Hintergrund

Zürcher Spionage-Angriff auf Assange

Zwei hiesige Künstler überraschten den Wikileaks-Gründer mit ihrer «Delivery for Mr. Assange»: Ein Spionagepaket, in dem eine fotografierende Minikamera steckt. Ein Interview über Hacken, Kunst und Dada-Post.

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Am 16. Januar 2013 um 12.43 Uhr geben Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo an einem Postschalter in Zürich ein Paket auf, das weltweit bekannt werden würde. Empfänger ist Wikileaks-Gründer Julian Assange. Dieser sitzt seit Juni 2012 auf der ecuadorianischen Botschaft in London fest. Im Inneren des Pakets steckt eine Handykamera. Durch ein kleines Loch macht sie Fotos von der Reise. Nach 32 Stunden und über 9000 Bildern kommt die Sendung bei Assange an. Mit der Aktion ist es dem Künstlerkollektiv Mediengruppe Bitnik gelungen, dessen Isolation zu durchbrechen. (Lesen Sie auch: «Nackig im Walde»)

Nun geht die Odyssee des Spionage-Pakets weiter. Assange hat die «Delivery for Mr. Rajab» am vergangenen Montag aufgegeben. Nabeel Rajab ist ein Menschenrechtsaktivist aus Bahrain, der seit einem Jahr im Gefängnis sitzt. Zeit für ein Gespräch mit den umtriebigen Künstlern aus Zürich.

Die Telefonverbindung ist wackelig (von Skype aufs Festnetz). Domagoj ist aus London zugeschaltet, Carmen aus Zürich. Während wir sprechen, ist das Paket seit 40 Stunden unterwegs. Es steckt gerade in einem Postverteilzentrum in einer Lagerhalle fest. Die Kamera macht schwarze Bilder.

Glaubt ihr, die Sendung kommt an?
Hoffentlich. Wir wollen schauen, wie das System reagiert. Überlebt die Aktion den Zoll, die Sicherheitsvorkehrungen im Gefängnis?

Habt ihr Vorkehrungen getroffen?
Assange hat das Paket ganz normal an das Gefängnis adressiert. Im Vorfeld haben wir die Familie von Nabeel Rajab kontaktiert.

Wie seid ihr auf die Idee mit dem Paket gekommen?
Uns hat die Situation von Assange interessiert. Nicht direkt die Krise mit den USA. Die Botschaft ist von britischen Behörden umstellt. Wir haben uns dann lange überlegt, wie wir die physische Grenze überwinden können. Dann sind wir auf das ehemals öffentliche System Post gekommen. So wurde es möglich, einen unbemannten Gegenstand verfolgbar zu machen.

Wie ging es danach weiter?
Wir haben Julian Assange auf der Botschaft in London besucht und einen Abend zusammen verbracht. Unsere Sendung hat ihn berührt und er wollte die Idee weitergeben. So sind wir auf die Idee gekommen, Nabeel Rajab das Paket zu schicken.

Was hat euch beeindruckt?
Ein Teil von Wikileaks arbeitet nun von der Botschaft aus. So eine Organisation muss sich nicht bewegen, nicht reisen können. Sie braucht nur einen Computer und Internet. Auf lange Sicht machen wir uns aber Sorgen, dass ihm die Situation nicht so guttut. Es gibt keinen Aussenraum, keinen Balkon, keinen Garten. Die Botschaft ist in einem noblen Viertel in Westlondon, das viktorianische Haus ist nicht sehr gross. Immerhin hat er Zeit zum Arbeiten.

Wir befinden uns mitten im Abhörskandal, der durch die Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Bestand des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden ausgelöst wurde. Mit eurer Kunst seid ihr mitten im Geschehen. War das so geplant?
Wir befassen uns mit zeitgenössischen Themen. Da kommt man schnell auf Öffentlichkeit und Anti-Öffentlichkeit. Das Internet ist ein öffentlicher Raum, der aber überwacht wird. Man muss sich Gedanken machen, wie man sich versteckt oder sichtbar macht. Wo und wie man sich trifft. Wir wollen die Lücke zwischen Unsichtbarkeit und Öffentlichkeit aufzeigen.

Schon 2007 habt ihr während zweier Wochen alle Vorstellungen vom Opernhaus mit Wanzen abgehört und in zufällig ausgewählte Haushalte übertragen. Seid ihr eurer Zeit voraus?
Wir sind keine Zukunftsforscher. Wir schauen eher, was im Moment im Netz passiert. Dort haben sich diese Entwicklungen abgezeichnet. Es geht im Grundsatz um die Kontrolle versus persönliche Freiheit oder Copyright. Man hat zwar das Gefühl, durch den technischen Fortschritt habe man mehr Möglichkeiten. Dabei nehmen diese ab und die Kontrolle zu.

Wo zeigt sich das?
Lebt man in einer städtischen Infrastruktur, dann wird man automatisch zu einem Teil des Internets. Hinterlässt dort seine Spuren. Selbst wenn man offline ist, wird man durch das Nutzverhalten des Umfelds erfasst. Dem kann man sich nicht entziehen. Wir gehen spielerisch mit dieser Thematik um, etwa indem wir Überwachungskameras hacken.

Wie ist die Mediengruppe Bitnik entstanden?
Wir haben uns vor über zehn Jahren im Studium an der Zürcher Hochschule der Künste kennen gelernt. Dann haben wir im Umfeld des Cabaret Voltaire erste Projekte gemacht.

Ihr programmiert und hackt für eure Kunst. Habt ihr das auch an der Hochschule gelernt?
Nein. Wir haben uns alles selbst beigebracht während unserer Arbeit. Wir sind mit dem Netz aufgewachsen und sehen Hacking als Teil der künstlerischen Arbeit. Als wir in den 90er-Jahren angefangen haben eine eigene Website zu bauen, war es faszinierend zu sehen, wie einfach man öffentlich werden kann. Das hat uns interessiert.

Was passiert mit dem Paket, wenn es im Gefängnis in Bahrain angekommen ist?
Das Paket ist ja eine Live-Aktion. Wir werden aber das daraus entstandene Material, wie die Fotos oder Karten des Weges, wieder zurück in den Kunstraum bringen und die Reaktionen dokumentieren. Dieses mehrstufige Verfahren lässt nochmals eine andere Bewertung zu.

Lesen Sie zum Thema Kunst auch: «Style at the Museum»

Der Weg des Pakets kann hier verfolgt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2013, 15:40 Uhr

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