Alles koscher

Der Sabbat lässt sich nicht so einfach mit dem modernen Alltag vereinbaren. Ingenieure arbeiten deshalb in einem Institut im Westjordanland an koscherer Technik.

Ein Rabbi mit einer koscheren Lampe: Eine Blende verdunkelt sie, kein Schalter muss betätigt werden. Foto: Jim Ross (NYT, Laif)

Ein Rabbi mit einer koscheren Lampe: Eine Blende verdunkelt sie, kein Schalter muss betätigt werden. Foto: Jim Ross (NYT, Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Lärm ist mal wieder unerträglich. Aber Rabbi Binyamin Zimmerman läuft routiniert wie immer von einem Ausstellungsobjekt zum nächsten, vom Treppenlift in einer Glasvitrine zur Plastikhand, die man zu Demonstrationszwecken in einen Fingerabdruckscanner setzen kann – und lässt per Knopfdruck eine plappernde Stimme nach der anderen verstummen. Eben ist eine jüdische Schulklasse durch die kleine Ausstellung gefegt und hat sämtliche Videos an den Stellwänden simultan zum Laufen gebracht. Als wieder Ruhe herrscht, schliesst der Rabbi die Tür eines üppig verdrahteten Thoraschreins. Statt heiliger Schriftrollen beherbergt dieses Holzfurnier Weltliches: eine ausgeklügelte Diebstahlsicherung.

Das Besondere an diesen Ausstellungsstücken ist, dass sie trotz des strengen Ruhegebots am Sabbat verwendet werden dürfen. Seit 42 Jahren tüftelt man im Zomet-Institut an der Vereinbarkeit jahrtausendalter Gesetze und moderner Technologie. Zomet, das bedeutet auf Hebräisch: «Kreuzung». Wie diese Vereinbarkeit von Religion und modernem Leben in der Realität aussieht, können Gäste in einem Besucherzentrum sehen. Vorausgesetzt, man lässt sich nicht davon abschrecken, dass das «Zomet Experience» in Alon Shvut sitzt, einer national-religiösen Siedlung im von Israel besetzten Westjordanland. Es gibt dort Weinberge, aber auch jede Menge Stacheldraht.

Der sabbattaugliche Metalldeketor

«Warst du schon mal an der Klagemauer?», fragt der Rabbi und führt die Schüler ins Klassenzimmer im Keller. Hinter Stuhlreihen ist ein Wachturm aus Pappe aufgebaut. Weiter vorn steht eine Metalldetektorschleuse, wie sie in Israel omnipräsent sind. Der einzige Unterschied: Die Schleuse ist koscher, also sabbattauglich.

Nach der Halacha, den jüdischen Gesetzen zur Lebensführung, darf am Sabbat nichts erschaffen und auch kein Feuer angezündet werden. Selbst das Schliessen eines Stromkreislaufs ist nach heutiger Auslegung tabu. Gläubige Juden müssen deshalb unter der Woche alles für den Ruhetag vorbereiten. Mithilfe von Zeitschaltuhren ist das bezüglich Herd, Licht oder Warmwasserboiler längst kein Problem mehr.

Raffinierte Lösungen

Kniffliger wird es, wenn die alten Ge­setze auf die Ansprüche einer säkularen Hightechgesellschaft treffen. Noch dazu in einem Staat, der so sicherheitsorientiert ist wie Israel. Vor nicht allzu langer Zeit weigerten sich zum Beispiel orthodoxe Juden, am Sabbat durch einen Metalldetektor zu treten. Selbst wenn es nur eine Gürtelschnalle ist, die den Alarm auslöst, wäre das streng genommen ein Bruch des Sabbats. Das soll sich nun ändern. Die Metalldetektoren des Zomet-Instituts, die inzwischen auch vor der echten Klagemauer stehen, verfügen über einen Spannungsmesser. Das heisst: Wer mit Metall am Körper durch die Schleuse tritt, verändert nur die existierende Spannung. Ein Zeiger schlägt aus. Aber einen Stromkreis schliesst das Gerät deswegen nicht.

Rabbi Zimmerman stammt eigentlich aus New Jersey und lehrt an der jüdischen Hochschule von Alon Shvut die Thora, wenn er keine Führungen gibt. Wie die anderen Mitarbeiter des Instituts, sechzehn Ingenieure und Rabbis, fasziniert ihn die Wissenschaft genauso wie die Interpretation der jüdischen Gesetze. Gerade Rabbis müssten sich mit Technologien auseinandersetzen, findet Zimmerman. Um sie richtig anwenden zu können. «Dass die Juden heute in Israel als Start-up-Nation prosperieren, liegt daran, dass sie immer offen waren für den Fortschritt», sagt der Rabbi.

Neben Rabbis und Schulklassen lauschen vor allem jüdische Reisegruppen und Geschäftsleute seinen Ausführungen. Diese fangen bei Edisons Glühbirne, dem Symbol für die Elektrifizierung der modernen Welt, an – und damit gleichermassen auch bei der Urfrage für die Tüftler vom Zomet-Institut: Wie lässt sich Strom nutzen und trotzdem angemessen Sabbat feiern?

Orthodoxe Juden weigerten sich, am Sabbat durch einen Metalldetektor zu treten.

«Je komplexer unsere Lösungen, desto mehr Kritiker gibt es», sagt Zimmerman. «Aber wenn ein ultraorthodoxer Jude im Krankenhaus liegt, ist er doch froh, dass der Arzt mit unseren Geräten die Sabbatruhe möglichst wenig verletzt.» Ausser Frage steht, dass Lebensgefahr die Sabbatruhe sticht. Nur, wie sieht es aus, wenn kein akuter Notfall besteht und es stattdessen schlichtweg um mehr Lebensqualität geht?

Das Paradestück für diesen Glaubenskonflikt ist ein modifizierter Elektrorollstuhl. Die moralische Frage ist schnell geklärt. Zwar sei es gebrechlichen Menschen natürlich gestattet, zu Hause zu beten statt in der Synagoge, sagt der Rabbi. Aber zu den Sabbatgeboten gehöre ja auch der Genuss und die Freude am Ruhetag und damit Mobilität. Ein Rollstuhl kann also durchaus auch am Sabbat seine Daseinsberechtigung haben. Umso komplizierter ist die technische Umsetzung. Ein Schlupfloch fanden die Ingenieure schliesslich beim Propheten Jesaja. Es nennt sich Gramma-Prinzip und wird im Talmud als indirekte Aktion beschrieben, die erlaubt ist, wenn hoher finanzieller Verlust oder andere Schwierigkeiten zu befürchten sind. Wenn zum Beispiel ein Feuer ausbricht, das nicht lebensbedrohlich scheint, könne man eine Barriere aus mit Wasser gefüllten Lehmtöpfen aufstellen. Das ist erst mal eine zwecklose Handlung. Falls das Feuer sich weiter ausbreitet, platzen die Karaffen, und das Feuer wird gelöscht.

Karte vergrössern

Wichtig sei die Zeitverzögerung, erklärt der Rabbi. Ein Dominoeffekt soll in jedem Fall verhindert werden. Das heisst, die Handlung sollte von einem zweiten unabhängigen Faktor automatisch ausgelöst werden. Übersetzt ins 21. Jahrhundert: Man drückt einen Knopf, der keine direkte Auswirkung auf den Stromkreis hat. Allerdings scannt ein Mikroprozessor alle zwei Sekunden die Position des Knopfes und schaltet je nachdem den Motor an oder wieder aus. Im Falle des Rollstuhls löst der Gramma-Schalter indirekt auch die Bremsen, sodass die Räder sich mit minimaler Geschwindigkeit zu drehen beginnen, das Gewicht des Rollstuhlfahrers jedoch genug Reibung erzeugt, um sie zu blockieren. Mit dem Joystick verändert der Fahrer dann nur noch die vorhandene elektrische Spannung.

Der 2017 verstorbene Gründer des Instituts Rabbi Ysrael Rozen betont in seinen Ausführungen auf der Instituts-Homepage, dass zur Ausstattung des Rollstuhls ein Schild gehört. Es soll argwöhnischen Mitmenschen versichern, dass der Sabbatmechanismus von prominenten Rabbinern halachageprüft sei. Streng genommen arbeitet das Zomet-Institut nicht nur an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne, es wandelt auch auf dem schmalen Grat zwischen Idealismus und Geschäftswelt. Vom Staat erhält das Institut angeblich nur Geld, wenn ein Produkt für die Öffentlichkeit übernommen wird. Als Non-Profit-Unternehmer können die Sabbatwissenschaftler auch keine Patente anmelden. Viele Erfindungen werden deshalb einfach gestohlen, sagt Zimmerman.

Hintertürchen finden

Der neue Institutsleiter Rabbi Menachem Perl sitzt in seinem Büro, das in einem Schlauch düsterer Kabuffs liegt, in denen Ingenieure an Werkbänken vor Haufen von Drähten, Halbleitern und Lötkolben sitzen. Prototypen und Einzelanfertigungen werden im Institut noch selbst hergestellt. Bei grösserer Abnahme findet die Produktion inzwischen aber in China statt. Aber auch in Fernost dürfen keine Komponenten am Sabbat hergestellt werden.

Perl findet, dass die jahrtausende­alte Kultur der Sabbatruhe und ein erholter Start in die Woche zum heutigen Zeitgeist passe. «Noch vor ein paar Jahrzehnten ging es in den Industrienationen darum, wer am fleissigsten produziert, heute gewinnt, wer am effizientesten ist.» Passend dazu führt der Rabbi auf seinem Computerbildschirm einige Präsentationen zu seinen Zukunftsvisionen vor: Drohnen, die orthodoxe Frauen nachts nach Hause begleiten könnten, oder die Weiterentwicklung von Apples smarter Brille.

Koscher quergedacht ist besonders die Diebstahlsicherung für den Thorarollenschrank. Anders als bei einer herkömmlichen Alarmanlage unterbricht der Dieb den Stromkreislauf nicht, wenn er die Tür öffnet – sondern verschliesst ihn damit. Der Rabbi wiederum hat einen Schlüssel, mit dem er den offenen Stromkreislauf an einer weiteren Stelle unterbricht, bevor er die Thorarollen herausholt. Man muss eben nur wissen, wo die Hintertürchen zu finden sind.

Erstellt: 11.05.2019, 19:40 Uhr

Artikel zum Thema

Im Paradies ist wieder alles koscher

SonntagsZeitung Ruth Thomann wurde als Antisemitin beschimpft. Jetzt feierten Schweizer Juden Sabbat bei ihr in Arosa. Mehr...

«Jesus wachte aus der Narkose auf und stand auf»

Historiker Johannes Fried hat steile Thesen zum Tod Jesu – und macht sich damit viele Feinde. Widerlegen konnte sie bislang aber niemand. Mehr...

Vom Weg abgekommen

In Zürich leben rund 2500 ultraorthodoxe Juden. Wie es ist, aus dieser Gemeinschaft auszubrechen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...