Zu cool, um wahr zu sein

London gilt als Europas wichtigste Lifestyle- und Trendcity. Wirft man aber einen Blick hinter die schillernde Fassade der englischen Hauptstadt, stellt man bald fest, dass vieles mehr Schein als Sein ist.

Touristenhorden konsumieren rund um die Uhr massentauglichen Ramsch: Shoppingzone im Camden-Quartier.

Touristenhorden konsumieren rund um die Uhr massentauglichen Ramsch: Shoppingzone im Camden-Quartier. Bild: AFP

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Der Sound? Hot stuff! Der Style? Hip stuff! Essen und Architektur, Partys und Ausstellungen? Megakrass, sooo geil, dä Börner, wuuuaaah! So oder ähnlich klingt es, wenn sich Junge und Junggebliebene über London unterhalten. Vor 20 oder 30 Jahren war die Wortwahl noch eine andere, inhaltlich war die Begeisterung die gleiche. Anders gesagt: Wer sich in unserem Universum für modische Spiel- und Stilregeln interessiert, für den ist die englische Haupt- und Weltstadt der grellste Fixstern am Firmament.

Der Slogan dazu heisst «Cool Britannia». Jene, die mit ihren vollen It-Bags und Label-Taschen durch die Strassen hetzen – der Rhythmus der Stadt lässt keinen anderen Bewegungsmodus zu –, begegnen ihm auf Bussen, Hauswänden, Schlüsselanhängern, T-Shirts oder Werbeplakaten; ein Déjà-vu als Kontinuum. Der Spruch ging 1996 aus einem Namenswettbewerb für eine Eistorte hervor und wurde später von Tony Blairs New-Labour-Bewegung annektiert. Seither steht er für eine distanziert-selbstbewusste Attitüde, die der einfache Wurstverkäufer genauso souverän draufhat wie der exzentrische Bürgermeister Boris Johnson.

Man kann den Begriff aber auch so verstehen: Spuren zwischenmenschlicher Wärme, verbal oder mimisch, werden dem Besucher in der Regel nur dann zuteil, wenn er bezahlen oder etwas kaufen will. Das heisst nicht, dass man mit Hochnäsigkeit konfrontiert wird; die meisten Londoner sind höflich, wenigstens in nüchternem Zustand. Aber eben unnahbar höflich.

Garnelen mit Speck

Trotzdem fühlen sich Abermillionen von diesem swingenden London angezogen wie tanzende Motten vom Licht. Dagegen gibt es grundsätzlich nichts einzuwenden; andere schwärmen für den angestrengt lockeren Berliner «Ja, icke mal wieder»-Groove, Dritte fahren auf das Pariser «Noblesse oblige»-Getue ab. Geschmäcker sind verschieden, das ist ganz normal und gut so.

Problematisch wirds aber, wenn das, was London-Fans so sehr fasziniert, bloss noch Fassade ist. Wenn also da, wo das Qualitätsmerkmal «cool!» draufsteht, nur noch strassenkredibil wirkender Quatsch drinsteckt.

Anschauliches Beispiel dafür ist das House of Wolf in Islington, ein «alter viktorianischer Schlupfwinkel», dessen Betreiber damit kokettieren, auf experimentelle Art kulinarische Grenzen auszuloten: Die Mixturen der Versuchslaborbar würden die Trinkenden in «Jekyll-&-Hyde-Charaktere» verwandeln, heisst es, die Speisen im Gaumen einen «multi-sinnlichen Karneval» vollführen (oder, im schlechteren Fall, im Magen einen derben Höllentanz, weshalb man, nachdem man sich gesetzt hat, zuerst nach Allergien befragt wird). Yeah, denkt der zeitgeistige Bohemien, das ist er, der gesuchte Hipster-Place!

Bis die «Experimente» aufgetragen werden: zwei mit Speck umwickelte Garnelen, ein mit Dillessig beträufeltes Häufchen Barsch, ein Stücklein Wildente mit Artischocken aus Jerusalem, ein Möckli 45 Tage lang abgehangenes Rind im Austerngschlüdderbeet (behutsam zugedeckt mit drei Löwenzahnblättern), ein bisschen Apfel von der nationalen Früchte-Collection mit Joghurtsauce. Jeder Kebab mit scharf bietet einen furioseren Gaumenkarneval. Da die wohl unter fidel machenden Pülverchen stehende Bedienung jedoch hysterisch kichernd eine Rechnung serviert, die ohne Wein pro Person gegen 120 Franken tendiert, sind die Arti-Fartis an den Nebentischen begeistert bis entzückt. Was so viel kostet, muss doch einfach geiler Food gewesen sein!

Noble Preise

Subtiler zeigt sich die Diskrepanz zwischen Illusion und Realität an der Oxford Street, der längsten und üppigsten Shoppingmeile der Stadt. Neben Kaufhausgiganten (die wirken wie falsch parkierte Luxusdampfer), den üblichen Unverdächtigen wie H&M, Mango, Urban Outfitters, Zara etc. und einer Armada von Souveniranbietern gab es dort früher auch einen Shop der Trendmarke French Connection. Wer da postete, kam nicht billig davon, hatte dafür aber die Garantie, im Ausgang nicht stets demselben Hemd oder derselben Jacke zu begegnen, was irgendwie cool ist.

Wie gesagt, es gab da einen Shop von French Connection. Inzwischen sind es allein in der Innenstadt neun Dépendancen. Obwohl die Preise genauso nobel sind wie eh und je, soll jetzt offensichtlich die Meute modische Beute machen und setzt man jetzt auf Masse statt Klasse. Mit dem Wandel zur (zugegeben kleinen) Kette nimmt man in Kauf, dass der extravagante Touch des Labels bloss noch Schein ist.

Diese «Kettenreaktion» ist inzwischen gebietsübergreifend zu beobachten. Es kann passieren, dass man sich sogar in Soho, Camden oder Brixton in ein Kettencafé setzt, ohne dies auf Anhieb zu bemerken – weil es cleveren Unternehmen nach wie vor gelingt, Ordinäres als Originelles zu tarnen. Klar kann man einwenden, die epidemische Ausbreitung der grossen Ketten sei anderswo genauso zu beobachten – im Unterschied zu London gebärden sich diese Städte jedoch nicht als prophetische Verkünder der neusten Hypes und Trends.

Wo ist Marc Almond?

Wechseln wir aber ins erwähnte Camden-Quartier, wo an den Wochenenden seit Menschengedenken eine etwa zwei Quadratkilometer grosse Shoppingzone aufgebaut wird. Noch vor zehn Jahren kam diese merkantile Institution als Mischung zwischen Gerümpelkammer und «Vanity Fair» daher: Die zur Schau getragene Mode war dem Mainstream um eine oder zwei Saisons voraus, in alten Lagerhallen stapelten sich SecondhandTrouvaillen, aufstrebende Gitarrenbands gaben begeisternde Gratis-Gigs, echte Punks dösten schon um die Mittagszeit in Bierlachen, und die Chance, dass man beim Wühlen in den Vinylkisten der unzähligen Plattenläden plötzlich neben Popstars wie Soft Cells Marc Almond oder DJs wie Goldie stand, war ziemlich gross. Auch wenn das in Camden niemand so formuliert hätte, aber der Stadtteil war damals definitiv ein Symbol von «Cool Britannia».

Seither sind die meisten Plattenläden eingegangen; und die, die überlebt haben, verdealen alles, was im Regal steht, als teure «Rarität» (sogar, wenn es sich um Kruder-&-Dorfmeister-Scheiben handelt). Die Stände, einst windschiefe Unikate, sind grösstenteils normiert; sie erinnern an die Kabäuschen des Weihnachtsmarkts im Zürcher Hauptbahnhof. Betrieben werden sie längst nicht mehr von «kurligen» Trödlern, sondern von professionellen Händlern, die importierte Textilien, massentaugliches Kunsthandwerk oder ähnlichen Trash verticken; enorm populär sind derzeit übrigens Fälschungen von Dr. Dres «Monster Beats»-Kopfhörer. Die sind zwar qualitativ genauso zweitklassig wie die hausgemachten Brownies und Noodle Soups, doch das scheint zweitrangig.

Jahrmarkt der Peinlichkeiten

Die Touristenhorden konsumieren rund um die Uhr ohne Hemmungen und ohne Grenzen; gerade so, als wären sie des Sonnenkönigs Kinder, unterwegs in Little Schlaraffenland. Weil sie wissen (oder zu wissen glauben): This is Camden, this is it! Und wenn sie mit dem «Schöppele» fertig sind, fotografieren sie noch rasch die bei den Docks hockenden und Apfelpunsch nippenden Pseudopunks (inklusiv Ratten), die pro Bild ein Pfund einfordern. Aus dem einstigen Jahrmarkt der Eitelkeiten ist einer der Peinlichkeiten geworden.

Wer glaubt, solche Kritik an der coolen Londoner Fassade auch in Blogs oder Onlineforen zu finden, täuscht sich: Bis auf die (sehr berechtigte) Standardfeststellung, dass die Preise für die Unterkünfte und die Eintritte in die Nightclubs massiv zu hoch sind, bleibt die Suche nach Kritteleien mehrheitlich ergebnislos. Befürchtet die schweigende Mehrheit, der Tadel würde als Majestätsbeleidigung ausgelegt?

Dass sich an dieser praktisch kritiklosen Verherrlichung der Stadt bald etwas ändert, ist nicht anzunehmen. Solange die globalen Promotoren weiterhin davon überzeugt sind, exklusive Blockbuster-Premieren und Megakonzerte in der Trendcity durchführen zu müssen; solange die angesagtesten Architekten, Kochkünstler und Modeschöpfer zwischen Orient und Okzident alles daran- setzen, ihre Türme, Gourmettempel und Boutiquen auf diesem vermeintlich geweihten Boden zu eröffnen; solange die Meinung vorherrscht, das, was Tate Modern & Co. ausstellen, dominiere den Kunstdiskurs; solange die wichtigsten Sportkomitees der Metropole alle paar Jahre ein Grossereignis zuschanzen – so- lange wird London bleiben, was es ist. Zu cool, um wahr zu sein.

Erstellt: 05.01.2013, 07:59 Uhr

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