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Ach, die Romands, diese Weicheier!

Westschweizer lassen sich häufig gegen Depressionen behandeln. Der Übersetzer und Journalist Stéphane Zindel nennt kulturelle Gründe.

Genfer Tristesse: Die Bevölkerung fühlt sich als Teil der überlegenen französischen Weltkultur. Aber das war einmal.
Genfer Tristesse: Die Bevölkerung fühlt sich als Teil der überlegenen französischen Weltkultur. Aber das war einmal.
Keystone

Wenn in irgendeinem Bereich neue Vergleichszahlen zwischen Romands und Deutschschweizern publiziert werden, bin ich immer gespannt. Betroffen bin ich ja doppelt. Hätte ich eine, wäre meine Seele wohl 60% westschweizerisch (Schulzeit) und 40% deutschschweizerisch (Elternhaus).

«Ach die Romands, diese Weicheier»

Vor ein paar Tagen war es wieder einmal so weit: Romands sollen doppelt so oft an Depressionen leiden, war einer Studie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zu entnehmen (TA vom 9. 11.). Dazu dachten 40% meiner Seele: Ach die Romands, diese Weicheier. Die restlichen 60% meinten: Jetzt brauchen wir erst recht etwas Prozac.

Genau genommen lässt die Studie nur einen Schluss von beschränkter Tragweite zu: dass Allgemeinpraktiker in der Westschweiz viel öfter Massnahmen gegen Depressionen anordnen (Antidepressiva, Therapie usw.). Ob zutreffend oder nicht, sei dahingestellt – die interessanteste These, die dieses Ergebnis erklären würde, ist, dass Romands aus kulturellen Gründen tatsächlich anfälliger für Depressionen sind als Deutschschweizer. Sie lässt sich mit internationalem Zahlenmaterial auch erhärten.

«Mood disorders»

Aus einer langjährigen, noch nicht abgeschlossenen Monster-Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die erstmals die psychische Gesundheit der Bevölkerung in fast 30 Ländern aufgrund einheitlicher Kriterien vergleicht, kommt die Schweiz zwar nicht vor. Aber Deutschland und Frankreich. Und siehe da: In der Kategorie «Mood disorders» – die neben Depressionen und Neigungen dazu (wie Dysthymie) auch sogenannte bipolare Störungen beinhaltet – schneidet Frankreich zweimal schlechter ab als Deutschland. Das Verhältnis ist dasselbe wie der vom BAG berechnete Unterschied zwischen Romands und Deutschschweizern.

Gewisse Städtevergleiche verfestigen dieses Bild. Mitte der Neunzigerjahre wurde zum Beispiel geschätzt, dass der Anteil der Schwerdepressiven in Paris doppelt so hoch war wie in Berlin (Goldberg & Lecrubier, 1995). Schon wieder dieser Faktor 2 zwischen französischsprachigem und deutschsprachigem Raum!

Andere Kulturen

Dass die Romands anfälliger für Depressionen sind, erscheint mir aus eigener Erfahrung im Umgang mit – gesunden wie labilen – Menschen in beiden Landesteilen plausibel. Denn in der Art und Weise, wie die Wirklichkeit wahrgenommen und bewältigt wird, gibt es zwischen den beiden Kulturen grundsätzliche Unterschiede, die in der Politik wie im Alltag zum Ausdruck kommen.

Entscheidend, um die Mentalitäten im gesamten französischsprachigen Raum zu verstehen, ist, dass Frankreich vor gut zwei Jahrhunderten ein radikal neues Weltanschauungsmodell schuf. Es ging um ganz Grundsätzliches. Die vielleicht revolutionärste Idee darunter war, dass es gewisse Grundwerte an sich gibt, die weltweit Gültigkeit haben sollten, weil sie universellen Kriterien entsprechen.

Die ehemalige Grande Nation

Dieser Grundsatz entwickelte sich zum Exportschlager und prägt bis heute weite Teile Westeuropas. In Frankreich bleibt er ein Grundstein der nationalen Identität. Der universelle Blick auf die Welt gilt als Ausdruck des Génie français par excellence. Darauf beruhte die vermeintliche «Strahlkraft Frankreichs in der ganzen Welt», worauf das Land lange stolz war. Von dieser Strahlkraft ist seit Ende des Kalten Krieges immer weniger zu spüren. Sich einzugestehen, dass man nur noch auf dem Papier ein Grande Nation ist, fällt aber schwer.

Davon ist natürlich auch die Westschweiz geprägt. Als französischsprachiges Volk fühlt oder zumindest fühlte man sich bis vor kurzem als Teil einer überlegenen Weltkultur. Besonders in Genf ist das noch stark zu spüren. Das riesige Tamtam in der Westschweiz um den vor kurzem in Montreux (VD) abgehaltenen – völlig inhaltslosen – Frankofonie-Gipfel war bezeichnend.

Was nicht sein darf, gibt es nicht

Mit dem universellen Blick wird die Wirklichkeit aus einer abstrakten Perspektive angegangen. Was den (vermeintlich allgemeingültigen) Prinzipien widerspricht, wird herausgefiltert, weil es – im tiefsten Sinn des Wortes – «inacceptable» ist. Das Motto lautet: Was nicht sein darf, gibt es nicht – beziehungsweise will ich nicht sehen.

Auf politischer Ebene manifestiert sich das etwa darin, dass sich die Suisse romande grundsätzlich schwertut mit jeglicher Verschärfung in Ausländerfragen. Die ganze Missbrauchsdebatte in der IV und all die zum Teil haarsträubenden aufgedeckten konkreten Fälle fanden in den Westschweizer Medien nicht oder kaum statt.

Eiertanz um die Wirklichkeit

Wenn es um Prinzipien geht, gehen die Emotionen in der Westschweiz schnell hoch – unabhängig von der Faktenlage. An der letzten Delegiertenversammlung der SP (die weiterhin stärkste Partei in der Westschweiz) weinte die Waadtländer Nationalrätin Ada Marra am Rednerpult, als es um die Ausschaffungsinitiative und den bundesrätlichen Gegenvorschlag ging, die sie beide bekämpfte. Beide waren eben inacceptables.

Im Alltag führt diese Grundeinstellung zu grösserer Verlogenheit und Heuchelei als in der Deutschschweiz. Oberflächlich betrachtet mag der Umgang lockerer, ungezwungener erscheinen. Er ist vor allem oberflächlicher, unverbindlicher, indirekter. Man spricht die Dinge ungern aus, deutet sie höchstens an. Es ist ein ständiger Eiertanz um die Wirklichkeit, damit man sich nicht der Tatsache stellen muss, dass das eigene Tun oder Denken den schönen Prinzipien offensichtlich widerspricht.

«Mauvaise foi»

Das Gesicht zu wahren, ist Romands viel wichtiger als Deutschschweizern, entsprechend grösser ist die Diskrepanz zwischen dem eigentlichen und dem öffentlichen Ich. Sartre, der einflussreichste (kommunistische) französische Intellektuelle der Nachkriegszeit, widmete dem Thema ein ganzes Buch: «Mauvaise foi» (die Verlogenheit). Diese sieht er in Verbindung damit, dass die Rolle, die man in der Öffentlichkeit einnimmt, eben nur eine Rolle ist. Ganz ohne «mauvaise foi» kann man in einem stark vom Universalismus-Ideal geprägten Umfeld fast nicht überleben. Sonst wird man sofort von der Realität eingeholt. Und das sind beste Voraussetzungen für den Ausbruch einer Depression.

Ähnlich liesse sich auch erklären, wieso Frauen – wie die BAG-Studie erneut belegt – eine depressionsgefährdete Bevölkerungsgruppe sind (doppeltes Risiko gegenüber Männern). Romantik, eine doch eher typische Frauensehnsucht, verlangt nach Traum – und ist somit eine Abfuhr an die Wirklichkeit. Etwas radikaler meinte Nietzsche dazu: «Die Frauen sind so geartet, dass alle Wahrheit, in Bezug auf Mann, Liebe, Kind, Gesellschaft, Lebensziel, ihnen Ekel macht – und dass sie sich an jedem zu rächen suchen, welcher ihnen das Auge öffnet.»

Symptome der Depression

Nach den Frauen und den Romands sollte ich mir wohl auch unter den Deutschschweizer Lesern noch ein paar Freunde machen. Ich wage die These aufzustellen, dass die Romands zwar tatsächlich depressionsanfälliger sind, allerdings nur, wenn man Depression eng definiert. Zur Annahme, dass Deutschschweizer generell weniger unter psychischen Schmerzen leiden als Romands, habe ich keine Anhaltspunkte. Mit den Schmerzen wird aber anders umgegangen.

Laut internationalen Standards gilt jemand als «leicht» depressiv, sobald er eine gewisse Zeit lang mindestens zwei einer ganzen Reihe von Symptomen hat. Es sind fast alles weiche Faktoren: Um festzustellen, ob ein Patient z. B. an «Energieverlust» leidet, kann man ihn nur befragen. Umgekehrt heisst das, dass nur Personen als depressiv diagnostiziert werden können, die sich erstens des psychischen Schmerzes bewusst sind (und diesen nicht verneinen) und diesen zweitens dem Arzt auch mitteilen. Meine Erfahrung sagt mir, dass bei Deutschschweizern beides wesentlich seltener der Fall ist als bei Romands.

Deutschschweizer sind verwundbarer

Wie bereits ausgeführt, neigen Westschweizer dazu, die Wirklichkeit intellektualisiert wahrzunehmen, was sicher zu psychischen Störungen führen kann. Es fördert allerdings auch die Flexibilität und Improvisationsgabe im Umgang mit den Mitmenschen.

In dieser Hinsicht sind die Deutschschweizer verwundbarer. Es fällt ihnen schwerer, mit Emotionen spontan umzugehen. Das Gespür fürs Zwischenmenschliche ist weniger ausprägt. Daraus ergibt sich ein viel grösseres Bedürfnis, die Dinge zu kontrollieren, bis ins Detail zu planen, ja nichts dem Zufall zu überlassen.

Gesprochen wird immer erst im Nachhinein

Über schwierige Situationen spricht man erst im Nachhinein, wenn sie bereits bewältigt und verarbeitet sind. Dann aber umso intensiver. Debatten, wie sie oft im «Zischtigsclub» geführt werden, wo emotionale Situationen nachanalysiertwerden(z. B. mit derLebenspartnerin des verstorbenen Gotthard-Sängers), gibt es in der Suisse romande nicht. Wenn schon, macht man das sur le moment, in weniger kopflastiger Form.

Ein anderes, aus Westschweizer Perspektive merkwürdiges Merkmal der Deutschschweizer ist der Drang zur «Versachlichung» von Problemen emotionaler Natur, die dafür nicht geeignet sind.

Schleudertrauma, Globuli

Das Paradebeispiel dafür ist das Schleudertrauma. Leute, die davon betroffen sind, klagen monate- bis jahrelang nach einem Autounfall über verschiedenste Beschwerden (z. B. Nackenschmerzen), die sich nicht durch nachweisbare somatische Schäden erklären lassen. Der Begriff des Schleudertraumas suggeriert jedoch, dass ein objektiver Sachverhalt Ursprung des Leidens ist. Das kann kaum sein: Nach Autounfällen in der Westschweiz und in Frankreich wird kaum je ein Schleudertrauma beklagt.

Der viel grössere Erfolg der Homöopathie in der Deutschschweiz – die rein wissenschaftlich als unwirksam zu bewerten ist – ist ein anderes gutes Beispiel dafür. Der Erfolg der Alternativmedizin hat nichts mit dem Globuli-Schlucken zu tun, sondern mit der Aufmerksamkeit, die dem Patienten vom Arzt geschenkt wird. Eigentlich geht es auch hier um eine zwischenmenschliche Angelegenheit.

Übrigens: Die lebensfreudigsten – oder zumindest am wenigsten unter Depressionen leidenden – Menschen weltweit finden sich laut der WHO in Schwarzafrika und im Fernen Osten. Zumindest in dieser Frage scheint sich der grosse Menschenkenner Nietzsche gründlich geirrt zu haben: «Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das.»

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