«Als ich die Klinik verliess, war ich süchtig»

Das Beruhigungsmittel Xanax wird verschrieben, obwohl es schnell ­abhängig macht. Bericht einer Frau, die den dritten Entzug hinter sich hat.

«Ich wusste, das Xanax abhängig macht, aber es interessierte mich nicht.» (Foto: Unsplash)

«Ich wusste, das Xanax abhängig macht, aber es interessierte mich nicht.» (Foto: Unsplash)

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«Einen kleinen Notvorrat habe ich behalten. Natürlich hätte ich das nicht tun dürfen. Obschon ich in der Klinik war, um vom Xanax loszukommen, brachte ich es nicht über mich, alles wegzuwerfen. Denn wenn ich die Wahl habe zwischen Panikattacken und einem Xanax-Entzug, muss ich nicht lange überlegen: dann lieber einen Entzug.

Wenn du einmal Xanax gehabt hast, willst du nie wieder was ­anderes. Da konnten sie in der ­Klinik noch lange Ratschläge geben, was man tun solle, wenn eine Panikattacke kommt: Sorry, aber Atemübungen oder Häkeln ist Bullshit, mir zumindest hilft das nicht, in diesem Moment hilft nur Chemie. Hilft nur: Xanax.

Xanax ist Fluch und Segen zugleich – ein Segen im Notfall, für den es ja eigentlich gedacht ist, ein Fluch auf Dauer, wie es in der Realität oft verschrieben wird. Wie bei mir. Mit Xanax bist du wie oben auf einer Wolke, weit weg von allem, von der Realität. Es wird alles unscharf, unwichtig. Xanax war meine Ihr-könnt-mich-mal-Pille.

«Der Oberarzt sagte beim Erstgespräch: ‹Xanax macht dumm.› Und er hatte recht, die Nebenwirkungen ­waren massiv.»

Zum ersten Mal verschrieben bekam ich es wegen Depressionen, vor 16 Jahren, da war ich 30 Jahre alt. Die Depression war eine verzögerte Reaktion auf den Tod meiner Mutter. Ich wohnte damals in einer anderen Stadt, weit weg von daheim, von meinen Freunden, war single und arbeitete wie eine Maschine. Bis ich zusammenbrach und in eine Klinik eingeliefert wurde. Ich konnte überhaupt nicht mehr schlafen, hatte Panik, und damit ich runterkam, gaben sie mir Anti­depressiva und Schlafmittel, die aber nichts nützten. Also: Xanax.

Als ich die Klinik zehn Wochen später verliess, war ich süchtig. Ich nahm es fortan täglich, in kleinen Mengen zwar, aber so, dass ich den Pegel halten konnte. Und in Notfällen eine Pille mehr.

Ich wusste, dass Xanax abhängig macht, aber es interessierte mich nicht. Obwohl man es sehr deutlich spürt: Die Entzugserscheinungen melden sich schnell, dann wird man zittrig und von einer inneren Unruhe befallen, bekommt schwitzige Hände, leichte Panikzustände und kann nicht mehr schlafen, wirklich nicht mehr schlafen. Dann wirft man wieder eine ein. Die Dosis muss gesteigert werden, es braucht immer mehr und immer mehr, bis der gewünschte Effekt eintrifft. Den ersten Entzug machte ich daheim, unter ärztlicher Anleitung.

«Obschon man rational weiss, dass nichts passiert, verliert man komplett die Kontrolle.»

Beim zweiten Mal war alles viel schlimmer. Ich hatte mich zuvor in einer beruflich schwierigen Situation befunden, hatte als Managerin gearbeitet, viel Druck und Verantwortung gehabt und war dann vom einen Tag auf den anderen aus wirtschaftlichen Gründen entlassen worden. Daraufhin machte ich mich selbstständig, hatte dabei enorme Existenzängste. Tägliche Xanax-Dosis: 4 bis 6 Milligramm. Daneben Antidepressiva und Schlafmittel und Neuroleptika. Wenn ich verreiste, sah mein Necessaire aus wie das Arsenal einer Schwerkranken, oder eher: wie dasjenige eines Junkies.

Trotzdem hatte ich weiterhin Panikattacken, oft schon morgens beim Aufwachen. Da fängst du an zu überlegen, was du alles tun solltest, und dein Körper weigert sich nur schon aufzustehen. Du bekommst Angst, Atemnot, Herzrasen, schweissige oder krampfige Hände, du hyperventilierst, wirst im schlimmsten Fall ohnmächtig. Ich musste immer weinen, ganz schlimm, wie in Todesangst. Obschon man rational weiss, dass nichts passiert, verliert man komplett die Kontrolle. Hirn und Körper reden nicht miteinander. Gegen diesen Zustand hilft nur Xanax. Es fährt einen nicht nur körperlich runter. Sondern auch im Kopf.

Der Oberarzt in der zweiten Klinik sagte beim Erstgespräch: ‹Xanax macht dumm.› Und er hatte recht, die Nebenwirkungen waren massiv. Für mich waren sie kaum spürbar, für mein Umfeld schon: Manchmal lallte ich und sprach grundsätzlich langsam, bewegte mich auch langsam und war extrem vergesslich. Ich hatte Albträume und nahm die Umgebung, die Farben und Geräusche wie durch einen Schleier wahr. Am Anfang war das grossartig, weil man sich genau danach sehnt. Aber ich nahm davon auch zu: innerhalb eines Jahres zehn Kilo.

«Ich konnte nicht mehr schlafen, war kribbelig, dünnhäutig, musste wegen allem heulen.»

Das setzte mich noch mehr unter Druck. Ich wusste, ich sollte Sport treiben. Mich gesünder ernähren. Dafür besorgt sein, dass ich wieder ordentlich aussehe. Aber während einer Depression ist es schon zu viel verlangt, zu duschen, woher soll man da die Kraft für Sport nehmen? Am Schluss ernährte ich mich von Schoggimilch, alles andere war mir zu viel.

Das Problem ist, dass Depressionen nicht ernst genommen werden. Die Leute meinen, dass man die quasi so nebenbei habe. Und mir kommt es vor, wie wenn auch viele Ärzte bei der Behandlung von uns Depressiven vor allem dieser Erwartung der Gesellschaft gerecht werden wollen. Mein Arzt pumpte mich mit Medikamenten voll, weil er fand, es sei das Wichtigste, dass ich meinem Job nachgehen könne. Das betonte er immer wieder: Dass ich nicht aus dem Arbeitsprozess rausfallen dürfe. Bei einer Chemotherapie würde das niemand von einem erwarten. Deshalb sind Depressionen wohl noch immer ein Tabuthema: Weil einen viele insgeheim für einen Simulanten halten. Oder für faul. Man fragt sich das ja sogar selbst: Liegt es wirklich nicht an mir? Reisse ich mich zu wenig zusammen? Der Punkt ist: Mein Leben ist nicht schlecht, ich habe einen liebevollen Partner und halte es dennoch nicht aus.

Der dritte Entzug dauerte zehn Wochen. Er verlief in Wellen, manchmal ging es gut, manchmal ging ich die Wände hoch. Ich konnte nicht mehr schlafen, war kribbelig, dünnhäutig, musste wegen allem heulen. Man will so sehr schlafen, kann aber nicht, kommt nicht zur Ruhe. Zur Ablenkung macht man Ergo-, Sport- und Gruppentherapie, es gibt Entzugstee und Alternativmedikamente auf Kräuterbasis.

«Die Frage, ob ich nochmals süchtig werden könnte, muss ich eindeutig mit Ja beantworten.»

Ich glaube weder daran noch an Therapie, das erklärte ich ganz offen. Ich weiss zu gut um die Potenz von Chemie und zu gut um die Wirkungslosigkeit von Kräutern – die habe ich alle probiert, ganze Packungen. Das Einzige, was dabei herausschaute, war Aufstossen. Wenn das Blüemlizeugs helfen würde, wäre Xanax nicht so populär.

Heute, zwei Monate nach dem letzten Entzug, geht es mir viel besser. Bloss: Ich habe keine Ahnung, warum. Wäre es mir sowieso bald besser gegangen? Oder liegt es daran, dass sich meine gesamte persönliche Situation etwas stabilisiert hat? Ist womöglich doch die neue Einstellung der Medikamente dafür verantwortlich? Ich weiss es nicht. Das weiss wohl niemand. Meine Erfahrung ist, dass sie in den Kliniken vor allem an der Medikamentendosis rumschrauben und mal schauen, was passiert. Das ist kein Vorwurf. Es zeigt nur auf, wie hilflos die Medizin immer noch ist bei Depressionen.

Trotzdem: Ich lebe wieder. Ich bin wieder klar im Kopf. Ich nehme noch Antidepressiva und Neuroleptika, aber wenn eine Panikattacke kommt, versuche ich mich abzulenken, indem ich Haushaltsarbeiten erledige oder mir sage, dass es in so und so vielen Stunden Abend sein wird. Das klappt ganz gut.

Aber die Frage, ob ich nochmals süchtig werden könnte, muss ich eindeutig mit Ja beantworten. Eine Phase wie letztes Jahre stünde ich ohne Xanax nicht durch. Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt, weil ich in diesem Zustand Dinge machte, die ich niemals gemacht hätte, wenn ich bei vollem Verstand gewesen wäre. Wie im Vollsuff, mit dem totalen Filmriss. Ich ass den ganzen Kühlschrank leer und suchte am nächsten Tag die Lebensmittel und Esswaren. Ich rief Leute an und konnte mich danach nicht daran erinnern, geschweige denn an die Gespräche. Einmal postete ich auf Facebook, wie beschissen es mir ging, da meldete sich eine Freundin: ‹Lösch das, das ist nicht gut›. Ich machte es, hatte aber keine Ahnung, wann ich das geschrieben hatte. Ich fuhr auch Auto, obwohl im Beipackzettel klipp und klar steht, dass man das nicht tun soll. Die Versicherung würde keinen Rappen bezahlen, wenn man unter dem Einfluss von Xanax einen Unfall bauen würde. Ich fuhr aber regelmässig von der Westschweiz nach Zürich, fest davon überzeugt, ich hätte es im Griff.

Das Verrückte daran: Ich nahm keine verbotenen Drogen, sondern ein ärztlich verschriebenes Medikament. Ich hielt mich immer an die verordnete Dosis, nahm nichts in Eigenregie. Und trotzdem habe ich deswegen drei Jahre meines Lebens verpasst.»



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Erstellt: 04.08.2019, 09:13 Uhr

Über 350'000 Menschen abhängig oder suchtgefährdet

In einer Hochrechnung vom April dieses Jahres schätzte die Krankenkasse Helsana, dass schweizweit 714'000 Menschen stark wirkende, schnell süchtig machende Beruhigungsmittel wie Xanax verordnet bekommen. Knapp mehr als die Hälfte der Bezügerinnen und Bezüger nimmt die ­Benzodiazepine über längere Zeit ein – und ist damit entweder bereits abhängig oder könnte es werden. Fachleute kritisieren eine oft zu lasche Verschreibungspraxis.

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