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Alle werden reicher (ausser du)

Extreme Armut wird etwas weniger, irrer Reichtum deutlich mehr, und die Mitte macht sich Sorgen.

Die Kritik ist lauter als die Studie. Oxfam zeichne «bewusst ein falsches Bild von den Zuständen der Welt», schreibt Franz Schnellhorn, Direktor der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria, in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Die Realität sei «komplizierter, als diese Studie suggeriert», sagt die Zürcher Ökonomieprofessorin Dina Pomeranz zu Radio SRF.

Die Oxfam-Studie, wie in früheren Jahren zum Auftakt des WEF in Davos erschienen, behauptet: Die weltweite materielle Ungleichheit nimmt zu. «Hunderte Millionen leben in extremer Armut, derweil die an der Spitze riesige Gewinne einstreichen.» Die 26 reichsten Milliardäre besässen zusammen so viel Geld wie die ärmere Hälfte des Planeten, 3,8 Milliarden Menschen. Seit 2008 habe sich die Zahl der Milliardäre fast verdoppelt, die Armut der Armen aber vergrössert. Oxfam fordert höhere Steuern für Superreiche und ihre Firmen.

Dass die Zahl der Dollar-Milliardäre zunimmt, bestreitet niemand, rund 2200 sind es heute. Dubios aber finden Fachleute die Behauptung, die Milliardäre würden auf Kosten der Armen reicher. «Die Armen sind nicht arm, weil Jeff Bezos so viele Amazon-Pakete versendet», schreibt Schnellhorn in der FAZ. Sondern weil sie unter unfähigen Regierungen, Kriegen und mangelnder Öffnung litten. Zudem würden die Ärmsten nicht ärmer, sondern leicht wohlhabender, sagt Andreas Peichl, Direktor des Ifo-Zentrums für Makroökonomie in München, dem Sender Deutsche Welle. «Weltweit gesehen, geht die absolute Armut sehr stark zurück.» Die Weltbank sieht das gleich.

«Es geht auch darum, die Demokratie vor Oligarchie zu schützen.»

Emmanuel Saez und Gabriel Zucman in der «New York Times»

Nicht nur die Reichen, auch die Armen werden also etwas reicher. Und wer weiss: Vielleicht tragen Multimilliardäre dazu bei. Figuren wie Bill Gates, Warren Buffett, Mark Zuckerberg oder Hansjörg Wyss sind bemüht, die Welt mit ihrem Geld besser zu machen. Sie ermöglichen Impfungen, Schulbildung, Trinkwasser, Internet und sind wirkungsmächtiger als viele Staaten. Vielleicht sollten Regierungen Botschafter bei den Milliardären akkreditieren, Fundraising betreiben?

Oder aber: Sie fordern das Geld ein. Dass die linke US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez ganz im Geiste Oxfams eine Millionärssteuer fordert, 70 Prozent auf Einkommen von über 10 Millionen Dollar, hat am WEF offenbar für Unruhe unter US-Milliardären gesorgt. Das werde nicht funktionieren, sagen die Wirtschaftsführer in US-Medien, weil es Wachstum und Unternehmergeist abtöte.

Für manche ist die Reichensteuer mehr als Geldbeschaffung. «Es geht auch darum, die Demokratie vor Oligarchie zu schützen», schreiben die Ökonomen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman in der «New York Times». Oligarchie steht für die Herrschaft der wenigen. Wenn sich extremer Reichtum in wenigen Familien konzentriere und vererbe, so gefährde dies das Ideal der anti-aristokratischen Gesellschaft, in der Macht und Geld durch Leistung errungen werden. Die Idee einer progressiven Besteuerung sehr hoher Einkommen sei gutamerikanisch und bis zu den Reagan-Jahren lange in Kraft gewesen.

Steuern dürften im US-Wahlkampf eine Rolle spielen

Um die Frage, ob der Staat sich besser ums Gemeinwohl kümmert als private Akteure, geht es den Autoren nicht. Einzig darum, dass den Milliardären die demokratische Legitimation fehlt.

Das Thema Steuern dürfte im US-Wahlkampf eine Rolle spielen. Die oft zitierten Abstiegsängste der Mittelklasse produzieren eben nicht nur Trump-Wähler, sondern auch Fans des starken, umverteilenden Staates, Anhänger von Elizabeth Warren oder Bernie Sanders. Als der Demokrat Joe Biden unlängst sagte, er habe «kein Verständnis» für die jungen Leute, die das Gefühl hätten, es gehe ihnen schlechter als ihren Eltern, brach Zorn über ihn herein. Leben Millennials nicht in permanenter Job-Unsicherheit? Wären die Häuser, die ihre Baby-Boomer-Eltern einst locker kauften, für sie heute nicht viel zu teuer? Eben.

Vielleicht sind die Wohlstandsvorstellungen der Jungen überrissen. Ganz so arm sind viele nicht. Doch Abstiegsängste sind da und prägen die Politik, auch in Europa. Was, wenn die Ärmsten nicht zur Mittelklasse aufschliessen, sondern die Mittelklasse den Armen entgegenschlittert? Der britische Ökonom Adair Turner prophezeite in dieser Zeitung das Verschwinden der Mittelschicht. Oben Milliardäre, unten Gestrampel. Kann sein, dass das nicht alle gut finden.

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