Wo zum Kuckuck liegt Wolkenkuckucksheim?

Wie sich Politiker mit Redewendungen und Bonmots durch den Alltag schlängeln können – eine Anleitung.

Begnadeter Redner: Winston Churchill konnte mit seinen Worten die Massen begeistern.

Begnadeter Redner: Winston Churchill konnte mit seinen Worten die Massen begeistern. Bild: flickr

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Als Homo politicus hat man es schwer. Entweder hört einem keine Sau zu – oder jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Der erste Fall ist auf Dauer zermürbend, tritt aber oft ein, wie die zahlreichen Hinterbänkler in den (kantonalen) Parlamenten zeigen. Der zweite Fall ist nicht minder unangenehm, denn er pflegt für starke Turbulenzen und unsanfte Landungen – man kann auch sagen: Abstürze – zu sorgen. Für beide politischen (Not-)Fälle, das Nicht-wahrgenommen-Werden und das Nicht-abstürzen-Wollen, gibt es ein probates Mittelchen: Redewendungen. Sie holen die Kollegen, durchaus auch die weiblichen, aus Morpheus’ Armen zurück, verleihen demCeterum censeo eine ultimative Note oder geben den Gedanken, den allzu klaren, eine lieblich-anmutende Wortverpackung.

«Da wacht ein Cerberus» tönt im Vorbeigehen doch einiges unverfänglicher als: «Eine unfreundliche Wache versperrt den Weg». Aber Vorsicht: Redewendungen wirken nur, wenn sie zur richtigen Zeit, in der richtigen Dosierung und im richtigen Kontext gesetzt werden. Sonst hallt es schnell aus dem Saale: So ein Stuss, der muss im Wolkenkuckucksheim wohnen. Alles unklar? Dann wird es Zeit für das ultimative «Wie rede ich mich als Politiker durch»-Abc der BaZ.

Bedecke deinen Himmel, Zeus!

Hier gilt: Ja nicht lachen und schon gar nicht zum Himmel schauen. Denn sonst zeigt man, nolens volens, dass man keine Ahnung hat. Salopp gesagt: keinen Blassen. Die Redensart, die auf ein Gedicht von Goethe zurückgeht, bedeutet: Das ist wirklich peinlich. Für alle, die es gerne pathetisch-göttlich mögen, zwei weitere Bon­mots: Mit «Was tun, sprach Zeus» kann man perfekt kaschieren, dass man nicht mehr weiterweiss und wenn man nichts weiss, empfiehlt sich: «Das wissen nur die Götter», das ist ungewiss.

In Morpheus’ Arme sinken

Wer nun zu schwelgen beginnt, liegt doppelt falsch: Er hängt der falschen Gottheit an (Amor) ist obendrein in der falschen Epoche (Römer) gelandet. Morpheus, ein Grieche wie er im Buche steht, ist der Gott des Schlafes. In Morpheus’ Arme sinkt, wer einschläft, was im Parlament des Öfteren der Fall sein soll. Vor allem nachmittags, wenn die Bacchus-Söhne und -Töchter (Weintrinker) von dionysischen Freuden (wilden Gelagen) in den Saal zurückkehren.

Den Pegasus reiten

Oskar Freysinger, scharfzüngiger Neo-Staatsrat aus dem Wallis und dichtender SVP-Nationalrat, reitet ihn gerne, den Pegasus. Das geflügelte Pferd, das einst Blitz und Donner zu Zeus brachte (auch das passt), wurde im Mittelalter zum Dichterross, auf dessen Rücken die Poeten zum Höhenflug abhoben. Manch einer, so wird gemunkelt, fiel dabei unsanft auf den Boden – der Realität. Wer es lieber musisch als tierisch mag, dem sei dieser Klang ins Ohr gelegt: Der spielt die Äolsharfe, der hat eine dichterische Ader.

Das ist eine Binsenweisheit

Das ist nun wirklich eine Binsenwahrheit mit dieser Binsenweisheit, mag manch einer monieren, das ist allen bekannt. Zugegeben. Doch was steckt dahinter? König Midas ist es, dem Apollon nach einem verlorenen Wettstreit Esels­ohren wachsen liess. Diese verbarg er unter einem Turban und hob den Deckel, den hohen, nur mehr beim Friseur ab. Zum Schwatzen geboren, zum Schweigen verknurrt – es zerriss den armen Barbier. Als er sich nicht mehr zu helfen wusste, grub er ein Loch, steckte den Kopf hinein und prustete das Geheimnis los. Binsen wuchsen an dieser Stelle und sie raunten sich das Geheimnis zu – womit es keines mehr war. Eine Sage ists, ganz klar, eine anmutige Fama, ein schönes Gerücht.

Den Augiasstall ausmisten

Eines vorweg: Das Schweizer Parlament ist, allen Unkenrufen zum Trotz, kein Augiasstall; bei anderen Ratsstuben, etwa der italienischen, ist man sich da weniger im Klaren. Im Stall von König Augias hausten 3000 Rinder. Herkules, dieser Halbgott (nicht in Weiss), der die eine Hälfte der Eigenschaften verkörpert, die Mann gern hätte, die Kraft, bekam die Aufgabe, den seit 30 Jahren nicht mehr gereinigten Stall auszumisten. Er, ein innovativer Gesell, leitete kurzerhand zwei Flüsse durch den Stall. Aufgabe erledigt, Odyssee umschifft, Redensart erfunden: Wer den Augiasstall ausmistet, räumt gründlich auf.

Eine Philippika halten

Christoph Blocher, politisches Urgestein und SVP-Nationalrat, ist ein Meister der Philippiken, der Brand- und Kampfreden. Wer eine halten will, muss fünferlei beachten: Die Philippika muss, erstens, leidenschaftlich vorgetragen sein. In ihrer Aussage darf sie, zweitens, nicht janusköpfig, zweideutig also, sein. Gewarnt sei auch, drittens, vor epischer Breite, denn allzu ausführliche Argumentationen verlieren sich oft in sich selber. Besser also,in medias res zu gehen, schnell zur Sache zu kommen. Es ist dabei, viertens, durchaus erwünscht, sophistisch (spitzfindig) zu argumentieren, und generell gilt, fünftens: pecunia non olet, Geld stinkt nicht, der Zweck heiligt die Mittel. Wen dies alles kaltlässt, wer lieber auf die Philippinen reist, statt sich mit Philippiken rumzuschlagen, dem sei diese kurze Redensart ans Herz gelegt: Das ist mir Hekuba, das bedeutet mir nichts.

Cui bono?

Den zusehends seltener werdenden Freunden der lateinischen Sprache, der lingua latina, sei dieser Nachschlag gegönnt: «Quo vadis?» lässt sich fragen, wenn man wissen will, wohin etwas führt. Wenn man es weiss, empfiehlt sich «alea iacta est», der Würfel ist geworfen – es gibt kein Zurück. Es kann dann durchaus sein, dass «Hannibal ante portas» steht, Gefahr in Verzug ist, oder ein skeptischer Zeitgenosse fragt: «Cui bono?» – «Wer ist der Nutzniesser?» Deshalb sei dringlich gemahnt, sei dieses «Ceterum censeo» gehört: Zustände wie im alten Rom will in der Schweiz niemand, denn das wären moralisch und politisch bedenkliche Verhältnisse, und auch vor «panem et circenses», Brot und Spielen, sei gewarnt, verbergen sich dahinter doch politische Ablenkungsmanöver. Bleibt ein lateinisches Schlusswort zu setzen: Quod erat demonstrandum, was zu beweisen war. Kürzer mögens die Griechen: Heureka!, es ist geschafft!

Ein Danaergeschenk bekommen

Vorsicht vor solchen Geschenken, denn sie erweisen sich als verhängnisvolle Gaben. Die Danaer, wie Homer die Griechen in seinen Werken auch nannte, zogen los und beglückten die Menschen in Troja mit einem hölzernen Pferd. Dieses barg, man weiss oder ahnt es, keine lukullischen Genüsse, sondern kämpfende Gesellen. Das Geschenk war ein Toröffner und Siegbereiter, war ein Präsent voller Hintergedanken. Und Hintern.

Heute haben die Trojaner keine Holzplanken mehr, sind leicht, blitzschnell, und werden in Bits gewogen. Geblieben sind die offenen Münder derer, die das Geschenk entdecken: Wer ein «trojanisches Pferd», diese besonders bösartige, virale Wucherung, auf seinem Computer findet, kann nur noch die Hände verwerfen – und den IT-Spezialisten rufen.

Bin ich Krösus?

Wer Geld will, und das sind im Politzirkus bei Gott nicht wenige, und von seinem Gegenüber diese Frage, durchaus rhetorischer Natur, zu hören bekommt, darf sich die Antwort getrost selber geben: Vergiss es! Denn anders als Kroisos, jenem letzten König von Lydien, dem sagenhafter Reichtum nachgesagt wird, will oder kann der Absender des «Bin ich Krösus?»-­Aus­rufes die georderte Summe nicht berappen.

In Wolkenkuckucksheim wohnen

Ja, ja, der Kuckuck baut kein Nest und hat also, streng genommen, keine Wohnung. Den Ausdruck, den wolkig-flauschigen, schuf Arthur Schopenhauer, als er «Die Vögel» von Aristophanes übersetzte. Darin ist von einer Stadt in den Wolken die Rede, erbaut von Vögeln. Wolkenkuckucksheim eben. Wer heute in besagtem Heim angesiedelt wird, baut Luftschlösser, ist weltfremd, schwebt in den Wolken. Vielleicht auf Wolke sieben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.05.2013, 08:48 Uhr

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