Abschalten macht Angst

Ein Gewerkschafter fordert: Keine Firmen-Mails mehr in der Freizeit! So einfach geht das allerdings nicht.

Immer erreichbar: Teilnehmer eines Kongresses in Berlin checken in der Mittagspause ihre Mails. Foto: Adam Tinworth (Flickr)

Immer erreichbar: Teilnehmer eines Kongresses in Berlin checken in der Mittagspause ihre Mails. Foto: Adam Tinworth (Flickr)

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Man fährt den Computer hoch, schaltet das Handy ein, und die Welt explodiert. Bilder leuchten, Stimmen rufen, Filme flackern. Unablässig strömen neue Mails herein, persönliche, anonyme, geschäftliche und private, Tag und Nacht. Im Gehirn ist es taghell, vom Schlafen kann man nur träumen.

Die Freizeit beschleunigt sich zur Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln. Es mehren sich Depressionen, Burn-out, Angst- und Konzentrationsstörungen, Stresssymptome, psychosomatische Komplikationen. Manche vereinsamen vor dem Bildschirm, andere fühlen sich von der Datenflut überfordert. Wir lebten im Zeitalter der Zeitschmelze, schreibt der kanadische Autor Douglas Coupland; das Multitasking mache uns übereffizient, dafür gebe es kein konkretes eigenes Erleben mehr.

Die Arbeit hört nicht auf

Diese permanente Verfügbarkeit hat dazu geführt, dass viele Unternehmen ihre Angestellten in ein digitales Dauerpikett versetzen. Die Arbeit hört mit dem Feierabend nicht mehr auf, sie ver­wandelt sich bloss in eine Bereitschaft auf Anruf. Um zehn Uhr abends fragt der Chef noch etwas nach, nachts werden die Termine für die nächste Konferenz aufgeschaltet, in die man sich eintragen sollte, aus Übersee segelt ein Text herein, der asap gelesen werden will, as soon as possible. Der Körper leidet und die Familie.

Besonders Kaderleute müssen heute leichter erreichbar sein, die Globalisierung kennt keine Arbeitszeiten mehr, bloss noch Zeitverschiebungen. Vieles muss in der Freizeit erledigt werden, dafür kann Privates an der Arbeit getätigt werden.

Letztlich ist es ein Zwang

Aber diese Flexibilität bleibt den Verwöhnten einer digitalen Elite vorbehalten. Sie schätzen die fluktuierende Work-Life-Balance, also die freie Möglichkeit zum Arbeiten, wo und wann sie wollen, mit dem Laptop im Bergrestaurant. Für die meisten anderen wird diese scheinbare Freiheit zur Qual, denn sie ist ein Zwang.

Der Berner SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini findet diese Entwicklung alarmierend. «Mit zunehmender Digitalisierung und Mobilität wird der Arbeitsort immer mehr ausgelagert und der Arbeitnehmer immer leichter einsetzbar», sagt er im Gespräch.

Als Reaktion darauf schlägt er eine ebenso einfache wie radikale Lösung vor: Die Unternehmen dürften ihren Angestellten zwischen 19 und 7 Uhr und am Wochenende keine Mails mehr verschicken, schreibt er in einem offenen, von mehreren Medien veröffentlichten Brief. Pardini verweist auf Frankreich, wo eine entsprechende Reform des Arbeitsgesetzes am Laufen ist. Auch in Deutschland experimentieren Firmen wie VW und Daimler damit, Mitarbeiter auf freiwilliger Basis von ihrem Mail-Programm auszusperren.

Die Dynamik der Unterwerfung

Dass die Arbeiter und Angestellten ihr Handy über Nacht ja selber ausschalten und ihre Arbeit-Mails am Wochenende ignorieren können, lässt Gewerkschafter Pardini nicht gelten. Der Druck der Firmen sei subtil, aber anhaltend, sagt er, dazu komme eine Dynamik der Unterwerfung. Weil die Leute die Konkurrenz ihrer Kollegen fürchten würden, liessen sie sich zur permanenten Bereitschaft abrichten. «Damit verletzen die Unternehmen ihre Fürsorgepflicht ihren An­gestellten gegenüber.» Diese aber sei gesetzlich verbrieft. Ausserdem: Die psychischen Schäden durch Überlastung führten zu höheren Gesundheitskosten. Diese kosteten der Allgemeinheit mehr, als die Firmen mit solchen ausgreifenden Arbeitsmodellen verdienen könnten.

Corrado Pardini stellt die richtige Diagnose, verfolgt aber die falsche Therapie. Es stimmt, was er über den Druck sagt, überall abrufbar zu sein. Ein Mail-Verbot für Unternehmen bringt aber wenig. Erstens lässt es sich nicht durch­führen, weil es immer wieder neue Ausnahmen geben muss. Zweitens würden internationale Unternehmen überstark eingeschränkt. Drittens vor allem ist der Staat nicht dazu da, um Mails abzustellen. Der Widerstand muss von den Angestellten kommen. Dass sie immer häufiger allzeit bereit stehen, ist eine Haltung und keine Technik. Am Wochenende den Mail-Server abzuschalten, beseitigt ein Symptom, aber nicht das Problem, der Gewerkschafter hat es selber benannt: die Dynamik der Unterwerfung.

Erstellt: 30.11.2016, 22:31 Uhr

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