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Arbeiten, arbeiten, arbeiten – und dann?

Die rund 50'000 Tamilen in der Schweiz gelten als mustergültige Migranten. Bald werden viele der Ex-Flüchtlinge pensioniert. Das führt für junge Tamilen zu Problemen mit ihren Eltern, wie ein Gespräch zwischen den Generationen zeigt.

«Leider bleibt man so oft nur unter sich»: Laavanja Sinnadurai und Jeyakumar Thurairajah. Foto: Adrian Moser.
«Leider bleibt man so oft nur unter sich»: Laavanja Sinnadurai und Jeyakumar Thurairajah. Foto: Adrian Moser.

Als in den 80er-Jahren die ersten Tamilen in die Schweiz kamen, stiessen sie auf offene Ablehnung. Die Boulevardpresse zeichnete das Bild der «Heroin-Tamilen in Lederjacken». Heute ist das nicht mehr vorstellbar. Ist das das Zeichen einer gelungenen Integration?

Laavanja Sinnadurai: In der Arbeitswelt sind die Tamilen gut integriert. Sie putzen, pflegen kranke und alte Menschen oder arbeiten in der Gastronomie und in Fabriken. Doch wie viele von ihnen haben auch privat Kontakt mit Schweizern? Wohl fast niemand.Jeyakumar Thurairajah: Das Leben ist teuer. Man muss arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten. Auch weil wir unseren Kindern eine gute Zukunft ermög­lichen wollen, haben wir wenig Freizeit. Nur wer einen guten Job mit regel­mässigen Büroarbeitszeiten hat, kann sich auch abends engagieren. Ich zum Beispiel leite in St. Gallen einmal pro Woche eine Jugendriege.Sinnadurai: Ich verstehe, dass viele müde sind vom Arbeiten. Das beste Beispiel ist mein Vater: Neben seiner Arbeit als Pflegeassistent im Altersheim führt er mit meiner Mutter ein Putzinstitut. Zudem ist er als Dolmetscher tätig. Aber was man auch sagen muss: Die tamilische Diaspora feiert unglaublich viele Feste – Geburten, Pubertätsfeste, Hochzeiten oder religiöse Feste. Das Zusammensein ist sehr wichtig. Leider bleibt man so oft nur unter sich.Thurairajah: Oft ist auch die Sprache ein grosses Hindernis.Sinnadurai: Integration wird auch nicht von allen positiv verstanden. Für einige heisst das Loslösen von ihren eigenen Werten. Das bereitet ihnen Mühe.Thurairajah: Wir wollen auch gar nicht alles vergessen und auf die Seite legen. Wir haben viele Werte mitgebracht. Zum Beispiel die Gastfreundschaft oder den Respekt vor älteren Menschen.Sinnadurai: Der Respekt gegenüber älte­ren Personen ist für mich zentral. Ich finde es unglaublich, was die tamilischen Migranten in einem fremden Land wie in der Schweiz alles auf die Beine gestellt haben. Und das mit gebrochenem Deutsch, einer traurigen Vergangenheit, in der Einsamkeit. Die erste Generation verdient meine Hochachtung. Aber das heisst nicht, dass ich mich unterordnen muss. Ältere tamilische Menschen ­haben ihre Meinung. Hat ein junger Mensch eine andere Ansicht, wird das als Widerrede interpretiert. Man sollte doch Kompromisse finden im Generationenkonflikt. Ich habe Respekt, aber ich möchte nicht das Leben führen, das sich die älteren Leute für mich vorstellen. Gerade als junge Frau.

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