«Ältere Väter sagen: Geniess die Zeit»

Sind Vollzeit arbeitende Väter wirklich glücklicher? Schweizer Politiker über ihre Erfahrungen mit Familie und Beruf.

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Bastien Girod (37)Grünen-Nationalrat

«Ich bin froh, dass im Interview auch stand, dass die Studie das Durchschnittsbefinden der Väter abbildet. Für mich stimmt dieses Empfinden nämlich nicht: Die Vaterzeit, die ich mit meinen beiden Töchtern verbringe, eineinhalb und dreieinhalb Jahre alt, erlebe ich als anspruchsvoll, aber auch als entspannend. Im Beruf kommt man in einen Flow, ist selbstbestimmt. Mit Kindern muss man sich nach ihnen richten und ist gezwungen, ein Tempo zu fahren, das man sich selbst wohl nicht erlauben würde. Pro Woche verbringe ich zwei Nachmittage allein mit meinen Töchtern. Wir unternehmen viel, und mir gefällt, dass ich mitbekomme, wie sie denken, die Welt sehen. Das ist eine intensive Zeit.

Und meine Frau ist froh, wenn sie daheim Ruhe hat und für sich arbeiten kann. Weil ich als Politiker oft auch noch an den Abenden arbeite oder an den Wochenenden, ist es schwierig, mein Arbeitspensum zu nennen: 80 bis 120 Prozent – je nachdem, wie man rechnet. Es kommt oft vor, dass ältere Väter mir sagen: Geniess die Zeit mit den Kindern, sie geht so schnell vorbei. Mein Eindruck ist, dass man zwei verschiedene Zeitempfinden hat. Was den Job betrifft, denkt man vielleicht kurzfristiger, unmittelbarer. Dann will man noch schnell das erledigen oder bleibt etwas länger in der Hoffnung, in der Karriere weiterzukommen. Vielleicht ist die Kinderbetreuung im Moment weniger aufregend. Aber die Kinder werden älter. Ich glaube, würde man die heutigen Väter in zwanzig Jahren befragen, würden es viele bereuen, nicht mehr bei ihren Kindern gewesen zu sein.»

Markus Hungerbühler (43)CVP-Gemeinderat

«Teilzeitväter sind flexibler und deshalb glücklicher – so meine bisherige Annahme. Mein Partner und ich arbeiten beide 100 Prozent. In der Betreuung unserer einjährigen Tochter teilen wir uns gleichmässig auf. Zusätzlich greifen wir auf eine Fremdbetreuung zurück. Seit der Geburt unseres Kindes geht es in unserem Haushalt sehr viel lebhafter zu und her. Schwierig, gerade nach einem harten Arbeitstag, wo man vielleicht lieber die Füsse hochlagern würde.

Doch wir sagen uns immer: Was unsere und viele andere Eltern geschafft haben, das können wir auch. Meine Erfahrung: Mit einer guten Kommunikation findet sich für jedes Problem eine Lösung. Mein Partner und ich legen uns jeweils früh fest, wer an welchem Tag die Betreuung übernimmt, fragen Bekannte an oder nehmen das Kind auch mal zur Arbeit mit – wie gerade am Dienstagabend zur CVP-Delegiertenversammlung. Als sich unliebsame Personen zu Wort meldeten, ich nenne bewusst keine Namen, fing das Kind an zu schreien. Der Wert der Hausfrau wurde jahrzehntelang unterschätzt. Die Zeit des traditionellen Familienbildes ist definitiv vorbei. Wir müssen aufpassen, dass das Rad der Zeit nicht zurückgedreht wird. Studien, die solche Resultate verbreiten, befeuern diese Gefahr.»

Raphael Golta (42)SP-Stadtrat

«Als Stadtrat liegt Teilzeit einfach nicht drin. Das war mir und meiner Frau klar, als ich gewählt wurde. So arrangieren wir uns: Ich arbeite Vollzeit, sie übernimmt nebst einem Arbeitspensum von 50 Prozent den Grossteil der Kindererziehung. Die restliche Zeit sind unsere Kinder, vier- und sechsjährig, in der Kinderkrippe oder im Hort. Trotzdem versuche ich meinen Teil zur Kinderbetreuung zu leisten. In meinen Ferien übernehme ich Betreuungstage meiner Frau. Als Hausmann wird einem klar: Es ist ein Privileg, viel Zeit mit seinen Kindern zu verbringen – und eine riesige Herausforderung. Für den Rollenwechsel muss ich mich umstellen.

In der Politik sollen die rationalen Argumente zählen, Kinder agieren aber oft irrational: Sie empfinden auf eine Weise, die sich nicht immer erklären lässt. Das zwingt einem zu Ad-hoc-Entscheidungen. Eine Qualität, die auch wieder für die Politik nützlich ist. Für mich wäre es denkbar, meinen Job für die Kinder herunterzufahren – jedoch nicht, solange ich Stadtrat bin. Der Spagat zwischen Arbeit und Kinder­betreuung ist schwierig. Sich gleichzeitig zu Hause und bei der Arbeit zu 100 Prozent einzusetzen, ist schwierig. Ich kann verstehen, dass diese Situation unbefriedigend sein kann, selbstverständlich auch für Mütter. Politik und Wirtschaft müssen sich weiter für flexible Arbeitsmodelle einsetzen. Nur so steigt die gesellschaftliche Akzeptanz für Hausmänner und dadurch vielleicht auch ihre Zufriedenheit.

Filippo Leutenegger (65)FDP-Stadtrat

«Obwohl ich immer voll gearbeitet habe, war ich meinen fünf Kindern, zwischen 12 und 34 Jahre alt, ein engagierter und präsenter Vater. Trotzdem ist die Prioritätensetzung im Alltag anspruchsvoll. Darum gründeten meine damalige Frau und ich vor mehr als 20 Jahren eine Kinderkrippe, später in unserem Quartier einen Kinderhort. Bis heute koche ich regelmässig am Mittagstisch, gehe an die Elternanlässe, lief auch mal bei einem Räbeliechtli-Umzug mit. Wichtig ist nicht nur die Frage des Arbeitspensums, sondern wie viel Verantwortung man als Vater verbindlich übernehmen will und kann.

Als einstiger Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und späterer CEO eines Verlages war ich in einer privilegierten Situation, weil ich meine Arbeitszeit teilweise selber einteilen konnte. In gewissen Phasen des Familienlebens ist eine Pensumsreduktion auch für Väter eine Entlastung und Bereicherung – das würde ich mir heute als junger Vater ernsthaft überlegen. Voll arbeiten kann man noch lange genug. Es ist nämlich das Schönste, die Kinder zu erleben, an ihren Sörgeli teilzunehmen. Als junger Vater dachte ich wie viele, man könnte im Beruf nicht weiterkommen. Aber tatsächlich habe ich weniger verpasst als befürchtet. Darum: Im Zweifelsfall sollte man sich für mehr Zeit mit den Kindern entscheiden.»

Erstellt: 04.07.2018, 23:04 Uhr

Ist es zu Hause anstrengender als im Job?

Väter, die 100 Prozent arbeiten, sind zufriedener als andere – der Befund des Soziologen Martin Schröder deckt sich mit früheren Studien. In Umfragen gibt die grosse Mehrheit der Väter zwar an, Teilzeit zu bevorzugen. Wenn aber ein Arbeitgeber entsprechende Möglich­keiten schafft, verzichten die meisten. Laut einer Befragung von Politgeograf Michael Hermann arbeiten 87 Prozent der Schweizer Väter Vollzeit – Männer ohne Kind tun das seltener. Den Vätern sei die Familie nicht unwichtig. Aber sei der Nachwuchs mal da, setzten viele ihre Prioritäten anders.

Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen lieferte unlängst die Ausstellung «The Happy Show» im Museum für Gestaltung. Sie ergründete unser Glücksempfinden und rührte dabei ein Tabu an: Kinder grosszuziehen, ist anstrengender und weniger beglückend, als sich viele Eltern eingestehen. Im Büro ist Bestätigung vergleichsweise einfacher zu erlangen. Ausstellungsmacher Stefan Sagmeister berief sich auf den Harvard-Psychologen Daniel Gilbert, dem zufolge wir Mühe haben, unser Glück rückblickend oder vorausschauend realistisch einzuschätzen. Viele Eltern bezeichnen Kinder als «grösste Quelle der Freude in ihrem Leben». Wenn aber berufstätige Frauen über längere Zeit immer wieder festhalten, was sie gerade tun und wie sie sich dabei fühlen, schliesst Sex am besten ab, gefolgt vom Kontakt mit Freunden. Ein Kind zu bekommen, rangiert weit unten, nahe beim Toilettenputzen.

Eine ebenfalls auf Gilbert zurückgehende Glückskurve von verheirateten Paaren weist nach der Geburt des ersten Kindes eine eindrückliche Delle auf, die erst überwunden ist, wenn das letzte Kind den Haushalt verlassen hat. Diese Darstellung hat in der Ausstellung Kon­troversen ausgelöst. Die Bandbreite reichte von «Endlich sagt es jemand» bis zur Ablehnung der Resultate. (hub)

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