richtig machen.

Zu Hause mache ich mich im Arbeitszimmer des echten Vaters ans Schreiben. Heimlich vertilge ich fast eine ganze Tüte Gummibärchen.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Vaterschaft für mich immer ein Spiel bleiben wird.

Das Kind und die Liebe

Kleine Kinder können einen mit einer Leidenschaft ablehnen und wieder anlocken, dass man meinen möchte, der Mensch sei zur Launenhaftigkeit erschaffen. Der Prozess der Zivilisation hat uns gelehrt, diese Neigung zu unterdrücken, und so haben wir uns zu einem Säugetier entwickelt, das heuchelt.

Die vierjährige Thura beherrscht dieses Doublebind von Nähe und Distanz bis zur Perfektion. «Du bist blöd!», ruft sie. «Geh nach Hause! Geh weg!» Während sie das ruft, springt sie mir in die Arme und weigert sich loszulassen. Auch beisst und kneift sie manchmal recht fest und klammert sich dabei an den Blödmann. Dann ruft sie: «Du darfst mich nicht kraulen und auch kein Küsschen geben!» Und sie beisst mir in die Hand, bis ich rufen muss: «Thura, das tut wirklich weh. Hörst du jetzt bitte damit auf?» Ihr Haar ist dunkler als das ihrer Schwestern und auch ihre Augen. Ein wenig erinnert Thura mich an einen jungen Wolf, verirrt in der Menschenwelt und überquellend vor Kraft.

Sie lehrt mich etwas über die Liebe, denn ist das nicht deren Wesen: Jemandem in die Arme springen und gleichzeitig rufen: «Du bist blöd, geh weg»? Oder lehrt sie mich etwas über mich selbst? Erkenne ich etwas in ihr und sie intuitiv auch in mir? So wie ein Wolf den anderen riecht?

Manchmal können Menschen sich nicht entscheiden, was unerträglicher ist, die Intimität oder der Abschied; mit vielen unserer Handlungen nehmen wir jedenfalls einen Vorschuss auf das sich nähernde Ende. Das ist, was Thura mir beibringt, wenn sie mich beisst und kratzt und kneift.

Ich will nicht das Kind der Frau sein, mit der ich das Bett teile.

Ronja, von Thura Lonja genannt, hat noch immer die meisten Probleme mit mir. Vielleicht weil sie fürchtet, ich könnte nicht mehr weggehen.

Die Mutter schlägt vor, ich solle einmal etwas mit Ronja allein unternehmen. Die Tochter darf zwischen einem Ausflug nach Deventer und einer Fahrt mit dem Flüsterboot durch Zutphen wählen. Sie entscheidet sich für das Flüsterboot, aber ein Freund soll mitkommen.

Am Nachmittag sagt Marjolein zu mir: «Ehrlich gesagt, kommst du mir eher wie ein Sohn vor als wie ein Vater.»

«Was für eine Degradierung», erwidere ich. «Ich kam als Vater und gehe als Sohn!»

«Wie du den Käse schneidest zum Beispiel», sagt sie, «so unbeholfen, aber mit solch einer Hingabe!»

Ich muss betreten dreingeschaut haben, denn sie fügt hinzu: «Mach dir nichts draus, die meisten Mütter sehen ihren Mann als ein zusätzliches Kind.»

Vielleicht ist das mein Haupteinwand gegen die Phänomene Langzeitbeziehung und Vaterschaft. Ich will nicht das Kind der Frau sein, mit der ich das Bett teile.

«Dauert es noch lange?»

Das erste Flüsterboot, das an einem bewölkten Nachmittag in Zutphen ablegt, ist bis auf den letzten Platz von Jugendlichen mit Downsyndrom belegt, im zweiten sitzen Senioren, ein Ersatzvater und drei kleine Kinder. Ausser Ronjas Freund ist zuletzt auch Thura noch mitgekommen.

Ronjas Freund heisst Leonard. Sein Vater ist Cellist in einem Orchester.

Wir sind kaum zehn Minuten unterwegs, als Thura schon quengelt: «Dauert es noch lange?» Die Fahrt ist auf eine gute Stunde ausgelegt, aber ich antworte: «Nur noch ein bisschen.»

Der Ersatzvater beschliesst, lieber den Mund zu halten.

Aus Langeweile oder aus Liebe zu Leonard klettert Ronja dem Jungen breitbeinig auf den Schoss. Sie macht erotische Bewegungen. Leonards Gesicht ist nicht zu entnehmen, ob ihm das gefällt oder nicht, aber er wirkt auf mich wie ein Junge, der mit höflicher Ergebenheit vieles erduldet.

Nur ein paar Senioren werfen mir missbilligende Blicke zu. Offenbar halten sie es für unziemlich, dass kleine Kinder in der Öffentlichkeit Liebespaar spielen, aber der Ersatzvater greift nicht ein: Wir sitzen noch eine Stunde auf dem Boot, und unnötige Konflikte mit den Kindern sollten vermieden werden, zumal Thura, womöglich aus Eifersucht, weil ihre Schwester die Liebe gefunden zu haben scheint, sich immer wieder so weit vorbeugt, dass sie ins Wasser zu fallen droht. Als ich das zu verhindern versuche, schlägt sie meinen Arm weg und ruft: «Ich will ins Wasser gucken!»

«Aber da gibts nichts zu sehen», versuche ich, «schau doch lieber dahin, wo all die andern Leute hingucken.»

«Das ist blöd!», ruft sie.

Der Ersatzvater beschliesst, lieber den Mund zu halten, und zum Glück mischen die Senioren sich nicht ein. Erziehung besteht grösstenteils aus der Vermeidung von Konflikten. Wenn nötig, muss sich der Erzieher so unsichtbar machen wie möglich. Erziehung heisst auch, in den richtigen Momenten zu kapitulieren.

Habe ich mich an den Spielplatz gewöhnt?

Am letzten Werktag meines Aufenthalts bei Marjolein und ihren vier Töchtern erzähle ich im Kindergarten von meinem Schriftstellerberuf. Die Erzieherin sagt: «In diesem Alter ist alles wahr, Erfundenes ebenso wie der Rest.»

Auf dem Spielplatz helfe ich dem Sohn einer anderen Mutter in die Jacke. «Er ist ganz verrückt nach fremden, älteren Männern», erzählt sie mit einer gewissen Begeisterung.

Haben die Eltern hier sich an den Ersatzvater gewöhnt? Oder vielmehr ich mich an den Spielplatz?

Auf mein Bitten gehen wir abends essen. Japanisch, die Kinder sind ganz versessen auf Sushi. Marjolein fragt: «Warst du schon mal mit vier kleinen Kindern in einem Restaurant?»

«Alles wird gut», beruhige ich sie.

Was soll ich sonst sagen?

Zu Hause springe ich schnell unter die Dusche. Das Badezimmer lässt sich nicht abschliessen. Thura kommt herein, zieht den Duschvorhang weg und begutachtet mich.

«Lass mich allein!», rufe ich.

Später kriecht sie neben mich aufs Sofa und erzählt ihrer Mutter: «Er hat einen kleinen Puller.» Anschliessend versucht sie, mich im Schritt zu kneifen.

Jetzt greift Marjolein ein: «Das darfst du bei deinem richtigen Vater auch nicht.» Sie fügt hinzu: «Layla ist auch so von Pimmeln fasziniert. Dann steckt sie sich was in die Unterhose und sagt: ‹Das ist mein Puller.›»

Im japanischen Restaurant läuft alles recht gut. Mein Patenkind und seine Mutter Marianne stossen dazu, ebenso Marjoleins Hebamme, die zugleich eine Freundin ist. «Sie haben mich ein bisschen lieb und ich sie», sage ich zu Marianne.

Die Kinder vergessen mich auf der Stelle, aber so soll es sein.

«Du kannst nirgendwo weggehen, ohne dass die Leute dich mögen. Das kriegst du einfach nicht hin», antwortet sie trocken.

Diese Nacht schlafe ich endlich in dem grossen Bett, in dem Marjolein, die vier Kinder und manchmal auch der Vater liegen. Die Kinder unter einer roten Decke mit weissen Punkten, ich unter der Decke mit der Meerjungfrau.

Es wird gekotzt, ein Kind hat Durchfall, und Ronja legt regelmässig ihren Arm auf meinen Kopf, als wäre ich ein Kissen. Ich komme fast nicht zum Schlafen. Am nächsten Tag kehrt der richtige Vater zurück. Ich gebe ihm die Hand. Die Stimmung ist ein wenig ungemütlich.

Die Kinder vergessen mich auf der Stelle, aber so soll es sein.

Ich fürchte, ich eigne mich besser zum Ersatzvater als zum Vater. Solange ich weiss, dass ich wieder gehen kann, passe ich mich mühelos an.

Die Entwöhnung von Marjolein und den Kindern dauert vierundzwanzig Stunden. Bin ich bereit für die nie mehr endende Entwöhnung?

Der Tod, Kinder: Dafür bereit ist man nie, man muss es erfahren, die eigenen Ängste besiegen, andernfalls tun das die Umstände für dich. Das Schicksal.

Aron Grünberg ist Schriftsteller und schreibt regelmässig für «Das Magazin».

Aus dem Niederländischen übersetzt von Rainer Kersten.

(Das Magazin)

Erstellt: 03.11.2018, 14:09 Uhr

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