Zu verkaufen: Eine gute Tat!

Die Philosophin Barbara Bleisch erklärt, warum Regeln mehr helfen als Moral.

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Kaum steigen die Temperaturen, bevölkern sie wieder die Innenstädte: die bestens gelaunten Spenden­sammler, die einem den Weg abschneiden und verkünden: «Du siehst aus, als hättest du einen Moment Zeit!», «Kinder liegen dir bestimmt am Herzen!» oder «Der Regenwald wird gerodet, du kannst es ändern». «Dialoger» werden diese fleisch­gewordenen Rhetorikmaschinen genannt, die im Auftrag von professionellen Fundraising-Firmen für verschiedene Hilfswerke Mitglieder und Spender akquirieren.

Wo Dialoger auftauchen, ist meist kein Entkommen. In Internetforen kursieren Tipps, wie man sich vor diesen Missionaren hüten kann (auf den Boden starren, sich in einer Menschengruppe tarnen, Zickzackmarsch, ostentativ die Ohren zuhalten). Einzelne Fundraising-Agenturen standen in den letzten Jahren nicht nur wegen dieser aggressiven Kundenwerbung, sondern auch wegen fragwürdiger Arbeitsbedingungen in der Kritik. Wer rausfliegt oder keinen Bonus erhält, wenn er nicht mindestens fünf ­Passanten täglich zur Unterzeichnung eines Lastschriftverfahrens bewegt, wird freilich forscher ans Werk gehen als das Vereinsmitglied, das in seiner Freizeit bei einer Standaktion mithilft. Und wenn es darum geht, die ­Menschen zum Guten zu bewegen, ist dann nicht jedes Mittel recht?

Zugegeben, es ist strittig, worin das Gute eigentlich besteht. Ist es sinnvoll, Kinderpatenschaften zu etablieren? Ist Artenschutz noch zeitgemäss? Hilft der Bau von Schulen nachhaltig? Organisationen wie Givewell verlangen von Hilfswerken harte Fakten zur Wirksamkeit ihrer Projekte und geben Spendewilligen Empfehlungen ab, wie sie ihr Geld am effektivsten ­einsetzen können. Wer den Dialogern ausweicht, weil er meint, es gebe sinnvollere Projekte, müsste konsequenterweise für diese spenden.

Was es braucht, sind Regeln

Doch selbst wenn die Dialoger die effektivsten Hilfswerke verträten: Müssten wir uns wirklich von ihnen ins Gewissen reden lassen? Wer weiss, ob sie mit dem Geld nicht nach Mallorca jetten oder sich jene Billigmode kaufen, die sie anprangern. Wer das Argument der Doppelmoral ins Feld führt, um den grossen Bogen zu rechtfertigen, den er um die Stand­aktionen macht, unterstellt den ­Dialogern, es liege ihnen nicht am Herzen, wofür sie rhetorisch zu Felde ziehen. Doch ob jemand nur Wasser predigt und selber Wein trinkt, ist von aussen nicht zu beurteilen. Ausserdem disqualifiziert Doppelmoral nicht zwingend vor der Rüge anderer: Wenn wir einander dazu bringen können, anständiger zu leben, spielt es vielleicht keine Rolle, ob wir selber Anstand haben. Oder wie der Philosoph Max Scheler einst gesagt haben soll: Der Wegweiser geht auch nicht den Weg, den er weist.

Das Problem dürfte vielmehr darin liegen, dass die Dialoger Druck auf­setzen. Wir willigen in die gute Tat ein, weil wir Vorwürfe oder eine Blamage fürchten. Als Immanuel Kant darauf drängte, dass wir nicht aus Neigung, sondern aus Pflicht handeln, dann nicht, weil er Liebe und Mitgefühl unterbinden wollte zugunsten eines kalten Pflichtbewusstseins. Sondern weil er glaubte, dass wir das Gute nur verlässlich tun, wenn wir eingesehen haben, dass gegenseitiger Respekt von uns verlangt, dass wir unser Tun und Lassen verallgemeinern können. Wenn wir das Gute tun, weil wir Ärger befürchten, werden wir unser Verhalten nur kurzfristig ändern.

Dass Kinder verhungern, Tiere gequält werden und der Aletschgletscher schmilzt, ist fraglos schlecht. Dass dies keine Naturnotwendigkeiten sind, sondern Folgen menschlicher Unterlassungen, macht sie zum moralischen Skandal. Beseitigen können wir so grosse Probleme nur, wenn wir gemeinschaftlich handeln. Sprich: politische und rechtliche Instrumente nutzen, um gerechtere und nachhaltigere Regeln zu schaffen.

Hätten wir erst mal eine Welt, in der solche Regeln gelten, würden Dialoger überflüssig. Vielleicht sind sie im Moment also doch notwendig: Sie nerven so lange, bis wir Regeln ­etablieren, mit denen wir sie nicht mehr brauchen.

Erstellt: 25.06.2019, 23:27 Uhr

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