Alter Hund, was nun?

Katzen und Hunde sind geliebte Familienmitglieder. Wie viel Medizin ist vertretbar, wenn sie krank oder alt werden? Ein persönlicher Bericht und einige harte Fakten.

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Es war einer jener Momente, in denen ich nicht einfach bloss glücklich bin, einen Hund in meinem Leben zu haben, sondern erleichtert, dass es exakt dieser Hund ist. Unser amerikanischer Gast hatte sein wild zappelndes Baby auf dem Boden abgesetzt; und auf einmal krabbelte die Kleine zum Wauwau, klammerte sich an dessen Hals, zog sich hoch, patschte dem Tier ins Gesicht und krähte begeistert: «Puppy!»

Unser «Puppy» («Welpe» auf Englisch) hat im November seinen 14. Geburtstag und liess diese Aktion über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Die greise Hündin rollte nur die braunen Kugelaugen nach dem Motto: «So sind die Menschenkinder halt. Und ich bin ja auch zum Anbeissen: Krieg ich jetzt ein Gutsi?»

Kurz, Loki war, wie sie eigentlich immer ist, seit wir sie 2006 als zwölfwöchigen Winzling in der Westschweiz abholten: hundertprozentig kindertauglich, absolut wesensfest, ein Goldstück von einem Familienhund.

Sorgfältig hatten wir vorab Rassebeschreibungen studiert: Nervenfest sollte das neue Familienmitglied sein, robust, langlebig; ein rechter Hund, geeignet auch für ein bisschen Hundesport. Aber nicht zu gross für unsere damals drei kleinen Kids und ihre Kollegen, sondern ein Kumpan von stadttauglicher, tram-kompatibler Statur. Gefragt war zudem ein führiger Hundetyp, der dem «Rudelführer» gern folgt, jedoch kein Temperamentsbündel ist, das ohne endlose Intensiv-Beschäftigung ausrastet; auch kein Vierbeiner mit starkem Jagdtrieb. Der Welsh Corgi Cardigan hats total getüpft für uns.

Dann suchten wir nach einer Zuchtstätte mit optimaler Welpen-Sozialisation, wurden fündig, landeten auf der Warteliste. Im November 2005 gabs endlich den ersehnten Wurf. Wir kamen zum Kennenlernen, und unsere fünfjährigen Zwillinge dachten sich den Namen fürs Hundebaby aus, das zwar noch nicht bei uns daheim einzog, aber in unsere Gedanken. Ein Sehnsuchtshund.

Der Corgi ist rund 1 Jahr alt, Klara 2 Jahre. Foto: Alexandra Kedves

Von allem Anfang an war Loki also ein geliebter Teil der Familie. Sie begleitete die Zwillinge zum Kindergarten, das einjährige Geschwisterchen zur Kinderkrippe. Später, während Primarschulzeiten, war sie regelmässig der Vorführhund, den die ganze Klasse begutachten und streicheln durfte. Auch nach der Geburt unseres Nachzüglers beherrschte der überlange Mini-Wolf seinen Job: superherzig sein und, eben, stillhalten.

Die Kinder schufen dicke, farbenfrohe Bücher über die Corgi-Dame und gehen bis heute täglich mit ihr. Auch der Rest der Sippe adoptierte Loki rasch. Und sie ihn.

Der Krebs-Schock

So waren alle betroffen, als es vor drei Jahren mit Lokis Gesundheit bergab ging. Damals elf, hatte sie zunehmend Mühe beim Gassigehen, pinkelte nachts oft hinein, wirkte erschöpft. Ein Tierarztbesuch wurde unumgänglich. Die Diagnose Tumor an der Vaginalwand war ein Schock. Aber es hiess, er sei operabel, die Chancen stünden nicht schlecht. Gleichzeitig sollte der Uterus entfernt werden.

Wir beratschlagten lang, ob die mehrstündige Operation für die greise Hundedame wirklich das Beste sei.

Wir beratschlagten lang, ob die mehrstündige Operation fürs bejahrte Hündchen tatsächlich das Beste sei. Immerhin hatte Loki ein erfülltes Leben gehabt. 24 Stunden nach der OP aber wussten wir: Es war toll für sie! Magisch verjüngt sprang sie uns entgegen. Fröhlich, schmerzfrei, fit. Alle Symptome waren wie weggezaubert. Das Sprichwort: «Drei Jahre ein junger Hund, drei Jahre ein guter Hund, drei Jahre ein alter Hund» galt für sie nicht.

Loki topfit im Sommer nach der ersten OP. Foto: Alexandra Kedves

Etwa anderthalb Jahre war Loki beschwerdefrei. Dann stand wieder ein schwieriger Entscheid an: Eine Tierklinik riet vom weiteren Eingriff ab, eine andere dagegen sah es hoffnungsvoller. Mit knapp 13 Jahren hatte Loki ihre zweite grosse OP. Mehrere Karzinome wurden herausgeschnitten, die Rekonvaleszenz dauerte ein paar Tage.

Seither gehts ihr gut. Erst diesen Sommer wurde sie merklich älter, schwerhörig, bedächtig. Sie bellt nicht mehr, wenn es klingelt, schläft ausgiebig. Der Griff zur Leine löst keine Jubelstürme mehr aus. Lange wird sie wohl nicht mehr unter uns sein. Trotzdem verhält sie sich stets gut gelaunt, und wir alle freuen uns über jeden einzelnen Tag mit ihr.

Für sie war die invasive Behandlung die richtige Wahl. Die Hündin, deren braungestromtes Fell inzwischen von zahllosen weissen Haaren gesprenkelt ist, steigt immer noch lustvoll auf jedes Zerrspiel ein.

Und doch: War es unethisch oder dekadent, die 4000 Franken, welche die Operationen verschlangen, in einen angezählten Hunde-Grufti zu investieren? Wars, im Gegenteil, verantwortungsbewusst? Oder ist es als Ausgabe für ein «Hobby» abzubuchen, wie andere sich Luxus-Surfmaterial leisten, Flugstunden, teure Ferien? War es egoistisch?

Man würde sich wünschen, dass solche Erwägungen zumindest bei Menschen keine Rolle spielten. Doch traurige Tatsache ist, dass Krankenkassen teure Therapien besonders bei Betagten brutalen Kosten-Nutzen-Analysen unterziehen. Tierversicherungen wiederum – die in Skandinavien und Grossbritannien sehr beliebt und bei uns gross im Kommen sind – werben mit Slogans wie «Ein­mal auf­ge­nom­me­ne Tie­re kön­nen bis zum Le­bens­en­de ver­si­chert blei­ben».

Im Kleingedruckten lauern aber nicht selten Klauseln, die gerade bezüglich älterer Tiere Fragen aufwerfen. Etwa: Bezahlt wird nicht, wenn die Behandlung «kei­ne we­sent­li­che und dau­er­haf­te Ver­bes­se­rung des Ge­sund­heits­zu­stan­des des Tie­rs be­wir­kt». Wie misst man «wesentlich»? Und wie «dauerhaft» beim uralten Hund?

Hundemedizin, Medizin Hund

Eins allerdings ist medizinisch erwiesen: Dass so ein Hund seinerseits eine Menge zum Wohlbefinden seiner Menschen beiträgt; je enger die Bindung, desto mehr. Beim Streicheln wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet, Stress abgebaut, und jeder Schritt draussen ist sowieso ein Plus.

Ja, unser Zwerg mit Fledermausohren und Wurstkörper encharmiert – therapiert – nicht nur die Familie, sondern auch Passanten und Besucher-Babys. Er hat sich jede Hilfe längst verdient: die zum Leben und, falls nötig, die zum sanften Sterben.

Erstellt: 07.10.2019, 19:39 Uhr

Zwei Tierärzte nehmen Stellung

Ist die Bereitschaft von Hunde- und Katzenhaltern, auch alte Tiere aufwendig behandeln zu lassen, gestiegen?

Patrick Kircher: Ob es eine echte Zunahme gibt, ist schwer zu sagen. Mit Sicherheit wurden Behandlung und Diagnosemethoden massiv verbessert, was die Behandlungen aufwertet.

Franck Forterre: Die einfachen Fälle landen ohnehin nicht in der Klinik. Wer zu uns kommt, ist bereit, mehr als 500 Franken zu bezahlen. Der Trend dazu ist in den USA spürbarer als hier, diagnostisch will der Tierbesitzer aber auch hierzulande nichts unversucht lassen: CT, MRT, da wird sehr viel gemacht.

Wie steht es mit Therapien bei sehr unsicherem Erfolg?

Kircher: Die Tierbesitzer wünschen das durchaus. Die Tierärztinnen und Tierärzte müssen dann bisweilen auch für das Tier sprechen und bei aussichtslosen Fällen eingreifen. Sie sehen sich als Anwalt des Tieres und versuchen, den Besitzer zu überzeugen.

Forterre: Der Wunsch, dass eine Behandlung trotz wenig Chancen probiert wird, ist verständlich. Wir bemühen uns dann, dem Besitzer die Situation des Tiers zu verdeutlichen; in über 90 Prozent der Fälle wird das akzeptiert. Wir achten auf ethische Fragen. Will ein Tierbesitzer es partout versuchen, sagen wir nicht Nein: Sonst würde das Tier allenfalls von Arzt zu Arzt geschleppt, müsste noch schlimmer leiden. Hier können wir zumindest eine gute, auch palliative Betreuung sicherstellen.

Wie erleben Sie die Relevanz des Tiers für den Besitzer?

Forterre: Heute sind Kleintiere Familienmitglieder, deren Tod sehr schmerzhaft für die Halter ist. Die Leute, die herkommen, wollen dem Tier unbedingt helfen: Mit diesen Gefühlen muss man umgehen können. In den letzten Jahren kam daher auch das Fach Kommunikation auf unseren Lehrplan. Ich selbst halte drei Katzen und würde sie so weit wie sinnvoll behandeln lassen. Aber nicht so weit wie möglich: Es geht um die Lebensqualität fürs Tier. Ich musste schon Katzen von mir einschläfern.

Kircher: In den meisten Fällen ist die Bindung zwischen Halter und Tier sehr eng. Tiere werden als Familienmitglieder angesehen. Und im Rahmen der sich ausbreitenden Individualisierung unserer Bevölkerung nimmt die Bedeutung der Haustiere stetig zu.

Ist so ein starker Fokus aufs Tier verkehrt?

Forterre: Ich persönlich habe mich ab und zu gefragt, ob ich nicht besser Humanmedizin studiert hätte, um Kindern helfen zu können. Aber man kann das nicht gegeneinander ausspielen. Vielleicht ist für ein Kind genau der Hund, den ich gerade heile, lebenswichtig.

Franck Forterre, Leiter Kleintierklinik Bern, Klinischer Leiter der Abteilung für Kleintierchirurgie Vetsuisse-Fakultät Bern

Patrick Kircher, Prodekan der Vetsuisse-Fakultät Zürich, Leiter der Klinik für Bildgebende Diagnostik

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