Achtsam, asexuell – und politisch verdammt korrekt

Regenbogenflagge, Menschen mit Handicap: Die neusten Emojis widerspiegeln eine eigene Lebenswelt.

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Jetzt also Menschen mit Behinderung. Mit Blindenhund, Rollstuhl und Prothesen werden sie sich ihren Weg durch das Universum der gelben Gesichter bahnen. Bildchen von Menschen mit Handicap werden bald Teil der Emoji-Tastatur auf jedem Smartphone sein.

Emojis haben sich binnen weniger Jahre auf unsere Handys eingeschlichen. Zur Weltkarriere verholfen hat dem lächelnden Gesicht 1982 der US-Wissenschaftler Scott E. Fahlman. Er forschte damals über künstliche Intelligenz. Fast täglich erlebte er unter den Kollegen, welche Folgen die frühe elektronische Kommunikation haben konnte: «Manchmal kam es sogar zu einem ernsten Streit deswegen.» Seine Lösung bestand aus drei Zeichen: «Ich schlage vor, dass die folgende Zeichensequenz einen Witz markiert: :-).»

Fahlmans «Emoticon» funktionierte als emotionale Begleitmusik zum geschriebenen Wort. Es machte zweimal Weltkarriere: als Zeichenfolge und später – als Emoji, als gelber Smiley. Seit 2011 sind die Symbole auf den iPhones von Apple verfügbar, zwei Jahre später folgte Google mit seinem Android-Telefon. Fahlman wäre lieber für seine Forschungen bekannt geworden als für das digitale Mondgesicht, er findet es «hässlich». Die Grafiksymbole wirken auf den ersten Blick niedlich und infantil. Das liegt an ihrer Herkunft: Emojis wurden in Japan erfunden. Dort besitzt das Kawaii-Konzept – die Ästhetik des Niedlichen – hohen Stellenwert. Die Bildchen liefern die emotionale Tonspur zur getippten Information. Ein Emoji, japanisch für «Bildschriftzeichen», kann den Unterschied ausmachen: wird eine Nachricht als Flirt gedeutet oder als freundschaftliche Geste. Tag für Tag werden mehrere Milliarden Emojis verschickt, 3000 Motive gibt es inzwischen.

Und die Bildchen werden immer mehr. Bis Ende des Jahres werden 230 weitere Emojis auf Smartphones, auf Facebook oder Whatsapp bereit sein und gespielt. Darunter so profane Abbilder wie das der Zwiebel, aber auch gesellschaftspolitisch relevante Symbole wie der Rollstuhl als Zeichen der Körperbehinderung. Und so, wie das Internet schon lange nicht mehr nur die Abspielfläche für niedliche Katzenbildchen ist, bedeutet der Zeichensatz der Emojis längst mehr als ein Lächeln am Ende eines missverständlichen Witzes.

Emojis mit Hijab und Kippa

Die Welt, welche die Emojis ganz zu Beginn transportierten, war bieder: Männer wurden als Bauarbeiter oder Polizisten skizziert. Frauen – die Emojis mehr nutzen als Männer – kamen als Coiffeuse oder Prinzessin vor. Und die Hautfarbe war fast ausschliesslich weiss. Diese Weltsicht wurde schnell zu eng, besonders für die Jüngeren. Mit Hashtags, Petitionen und Diskussionsbeiträgen forderten die unterschiedlichen Gruppen ihre eigenen Emojis ein. Rothaarige verlangten per Petition ein eigenes Motiv, sie bekamen es 2018. Ein Jahr zuvor hatte eine Wiener Schülerin das Hijab-Emoji für Frauen mit Kopftuch durchgesetzt. Die Konferenz der Europäischen Rabbiner sprach sich im Mai für ein Gesicht mit Kippa aus.

Zwölf Erweiterungen des Emoji-Zeichensatzes hat es bislang gegeben, die dreizehnte ist in Arbeit. Auch die Welt der Strichgesichter soll abbilden, was in der Gesellschaft debattiert wird. Zur selben Zeit, in der sich in den USA 2013 die «Black Lives Matter»-Bewegung gegen Gewalt gegen Schwarze einsetzte, hinterfragten immer mehr Menschen die Emoji-Hautfarben. Damals gab es nur zwei nicht weisse Gesichter: einen asiatisch aussehenden Mann und einen mit Turban. User in der ganzen Welt kritisierten dies, unter ihnen Miley Cyrus, Pop-Ikone von Millionen Teenagern. Die Hautfarbe wurde Talkshow-Thema. Der Druck wirkte: «Es braucht mehr Diversität im Emoji-Zeichensatz», verkündete Apple. Inzwischen können menschliche Motive in sechs Farbtönen dargestellt werden.

Rollstühle und Mate-Drink: Die neuen Emojis für 2019. (Video: Youtube/Emojipedia)

Kurz darauf meldeten sich die Frauen: Nach einer Initiative von Google-Mitarbeiterinnen wurden 2016 weibliche Motive wie etwa eine Schweisserin, eine Wissenschaftlerin und eine Ärztin zugelassen. «Emoji-Feminismus» nannte es eine Kommentatorin der «New York Times». Demnächst erweitern den Zeichensatz neben der Regenbogenflagge auch gleichgeschlechtliche Paarmotive mit unterschiedlichen Hautfarben.

Wie im echten Leben führt der Wunsch der Emoji-Gemeinde nach Diversität manchmal zu Konflikten. Etwa bei der Frage, ob einer als Weisser seine Zustimmung mit einem schwarzen «Daumen hoch!» signalisieren darf oder ob das Rassismus sei? Die Antwort war ein Shitstorm: Schwarz sein sei kein Lifestyle, sondern Lebensrealität. Das US-Magazin «The Atlantic» berichtete, dass sich viele Weisse scheuen würden, Emojis zu benützen, die ihrer Hautfarbe entsprächen. Sie wollten nicht suggerieren, stolz auf ihre Hautfarbe und ihre Privilegien zu sein. Auch abseits aller gesellschaftspolitischer Debatten hat das Emoji-Alphabet ein Eigenleben entwickelt. Viele Motive haben Zusatzbedeutungen bekommen. Zu den bekanntesten gehören die sexuellen Konnotationen: der Pfirsich als weiblicher Po, die Aubergine als männliches Geschlechtsteil.

Eine grüne Wasserpistole als Statement

Doch wer bestimmt eigentlich, was in den Emoji-Katalog eingeht? Unicode. Das Unicode-Konsortium ist ein Verein mit Sitz in Mountain View, Kalifornien. Mitglieder sind, neben anderen, Apple, Microsoft, Google, Adobe und Netflix; seit 2015 gehört auch das Ministerium für Stiftungen und religiöse Angelegenheiten von Oman zu den Vollmitgliedern. Ziel sei, den Koran kalligrafisch korrekt auf jedem Bildschirm abzubilden. Anders gesagt: Eine Religionsbehörde und eine Handvoll Internetkonzerne bestimmen darüber, wie Milliarden Menschen ihren emotionalen Haushalt digital abbilden dürfen.

Dass Unicode einmal die oberste digitale Sprachbehörde sein würde, damit hatte Mark Davis nicht gerechnet. Davis, 66 Jahre alt, ist einer der Gründer von Unicode, sein Gehalt verdient er bei Google. 1991, als das Internet noch nicht «das Netz» war, machten es sich die Leute von Unicode zur Aufgabe, alle Buchstaben, Zahlen und Symbole zu katalogisieren, damit Symbole wie etwa jene für Euro oder Dollar auf dem Smartphone in China genauso angezeigt werden wie auf einem Handy auf den Malediven. In den 2000er-Jahren wurden die Unicode-Macher auf die Motive aus Japan aufmerksam. «Wir dachten, das sei ein vorübergehendes Phänomen», sagt Davis. Inzwischen kann jeder einen Vorschlag einreichen. Auf der schwarzen Liste stehen Markennamen und Logos. Prominente dürfen als Emojis ebenso wenig verwendet werden wie Gottheiten.

Hat das Unicode-Konsortium ein Emoji in den Katalog aufgenommen, entscheiden die Programmierer der Apps und die Hersteller der Endgeräte, ob sie das Abbild in ihren Zeichensatz aufnehmen. Ausserdem passen Google wie Apple die Emojis ihrem spezifischen Design an. Apple setzte 2016 damit ein Zeichen: Auf dem Höhepunkt der Debatte um Amokläufer und um Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA ersetzte der Konzern das Pistolen-Emoji durch eine grüne Wasserpistole. Später zogen die anderen Internetgiganten nach.

Die Emojis repräsentieren eine heile Welt, betrachtet vor allem aus westlicher Sicht. 

Doch am Ende ist es eine in Watte gepackte Realität. Die Emojis repräsentieren eine heile Welt, betrachtet vor allem aus westlicher Sicht. Sie kombiniert die Prüderie der 1950er-Jahre mit der Aufgeschlossenheit eines Liberalen von der US-Westküste. Es ist eine Welt, in der sich alle zu Hause fühlen, achtsam sind, divers, weltoffen. «Wir leben in einer Emoji-Filterblase, die das Unicode-Gremium für uns kreiert hat», sagt Mantas Rimkus. Der Grafiker aus Litauen hat deshalb einen Satz an Emojis entworfen, die er Demojis nennt und die globale Probleme abbilden: den Lauf einer Pistole, der auf den Betrachter gerichtet ist, eine pechschwarze Rauchwolke, Stacheldraht, eine Überwachungskamera. «Ich glaube, dass die vorhandenen Emojis die Realität einfach nicht widerspiegeln», erklärte Rimkus in einem Interview.

Vielleicht sollen sie das auch gar nicht. Denn letztlich stecken hinter den Entscheidungen des Unicode-Konsortiums die finanziellen Interessen ihrer Mitglieder. Nur wer sich als Kunde repräsentiert fühlt, wird die Emojis nutzen. Im Fall von Google wurden aus Angst davor, möglicherweise eine Gruppe zu verprellen, selbst Eier und Gemüse zum Politikum: Damit das Salat-Emoji auch für Veganer nutzbar ist, entfernte das Unternehmen für die Android-Geräte das hart gekochte Ei aus dem Grünzeug. Google nannte das «Inklusion», ein britischer Agrarverband hingegen fand die Änderung «unfassbar lächerlich».

Der gemeinsame Nenner, den Unicode schaffen will, ist einigen zu klein. Es gibt längst unzählige Apps, die es möglich machen, Emojis selbst zu erstellen. So können Nutzer sich von der Unicode-Palette lösen. Je mehr das Konsortium also versucht, ein politisch korrektes Weltbild abzubilden, desto mehr verliert es die Kontrolle über die Emojis. Und desto eher taucht jeder wieder in seine eigene Welt ab.

Erstellt: 14.08.2019, 17:23 Uhr

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