Wüstes Brauchtum

Maibaum, Banntag, Sechseläuten: Traditionen sind beliebt. Dass sie sich nicht immer mit zeitgemässen Vorstellungen von Tierschutz und Toleranz vertragen, ist ihr Reiz und ihr Fluch.

Darf man im 21. Jahrhundert noch mit toten Tieren spielen? Gansabhauet in Sursee LU, 11. November 2013. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Darf man im 21. Jahrhundert noch mit toten Tieren spielen? Gansabhauet in Sursee LU, 11. November 2013. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Der Autopsiebericht war tröstlich. Das letzte Woche am Zürcher Sechseläuten verendete Pferd ist an einer Herzrhythmusstörung gestorben, im reifen Alter von 24 Jahren. Stress durch den Festanlass könne «mit grosser Wahrscheinlichkeit» als Todesursache ausgeschlossen werden, sagte der Notfalltierarzt der Presse. «Vermutlich war seine Zeit einfach abgelaufen.»

Tierschützer wird das nicht versöhnen. Der Tod des Reittiers hat Kritik am Zug der Zünfte laut werden lassen: Müssen die Zürcher Biedermeier wirklich auch im 21. Jahrhundert noch auf echten Pferden um ihren brennenden Schneemann jagen? Den meisten Teilnehmern fehle heute der Bezug zum Tier. Von «Gaudireitern» war die Rede, die unerfahren und angesoffen in den Sätteln sässen, ihre Mietpferde traktierten. Dass viele der Tiere für den Anlass routinemässig sediert würden, müsse sicher stutzig machen, findet Hans-Ulrich Huber, der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes: «Wenn das Ross dem Fest angepasst wird statt umgekehrt, läuft etwas falsch.» Auch die schönste Tradition rechtfertige keine Tierquälerei.

Es ist vertrackt: Bräuche und Rituale sind begehrt wie lange nicht mehr, geraten aber vermehrt unter Beschuss. Sie verzaubern, weil sie noch aus wilder Zeit zu stammen scheinen – und sie irritieren, aus demselben Grund. Herrlich, wenn man an einem Schwing- oder Winzerfest für ein paar Stunden vergessen kann, was für ein gut dressierter Büromensch der Gegenwart man ist. Störend aber, wenn die dabei zum Einsatz kommenden Masken, Lieder, Spiele frauenfeindlich sind, rassistisch oder brutal zu Tieren. Ein Dilemma: Das Urwüchsige wird gesucht, aber stinken darf es nicht.

Des Mannes Vorderlader

Das Problem stellt sich nicht nur auf dem Zürcher Sechseläutenplatz. In Liestal BL ist nächsten Monat wieder Banntag. Wie immer vor Auffahrt werden die Männer mit Hut und Vorderlader ausziehen und die Gemeindegrenze abschreiten. Sie tun dies seit dem Spätmittelalter, in vier Rotten. Einst ging es um die Prüfung der Grenzsteine, welche Spitzbuben aus den Nachbarorten gern versetzten. Heute ist der Banntag eine Wanderung mit anschliessender Pintenkehr, ein gemeinschaftsbildendes Ritual für Alteingesessene und «Tschamauchen», Zugezogene. Aber eben: nur für Männer.

«Ein schwarzer Tag für die Gleichheit von Mann und Frau», klagte die Juso Baselland letztes Jahr. Solche Diskriminierung sei im 21. Jahrhundert nicht mehr haltbar – Tradition hin oder her. Und Liestal diskutierte, was wichtiger sei: der unversehrte Brauch oder die veränderte Welt darum herum?

Ärger gewohnt ist man in Sursee LU. Über die Gansabhauet zu Martini regen sich Tierschützer jeden November verlässlich auf. Bei dem Volksfest versucht ein Schläger, einer Gans den Kopf mit einem stumpfen Dragonersäbel vom Leib zu hauen – blind, nach einem Glas Wein und mehreren Drehungen um die eigene Achse. Tausende verfolgen das Spektakel auf dem Rathausplatz.

Wer den Hals des Tiers mit einem Hieb durchtrennt, darf es mit nach Hause nehmen und essen. Wohl auch deshalb ist die verwendete Gans von Anfang an tot, alles andere wäre unpraktisch. «Eine lebend geköpfte Gans könnte man nicht sofort zubereiten, die müsste erst abhangen und ausbluten», sagt Stadtarchivar Michael Blatter. Auch die ältesten erhaltenen Beschreibungen der Gansabhauet aus dem 19. Jahrhundert enthalten keine Hinweise auf eine lebendige Gans.

Beschwerden gibt es trotzdem. Das Spiel mit toten Tieren sei schändlich, heisst es, ein Überbleibsel aus primitiver Zeit. Und wer Freude daran habe, einen geschundenen Vogelkörper zu verspeisen, sei nicht normal. Verteidiger des Brauchs dagegen finden, die Gansabhauet führe vor Augen, woher unsere Nahrung stamme: Wer sich am Köpfen einer Gans störe, habe vergessen, dass das Fleisch nicht im Kühlregal wachse. Zudem zeuge der Wettstreit vom Wert, den die Gans für unsere bäuerlichen Vorfahren hatte. Am Martinstag wurden früher die Zehnten abgeliefert, traf man sich noch einmal vor dem Winter.

Spiele um die Gans finden sich in ganz Europa. Auch das macht Brauchtum; es bewahrt Erinnerung. Auch an fremde und befremdliche Zeiten, sagt Archivar Michael Blatter: «Jede Generation muss selbst entscheiden, ob sie eine Tradition weiterführt, verändert oder aber bewusst darauf verzichtet.» Solange in Sursee Schlägerinnen und Schläger eine Gans gewinnen wollten und das Publikum dabei sei, werde die Gansabhauet wohl weitergehen.

Weder Banntag, Gansabhauet noch Sechseläuten stehen auf der Liste des immateriellen Kulturguts, die der Bundesrat letztes Jahr bei der Unesco eingereicht hat. Vielleicht ist das besser so, denn mit kontroversem Brauchtum tut sich die Unesco schwer. Traditionen, welche die Menschenrechtskonvention verletzen, verbittet sie sich etwa ausdrücklich. «Deshalb kann die Genitalverstümmelung niemals Weltkulturerbe werden, auch wenn sie für gewisse Gesellschaften eine wichtige Tradition ist», sagt Ellen Hertz, Professorin für Ethnologie an der Universität Neuenburg.

«Harmlose, schöne Sachen»

Auch in weniger krassen Fällen ist die ­Unesco zurückhaltend. Ein politisch umstrittenes Fest, etwa von Armeniern in der Türkei: lieber nicht. Tierschützerisch Fragwürdiges wie der Stierkampf in Spanien: unwahrscheinlich. Egal, was man von Traditionen halte: der Kulturbegriff der Unesco sei restriktiv, sagt Hertz. «Man will harmlose, schöne Sachen.»

Brauchtum aber kann hässlich sein. In den Niederlanden wird seit Jahren heftig über den Zwarte Piet diskutiert, den holländischen Schmutzli, der in der Adventszeit den Sinterklaas begleitet, mit schwarz geschminktem Gesicht und in blöd serviler Pagenuniformen. Ein unrühmliches Erbe der Kolonialzeit, rassistisch, sagen nicht nur dunkelhäutige Einwanderer. Heiss geliebtes Brauchtum, Teil unserer Identität, sagen viele Holländer. Kultur schafft nicht nur Gemeinschaft, sie grenzt auch aus. Beides geht Hand in Hand.

In der Schweiz wird Brauchtum gern als etwas unkompliziert Schönes wahrgenommen. «Wenn es einmal wüst wird, tun alle ganz überrascht», sagt Konrad Kuhn vom Seminar für Kulturwissenschaft der Universität Basel.

In Roggwil BE hat eine Maibaum-Aktion vor zehn Jahren für Aufsehen gesorgt. Traditionsgemäss richten die jungen Männer am ersten Mai eine Tanne auf, auf der die Namen der Mädchen angebracht sind, die im laufenden Jahr volljährig werden. 2005 aber fehlten die Namen der ausländischen und kürzlich eingebürgerten Frauen. Dafür wehte die Schweizer Fahne. Das sorgte weitherum für Empörung: Hier werde ein Brauch von Rechtsradikalen missbraucht. Tatsächlich, sagt Kuhn, hätten solche Bräuche immer schon gedemütigt und ausgeschlossen: «Früher konnte ein Mädchen etwa einen Schand-Maien vor seinem Haus finden.» Brauchtum ist nicht nett.

Was zu sperrig ist, wird korrigiert. «Bräuche verändern sich», sagt der Kulturwissenschaftler Kuhn. Das schade ­ihnen nicht, im Gegenteil: «Gerade weil Traditionen sich an neue Zeiten und Bedürfnisse anpassen, bleiben sie relevant und am Leben.»

Im Falle des Zürcher Sechseläutens kann er sich vorstellen, dass man die Zahl der Reiter verringere oder die Pferde zu Fuss um den Böögg führe. Ethnologin Ellen Hertz sähe auch kein Problem darin, die Tiere ganz durch Zünfter im Pferdekostüm zu ersetzen: «Vielleicht gewänne der Anlass so für manche Zuschauer noch an Attraktivität?»

Beim Zentralkomitee der Zünfte Zürichs reagiert man wenig begeistert. «So etwas kann nur sagen, wer das Sechseläuten nicht kennt», sagt Sprecher Andreas Weidmann. Natürlich verändere sich das Fest immer wieder, etwa wegen einer neuen Verkehrsführung oder wegen des vor zwei Jahren verlegten Valser Quarzits. Am Ritt um den Böögg aber gebe es nichts zu rütteln, das sei der Höhepunkt des Anlasses: «Es wäre nicht mehr dasselbe ohne.» Die Zünfte, sagt Weidmann, nähmen den Tierschutz ernst und hätten sich auch dieses Jahr nichts vorzuwerfen. «Es wäre falsch, jedem Druck einfach nachzugeben.»

Nicht immer ist die Modernisierung eines Brauchs erfolgreich. Man kann eine Tradition abwürgen, indem man ihr die Zähne zieht. Am Gymnasium Denis-de-Rougement in Neuenburg gab es lange Jahre ein eher unsanftes Initiationsritual für neue Schüler. Erstklässler wurden von den älteren Buben in einen Busch gezerrt und dort geschoren. «Es war nicht besonders gewalttätig, aber viele Schüler und Eltern mochten es nicht», sagt die Ethnologin Hertz.

Wegen anhaltender Beschwerden wandelte die Schule den Brauch 2004 in eine sichere, kontrollierte Veranstaltung um. Buben (und neu auch Mädchen) konnten sich freiwillig für eine öffentliche Neulingsrasur melden, eine Art Coiffeursalon wurde eingerichtet. «Natürlich erlosch dann alles Interesse», sagt Hertz. Risiko, das Spiel mit Grenze und Gefahr, macht viele Bräuche eben aus.

Fischewerfen geht weiter

Manchmal aber funktioniert es. Dass im spanischen Manganeses de la Polvorosa keine echte Ziege mehr vom Kirchturm geworfen wird, sondern eine Puppe, wird verkraftet. Und dass der Berner Bärengraben zum artgerechteren Bärenpark umgemodelt wird, löst kaum Proteste aus. Letztlich schätze es heute die Mehrheit der Bevölkerung, wenn ein Brauch tierfreundlich stattfinde, sagt Hans-Ulrich Huber vom Schweizer Tierschutz. In den letzten 30 Jahren habe sich der Bezug zum Tier stark gewandelt, sei die Öffentlichkeit empfindlicher geworden. «Ich bin mir sicher, dass auch das Sechseläuten sich über kurz oder lang verändern wird.»

Problematisch ist, wenn Modernisierung angeordnet wird. «Dann regt sich sofort Widerstand, schliessen sich die Reihen», sagt der Konrad Kuhn. In der Frage, ob Frauen am Sechseläuten mitmarschieren dürfen, sei nach gehäufter Kritik von aussen eine Art «Blockade» bei den Zünftern entstanden.

Der Wandel sei nur dann nachhaltig, wenn er aus dem Innern der Festgemeinde komme. So wie beim Zwarte Piet in Holland, wo jetzt vermehrt käsegelbe Gegenpiets auf den Plan treten. Oder beim Banntag in Liestal, wo sich eine fünfte Protestrotte formierte. Oder beim Roggwiler Maibaum, wo zwei junge Frauen aus Protest ihre Namen von der Tanne strichen und deshalb für den Prix Courage nominiert wurden. Brauchtum mobilisiert.

Auch am Sechseläuten tut sich etwas. Der Tierschutzbund Zürich meldet zufrieden, sein Protest vom letzten Jahr habe Wirkung gezeigt: Die Zunft zur Schiffleuten habe letzte Woche im Umzug auf ihr grausames Fischewerfen verzichtet – und Fische aus Schaumstoff verwendet. «Gratuliere, Zunft zur Schiffleuten, und danke für das Einlenken.»

Zunftmeister Peter Neuenschwander kichert. Die Schaumstofffischli seien schon seit 12 Jahren im Einsatz – bei den Kindern. Daneben aber habe man auch heuer wieder echte Fische geworfen, Schwalen. «Etwas weniger als früher, aber trotzdem.» Der Brauch sei wertvoll, erinnere an die Almosen der Zünfte. Die Fische seien gekühlt, also essbar. Grund zum Aufhören gebe es nicht: «Die Leute hatten auch dieses Jahr wieder eine Riesenfreude.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 07:18 Uhr

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