Angst vor den falschen Gefahren

Manche fürchten sich jetzt im Bahnhof, wenn der Zug einfährt. Das ist verständlich, aber irrational.

Nach dem Zwischenfall in Frankfurt am Main fürchten sich viele vor dem Zugfahren. Das ist aber unnötig. Foto: Frank Rumpenhorst (DPA)

Nach dem Zwischenfall in Frankfurt am Main fürchten sich viele vor dem Zugfahren. Das ist aber unnötig. Foto: Frank Rumpenhorst (DPA)

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«Ein Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote sind eine Statistik.» Das hat Josef Stalin gesagt, der Millionen von Menschen verhungern, verschwinden, foltern und umbringen liess. Auf grausame Weise hatte er recht mit seinem Vergleich. Ein toter Bub auf den Schienen, eine vom Vater ermordete Familie, ein bestialischer, vierfacher Raubmord: Das können wir uns vorstellen, und es entsetzt uns.Was aber in Syrien passiert, im Kongo, im Irak, möchten wir nicht mehr wissen. Je mehr Leute sterben und je weiter weg von uns, desto weniger fassbar wird ihr Tod. Trauer lässt sich nicht multiplizieren.

Der Gleichgültigkeit zum Tod der anderen steht die Angst vor dem eigenen gegenüber. Sie resultiert aus einer evolutionären Notwendigkeit. Nur wer die drohende Gefahren erkennt, kann überleben.

Aufschlussreich ist etwas anderes: dass die Angst vor dem Tod in keinem Verhältnis zur Gefahr steht. Wer sich jetzt auf dem Perron umsieht, wenn ein Intercity in den Bahnhof gleitet, weiss mit Sicherheit, wie irrational sein Verhalten ist; Taten wie jene von Frankfurt kommen extrem selten vor. Trotzdem fürchten sich seit Montag viele vor dem Moment.

Das Aussgerwöhnliche ängstigt viel mehr als das Normale

Denn die Angst sucht sich die Gefahren selber. Und je archaischer sich diese anfühlen, desto grösser wird die Angst vor ihnen. «Menschen tendieren dazu», sagt der Sozialpsychologe Michael Siegrist, «unerwartete, schreckliche und vor allem unkontrollierbare Ereignisse für weit gefährlicher zu halten.» Nach den Angriffen des 11. September 2001 misstrauten viele Amerikaner dem Flugzeug und fuhren häufiger Auto. In den folgenden Wochen starben mehr Menschen auf der Strasse als in den Zwillingstürmen von New York. Bis heute bleibt die Gefahr viel grösser, im Taxi auf dem Weg zum Flugplatz zu sterben als im Flugzeug. Aber die aussergewöhnliche Gefahr ängstigt mehr als die alltägliche.

Wir fürchten uns vor dem Wolf mehr als vor Schwermetall. Wir haben Angst vor dem Mann mit dem Messer, dabei sterben bei uns mehr Leute durch Bienen- oder Wespenstiche. Die grösste Todesgefahr geht von der Treppe zu Hause aus, von der rutschigen Badewanne und der wackligen Leiter.

Auch Stalin wusste die Angst zu nutzen

Manche Ängste werden so gross, dass sie uns lähmen. Ebola und andere Krankheiten, der Klimawandel mit seinen absehbar katastrophalen Folgen, die drohende nukleare Verseuchung nach jedem Unfall in einem Atomkraftwerk – wie soll man darauf reagieren, wenn man sich gar nicht schützen kann?

Am schlimmsten bleibt aber jene Angst, die uns nicht ergreift, sondern die geschürt wird: Angst als Folge des Zynismus. Der Terroranschlag auf eine Ferienanlage in Tunesien, das Massaker in einer Kirche koptischer Christen in Ägypten: Die Mörder erreichten damit, was sie wollten. Sie schadeten dem Tourismus auf Jahre hinaus. Und damit den Leuten im Land.

Auch Stalin kontrollierte seine Untertanen über die Angst. Sein täglicher Terror erfasste selbst jene, die ihm nicht zum Opfer fielen – als permanente Bedrohung. Nachdem ein kommunistischer Kadermann in einem sowjetischen Dorf eine Rede gehalten hatte, klatschten die Leute im Saal 16 Minuten lang; keiner wagte, als Erster aufzuhören. Schliesslich gab der Bürgermeister ein Zeichen zum Abbruch. Sie holten ihn noch in derselben Nacht.

Erstellt: 02.08.2019, 21:20 Uhr

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