Hintergrund

Würstchen gegen Narzissmus

Im Netz hat sich diesen Sommer ein verrückter Hype um skurrile Bilder entwickelt. Die Selbstporträts zeigen aber keine Gesichter, sondern Oberschenkel. Meistens jedenfalls.

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Wer keine Ferienbilder ins Netz stellt, der war gar nicht wirklich weg. Das könnte man meinen, wenn man die Timeline von Twitter und Facebook der letzten Wochen studiert. Der kristallklare Bergsee, Fische an Angelhaken, Schwimmnudelplausch auf Ibiza, alles durch den Retrofilter aufgehipstert – immer. Durch die Sommermonate mutieren die sozialen Medien ungebeten zu öffentlichen Fotoalben. Man nennt sie Selfies, die mehrheitlich jungen Menschen, die Selbstporträts ins Netz stellen. (Lesen Sie auch: «Mit den Friends in der Umkleidekabine»)

Die Verbreitung der Smartphones hat einen regelrechten Boom an fotografischem Narzissmus ausgelöst. Fotoblogs geben Tipps für die perfekte Darstellung des eigenen, virtuellen Ichs. Sozusagen die Königin unter den Selfies ist der amerikanische Popstar Rihanna. «Klar ist es narzisstisch», sagt diese über die Schnappschüsse, auf denen sie sich halb nackt und lasziv räkelt, «aber hey, was solls – jeder macht das.» (Lesen Sie auch: «Die Sache mit der Körpersprache»)

Beine oder Würstchen? Das ist hier die Frage

Besonders beliebt sind dieses Jahr nackte Beine, egal ob im Liegestuhl, auf dem Strandtuch oder im Fussballstadion. Wer genug von diesem Ferienspam hat, aufgepasst. Auf der Blogging-Plattform Tumblr nehmen seit einigen Tagen Tausende den Sommertrend auf die Schippe. Den Bloggern ist nämlich die frappante Ähnlichkeit zwischen Beinen und Würstchen aufgefallen. Man nehme ein Paar Wienerli und ein Smartphone. Die Würstli werden wahlweise am Strand, Pool oder an einem anderen Gewässer inszeniert und fotografiert und auf der Site gepostet. Braun gebrannte Beine oder knackige Würstchen? Das ist hier die Frage und meist gar nicht so genau auseinanderzuhalten. Übrigens gibt es seit kurzem auch eine eigene Facebook-Gruppe (Hot-Dog Legs). Der Hype um die skurrilen Bilder ist in den letzten Tagen um die Welt gegangen. Via Twitter hat unter anderem das «New York Magazine» seine Follower auf den Blog aufmerksam gemacht. (Lesen Sie auch: «Im Netz der Klischees»)

Selbstporträts haben in der Kunst eine lange Tradition

Der Trend um Hot-Dog Legs ist die Antwort auf den zunehmenden Drang der Selbstdarstellung. In der Kunst wird dies schon lange praktiziert. So sind etwa die Selbstporträts von Pipilotti Rist ein Kassenschlager, aber auch schon der Maler Vincent van Gogh malte sich selbst. Mit einem dicken Verband um den Kopf und Pfeife im Mund, nachdem er sich im Absinth-Rausch einen Teil seines linken Ohrs abgeschnitten hatte. Was sich aber seither verändert hat, ist die mögliche Reichweite, welche die Selbstbildnisse durch das Internet erreichen. Denn «privat» gibt es hier nicht. Jeder kann seinen Exhibitionismus nach Belieben ausleben. Kann die intimsten Stellen und Geheimnisse vor der Öffentlichkeit ausbreiten. Der ausgestreckte Arm mit dem Smartphone in der Hand ist dabei immer das Erkennungszeichen der Selfies-Jünger. Die Bilder sollen dabei aussehen wie Schnappschüsse, sind aber gestellt.

Narzissmus, die Heimat der Digital Natives

Die beiden Zürcher Fotografen Rico Scagliola und Michael Meier nahmen während zweieinhalb Jahren Jugendliche auf. Der Bildband «Neue Menschen» gibt Einblick in das dabei entstandene Archiv. Jugendliche von heute stellen die erste Generation dar, die mit den Bildwelten des Internets gross geworden ist. Selbstdarstellungsplattformen wie Myspace und Facebook sind für sie eine Selbstverständlichkeit, sie wissen von früh auf, sich in Bildern zu inszenieren. Meier und Scagliola nutzten diese Fähigkeit der Jugendlichen und integrierten die Bilder und Fantasien, die sie projizieren, in ihren Bildkosmos. Dokument und Inszenierung werden eins. So geben sie einen Einblick in eine Welt, in der sich Bilder und Leben immer enger verzahnen – die Heimat der Digital Natives. Dort finden die klassischen Themen, welche Jugendliche umtreiben, einen Ausdruck: Sex und Sehnsucht, Ideal und Wirklichkeit, Schönheit und Abgrund. Mit ihren Bildern hinterfragen die Fotografen aber auch das Selbstverständnis der Internetgeneration.

Auf eine etwas skurrilere Art tut dies auch der Internethype um Beine und Würstchen – und bietet dabei eine amüsante Alternative zu den drei Lieblingsmodellen der Selfie-Generation: «me, myself and I».

Erstellt: 22.08.2013, 11:01 Uhr

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