Anleitung zum Alleinsein

Einsamkeit macht krank – doch Alleinsein kann etwas Wunderbares sein. Wie man lernt, sich selbst Gesellschaft zu leisten.

Der Wechsel zwischen dem Alleinsein und dem Zusammensein kann beides besser machen. (Foto: Keystone)

Der Wechsel zwischen dem Alleinsein und dem Zusammensein kann beides besser machen. (Foto: Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1843 schrieb Hoffmann von Fallersleben, bekannt als Verfasser vieler Kinderlieder und des Deutschlandlieds, die noch heute bekannten Zeilen: Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm. Damals fragte man sich, wer das Männlein sein mag. Heute, 2018, würde man vermutlich eine ganz andere Frage stellen: Wie es dem Männlein denn geht, so allein im Wald. Denn derzeit lautet die Nachricht in Talkshows, Artikeln und Büchern, dass Einsamkeit krank macht, ja sogar tötet.

Allerdings hört man nicht nur das, sondern auch andere, dem scheinbar widersprechende Meldungen: Soziale Medien greifen nicht nur Daten ab, sondern machen krank, Smartphones machen unglücklich, der Aufenthalt in der Natur hingegen glücklich. Menschen sind kreativer, Studenten lernen besser und sind gesünder, wenn sie ausreichend Zeit allein verbringen können, und in den unterschiedlichsten Religionen kennt man neben dem dauerhaften Eremitentum auch den zeitweiligen Rückzug von der Welt. Womöglich geht es dem Männlein ja dann gar nicht so schlecht, allein im Wald.

Der Rausch des leeren Kalenders

Was stimmt nun? Vor einiger Zeit konnte man auf der Webseite des New York Magazine eine kluge Beobachtung lesen: Wie überraschend befriedigend es doch sei, Pläne über den Haufen zu werfen oder Verabredungen abzusagen. Tatsächlich deckt sich das mit eigenem Erleben: Selbst wenn man sich auf eine Verabredung gefreut hat, mischt sich, falls sie aus irgendeinem Grund platzt, in die Enttäuschung darüber auch Freude. Manchmal weniger, manchmal mehr. Auch oder gerade wenn zu Hause niemand wartet.

Vor dem inneren Auge taucht ein verlockendes Bild auf vom eigenen Sofa, man wird in Ruhe etwas kochen oder, ganz faul, auf dem Heimweg etwas mitnehmen. Und es fällt einem so viel ein, was man machen, lesen oder ansehen wollte. Oder gar nichts machen. Einfach nur leben kann eine abendfüllende Beschäftigung sein. Und nicht die schlechteste.

Noch ausgeprägter wird es, wenn ein Auswärtstermin abgesagt wird. Man streicht ihn im Kalender und hat das Gefühl, als hätte man gerade einen Tag frei bekommen, einen zusätzlichen unerwarteten Urlaubstag. Das Gefühl, das sich einstellt, wenn man auf den eigenen Kalender blickt, und vor einem tut sich eine Strecke ohne Einträge auf, ist mit wohlig nicht mehr richtig beschrieben, eher schon fast berauschend. Die Zeit scheint sich zu dehnen, ähnlich dem gleichermassen beruhigenden wie erregenden Blick aufs Meer, wo irgendwo in der Ferne der Horizont erscheint.

Kein Geselle so gesellig wie die Einsamkeit

Einer der bekanntesten Verfechter des Alleinseins war der US-amerikanische Autor Henry David Thoreau, der sich 1845 für zwei Jahre in eine Blockhütte am Walden-See in Massachusetts zurückzog und darüber das Buch «Walden oder Leben in den Wäldern» schrieb. Darin widmet er dem Alleinsein ein ganzes Kapitel: «Ich finde es gesund, die meiste Zeit allein zu sein. Gesellschaft, selbst mit den Besten, wirkt bald ermüdend und zerstreuend. Ich bin unendlich gerne allein. Noch nie fand ich einen Gesellen, der so gesellig war wie die Einsamkeit.»

Thoreau entwickelte auch einen interessanten Gedanken als Beleg dafür, dass wir für das Leben in Gesellschaft gar nicht wirklich geeignet sind, womit er unter anderem Aristoteles' berühmter Charakterisierung des Menschen als zoon politikon, als soziales Wesen, widerspricht: «Wir mussten uns auf ein bestimmtes Regelwerk einigen, das wir Etikette und Höflichkeit nennen, um diese häufigen Zusammenkünfte erträglich zu machen, und das wir brauchen, damit es zu keinem offenen Krieg kommt.»

Schädlich wie 15 Zigaretten am Tag

Dennoch lassen sich die Daten zu den gesundheitlichen Risiken der Einsamkeit nicht wegdiskutieren. Einsamkeit, zeigen Studien, ist so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag und hat einen ähnlich negativen Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung wie massives Übergewicht oder Diabetes. Und es steht fest, dass viele Menschen besonders im Alter stark unter Einsamkeit leiden, so viele, dass jüngst in England ein eigenes Ministerium zur Bekämpfung dieses Problems eingerichtet wurde.

Vielleicht kommen diese vermeintlichen Widersprüche aber auch daher, dass man von unterschiedlichen Dingen spricht, wenn man über Einsamkeit und Alleinsein redet. Einsamkeit wird manchmal definiert als das Empfinden von sozialer Isolation. Das trennt schon einmal klar zwischen einem subjektiven Empfinden und einer objektiven Isolation. Die Isolation kann man feststellen, objektiv messen, etwa Sozialkontakte zählen.

Einsamkeit als die empfundene Diskrepanz zwischen dem erwünschten Mass an sozialen Kontakten und ihrem tatsächlichen Mass.

Wie der jeweilige Mensch das empfindet, ob er darunter leidet oder nicht, ist eine andere Frage – die sich an Feiertagen mit Familien- und Kindheitsbezug drängender stellt als sonst. Es bleibt jedoch bei dieser Definition die soziale Isolation, die schon von der Bezeichnung her, «Isolation», etwas Negatives in sich trägt, ein Werturteil, das noch dazu an irgendwelchen Zahlen festgemacht werden muss. Das vernachlässigt die Tatsache, dass Menschen unterschiedlich sind und unterschiedlich grosse Bedürfnisse nach Kontakt haben.

Während manche am liebsten immer in Gesellschaft sind und sich im Trubel wohlfühlen, ist es anderen ein Graus, wenn sie jeden Tag jemanden treffen müssen. Wesentlich sinnvoller erscheint deshalb die Definition von Einsamkeit als die empfundene Diskrepanz zwischen dem erwünschten Mass an sozialen Kontakten und ihrem tatsächlichen Mass. Bei dieser Definition erkennt man, dass die Einsamkeit eine doppelte subjektive Komponente hat. Wie viele soziale Kontakte wünscht man sich? Und wie empfindet man es, wenn man weniger als die erwünschten hat?

Soziale Netzwerke verhindern den Dialog mit sich selbst

Für Alleinsein und Einsamkeit scheint mehr noch als für vieles andere im Leben der Satz des Philosophen Epiktet zu gelten: Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern ihre Sicht auf die Dinge. Das Schädliche an der Einsamkeit sind in erster Linie nicht die fehlenden sozialen Kontakte, sondern dass der einsame Mensch unter ihrem Fehlen leidet.

Um zurückzukehren zum Bild des Meeres: Ein Nichtschwimmer wird die Weite des Meeres anders sehen als ein professioneller Schwimmer. Und Robinson Crusoe noch einmal ganz anders. Für ihn allein auf seiner Insel beinhaltet der Blick aufs Meer, das ihn umgibt und von allen anderen Menschen trennt, trotz aller Schönheit vermutlich nichts Beruhigendes und auch nichts positiv Erregendes, sondern lediglich Verzweiflung und Angst.

In einem gewissen Umfang kann damit Alleinsein sogar gegen Einsamkeit helfen, weil man lernt, das Alleinsein zu schätzen, und die sozialen Kontakte weniger benötigt, weshalb sie weniger fehlen. Umgekehrt beinhaltet das Alleinsein aber auch die Gefahr, die sozialen Kontakte zu vernachlässigen, und kann deshalb in Einsamkeit münden.

Einmal bewusst nichts tun

Einsamkeitsforscher betonen, dass in Gesellschaft zu sein nicht unbedingt davor schütze, einsam zu sein. Man könne zum Beispiel gerade im Gewusel der Grossstadt sehr einsam sein, obwohl man täglich Tausenden Menschen begegne. Aber auch innerhalb von festen sozialen Strukturen könne man einsam sein, wenn etwa Paare nebeneinanderher leben oder Kinder und Eltern sich entfremdet haben.

Das gilt aber auch für das Alleinsein: Man kann auch in der Masse allein sein. Am stärksten lässt sich das in öffentlichen Verkehrsmitteln empfinden – und ausprobieren. Statt in sozialen Netzwerken zu surfen oder zu lesen, kann man sich auch einmal einfach hinsetzen und bewusst nichts tun. Man kann die erzwungenen Minuten der Untätigkeit nutzen für Ruhe, Abschalten, Runterkommen, Nachdenken.

Alleinsein als Voraussetzung zu Gesellschaft

Hannah Arendt hat sich in ihrer Arbeit viel mit dem Denken beschäftigt und dabei mit dem Alleinsein, das ihrer Ansicht nach damit verknüpft ist: «Das Denken ist, existenziell gesehen, etwas, das man allein tut, aber nicht einsam: allein sein heisst mit sich selbst umgehen; einsam sein heisst allein sein, ohne sich in das Zwei-in-einem aufspalten zu können, ohne sich selbst Gesellschaft leisten zu können.»

Dieses Zwei-in-einem ist eine zentrale Idee in Arendts Überlegungen zum Denken. Das abstrakte Denken sei immer ein Dialog in einer inneren Gespaltenheit, deshalb ist das Alleinsein für das Denken unverzichtbar. Doch Arendt geht von dieser Erkenntnis in zwei Richtungen jeweils einen Schritt weiter. Zum einen, dass man diese Auseinandersetzung mit sich selbst und folglich das Alleinsein auch für das Leben in Gesellschaft brauche, weil das Zusammenleben mit anderen damit beginne, dass man mit sich selber zusammenlebe. Unter Berufung auf Sokrates formuliert sie: «Nur wer versteht, mit sich selbst zu leben, ist geeignet für das Leben mit anderen.»

Zum anderen aber, dass man diese Gespaltenheit, das Zwei-in-einem, nicht durch das Denken selbst beenden kann, sondern nur durch das Gespräch mit anderen, also indem man das Alleinsein beendet: «Denn es ist ja das Gespräch mit anderen, das mich aus dem aufspaltenden Gespräch mit mir selbst herausreisst und mich wieder zu Einem macht – zu einem einzigen, einzigartigen Menschen, der nur mit einer Stimme spricht und von allen als ein einziger Mensch erkannt wird.»

Warum das Hantieren am Handy unglücklich macht

Was Hannah Arendt in Bezug auf das Denken schreibt, kann man in einen grösseren Rahmen setzen: Es sind der Kontrast und der Wechsel zwischen dem Alleinsein und dem Zusammensein, die beides besser machen. Man fühlt sich an die Aristotelische Mesotes-Lehre erinnert, nach der das Gute in der Mitte zwischen zwei schlechten Extremen liegt.

Arendts Idee liefert aber auch eine Erklärung dafür, warum das andauernde Hantieren mit dem Smartphone und die sozialen Netzwerke das Potenzial haben, unglücklich zu machen. Die Vorzüge des Alleinseins entfalten sich erst, wenn man die Möglichkeit zum Zwei-in-einem hat, mit sich selbst in einen Dialog zu treten. Das aber wird verhindert, wenn man, wie etwa in den sozialen Netzwerken, laufend auf Informationen von aussen reagieren muss oder sich nach aussen darstellen will. Zugleich aber kommt es zu keinem echten zwischenmenschlichen Kontakt, weil man trotz allem nur auf und mit einer Plattform agiert.

Nicht wahllos konsumieren, sondern eintauchen

Und es zeigt auch, dass es Tätigkeiten gibt, die für das positive Alleinsein besonders geeignet sind, weil sie einerseits den inneren Dialog ermöglichen, andererseits aber auch eine Verbindung nach aussen schaffen und zugleich eine Distanz ermöglichen.

Neben dem Gehen, besonders in der Natur, dürften das in erster Linie Lesen und Hören von Musik sein. Beides nicht, indem man wahllos konsumiert, also etwa Meldungen oder Postings liest, sondern in einer Form, in der man eintaucht und sich auseinandersetzt.

Zum Beispiel mit einem Buch oder bewusst ausgewählter Musik. Es geht darum, jenes Zwei-in-einem zu entwickeln, den inneren Dialog, für den man allein sein muss, der aber dann erst im Kontakt mit anderen vollendet wird, weil dieser Kontakt den im inneren Dialog gespaltenen Menschen wieder vereint.

(Erstellt: 30.05.2018, 21:35 Uhr)

Artikel zum Thema

Ein Leiden namens Einsamkeit

Von Kopf bis Fuss Studien zeigen: Erschreckend viele Menschen fühlen sich oft allein. Für die Betroffenen hat das nicht nur psychische, sondern auch körperliche Folgen. Zum Blog

Grossbritannien ernennt Ministerin für Einsamkeit

Nach Angaben des Roten Kreuzes fühlen sich mehr als neun Millionen Briten einsam. Dagegen will die britische Regierung etwas unternehmen. Mehr...

Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Von Kopf bis Fuss Warum wir ehrlicher über unsere Gefühle sprechen sollten. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was für eine Plage: Eine Bauernstochter in Kenia versucht mit ihrem Schal Heuschrecken zu verjagen. (24. Januar 2020)
(Bild: Ben Curtis) Mehr...