«Zu Hause bleiben wäre nicht praktikabel»

Friedensnobelpreisträger Mohan Munasinghe berät Regierungen und Konzerne in Fragen der Nachhaltigkeit. Wir haben ihn während seiner Ferien in der Schweiz getroffen und über das Reisen in Zeiten des Klimawandels gesprochen.

Hält Konzerne für handlungsfähiger in Klimafragen als Regierungen: Mohan Munasinghe.

Reto Oeschger

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Mr. Munasinghe, Sie sind im Flugzeug in die Schweiz gereist. Haben Sie das dabei produzierte Kohlendioxid kompensiert?
Ja, ich mache das seit langem. Ich habe in Sri Lanka selbst eine Kohlendioxid-Ausgleichs-Firma mit aufgebaut. Im Grunde sind das ein paar Freunde und ich, die gemeinsam einige Bauern unterstützen. Wir bezahlen sie dafür, dass sie Bäume pflanzen. Dabei geht es aber um viel mehr als nur das Klima.

Worum denn noch?
Nun, die Bauern haben ein zusätzliches Einkommen, und die Bäume schützen auch den Boden. Ich kenne den Bauern, den ich unterstütze, persönlich, seine beiden Töchter gehen dank diesen Zahlungen zur Schule. Solche sozialen Effekte sind nebst den ökologischen und ökonomischen sehr wichtig.

Sie beraten seit über 30 Jahren diverse Regierungen in aller Welt. Wie hat sich Ihr Reiseverhalten in dieser Zeit verändert?
Ich habe meine Reisen auf ein Minimum reduziert, ich setze auf Videokonferenzen, das Telefon und E-Mail.

Aber zu gewissen Anlässen müssen Sie persönlich erscheinen.
Klar, ausserdem reise ich auch in der Freizeit. Sehen Sie, es ist das Recht eines jeden Menschen, zu reisen und es zu geniessen. Es geht ja darum, dass man es ökologisch abgefedert macht.

Fühlen Sie sich seit dem Friedensnobelpreis noch stärker beobachtet?
Man soll ja praktizieren, was man predigt. Meine Rolle als Vorbild ist gewachsen. Und ja, die prüfenden Blicke haben zugenommen. Doch das ist ja gut so.

Wer in die Ferien fliegt, will seine Sorgen vergessen. Dass dabei CO2 produziert wird, bleibt ein Nebeneffekt. Wie verschafft man diesem überhaupt Beachtung?
Das ist wirklich schwierig, denn die Leute blenden Risiken und negative Nebenwirkungen gerne aus. Andere denken, sie alleine könnten so ein grosses Problem wie den Klimawandel doch gar nicht beeinflussen. Erst wenn eine Katastrophe passiert, etwa das Ölleck im Golf von Mexiko, werden die Risiken wahrgenommen. Danach ist man gewillt, etwas zu ändern. Das Problem beim Klima ist, dass wir es uns nicht leisten können, erst die Katastrophe abzuwarten.

Es ist noch vertrackter: Wenn ich darauf verzichte, CO2 zuproduzieren – was habe ich persönlich und kurzfristig davon?
Die Belohnung muss im Wissen bestehen, «das Richtige» getan zu haben.

Die CO2-Kompensation für Ihren Flug Colombo–Zürich kostet rund 60 Franken. Stimmt dieser Preis?
Die korrekten Preise festzulegen, ist eine delikate Sache. Zurzeit muss es ja das Ziel sein, dass möglichst viele mitmachen, also darf es nicht zu viel kosten. Wichtiger noch ist aber der Wertewandel, der damit einhergeht. Dass die Leute verstehen, dass ihre Handlungen Folgen für die Umwelt haben und dass es ganz normal wird, diese abzufedern, indem man etwa ein klimaneutrales Ticket kauft.

Aber würde man dem Klima zuliebe nicht besser zu Hause bleiben?
Darum geht es nicht, das wäre nicht praktikabel.

Wie legt man die Preise fest?
Es gibt zwei Ansätze. Der erste orientiert sich daran, was es effektiv kostet, das freigesetzte CO2 wieder zu binden, etwa indem man einen Baum pflanzt und zwanzig Jahre lang pflegt. Der zweite wäre, auszurechnen, was das CO2 in der Zukunft für Schäden anrichten wird und was diese kosten werden. Das ist natürlich sehr viel schwieriger.

Das scheint praktisch unmöglich.
Nun, wir haben schon eine Vorstellung. Man darf sicher annehmen, dass jene Kosten höher sein werden als die für den Baum, den man heute pflanzt.

CO2-Kompensationen können ja auch gehandelt werden, etwa zwischen Ländern. Wie gross ist dabei die Gefahr der Spekulation?
In jedem Handelssystem besteht die Gefahr von Missbrauch. Aber im Grunde geht es darum, dass reiche Länder ihren CO2 günstig kompensieren können. Ein Beispiel: Statt für 50 Dollar pro Tonne vermiedenem CO2 ein hiesiges Kraftwerk aufzurüsten, können sie dieselbe Tonne in einem Schwellenland für 10 Dollar kompensieren. Dieses kann nun hingehen und sagen: Wir wollen 20 Dollar statt 10, wir wollen einen zusätzlichen Profit. Für das reiche Land wäre das immer noch billiger. Diese Art von Handel halte ich für legitim.

Passieren solche Geschäfte wirklich?
Durchaus, zwar noch wenig und nur freiwillig. Es gibt auch noch offene Fragen, etwa was die Kontrolle angeht oder ob die CO2-Mengen korrekt berechnet werden. Aber wir lernen laufend dazu, und bereits in zehn Jahren könnten dabei jährlich mehrere Hundert Milliarden umgesetzt werden.

Und das Geld fliesst hauptsächlich in Schwellenländer?
Nicht zwingend. Sie können gerne hier auf dem Bellevue in Zürich einen Wald pflanzen.

Das wäre ein teurer Wald.
Genau. Darum wird er wohl eher in Costa Rica oder Sri Lanka gepflanzt.

So weit, so gut. Aber letztlich können die Verursacher primär ihr Gewissen beruhigen – und das CO2 wird trotzdem produziert.
Es geht hierbei um CO2-Neutralität. Sie können etwas tun, ohne den globalen CO2-Gehalt zu erhöhen.

Aber wird das langfristig reichen?
Nein. Es ist bereits genug CO2 in der Atmosphäre, um die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um 2 °C zu erhöhen – mehr als wir ertragen können. Wir müssen dringend mehr CO2 binden.

Und wie erreichen wir das?
Der Transport von Waren und Menschen ist nur ein Bereich. Generell müssen wir unsere Energie weniger aus fossilen Brennstoffen beziehen und erneuerbare Quellen erschliessen. Gebäude müssen effizienter werden. Bei der Landnutzung müssen wir nicht nur Aufforsten, sondern auch die Entwaldung bremsen. Wichtig ist, dass wir die Gesamtheit dieser Herausforderungen angehen, nicht nur einzelne Punkte davon. Wenn man, wie in den letzten Jahren, einseitig Ethanol-Mais fördert, kann das zu einer fatalen Kornkrise führen, wie wir sie vor zwei Jahren hatten.

Unterstützen Sie obligatorische Kompensationsabgaben?
Wir brauchen eine obligatorische CO2-Reduktion, basierend auf verbindlichen Ausstossmengen pro Land. Das wird in absehbarer Zeit aber nicht passieren, weil den Regierungen hierfür schlicht der politische Wille fehlt. Und 190 Länder werden sich kaum je einigen.

Sie scheinen dennoch ein optimistischer Mensch geblieben zu sein, woher beziehen Sie Ihre Hoffnung?
Wir brauchen die Regierungen gar nicht, um das Schlimmste abzuwenden. Eine Koalition aus Zivilgesellschaft und Grossfirmen kann genauso viel erreichen. Ich sehe immer mehr Konzerne, die ohne gesetzliche Verpflichtungen einen ökologischeren Weg einschlagen. Man kann «das Richtige» tun und profitabel bleiben. Und mittelfristig werden diese Firmen im Vorteil sein.

Wer reist, erlebt andere, oft schöne Seiten der Welt – trägt das dazu bei, ihr mehr Sorge zu tragen?
Reisen hat das Potenzial, einen Wertewandel auszulösen. Die wilde Natur – oder die harte Armut – eines fernen Landes zu erleben, kann durchaus in diesem Sinne nachwirken.

Dieser Logik folgend, müssten möglichst viele Menschen die Erde aus dem Orbit sehen, Astronauten erleben regelrechte Erleuchtungen im Angesicht des Blauen Planeten. Befürworten Sie Weltraumreisen?
Das wäre sicher das ultimative Erlebnis. Allerdings wäre es extrem kostspielig, was den Ressourcen- und Energieverbrauch angeht, also kaum praktikabel.

Und die CO2-Kompensation wäre auch recht teuer.
Allerdings!

Erstellt: 06.10.2010, 20:21 Uhr

Professor der Nachhaltigkeit

Der aus Sri Lanka stammende Professor Mohan Munasinghe ist Wirtschaftswissenschaftler, Physiker und Ingenieur. Er entwickelte die viel beachtete Theorie der «Sustainomics». 2007 erhielt er als Vizevorsitzender der UNO-Klimaorganisation IPCC den Friedensnobelpreis, gemeinsam mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore. Er leitet in Colombo seine eigene Forschungsinstitution, das Munasinghe Institute for Development. Er berät u.a. den Reisekonzern Kuoni.

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