«Zu mir kommen Paare, die jahrelang keinen Sex mehr hatten»

Paartherapeutin Heike Duldinger-von Hardenberg über Affären, Ansprüche und darüber, warum viele Paare einander nicht zuhören.

Die Verliebtheitsphase dauert etwa 18 Monate: In dieser Zeit ist man als Paar sehr innig. Foto: Getty Images

Die Verliebtheitsphase dauert etwa 18 Monate: In dieser Zeit ist man als Paar sehr innig. Foto: Getty Images

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Ausnahmsweise setzt sich die Therapeutin an diesem Nachmittag auf den Stuhl, auf dem sonst ihre Klienten Platz nehmen. Warmes Licht, Zimmerpflanzen, Teppichboden. In diesem Raum erzählen Paare von ihren Problemen. Von Streit, von Affären. Vom Schweigen. Ausnahmsweise aber stellt heute nicht Heike Duldinger-von Hardenberg, 51, die Fragen, sondern sie gibt die Antworten. Die Therapeutin lässt sich meistens einen Moment Zeit, bevor sie zu sprechen beginnt. Man kann sie sich bestens auf dem anderen Stuhl vorstellen.

Frau Duldinger-von Hardenberg, wie oft denken Sie, wenn ein Paar vor Ihnen sitzt: Bitte, trennt Euch endlich?
Ich hatte schon Leute hier, bei denen ich mich gefragt habe, wie man das aushalten kann. Und auf der anderen Seite Menschen, bei denen ich mich gefragt habe: Ist das ein Grund sich zu trennen? Aber das ist meine private Meinung, und um die geht es nicht. Als Therapeutin habe ich die Haltung, dass es gute Gründe gibt zusammenzubleiben und gute Gründe sich zu trennen. Was gute Gründe sind, müssen die Menschen auf den Stühlen gegenüber für sich herausfinden und entscheiden. Das ist nicht meine Aufgabe.

Vielen Klientinnen und Klienten wünschen sich bestimmt, dass Sie ihnen die Entscheidung abnehmen.
Die Hoffnung haben verständlicherweise viele. Es geht zum Beispiel oft um die Frage: Trennen oder zusammenbleiben? Eine schwierige Frage, die mit vielen Ängsten verbunden ist, und die meisten haben dabei ambivalente Gefühle. In der Therapie oder Beratung geht es aber nicht nur darum eine Lösung zu finden, sondern auch darum, sich und den anderen besser zu verstehen und neue Perspektiven zu finden, um Entscheidungen treffen zu können.


«Paare über 70 kommen total selten zu mir»: Therapeutin Heike Duldinger-von Hardenberg. Foto: Alessandra Schellnegger

Sie sprachen eben von Therapie und Beratung – wie unterscheiden Sie?
Wenn man die Unterscheidung wirklich machen will, würde ich sagen, dass Therapie ein längerer Prozess ist, in dem die Menschen sich die Zeit nehmen, sich intensiver mit sich zu beschäftigen. Für manche Leute fühlt es sich aber besser an, wenn sie nicht in Therapie, sondern zu einer Beratung gehen. Und dann heisst das eben so.

Wegen des Stigmas?
Das gibt es glaube ich gar nicht mehr so stark. Es geht den Menschen eher um das eigene Selbstbild.

Weshalb kommen die Paare zu Ihnen?
Viele sagen, wir können nicht mehr miteinander reden. Man habe sich auseinander gelebt, fühle sich nicht mehr nahe. Es findet kaum mehr Sexualität statt. Und Affären sind ein häufiges Thema.

Scheitern daran viele?
Ja. Dabei geht es oft nicht um das Fremdgehen an sich, sondern um das Lügen und den Verrat, der den anderen bis ins Mark erschüttert. Es gibt aber auch Leute, denen es gelingt, eine Affäre in ihre Geschichte zu integrieren.

Wie alt sind die Paare, wenn sie zu Ihnen kommen?
Ein Grossteil ist zwischen 35 und 55 Jahren. Es gibt aber auch junge Paare, die gerade Kinder bekommen haben zum Beispiel.

«Die Frage ist, wie viel Offenheit man selbst braucht und wie viel man aushält.»

Kommen auch alte Paare?
Was verstehen Sie unter alt?

Paare, die über 70 Jahre sind?
Total selten. Ich hatte erst einmal ein Paar, das in dem Alter gekommen ist.

Warum hatten die beiden sich für eine Paartherapie entschlossen?
Das waren die gleichen Themen wie bei anderen auch. Die konnten nicht mehr miteinander reden – und es entstand eine Unzufriedenheit.

Sollten Paare denn über alles sprechen?
Die Frage ist, wie viel Offenheit man selbst braucht und wie viel man aushält.

Warum schaffen es so viele Paare nicht, für beide Seiten befriedigend miteinander zu reden?
Über Kommunikation drückt sich die ganze Unterschiedlichkeit eines Paares aus. Jeder hat andere Erfahrungen gemacht, kommt aus einer anderen Familienkultur, und all das findet sich in der Sprache wieder. Oft liegt es aber überhaupt nicht am Reden, sondern am Zuhören.

«Heute ist die Liebe das wesentliche Merkmal, warum Paare zusammen sind.»

Zum Beispiel?
Gerade wenn es um schwierige Themen geht, wird der andere auf seinem Stuhl schnell unruhig, weil er innerlich schon dabei ist eine Rechtfertigung zu formulieren und hört nicht mehr zu.

War das nicht schon immer so?
Die Kommunikation ist wahrscheinlich nicht schlechter als früher, hat aber einen viel höheren Stellenwert bekommen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass meine Eltern gesagt hätten: «Mensch, wir können nicht mehr miteinander reden.» Das war überhaupt kein Thema für die. Damals sind Paare auch aus anderen Gründen zusammengeblieben, und alleine dass man sich nicht mehr so gut verstand, war kein Grund für eine Trennung. Heute ist die Liebe das wesentliche Merkmal, warum Paare zusammen sind. Der Anspruch an eine Beziehung ist damit viel grösser geworden.

Einerseits hat man enorme Ansprüche an seine Partnerin oder seinen Partner, andererseits gibt es noch immer das gesellschaftliche Ideal, dass man sein Leben mit einem Menschen verbringt. Passt das zusammen?
Die meisten Menschen in meiner Praxis haben tatsächlich den Wunsch, jemanden zu finden und mit ihm auf Dauer zusammen zu sein. Gleichzeitig wird eine Beziehung heute viel schneller in Frage gestellt, wenn die guten Zeiten vorbei sind. Oder zumindest vorübergehend vorbei sind. Ich will das nicht so verstanden wissen, dass das schlecht ist. Es ist erst einmal gut, dass die Möglichkeit besteht, dass Menschen auf sich achten und nicht gezwungen sind, in einer für sie leidvollen Beziehung zu bleiben. Aber andererseits geht es manchmal auch wirklich sehr schnell.

Wann sind die guten Zeiten denn vorbei?
Man sagt, die Verliebtheitsphase dauert etwa 18 Monate. Währenddessen ist man als Paar sehr innig, man fühlt sich eins, zeigt sich von seiner besten Seite und findet den anderen ausschliesslich toll. Nach dem Abklingen der Verliebtheit aber werden die Unterschiede zwischen zwei Menschen deutlich. Und dann ist die Frage, ob man die Unterschiede aushält und wie man mit ihnen umgeht.

«Hier sitzen dann Leute, die viele Jahre keinen Sex mehr hatten.»

... und irgendwann ruft das Paar in einer Praxis wie dieser an.
Die Menschen sitzen dann oft hier und sind ein Stück vom eigenen Leben und vom eigenen Anspruch an sich überfordert.

In Städten sind die Ansprüche vermutlich besonders hoch.
Es kommt auf jeden Fall oft vor, dass beide wahnsinnig viel arbeiten. Oftmals in anspruchsvollen Jobs, weil sich der Anspruch an die Arbeit ebenfalls verändert hat. Man definiert sich über seinen Job, der sinnstiftend sein soll, und noch dazu muss man viel verdienen. Spätestens wenn die Kinder auf die Welt kommen, gerät das Modell dann ins Wanken.

Weil man nicht nur im Job perfekt sein will, sondern auch im Kinderzimmer?
Ja, aber wie bei allen hat der Tag nur 24 Stunden und die Woche sieben Tage. Wenn man nach der Arbeit dann nach Hause kommt und sich um die Kinder kümmert, erhofft man sich vom anderen eine Entlastung, die der nicht unbedingt bieten kann. Der ist im Zweifelsfall auch total fertig.

«Erst kommt die Entscheidung für Sex, dann möglicherweise auch die Lust.»

Viele Paare kommen zu Ihnen, weil sie mit ihrem Sex nicht mehr zufrieden sind. Überfordern sich auch da manche mit Ansprüchen an sich selbst und ans Gegenüber?
Meine Erfahrung ist, dass bevor Paare in eine Praxis gehen, um über ihre Sexualität zu sprechen, es meistens schon sehr lange sehr schlecht läuft. Ich bin manchmal erstaunt darüber, wie lange Menschen das aushalten. Hier sitzen dann Leute, die viele Jahre keinen Sex mehr hatten, und erst wenn die Beziehung richtig auf der Kippe steht, wird darüber gesprochen. Da geht es weniger um Ansprüche als darum, dass überhaupt Sexualität stattfindet.

Warum warten die Menschen so lange?
Der grösste Irrtum dabei ist, dass Sexualität von selbst kommt. Wenn man verliebt ist, muss man meist nur aneinander denken und hat Lust. Mit zunehmender Vertrautheit aber schwindet oft das Begehren, weil ich ja eigentlich nur begehren kann, was ich nicht schon habe. Menschen, die lange zusammen sind, sagen mir oft: «Ich habe nun einmal keine Lust mehr.» Verkürzt gesagt funktioniert Sexualität in langen Beziehungen aber anders. Da kommt erst die Entscheidung, dass ich es tun will und dann kommt möglicherweise auch die Lust.

«Ich habe nicht die Erwartung, dass das Leben immer einfach ist.»

Sie sprechen mit Paaren über Intimstes, noch dazu mit Paaren, die sich nicht immer wohlgesonnen sind. Wie schwierig ist es, nicht parteiisch zu wirken?
Das Ganze funktioniert nur, wenn mich das Paar als allparteilich wahrnimmt. So nennen wir das unter Therapeuten. Das bedeutet, dass jeder das Gefühl hat, in seiner Sicht der Dinge verstanden zu werden. Es kann sein, dass ich mal mehr bei dem einen oder bei dem anderen bin, in der Regel markiere ich das und sage: «Ich gehe jetzt mal ganz auf Ihre Seite.» Aber es ist äusserst wichtig, in der Mitte zu bleiben. Meistens fällt mir das nicht schwer, weil man beide Seiten ganz gut verstehen kann, wenn man sich wirklich mit ihnen auseinandersetzt.

Glauben Sie noch an Beziehungen, nachdem sie so viele haben scheitern sehen?
Ich habe nicht die Erwartung, dass das Leben immer einfach ist. Ich glaube, dass es zu einer Beziehung dazugehört, dass es mal besser und mal schlechter läuft. Ausserdem kriege ich genauso oft mit, wie Menschen in allerschwierigsten Situationen es schaffen, was Gutes daraus zu ziehen.

Wann wissen Sie, dass eine Therapie zu Ende ist?
Ich weiss das nicht. Das können nur die Menschen auf den Stühlen mir gegenüber wissen.

Erstellt: 27.11.2019, 16:18 Uhr

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