«Als Plus-Size-Frau kauft man halt eine Handtasche statt ein Kleid»

Katie Sturino postet Fotos von sich in Kleidern, die zu eng sind – weil Hersteller keine grösseren Grössen anbieten.

Immer wieder bekommt sie zu hören, sie solle doch etwas anderes anprobieren: Katie Sturino, Kleidergrösse 42. Foto: Getty Images

Immer wieder bekommt sie zu hören, sie solle doch etwas anderes anprobieren: Katie Sturino, Kleidergrösse 42. Foto: Getty Images

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Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 10. Juli 2019.

Kann ich Ihnen behilflich sein?», fragt eine adrett gekleidete Verkäuferin die Schauspielerin Julia Roberts in dem 90er-Jahre-Kinohit «Pretty Woman». Was sie damit wirklich meint, wird kurz darauf klar: «Ich glaube nicht, dass wir hier irgendetwas für Sie haben», sagt sie und bittet Roberts, die in dem Film die Prostituierte Vivian spielt, die schicke Boutique zu verlassen.

Auch Katie Sturino kennt diese «Pretty Woman»-Momente beim Shoppen. Allerdings geht es in ihrem Fall nicht um zu wenig Geld und Status, sondern um zu viele Kilos. Zumindest nach den geltenden Massstäben der Modeindustrie. Die 38-jährige New Yorkerin, hochgewachsen, lange brünette Haare, markante Augenbrauen, beschreibt ihr Einkaufserlebnis in vielen Geschäften in Manhattan so: «Ich komme in den Laden und werde von oben bis unten gemustert.»

Sturino selbst gibt ihre Kleidergrösse mit «12ish» an. Was nach deutschen Massen heissen würde: irgendwo um die Grösse 42 herum. Seit etwa vier Jahren führt Sturino einen gleichnamigen Blog («12ish Style»), dort gibt sie Styling-Tipps für «12ish–8ish girls living in a size 2 world». Also, frei übersetzt: Mädchen und Frauen, die Grössen 42 aufwärts tragen, aber in einer Welt leben, die Grösse 32 zum Massstab erklärt hat. Der zugehörige Instagram-Account hat rund 320'000 Abonnenten. Vor etwa drei Jahren gab Sturino ihren Job als PR-Beraterin in der Modebranche auf – ihr Einkommen bestreitet sie heute, wie sie sagt, als Markenbotschafterin.

So weit eine mehr oder weniger gewöhnliche Influencer-Vita. Doch im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen geht es auf Sturinos Instagram-Seite nicht nur um Kleidung, die perfekt sitzt und bestmöglich abgelichtet ist. Sondern auch um Hosen, die nicht über den Po gehen, BHs, die überquellen, und Wickelkleider, die mehr offenbaren als verdecken. Alles fotografiert im wenig schmeichelhaften Licht von Umkleidekabinen.

Herstellern entgehen Kunden

Mal stammen die Selfies aus teuren Designerboutiquen in Manhattan, mal aus Filialen grosser Bekleidungsketten. Victoria's Secret, & Other Stories, Uniqlo. Seit etwa einem Jahr zieht Sturino regelmässig los, probiert im Laden die grösste jeweils erhältliche Grösse an und postet das Ergebnis auf ihrem Account. Hashtag: #MakeMySize. Es ist ein Appell an die Hersteller, auch grössere Grössen zu produzieren – und es ist der Versuch, die perfide Beschämungspraxis in der Mode umzudrehen.

«Ich habe viele Jahre in der New Yorker Fashion-Industrie gearbeitet und dachte die längste Zeit: Ich mit meiner Grösse bin der Freak», erzählt Sturino. Erst ihr Blog und die Reaktionen darauf hätten bei ihr zu einem Umdenken geführt. «Ich habe aufgehört, mir selbst die Schuld zu geben und zu denken: Ich muss in diese Grösse passen.» Vielmehr sollten die Hersteller begreifen, dass ihnen Kunden entgehen.

Häufigste Ausrede: Es sei zu teuer und wenig lohnend, in grössere Grössen zu investieren.

Zwar wirbt die Industrie gern mit Vielfalt – gleichwohl wird immer noch Size Zero propagiert. Und das, obwohl die Durchschnittsamerikanerin Grösse 42/44 trägt. Frauen, die im sogenannten Plus-Size-Segment einkaufen, geben im Schnitt 300 Dollar weniger im Jahr für Kleidung aus als Frauen mit kleineren Grössen, aber nur, weil die Auswahl fehlt. Obwohl Plus Size dem Marktforschungsinstitut Credence Research zufolge das am stärksten wachsende Segment im Bereich Damenbekleidung in den USA sein wird, meiden gerade Modelabels, die eine jüngere Zielgruppe ansprechen, grosse Grössen. So erklärte Ed Razek, Marketingchef von L Brands – jenem Konzern, zu dem die Dessouskette Victoria's Secret gehört –, man habe nicht vor, grössere Grössen zu bieten oder mit Plus-Size-Models zu werben. Es gehe schliesslich darum, eine Fantasie zu verkaufen.

Auch Sturino sieht ein Imageproblem. Begriffe wie «erweitertes Sortiment», «Plus-» oder «Übergrössen» verorteten grössere Grössen abseits des Mainstreams, kritisiert sie. «Aber tatsächlich stellen wir Klamotten für die Minderheit der Leute her, nicht für die Mehrheit. Und wir sorgen dafür, dass sich die Mehrheit im eigenen Körper unwohl fühlt.» Anfangs sei es ihr schwergefallen, sich selbst vor die Handykamera zu stellen, gibt sie zu. Mit Social Media aber hatte sie Erfahrung: Gemeinsam mit ihrem Ex-Mann, dem Comedian Josh Ostrovsky («The Fat Jewish», mehr als zehn Millionen Instagram-Follower), betreute sie den Instagram-Account des gemeinsamen und mittlerweile verstorbenen Hundes «Toast» mit zwischenzeitlich 370'000 Fans. Heute bekommt Sturino Likes dafür, dass sie Tabus bricht.

Sie appelliert an Hersteller, auch grössere Kleidergrössen zu produzieren: Katie Sturino mit einem Wickelkleid. Screenshot: Instagram

Den grössten Mut habe es sie gekostet, zuzugeben, dass sie in bestimmte Marken nicht reinpasse, sagt Sturino. «Als Plus-Size-Frau sagt man das nicht. Man kauft stattdessen eine Handtasche oder eine Sonnenbrille.» Nicht mehr sich selbst passend machen, sondern Druck auf Unternehmen aufbauen, die Kleidung passend zu machen – das ist Sturinos Mission. Die Dynamiken sozialer Medien lassen einen Shitstorm innerhalb von Minuten aufziehen – das weiss auch die ehemalige PR-Frau und nutzt es für ihre Zwecke. Ihr Druckmittel ist ihre sechsstellige Followerschaft. Kaum ein Unternehmen kann es sich leisten, auf ihren #MakeMySize-Appell nicht zu reagieren.

Im besten Fall werde sie eingeladen, erzählt die Aktivistin. Seltener gehe es darum, über eine Erweiterung des Sortiments zu reden – meist versuchten die Labels, sich zu rehabilitieren. «Sie sagen: ‹Aber Ashley Graham hatte dieses Kleid erst an!›» Graham, 31, war 2016 das erste Model mit Grösse 46 auf dem Cover der Bademodenausgabe der «Sports Illustrated» – jener Zeitschrift, die einst Heidi Klum in den USA bekannt machte. Für viele Unternehmen, mit denen sie zu tun habe, sei Graham der Prototyp einer molligen Frau, sagt Sturino. «Aber ich bin nicht Ashley Graham. Sie hat eine schmale Taille, grosse Brüste, dünne Arme – es gibt einen Grund, dass sie ein Supermodel ist.»

Die häufigste Ausrede, die Sturino zu hören bekommt: Es sei schlicht zu teuer und wenig lohnend, in grössere Grössen zu investieren. «Angesichts des Marktpotenzials von Plus Size ist das lächerlich.» Die Nachfrage sei da, das zeigten die überdurchschnittlichen Wachstumszahlen – doch das Angebot ist nach wie vor dünn. Dem Einzelhandelsanalysten Edited zufolge macht der Bereich Plus Size bei den 25 grössten US-Textilkonzernen, die zusammen mehr als 15'500 Marken führen, gerade einmal 2,3 Prozent aus. Dass sie eine Industrie, die ohnehin schon zu viel produziert, auffordert, noch mehr herzustellen, ist Sturino bewusst. «Die Frage sollte nicht sein, ob wir mehr Grössen in den Läden brauchen. Die Frage sollte sein, ob es mit weniger Modellen getan wäre.»

Vielen Gesprächspartnern im Prozess von der Idee zum Produkt ist das Thema peinlich gewesen.

Immer wieder bekommt Sturino zu hören, dass sie einfach etwas anderes anprobieren solle. «Klar kann ich in einem Laden irgendetwas finden, das mir passt, einen Rock mit Stretchanteil zum Beispiel. Aber ich will das kaufen können, was mir gefällt. Genau darum geht es bei #MakeMySize.» Im Gegensatz zu anderen Mode-Influencern hat Sturino (noch) keine eigene Linie – dafür vertreibt sie unter dem Namen Mega Babe ausgewählte Kosmetikartikel für die Bedürfnisse kurviger Frauen. Ihr «Thigh Rescue Anti-Chafe Stick» (etwa 14 Franken) soll wunde Stellen zwischen den Oberschenkeln verhindern. Das «Bust Dust Anti-Boob-Sweat Powder» (etwa 16 Franken) bekämpft Schweiss, der durch das Aufliegen der Brust auf dem Oberkörper entsteht. Sponsoren hat Sturino nicht, Geschäftspartnerinnen sind ihre Schwester und ihre beste Freundin.

Vielen Gesprächspartnern im Prozess von der Idee zum Produkt sei das Thema offenkundig peinlich gewesen, erzählt Sturino. «Männer haben mir immer wieder versichert, das sei ein Nischenproblem. Ich solle mich darauf gefasst machen, dass meine Produkte nur schleppend weggehen. Wir haben mit 10'000 Einheiten angefangen – und waren schon mit den Vorbestellungen ausverkauft.» In den USA vertreibt mittlerweile unter anderem die beliebte Kosmetikkette Sephora Mega-Babe-Produkte. In der Schweiz sind sie über Amazon erhältlich.

Sturino will mit Klischees aufräumen und das Denken verändern. Weniger Selbsthass, eine grössere Offenheit für alle Körperformen und deren Bedürfnisse – und natürlich: mehr grosse Grössen auf den Kleiderstangen. Anfangs habe sie Angst gehabt, Marken zu konfrontieren. «Jetzt kann ich nicht mehr damit aufhören.»

Erstellt: 02.08.2019, 17:41 Uhr

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