«Zehn Prozent der Menschen sind einfach faul»

Al Imfeld, Entwicklungsexperte, half sein Leben lang anderen Menschen und weiss genau: Bei manchen ist die Mühe vergeblich.

«Das freie Zimmer in meiner Wohnung ist dauernd besetzt»: Al Imfeld bei sich zu Hause in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

«Das freie Zimmer in meiner Wohnung ist dauernd besetzt»: Al Imfeld bei sich zu Hause in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

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Diese Woche beschäftigt uns die Mindestlohninitiative. Und Sie waren lange Entwicklungshelfer – wir wollen daher über Arm und Reich reden. Wie leben Sie?
Ich bin einer, von dem andere sagen, er könne nichts behalten. Ich gebe immer alles weg, was ich habe. Ich werde somit immer wieder ausgebeutet.

Ernsthaft?
Ein Zimmer weiter schläft jetzt grad eine Afrikanerin. Sie ist von ihrem Ehemann verjagt worden und hat vor zwei Tagen bei mir geklingelt. Heute Nachmittag geht sie aufs Sozialamt. Ich habe ihr ­gesagt, sie müsse weiter.

Wie helfen Sie solchen Leuten?
Unterkunft, Essen, Beratung. Ich müsste mich mehr wehren, manchmal wird das ausgenützt. Die afrikanischen Menschen, mit denen ich es vor allem zu tun habe, wissen genau, welche Melodie sie geigen müssen, um mich sanft zu machen. Ich habe zwanzig Jahre Gassenarbeit geleistet in Zürich an der Langstrasse, habe mich um die schwarzen Prostituierten gekümmert, ging in die Bars. Man musste immer konsumieren, ein Halbeli oder so, das ging ins Geld.

Als Priester mussten Sie zahlen?
Auch wenn ich es bin – ich habe mich nie als Priester deklariert.

Was, wenn einer vor Ihnen ­kollabiert und die Letzte Ölung will?
Ich habe nichts da. Ich brauche aber auch kein Öl. Ich kann ihm ein Kreuzzeichen machen oder ihm Wasser weihen.

Was tun Sie, wenn das Helfen Sie wieder einmal stresst?
Ich habe Leute, die mich schützen. Ich wohne direkt beim Zürcher Hauptbahnhof. Wenn einer jeden Tag besoffen läutet und 20 Franken will, kann ich dem nicht alle Schande sagen, das glaubt er mir nicht. Dann muss ich Niggi rufen.

Wer ist Niggi?
Ein Helfer, der mein Archiv macht. Er hat die Distanz. Wie auch die Rosmarie, meine Pflegerin, die vis-à-vis wohnt.

Es ist nicht immer einfach, mit den Armen Umgang zu haben.
Sie können mühsam werden. Ich muss – gerade damit ich helfen kann – ja auch noch arbeiten.

Haben Sie das mit 79 nötig?
Ich habe AHV, komme knapp durch, indem ich ab und zu einen Vortrag halte. Vom freien Journalismus kann ich nicht leben, obwohl das meine Leidenschaft ist. Auch Entwicklungsberatungen mache ich. In Luzern berate ich diese Woche zwei lesbische Frauen, die unter Todes­gefahr aus Tansania flohen. Dafür zahlt mir eine Stiftung 500 Franken.

Sie wuchsen in einer Bauernfamilie im Luzerner Hinterland auf. Das klingt nach grosser Armut.
Sie wurde uns als etwas Positives hingestellt. Schlimm sei nur das Elend, hiess es. Wir hatten einen kleinen Pachthof namens «Unter Rot». Ein Grossbauer muss ihn einst an einen Knecht abge­treten haben. Später wechselten wir auf den etwas grösseren Hof Brügglismatt.

Sie hatten 12 jüngere Geschwister.
Das Land konnte nicht genug hergeben, um eine solche Familie zu ernähren. Wir Kinder lasen bei Nachbarn Kartoffeln oder halfen bei der Kornernte. Man hat ständig gearbeitet. Das war für uns keine Pein, das hat man auch nicht als Kinderarbeit betrachtet; man war stolz, mit­machen zu können und zu dürfen.

Gab es gegenüber den Grossbauern Gefühle von Minderwertigkeit?
Die gab es auf einer anderen Ebene. Mein Vater kam aus Obwalden. Die Obwaldner wurden im Luzernischen als Älpler angesehen, als Nomadenvolk, als Zigeuner. Mein Vater wurde lange Zeit verachtet. Wir konnten nicht einmal die Milch in die Käserei geben, obwohl das Vorschrift war. Mein Vater käste die ganze Kriegszeit über selber.

Gibt es diese Welt noch?
Höchstens unterschwellig – den Fremdenhass etwa. Zum Beispiel, als in Fischbach LU die Gemeinde unglaublich heftig gegen ein Asylzentrum kämpfte.

Was unterschied arm von elend?
Die Armut war aus katholischer Sicht etwas Positives: Du hast nur, was du zum Leben brauchst, du willst nicht Geld und Güter anhäufen. Wenn du aber zu wenig hattest, um leben zu können, dann warst du verelendet. Da war eine Familie in der Nähe, die waren Wagner. Rad- und Wagenmacher. Sie kamen damit einfach nicht durch, denn der Traktor hielt Einzug. Selbst mein Vater fand, die müssten halt einen Garten anlegen und sich mehr einfallen lassen; sie seien selber schuld. Und dann gab es die Knechte als eigene Kategorie. Zu Lichtmess Anfang Februar holten sich die Grossbauern für den Sommer einen Knecht, den sie zu Martini im November wieder entliessen. Den Winter durch mussten die Knechte ins Armenhaus. Sie zogen von Hof zu Hof, um einen Kaffee zu bekommen.

Aber prinzipiell war es besser, arm zu sein als reich?
Die Armen hatten viel bessere Chancen, in den Himmel zu kommen. Für einen Reichen sei das verdammt schwierig, hiess es. So vermied man eine Neid­gesellschaft. Die Kirche idealisierte die Armut.

Hat Sie damals in der Armut der Prunk des Papsttums nie gewurmt?
Rom spielte für uns keine Rolle. Bei uns bestimmten die Pfyffer von Altishofen den Pfarrer und verwalteten die Kirche. Stadtluzerner Adelige. Sie hatten Schlösser wie Wyher, Buttisholz und Mauensee. Rom hatte gar nichts zu sagen, und unser Bischof auch nichts. Die Pfyffer schauten, dass die Pfarrer den Bauernsöhnen Mores predigten.

Haben Sie eine Pension von der ­Kirche?
Die will ich nicht.

Sehen Sie sich als arm?
Ich bin zufrieden.

Und wenn morgen die ­Mindestlohninitiative ­angenommen würde?
Sie kümmert mich nicht.

Die Debatte haben Sie aber verfolgt?
Klar. Man kann nicht Tessin und Basel vergleichen. Die hätten das anders formulieren sollen. Natürlich muss jeder genug haben, doch das kann man nicht mit Zahlen grossflächig regeln. Das schlägt alle über einen Leisten.

Aber Armut in der Schweiz gibt es?
Es gibt sie in jedem Land und wird sie immer geben. Dass man meint, sie mit irgendwelchen Massnahmen ausgleichen zu können, ist eine linke Illusion.

Warum?
Armut ist nicht eine Sache des Geldes allein. Sie wurzelt auch in den Köpfen. Ich habe das überall immer wieder erlebt. Sobald die Leute Geld bekamen, wurden sie korrupt. Oder sie waren überfordert. Zum Beispiel in Jamaika. Ich half dort vor vielen Jahren bei einer Landreform mit. Zehn Jahre später gab es nur wenige, die ihr Land noch hatten. Die anderen hatten spekuliert, das Land verkauft oder verloren.

Ein Problem sind, etwa in Afrika, auch die grossen Familien.
Die Verwandtschaft wird immer grösser, wenn du etwas hast. Der, der etwas hat, ist ein armer Kerl, weil er es heraus­rücken muss. So kann kein Mittelstand entstehen. Man soll nicht davon träumen, das Armutsproblem pauschal lösen zu können. Ich werde bald 80, habe immer wieder auf dem Feld der Armut gearbeitet. Die Armen sind keine Heiligen. Wenn es um Geld geht, ist einfach die Versuchung gross.

Geben Sie Geld, wenn der Junkie Sie um fünf Franken anbettelt?
Eher sage ich: «Wir machen ein Wochenprogramm, du isst wieder richtig. Aber ich will die Quittung sehen für die Esswaren.» Nur Geld geben ist schädlich. Wie in der Entwicklungshilfe.

Was löst der Begriff «Working Poor» bei Ihnen aus?
Meine Mutter hätte nie auch nur einen Rappen angenommen. Eher nähte sie mehr für andere Leute. Hilfe von Fremden kam nicht infrage.

Helfen ist offenbar diffizil.
Eine der schwierigsten menschlichen Handlungen. Es braucht Spiritualität, um gut zu helfen. Man muss den anderen ernst nehmen. Nicht von oben herab agieren. Und dann glaube ich am Ende meines Lebens aus meiner Erfahrung, dass zehn oder etwas mehr Prozent der Menschen einfach faul sind. Die kannst du nicht ändern. Bekommen sie Geld, kaufen sie sich einen Lottoschein.

Was halten Sie von Mitleid?
Es ist des Teufels. Es ist herablassend.

Aber die Afrikanerin im ­Nebenzimmer, das ist doch Mitleid!
Das freie Zimmer in meiner Wohnung war dauernd besetzt in den letzten Jahren. Einmal wohnte eine Sans-Papiers-Frau drei Jahre bei mir, ich brachte sie nicht mehr weg. Dann fuhr sie nach Konstanz, meldete sich in Kreuzlingen an der Schweizer Grenze als Asylbewerberin. Als Grund der Flucht aus Ghana gab sie an, sie werde von ihrer Mutter, einer Hexe, verfolgt. Das war natürlich fatal, denn es ist kein anerkannter Asylgrund. Die Geschichte ging traurig weiter. Als es ans Ausreisen ging, stellte man fest, dass sie Aids hat. Jetzt darf sie deswegen bleiben, als Schwerkranke. Solche Geschichten erlebe ich. Unter den Afrikanerinnen in der Deutschschweiz heisst es: «Du musst zum Al Imfeld nach Zürich.» Zweimal in der Woche oder so läutet es bei mir. Das belastet mich schon.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2014, 09:51 Uhr

Gewaltiges Gesamtwerk

Pro-Litteris-Preis für Al Imfeld

Al (ursprünglich Alois) Imfeld ist irgendwie alles. Ordinierter Priester und evangelischer Theologe, dazu kommen Uniabschlüsse, zum Beispiel in Tropenlandwirtschaft. Er war Entwicklungshelfer, wirkte für UNO- und andere Organisationen und gilt als einer der besten Afrikakenner überhaupt. Er arbeitete als Journalist und schrieb über 50 Bücher: Sachliteratur, Gedichte, Erzählungen. Morgen Sonntag erhält der 79-Jährige, der in eine kinderreiche Luzerner Bauernfamilie geboren wurde und in Zürich lebt, mit dem Journa­listen Viktor Parma den Pro-Litteris-Preis 2014 für sein berufliches Gesamtwerk. (tow)

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