«Xhaka wäre früher einfach ignoriert worden»

Was heisst es, Schweizer zu sein? Allein der Streit um diese Frage ist für Kijan Espahangizi ein gutes Zeichen. Weshalb, erklärt der Historiker im Interview.

«Dass wir heute bei jeder Gelegenheit um Zugehörigkeit streiten, ist ein Zeichen für gelingende Integration»: Granit Xhaka löste mit seinem Doppeladler-Jubel eine Debatte um Zugehörigkeit aus. Foto: Keystone

«Dass wir heute bei jeder Gelegenheit um Zugehörigkeit streiten, ist ein Zeichen für gelingende Integration»: Granit Xhaka löste mit seinem Doppeladler-Jubel eine Debatte um Zugehörigkeit aus. Foto: Keystone Bild: Keystone

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Spanien nimmt mehr Flüchtende auf, seit sich Italien abriegelt. Dabei zeigt sich das alte Migrationsdilemma zwischen Ideal – alle aufnehmen – und Pragmatismus: logistische Grenzen, politischer Widerstand.
Die Aufnahme von Flüchtlingen ist ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der sich die meisten europäischen Länder abschotten. Der Schweiz würde ein solches Signal auch gut zu Gesicht stehen. Doch solange sich die Länder im Wettrüsten gegen Flüchtlinge überbieten, anstatt eine internationale solidarische Antwort zu finden, werden solche Signale allein nicht ausreichen. Das eigentliche Dilemma ist doch, dass Migration und Flucht globale Herausforderungen sind, während die Politik vor allem den nationalen Vorgarten beackert.

Leidet die Linke an Solidaritätsschwund? An Jahrzehnten neoliberaler Vereinzelung, der Verwandlung der Bürger in Ich-AGs?
Die Willkommenskultur wurde in der öffentlichen Debatte allzu rasch als Kurzzeitphänomen des Sommers 2015 abgetan. Dabei ist das private Engagement im Alltag weiterhin gross, wie etwa die Studien von Serhat Karakayali zeigen. Die Medien sind für diese verzerrte Wahrnehmung mitverantwortlich.

Es kommen derzeit weniger Menschen nach Europa als in den letzten Jahren. Zugleich werden die Migrationsdebatten immer hitziger. Warum?
Die Geschichte zeigt, dass Zahlen nicht automatisch den Erregungszustand einer Gesellschaft bestimmen. Wichtiger ist, mit welchen Vorstellungen sie verbunden werden. Ein Schweizer Beispiel: Anfang der 1980er wurden Tausende Flüchtlinge aus Indochina willkommen geheissen. Sie passten als Opfer von Kommunisten in das humanitäre Schema der Schweiz im Kalten Krieg. Wenige Monate später flüchteten, in kleinerer Zahl, Tamilen und Türken in die Schweiz und wurden sofort mit rassistischen Zuschreibungen in Medien konfrontiert. Das hat natürlich massive Auswirkungen auf Integrationschancen.

Hat Europa eine Bringschuld gegenüber Afrika, weil es den Kontinent früher versklavt hat?
Es ist in der Tat wichtig, dass hier eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfindet. Historisches Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber man kann daraus lernen: etwa über die Ursachen globaler Armut, rassistischer Vorstellungen und auch des Syrien-Krieges. Hier gilt es, Mitverantwortung zu übernehmen. Doch die Geschichte ist komplexer als Europa hier, Kolonisierte dort: War das Arbeiterkind im Zürcher Oberland mitschuldig, das im 19. Jahrhundert in einer Fabrik schuften musste, während die reichen Herrschaften in Zürich, Bern und anderswo vom Kolonialhandel profitierten? Was ist mit den lokalen Eliten, die gemeinsame Sache machten mit den Kolonialherren, etwa auch im Sklavenhandel? Und besteht Europa heute denn nicht auch aus vielen Menschen, deren Familien aus ehemaligen Kolonien stammen? Eine undifferenzierte Schuldzuweisung trägt nichts zur Lösung heutiger Probleme bei. Geschichtsvergessenheit aber auch nicht.

Auch wenn weniger kommen, werden die Debatten hitziger: Migranten an der spanischen Küste. Bild: John Nazca (Reuters) Bild: Keystone

Wie beeinflussen sich die so unterschiedlichen Debatten über flüchtende Afrikaner, Özil und den Doppeladler?
Die Schwierigkeit ist doch, dass sich in diesen aufgeheizten medialen Debatten so viele unterschiedliche Dinge verknoten. Jeder pickt sich raus, was ihm wichtig oder opportun erscheint. Was sich sicher durch die Debatten zieht, ist die Frage nach Zugehörigkeit in Migrationsgesellschaften wie der Schweizer oder der deutschen: Wer sind wir, wer gehört dazu und wer nicht? Flüchtlinge werden hier häufig als «die anderen» dargestellt. Dabei wird verdrängt, dass sehr viele Schweizer heute selbst eine Fluchtgeschichte haben und dass die Flüchtlinge von heute die Mitbürger von morgen sein werden. Auch die in die Schweiz geflüchteten Eritreer und deren Kinder werden schon bald mit Fragen der Mehrfachidentität konfrontiert sein, so wie die Schweiz-Albaner heute. Man kann zum Doppeladler stehen, wie man will, die Tatsache, dass wir heute darüber streiten, was es heisst, Schweizer oder Schweizerin zu sein, ist ein gutes Zeichen.

Wie das?
Wir haben ein kurzes Gedächtnis. Vor dreissig Jahren wurde noch ganz anders über das Schweizersein gesprochen. Es war ein Monolog der Alteingesessenen. Heute sitzen längst auch Bürger mit Migrationshintergrund am Tisch und äussern selbstbewusst ihre Ansprüche auf Teilhabe. Früher wäre jemand wie Xhaka einfach ignoriert worden. Diese Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen. Ermöglicht haben das Vorstösse und soziale Kämpfe, die teils Jahrzehnte zurückliegen. Denken wir etwa an die leider weitgehend vergessene «Mitenand»-Initiative von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, die zwar eine Abstimmung verlor, aber in den 1970ern und 1980ern viele Türen geöffnet hat. Anstatt die mediale Eskalationsspirale mitzumachen, würde ich der Einschätzung des deutschen Politikwissenschaftlers Aladin El-Mafaalani folgen: Dass wir heute bei jeder Gelegenheit um Zugehörigkeit streiten, ist ein Zeichen für gelingende Integration. Wir alle sind am Üben, sozusagen. Und einige haben offensichtlich Mühe. Diese Deutung nimmt Panikmachern und Spaltern den Wind aus den Segeln.

Unter dem Hashtag #MeTwo werden dieser Tage Rassismus-Erlebnisse auf Social Media geteilt. Haben Sie sich erkannt?
Selbstverständlich. An meinem ersten Schultag in Deutschland dachte ich, ich sei ein Kind wie alle anderen. Dann kamen Mitschüler zu mir nach Hause, weil sie meinen deutschen Pass sehen wollten. Sie wollten nicht glauben, dass jemand mit meinem Namen und Aussehen Deutscher sein kann. Und das ist nur ein Beispiel unter Tausenden, die mich geprägt haben.

Was nützt #MeTwo?
Falsche Frage. Wir sollten – eine Erkenntnis der vorangegangenen #MeToo-Debatte – nun erst mal die Wut und die Verletzungen, die hier zum Ausdruck kommen, zur Kenntnis nehmen. Erst mal zuhören und nicht urteilen. Offensichtlich gibt es nicht erst seit dem jüngsten Rechtsruck in Europa Rassismus. Dass immer wieder ähnliche Erfahrungen gemacht werden, zeigt ja gerade, dass es sich um ein nachhaltigeres strukturelles Problem handelt und nicht nur um subjektive Empfindlichkeit.

Zuhören. Und dann?
Wie gesagt, Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. Aber wenn man diese Rassismuserfahrungen endlich ernst nehmen würde, bestünde die Chance, andere Weichen für die Zukunft zu legen. Wie gesagt, Zugehörigkeit muss neu gedacht werden, auf rechtlicher und symbolischer Ebene: Man kann heissen wie ich, eine dunkle Hautfarbe haben, mehrere Pässe haben und trotzdem Schweizer sein. Werden diese Stimmen jedoch weiter ignoriert, dann verhärten sich die Positionen auf allen Seiten zunehmend identitär, mit allzu simplen Gegenüberstellungen – Schwiizer gegenüber Usländer, Migranten gegenüber Einheimischen, Weiss gegenüber Schwarz. Die Rechten reiben sich schon jetzt die Hände. Dabei ist der Alltag längst viel nuancierter, als es die durch Social Media geförderte Polarisierung abbildet. Darin steckt die eigentliche Hoffnung.

Viele können mit Ihrer Vorstellung nichts anfangen, verlangen nach klaren Positionen.
Man kann sich viel wünschen, aber man muss mit dem arbeiten, was da ist. Tatsache ist, Länder wie Deutschland und die Schweiz haben sich aufgrund von Migration und Globalisierung im letzten halben Jahrhundert grundlegend gewandelt und pluralisiert. Das kann man gut oder schlecht finden. Aber die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Nun brauchen wir Projekte, die pragmatisch darauf aufbauen und keine Angst vor Widersprüchen, Mehrdeutigkeiten und Konflikten haben. Diese neue Schweiz ist keine bunte Multikulti-Idylle, aber auch nicht das Horrorszenario, das sich die Rechte zusammenlügt. Es gibt Rassismus, aber es gibt auch gute Entwicklungen. Die Schweiz war noch nie konfliktfrei, weder in der 1291er- noch der 1848er-Version.

Die SVP testet derzeit den Angriff auf die Doppelbürgerschaft. Zürcher SVP-Kantonsräte wollen Schweiz-Albanern und anderen Doppelbürgern den Polizistenberuf verbieten.
Die Doppelbürgerschaft ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Integrationspolitik in den 1990ern. Ein Angriff darauf könnte böse ausgehen – vor allem für die SVP. Ich sehe hier Potenzial für eine breite gesellschaftliche Allianz, die sich dem entgegenstellen würde. Mehrfachidentitäten sind längst eine gelebte soziale Realität, die man nicht einfach per Gesetz abschaffen kann. Das gilt beileibe nicht nur für Menschen, die als Ausländer wahrgenommen werden. Denken wir auch an die Hunderttausenden Auslandschweizer, die meist zwei Pässe haben. Mehrfachzugehörigkeit ist für die meisten vollkommen normal und unproblematisch. Natürlich gibt es Herausforderungen und Spannungen, aber wann ist das nicht so?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2018, 17:58 Uhr

Granit Xhaka, Schweizer Weltklasse-Fussballer mit albanischen Wurzeln. (Bild: Keystone )

Historiker und Aktivist



Kijan Espahangizi (geboren 1978) ist promovierter Historiker. Er doziert an der Uni und an der ETH Zürich und ist Co-Präsident des Instituts Neue Schweiz INES, einer Denkfabrik, die sich auf postmigrantische Perspektiven spezialisiert hat. Espahangizi ist Deutsch-Iraner. (red)

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