Worüber Feministinnen streiten

Seit der Feminismus im Mainstream angekommen ist, wird mit harten Bandagen über die politische Deutungshoheit gestritten. Dabei ist es ein gutes Zeichen, wenn sich nicht alle einig sind.

Feminismus ist keine Charity-Aktion für alle Unterdrückten dieser Welt: Demonstration für die russische Frauen-Punk-Band Pussy Riot in Berlin. Foto: Okapia

Feminismus ist keine Charity-Aktion für alle Unterdrückten dieser Welt: Demonstration für die russische Frauen-Punk-Band Pussy Riot in Berlin. Foto: Okapia

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Die Gratiszeitung «20 Minuten» gilt nicht eben als Speerspitze gesellschaftspolitischer Debatten. Trotzdem widmete sie einem angeblichen «Feministen-Zoff» vergangene Woche eine Doppelseite. Über handfeste Auseinandersetzungen wurde nicht berichtet, dafür legte das Blatt die verschiedenen Positionen zur Burkainitiative aus, über die in der Schweiz bald abgestimmt wird. Und das bemerkenswert differenziert. Es ist tatsächlich ein kontroverses Thema, welches das Lager der Feministinnen spaltet. Die einen wollen die Burka verbieten – als Symbol des politischen, extremistischen Islam, der Frauen mental und physisch unterdrücke. Die andere Seite argumentiert, es widerspreche dem liberalen Gedanken, Frauen Kleidervorschriften machen zu wollen. Das Burkaverbot sei ein Ausdruck von Islamophobie und Rassismus gegenüber einer ohnehin schon marginalisierten Gruppe.

Das hat mit «Zoff» etwa so viel zu tun, wie eine Bundesratssitzung mit Gruppensex – schliesslich sind sich auch Feministinnen nicht immer einig. Wie könnten sie auch; Feminismus ist so sehr Mainstream geworden, er kann alles Mögliche sein. Er wird auf T-Shirts gefeiert, in Magazinen, in der Pausenshow der Superbowl, auf Bestsellerlisten, in Schulen und an der Uni. Der Terminus hat auch seine abwertende Färbung verloren, im Gegenteil. Im Streit um die Deutungshoheit wird nun zwischen richtigen und falschen Feministinnen unterschieden, was unschön ist. Denn es bedeutet, dass man die eigenen politischen Interessen höher wertet als den gemeinsamen Kampf um Gleichstellung. Dass man inhaltliche Differenzen nicht aushält und andere politische Positionen lieber ausschliesst, als nach Gemeinsamkeiten sucht. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Burkafrage.

Rassistische Süssigkeiten

Und zwar nicht nur in der Schweiz. Wer wirklich Feministinnen-Zoff sehen will, muss nach Deutschland blicken, wo in den Feuilletons seit Wochen um politische Differenzen und persönliche Animosi­täten gestritten wird. Von Verleumdung und Rufmord war da die Rede, von Opferkonkurrenz, autoritären Denkverboten und feministischem Rassismus. Auch in diesem Streit zeigen sich die Differenzen besonders deutlich bei den Themen Migration, Burka und Islamismus – es ist die Sollbruchstelle des gegenwärtigen Feminismus.

Allerdings entzündete sich der deutsche Streit nicht an der Burka, sondern am anderen Ende der Skala. Auslöser war eine kleine Aufsatzsammlung mit dem Titel «Beissreflexe», herausgegeben von der Berliner «Polittunte» Patsy L’Amour LaLove. Das Büchlein kritisierte den queerfeministischen Aktivismus neueren Datums und seine mehr oder weniger absurden Auswüchse.

Patsy L’Amour LaLove: Ist eine queerfeministische Aktivistin und Geschlechtsforscherin. Sie organisiert thematische Salons, Vorträge und Shows. Als Herausgeberin der umstrittenen Aufsatzsammlung «Beissreflexe» meldete sie sich in der Kontroverse verschiedentlich zu Wort. Bild: PD

Um das zu verstehen, muss man sich kurz vor Augen halten, worum es bei Genderstudies geht. Anfang der Neunzigerjahre erweiterte die amerikanischen Philosophin Judith Butler die Idee der Gleichstellung um das Konzept «Gender». Gemeint ist damit, dass Geschlechterrollen uns nicht natürlich zufallen, sondern angelernt sind. Und dass sich die Geschlechter auch nicht nur in Mann und Frau aufteilen lassen, sondern viele Facetten haben. Unterdrückt würden zudem auch nicht nur Frauen; sondern auch andere Minderheiten. Deshalb müsse man alle hierarchischen und patriarchalen Verhältnisse hinterfragen; also auch zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen oder zwischen Klassen und so weiter. Hauptgedanke war, andere in ihrem Anderssein zu akzeptieren und sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden.

Judith Butler: Die amerikanische Philosophin gilt als Begründerin der Gender- und Queerstudies. Dort wird die bestehende Geschlechterordnung und pauschale Einteilung in Männer und Frauen kritisiert, Genauso wichtig seien ethnische oder kulturelle Merkmale. Bild: AP Photo/dapd/ Thomas Lohnes

Diese Ideen, einst ein revolutionäres Instrument, um Normen wie Heterosexualität und bürgerliche Kleinfamilie infrage zu stellen, hätten sich unterdessen im linken Milieu der Genderwissenschaften pervertiert, so lautet die Kritik. Viele Studenten und AktivistInnen wachten heute mit der Mentalität eines Abwarts darüber, wer wie anders sei und ob das Anderssein auch moralisch tadellos respektiert werde. Dadurch sei ein autoritärer Kult voller Denk- und Sprechverbote entstanden. Denn wer erst mal sensibilisiert ist, sieht auch in harmlosen Gesten, Ausdrücken oder Fragen patriarchale Gewalt oder Rassismus am Werk. Sei das nun, dass man den Veranstaltern eines deutschen Techno­festivals vorwirft, sie seien Rassisten, weil dort «Black and brown Food» serviert wird. Sei das, dass der Drummer einer Punkband auf einem Konzert sein T-Shirt auszieht, worauf es zum Aufstand feministischer Aktivistinnen kommt, die darin einen Akt aggressiver Männlichkeit sehen. Oder sei das die jüngste Diskussion um Mohrenköpfe in der Schweiz. Angezettelt vom «Komitee gegen rassistische Süssigkeiten», entfachte dieses eine epische Debatte um den Ausdruck «Mohrenkopf». Kritik an solch überbordender Korrektheit wird gern mit unverständlichem Fachjargon gekontert. Oder dem Hinweis, der andere sei nicht qualifiziert, um mitreden zu können. Oder sie fürchte um ihre eigenen Privilegien. Überhaupt ist das Wort «Privilegien» zum Kampfbegriff geworden, der sich gegen beliebige Feinde einsetzen lässt.

Wie in der geschützten Werkstatt

Die Schutzmentalität gegen unliebsame intellektuelle Inhalte findet ihren extremsten Ausdruck in den in den USA und Deutschland neu eingerichteten universitären Safe-Spaces. Dort sollen Marginalisierte wie in einer geschützten Werkstatt vor sogenannten Mikroaggressionen bewahrt werden, die das Leid einer Diskriminierungserfahrung erneut auslösen könnten. Doch so findet keine Auseinandersetzung statt.

Die Essaysammlung wurde sehr kontrovers diskutiert. Auch Alice Schwarzer druckte in ihrer «Emma» einen der Aufsätze ab, in dem Butler und ihre Genderstudies mit harschen Worten als gesellschaftlich wirkungslos, umständlich und kontraproduktiv attackiert wurden. Judith Butler schoss daraufhin in der «Zeit» zurück. Unter dem Titel «Der Rufmord» griff sie Schwarzer direkt an, attestierte ihr eine «Grammatik der Härte», eine «rohe Bürgerlichkeit» und «Trumpism». Gemeint ist damit, wenn jemand glaubt, sagen zu können, was immer er will, wie verletzend es auch sei und egal, ob es wahr ist oder nicht. Schwarzer nehme Allianzen mit Kräften in Kauf, die einen selbst vernichten wollen. Mit diesen Kräften sind selbstverständlich jene reaktionären Elemente gemeint, welche mit dem Wahlsieg der AfD nun im deutschen Bundestag sitzen. Es ist in Feministinnenkreisen wohl der Maximalvorwurf, und selbst wenn sich Schwarzer von solchen Kräften wiederholt distanziert hat, taucht der Vorwurf immer wieder auf.

Alice Schwarzer: Die wichtigste deutsche Feministin kritisierte den Islam schon 1970 als frauenfeindlich. Nach der Kölner Silvesternacht kam sie von Queerfeministinnen unter Beschuss, die sie wegen ihrer klaren Schuldzuweisung als rassistisch beschimpften. Bild: Keystone/Henning Kaiser

Der Feminismus ist überall

Damit sind wir wieder an der Sollbruchstelle des Feministinnenstreits angelangt. Nicht erst seit der Kölner Silvesternacht haben sich Alice Schwarzer und andere Feministinnen vehement gegen importierte Frauenfeindlichkeit gewehrt, die durch Migration und Entwurzelungserfahrungen vieler junger Männer auch in Europa an Boden gewinnt. Wenn Schwarzer von einem «fatalen Gebräu aus patriarchaler Tradition und fundamentalistischem Islam» spricht, dann geht es ihr um den Schutz von Schwächeren, seien das nun Frauen oder Minderheiten wie Schwule, Lesben und Trans*, die dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Butler aber sieht in Schwarzers klaren Worten Rassismus und Islamophobie am Werk. Sie hat die Burka noch Mitte der Nullerjahre als «Übung in Bescheidenheit und Stolz» verteidigt. Und die betroffenen Frauen in Köln waren vornehmlich weiss und privilegiert, während man die Täter auch als Opfer komplizierter Hierarchien betrachten kann. Und so landet man schliesslich bei der Opferkonkurrenz und damit bei der Frage, wie sich das eine Leiden gegen das andere aufwiegen lässt.

Burkadiskussion steht uns noch bevor

Dem Streit liegt letztlich etwas Positives zugrunde. Nämlich dass der Feminismus oder eher seine grundlegendsten Anliegen mehrheitsfähig sind. Das heisst aber auch, es gibt einen Kampf um Deutungshoheit. Muss der «wahre Feminismus» leisten, was Butler fordert: nachdenken darüber, auf wie viele Weisen sich patriarchale Verhältnisse und Hindernisse manifestieren – und den Kampf gegen diese Kräfte «rücksichtsloser Zerstörung»? Oder finden wir den wahren Feminismus eher bei Alice Schwarzer mit ihrem klar strukturierten Weltbild, wo es um universale Menschenrechte geht, die unabhängig vom jeweiligen Kontext gelten sollen? Auf die Burka gemünzt stellt sich die Frage dann folgendermassen: Darf man einer Muslimin verbieten, eine Burka zu tragen, selbst wenn sie sich aus freien Stücken dafür entscheidet? Was ist höher zu gewichten, das Recht dieser Frauen, sich auch in ein Symbol der Frauenunterdrückung zu hüllen – oder das Recht der Gesellschaft mit ihrem Anspruch auf Integration und Transparenz?

«Symbol der Unterdrückung»: Die einen wollen es verbieten, die anderen wehren sich gegen Kleidervorschriften für Frauen. Bild: Lars Moereels

Die Burkadiskussion steht uns in der Schweiz noch bevor. Absehbar ist bereits jetzt, dass man Feministinnen, die sich für das Burkaverbot aussprechen, die feministische Gesinnung absprechen wird. Man wird darauf verweisen, dass man mit der Forderung nach einem Burkaverbot auf der falschen Seite stehe. Bei den Patriarchen, Sexisten und Rassisten, die jede Feministin scheuen müsste wie der Teufel das Weihwasser.

Doch trifft das zu? Vielleicht wäre es an der Zeit anzuerkennen, dass der Feminismus als Bewegung zu divers ist, als von einer politische Fraktion allein besetzt zu werden. Denn auch dass mit Alice Weidel eine lesbische Frau zur Spitze der AfD gehört, hat mit Feminismus zu tun. Feminismus beschränkt sich nicht auf Empörungskultur und Opferkult, er ist keine Charity-Aktion für alle Unterdrückten dieser Welt. Und auch wenn die Linken sich am meisten um die Bewegung verdient gemacht haben, garantiert ihnen dies kein Alleinanspruch. Im Gegenteil sollte man dankbar sein für die politischen Differenzen – sie sind ein Gradmesser dafür, wie weit wir in diesen Fragen schon gekommen sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2017, 20:34 Uhr

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