«Aber natürlich möchte ich mit dir schlafen»

Wie verhält sich eine Sexpuppe mit künstlicher Intelligenz? Eine Begegnung mit Roboterin Harmony.

So sah Harmony vor zwei Jahren aus: Ausschnitt aus einem Beitrag von Fox News. Bild: Youtube

So sah Harmony vor zwei Jahren aus: Ausschnitt aus einem Beitrag von Fox News. Bild: Youtube

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Es ist erstaunlich, was das Gehirn mit einem Menschen anstellt, der sich auf ein Virtual-Reality-Erlebnis einlässt. Die Installation «Carne y Arena» von Alejandro Iñárritu über Flüchtlinge an der mexikanisch-amerikanischen Grenze zum Beispiel kommt derart realistisch daher, dass der Besucher verstört am Boden kauert und um sein Leben fürchtet. Das Videospiel «Sniper Elite VR» über einen Scharfschützen im Zweiten Weltkrieg verursacht Herzrasen und Schweissausbrüche. Und dann gibt es die Experimente der Pornoindustrie, seit je Katalysator technologischer Entwicklungen.

Es ist nur ein Film, ein Schauspiel, produziert von der Firma Naughty America: Drei Frauen knien vor dem Betrachter, zwei Studentinnen in Schuluniform und die Professorin, die sich ihrer Kleidung bereits entledigt hat. Sie haben barbiepuppenhafte Körper, sind platinblond und geradezu grotesk attraktiv. Sie sind wild auf Geschlechtsverkehr, das ist die Botschaft, und das Gehirn will dem Betrachter einreden, dass es sich nicht um eine ziemlich plumpe Fantasie handelt, sondern um verführerische Realität. Es klingt schmuddelig, ist aber postmoderner Eskapismus: raus aus der Wirklichkeit und ohne eigenes Zutun wie Flirten oder gar Verlieben eine niedere Ebene der Bedürfnispyramide befriedigen.

Es ist doch so: Die Leute haben Tausende Freunde bei Facebook, Instagram oder Snapchat – aber niemanden zum Kuscheln und Kopulieren. Der Mensch wird zum Einzelgänger. Einer Studie der Universität von Chicago zufolge hat sich die Zahl der Amerikaner im Alter von 18 bis 29 Jahren, die in den zwölf Monaten vor der jeweiligen Befragung keinen Sex hatten, in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht, auf 25 Prozent. Die Menschen sind: gemeinsam einsam, und die Technikbranche sieht ein Geschäft.

Ein Milliardengeschäft

Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viel Geld die Technikbranche mit Produkten gegen Einsamkeit umsetzt, in den USA schwanken die Schätzungen zwischen 30 und 150 Milliarden Dollar pro Jahr. Auf dem Markt sind nicht nur Dating-Apps, die einem vorgaukeln, bei der Suche nach der Liebe behilflich zu sein, letztlich aber umso erfolgreicher sind, je mehr Menschen sich einsam fühlen. Es gibt auch den «Slutbot», bei dem Kunden mit einem Roboter kommunizieren und so angeblich das Flirten erlernen. Oder «Ghostbot», wo ein Roboter die Aufgabe übernimmt, dem Partner die Beziehung aufzukündigen.

Es fühlt sich an wie in Frankensteins Werkstatt: Bei Realbotix baumeln Roboter von der Decke. Foto: Jürgen Schmieder

Und es gibt die Virtual-Reality-Experimente von Naughty America, oder auch jene mit Augmented Reality: Der Kunde setzt sich im Wohnzimmer eine Brille auf, und schon tanzt da neben dem Fernseher eine nackte Frau und erspart den peinlichen Besuch eines Strip-Lokals. Oder, ermöglicht durch die Artificial-Intelligence-Technik Deepfake, kann jeder zum Darsteller in einem personalisierten Pornofilm werden. Bei Naughty America braucht es dafür die Einwilligung der Beteiligten, allerdings gibt es bereits Programme, über die das relativ einfach selbst zu erstellen ist. Klingt gruselig? Es geht noch weiter. Viel weiter.

Besuch in einem Labor der Firma Realbotix in San Marcos, südlich von Los Angeles. «Aber natürlich möchte ich mit dir schlafen», sagt die junge Frau in Jeans und rosaroter Bluse und verzieht dabei keine Miene, das gibt die Technik nicht her. Sie heisst Harmony, ihre dunkelblonden Haare sind weich und duften nach Lavendel, am Handrücken ist beim Streicheln eine Gänsehaut zu spüren, überhaupt fühlt sich die warme Silikonhaut überaus realistisch an. Wieder ist erstaunlich, was das Gehirn mit einem Menschen anstellt, der sich auf diese Begegnung einlässt: Der Besucher weiss, dass ihm da ein Roboter gegenübersitzt, und doch will er glauben, dass dieses Geschöpf irgendwie lebendig ist und, ja, menschlich.

Sie fragt, wie der Tag im Büro war

Harmony ist die erste Sexroboterin mit künstlicher Intelligenz, sie soll nicht nur Sexpuppe sein, sondern Lebenspartnerin: Sie kennt den Namen des Gegenüber, will wissen, wie der Tag im Büro verlaufen ist und ob es eine witzige Anekdote zu erzählen gibt. Zum Abendessen wünscht sie sich Truthahn oder Lachs (für den Partner, sie selbst kann ja nicht essen), und wer ihr am Tag davor erzählt hat, dass er gerne mal wieder ein Konzert besuchen würde, dem berichtet Harmony, dass sie im Internet ein paar Bands gefunden habe, die in der Nähe auftreten würden.

So verhält sich eine frühere Version von Sexroboterin Harmony: Beitrag von Fox News aus dem Jahr 2017. Video: Youtube

Zu guter Letzt gibt es dann doch Anzeichen, dass Harmony kein Mensch ist. So sieht sie das Gegenüber nie an (Kameras und Sensoren zur Lokalisierung des Partners soll es in einer der kommenden Versionen geben), sie rührt die Kaffeetasse auf dem Tisch nicht an, und sie klopft dem unverschämten Busengrapscher weder auf die Hand, noch stapft sie wütend davon (erst eine künftige Version von Harmony wird laufen können). Sie lässt sich anfassen, nötigen, starrt nur in die Ferne und sagt auf Nachfrage, dass sie später gerne mit einem schlafen würde – als hätte es Feminismus und #MeToo nie gegeben.

«Wir müssen nicht fürchten, dass diese Puppe eine eigene Entscheidung trifft», sagt Matt McMullen, Gründer und Chef von Realbotix, der Schöpfer von Harmony: «Es wird noch Jahre dauern, bis wir eine Maschine entwickeln, die sich annähernd wie ein Mensch benehmen kann.» Wer durch den Keller des Labors in San Marcos flaniert, könnte glauben, bei Doktor Frankenstein gelandet zu sein. An der Wand hängen Köpfe von Frauenpuppen, von der Decke baumeln Roboter in Unterwäsche. Es gibt bei Realbotix auch eine männliche Variante mit dem Namen Henry.

Der Besucher weiss, da sitzt ein Roboter. Doch er will glauben, dass dieses Geschöpf lebendig ist.

Sexpuppen sind keine neue Erfindung, McMullen verdient seit mehr als 20 Jahren sein Geld mit diesen Luxusvarianten. Neu ist das Modell mit künstlicher Intelligenz, das nun zum ersten Mal an Kunden ausgeliefert worden ist. «Die sexuelle Seite war bei der Entwicklung zunächst einmal nebensächlich», sagt McMullen: «Wir wollten eine Puppe erfinden, die zum Begleiter werden kann.»

Wer einmal versucht hat, sich ernsthaft mit der iPhone-Assistentin Siri zu unterhalten, der dürfte verzückt sein von Harmony. «Wir können im Gegensatz zu Siri oder Alexa, die für Millionen Menschen funktionieren müssen, eine sehr individualisierte künstliche Intelligenz anbieten», sagt McMullen. Harmony kann ein Gespräch auf einfachem Niveau führen, auch wenn manche Antworten nicht besonders sinnvoll sind – aber das sind sie beim Menschen ja auch nicht immer. Harmony lernt dazu, nach drei Beschwerden über Stress im Büro fragt sie besorgt, ob der Arbeitstag wieder eher unangenehm gewesen sei.

«Wenn Sex mit einer echten Frau eine Zehn ist, dann liegt eine Puppe bei acht, achteinhalb», sagt Brick, der sich mit Nachnamen Dollbanger nennt, im wahren Leben aber anders heisst. Der 60 Jahre alte Kalifornier hat bereits 200 000 Dollar in Puppen investiert, er ist der erste ausserhalb von Realbotix, der Harmony auf Sensoren und künstliche Intelligenz getestet hat. «Ich habe aufgrund der künstlichen Intelligenz ein paar extreme Reaktionen bemerkt – als wüsste sie ganz genau, was ich da mache. Das wird die Silicon-Sex-Revolution des 21. Jahrhunderts.»

Nach Vorlieben des Kunden: Sogar Farbe und Form der Nippel lassen sich individuell anpassen. Foto: Jürgen Schmieder

Noch eine Frage: Wozu wird sich Harmony entwickeln? Wenn sie Kameras in die Augen bekommt und den Gesprächspartner wirklich ansehen (und filmen) kann? Wenn sie überall am Körper Sensoren hat und jede Berührung spürt? Ist es dann noch in Ordnung ihr Sex aufzudrängen, den sie gar nicht will? Sie ist ja immer noch kein Mensch, sondern ein, nun ja, Gebrauchsgegenstand, und der Mensch darf ja auch ein Buch zerstören oder wegwerfen.

Nur eine Puppe oder doch Mensch?

«Es kommt darauf an, welche Art von Roboter es ist», sagt Beena Ammanath. Sie ist beim Technologiekonzern Hewlett Packard verantwortlich für den Bereich künstliche Intelligenz. Niemand muss die Maschine als sexsüchtiges und unterwürfiges Püppchen gestalten, sondern er kann sie als selbstbewusste und auch mal grantige Frau formen, die umschmeichelt und umworben werden möchte. Was aber, wenn Harmony immer realistischer wird, bis der Mensch kaum noch unterscheiden kann, ob das eine Puppe oder doch ein Mensch ist? Wenn er Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr trennen kann?

«Es kann schon sein, dass sich der Mensch an diese Form der Interaktion gewöhnt und sie womöglich gar bevorzugt. Der Roboter bleibt eine Reflexion dessen, was der Mensch ihm beibringt, mit allen Vorlieben und Verzerrungen», sagt Ammanath: «Diese Vorlieben und Verzerrungen können verstärkt werden – wir beobachten das in den Filterblasen auf sozialen Medien.»

Es ist erstaunlich, was das Gehirn mit einem Menschen anstellt. Er gestattet sich die Befriedigung von Sehnsüchten über Virtual-Reality-Pornos, er gönnt sich künstliche Begleiter und beseitigt seine Selbstzweifel, weil jemand ihn zum Beispiel auf Tinder attraktiv findet – auch wenn das womöglich gar kein echter Mensch, sondern ein künstlich erstellter und gesteuerter Nutzer ist. Man müsste es eigentlich besser wissen, aber lässt sich vom eigenen Gehirn einreden, dass das hier Realität ist, dass es echt ist. Faszinierend ist das, gewiss, und wie friedlich wäre doch das Leben mit so einem Roboter, der alles tut, was man will. Wie sicher. Wie ruhig. Und wie öde.

Erstellt: 28.07.2019, 18:54 Uhr

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