Arbeiten bis zum Umfallen

In Japan ist es selbstverständlich, masslos zu arbeiten. Forscher fordern nun ein Umdenken. Aber sind die Menschen überhaupt offen dafür?

Vielarbeit als Nebenprodukt der japanischen Beschäftigungskultur: Eine Büroangestellte schläft im Zug auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Foto: James Whitlow Delano (Laif)

Vielarbeit als Nebenprodukt der japanischen Beschäftigungskultur: Eine Büroangestellte schläft im Zug auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Foto: James Whitlow Delano (Laif)

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An dem Tag, als ihr Mann zum letzten Mal das Haus verliess, hat Emiko Teranishi ihn wieder gefragt: Willst du nicht lieber freinehmen? Sie hatte ihn das in den Monaten zuvor oft gefragt, fast jeden Tag, wie sie sagt, denn sein Job als Filialleiter einer Restaurantkette in Kyoto schien ihn immer mehr zu belasten. Diesmal wirkte er besonders müde.

Emiko Teranishi erinnert sich noch, wie sie ihm nachblickte und seinen gebeugten Gang sah. Er arbeitete den ganzen Tag. Dann gab es ein Gespräch mit seinem Chef. Danach suchte er sich ein hohes Haus. Akira Teranishi wurde nur 49 Jahre alt.

Die Witwe Emiko Teranishi, heute 70 Jahre alt, spricht mit leiser, fester Stimme. Seine Geschichte zu erzählen, ist das, was sie tun kann, um vor einem Phänomen zu warnen, das nicht nur Akira Teranishi das Leben gekostet hat. Überarbeitung ist so etwas wie eine Geissel Japans, weil sie eine urjapanische Tugend, den selbstvergessenen Fleiss, in ein tödliches Schicksal verwandeln kann.

Karoshi, der Tod durch zu viel Arbeit, scheint vor allem Japan zu bedrohen, weil sich die Menschen hier ihrem Arbeitgeber besonders verpflichtet fühlen. Das Thema ist auf der Agenda der Regierung des Premierministers Shinzo Abe angekommen. Sie kümmert sich seit ein paar Jahren mehr darum, unter anderem indem sie den November zum Aufklärungsmonat ernannt hat.

In allen 47 Präfekturen gibt es dieser Tage deshalb Aktionen und Symposien mit Anwälten, Opfern und Forschern, die den Ernst des Themas deutlich machen. Emiko Teranishi ist natürlich dabei als Betroffene und Vorsitzende des «Nationalen Familienverbandes zur Karoshi-Fürsorge». Sie erzählt, mahnt, kritisiert – und kämpft damit gegen eine Gefahr, die eigentlich die ganze moderne Industriewelt betrifft.

Die Seuche hat einen Namen

In Japan hat das Phänomen einen Namen bekommen: Karoshi. Der Begriff benennt erstens: den Tod durch Gehirn- und Herzkrankheiten infolge von Überarbeitung. Zweitens: Suizid durch psychische Krankheiten infolge von Überarbeitung. Drittens: Gehirn-, Herz- und psychische Erkrankungen infolge von Überarbeitung.

Emiko Teranishi erzählt, dass ihr Mann erst in der Entwicklungsabteilung eines Elektronikkonzerns gearbeitet und dann umgeschult habe. «Er wollte etwas Sinnvolles machen.» Er liess sich zum Koch ausbilden und fand bald eine Anstellung bei einer Restaurantkette in Kyoto. Dort kochte er 17 Jahre lang. Koch ist ein harter Beruf, aber Akira Terani­shi tat, was er tun wollte, deshalb schien er das Pensum gut zu verkraften.

Der Psychiater stellte eine Depression fest

Das änderte sich, als er zum Filialleiter befördert wurde. Raus aus der Küche, zurück an die trockenere Firmenarbeit. «Er hat immer versucht, den Ansprüchen gerecht zu werden, aber er wurde fast jeden Tag vom Inhaber der Kette kritisiert», sagt Emiko Teranishi. «Damals hat er durchschnittlich 350 Stunden pro Monat gearbeitet. Kaum freie Tage.» Er wollte wieder als Koch an den Herd, aber der Inhaber liess das nicht zu. Stattdessen versetzte er ihn auf den Managerposten in einer kleineren Filiale. «Er hat damals gesagt, dass er nicht essen könne, dass er sehr müde sei», erinnert sich Emiko Teranishi.

Die Witwe Emiko Teranishi, heute 70 Jahre alt, setzt sich für Aufklärung über Karoshi ein. Foto: PD

Erst als Emiko Teranishi feststellte, dass seine Unterwäsche voller Blut war, bestand sie darauf, dass er zum Arzt geht. Dem Urologen im Krankenhaus erzählte er von seiner Müdigkeit. Bald sass er beim Psychiater. Der Psychiater stellte eine Depression fest. Das war zwei Wochen vor Akira Teranishis Tod und drei Jahre, nachdem er seinen Traumberuf als Koch hatte aufgeben müssen.

Wenn man diese Geschichte hört, ploppen viele Fragen auf. Warum hat Akira Teranishi sich nicht gewehrt? Warum hat er nicht gekündigt? Warum ist er nicht einfach zu einem anderen Unternehmen gegangen, um dort als Koch zu arbeiten? Es sind europäische Fragen.

Kultur anstatt Marktwirtschaft

«Warum arbeiten Japaner so lang?», lautet der Titel eines Aufsatzes, den Hiroshi Ono 2016 geschrieben hat, der ihm aber immer noch viele Einladungen in Japan und im Ausland einbringt. Er greift darin indirekt auch die Fragen zu Akira Teranishis Tragödie auf. Und er begnügt sich dabei nicht mit dem Verweis auf die Härten der Marktwirtschaft. Er verweist auf das Wesen der japanischen Arbeitskultur.

Japan hat sich immer auf den Fleiss seiner Menschen verlassen können. Das Inselland ist arm an Rohstoffen und immer wieder schweren Stürmen und Erdbeben ausgesetzt. Aber die Bereitschaft der Japanerinnen und Japaner, sich gehorsam einzufügen in eine grössere Maschinerie, welche die Wirtschaft laufen lässt, ist ein Gut, das die Unternehmen stets mit Gewinn abernten konnten. Sichere Arbeitsverhältnisse und eine Harmonie, die firmeneigene Gewerkschaften nicht mit lauten Forderungen störten, stützen traditionell den japanischen Arbeitsmarkt und galten lange als Zutaten eines Erfolgskonzepts.

Input-orientierte Gesellschaft

Ono beschreibt Vielarbeit als Nebenprodukt eines japanischen Beschäftigungssystems, das nach der Vorstellung funktioniert, dass mehr Einsatz auch mehr Erfolg bringt. Die Einsicht, dass man Einsatz nicht beliebig steigern kann, weil kein Tag mehr als 24 Stunden hat und menschliche Kräfte endlich sind, dringt dabei offenbar nur sehr langsam ins kollektive Bewusstsein vor.

Ono nennt Japan deshalb eine Input-orientierte Gesellschaft im Gegensatz zu einer Output-orientierten Gesellschaft, die sich mit der Frage befasst, mit welchen Methoden man Erfolg herstellt, und deshalb bei der Arbeit Qualität vor Quantität stellt. Japans Input-Gesellschaft belohnt Einsatz und Loyalität mehr als Erfolg, das haben Forscher anhand von Firmendaten gezeigt. Gehälter steigen mit den Jahren im Unternehmen, wer mehr Stunden arbeitet, wird eher befördert als jemand, der bei normalen Arbeitszeiten bleibt.

«In der japanischen Gesellschaft verhalten sich Männer, die lang arbeiten, im Rahmen der Erwartungen.»Hiroshi Ono, Wirtschaftssoziologe

Hierarchiedenken und ein Pflichtbewusstsein jenseits eigener Interessen erhöhen ebenfalls das Gesundheitsrisiko. Man geht nicht vor dem Chef nach Hause, man folgt nach der Arbeit dem Gruppenzwang und besucht Kneipen, in die man eigentlich gar nicht will. Freizeit gilt nicht als Wert an sich, und alte Rollenbilder erhöhen den Druck. «In der japanischen Gesellschaft verhalten sich Männer, die lang arbeiten, im Rahmen der Erwartungen», schreibt Ono.

Wenn man in Tokio morgens mit dem Zug fährt, kann man den Strom der Pendler erleben. In Schwarz und Weiss stehen sie an den Bahnsteigen und drücken sich in die Züge, die so überfüllt sind, dass die Menschen darin wie eine in sich verkeilte Masse aussehen, aus der einzelne Arme und Füsse herausschauen. Nach Mitternacht sind die letzten Züge dann immer noch relativ voll, immer noch sind viele Männer in Schwarz und Weiss unterwegs. Manche wirken angeschlagen, Einzelne sind so müde, dass sie an den Halteschlaufen hängend schlafen.

Eine Revolution ist nötig

Japans Gesellschaft verändert sich. Sie altert, sie schrumpft. Frauen werden in der Arbeitswelt gebraucht. Familienfreundliche Lösungen müssen her mit flexiblen Arbeitszeiten. Und das Karo­shi-Problem hat das bewährte Macho-Wirtschaften als gesundheitsschädlich entlarvt. «Die japanische Anstellungspraxis muss revolutioniert werden, um eine bessere Work-Life-Balance und einen besseren Lebensstil für Familien mit Doppelverdienern zu ermöglichen.»

Das Gesetz schreibt eine Obergrenze für Überstunden in der 40-Stunden-Woche vor: 45 pro Monat, 360 pro Jahr.

«Eigentlich hat sich nichts geändert», sagt Emiko Teranishi. Zehn Jahre und neun Monate hat sie insgesamt vor Gerichten zugebracht nach dem Tod ihres Mannes für die Anerkennung als Arbeitsunfall und eine Entschädigung von der Firma, die sie dann nicht bekam. Danach stieg sie ein in den Kampf um rücksichtsvollere Arbeitsumfelder, sammelte Unterschriften, versuchte das Problem klarzumachen, verfasste Empfehlungen an das Ministerium, arbeitete mit Politikerinnen und Politikern zusammen – und blieb nicht ohne Erfolg.

Das Gesetz zur Karoshi-Vorbeugung von 2014 fand sie zu unverbindlich. Die jüngste Reform vom Juni 2018 nennt sie immerhin «eine Bewegung». Das Gesetz schreibt eine Obergrenze für Überstunden in der 40-Stunden-Woche vor: 45 pro Monat, 360 Stunden pro Jahr. Firmen, die ihren Angestellten mehr zumuten, riskieren Strafen. Doch reicht das für eine echte Wende? Es ist noch zu früh, um das wissen zu können, aber Emiko Teranishi hat das Gefühl, dass echte Einsicht noch weit weg ist. «Wir werden manchmal sogar von Arbeitnehmern kritisiert, weil wir gegen die Überstunden sind», sagt sie. Vor dem Stolz der japanischen Workaholics fühlt sie sich manchmal ziemlich ohnmächtig.

Erstellt: 26.11.2019, 12:10 Uhr

Auch in Europa ein Problem

Massloses Arbeiten ist nicht nur eine japanische Seuche. Menschen in allen Gesellschaften der schnell gewachsenen ostasiatischen Wirtschaftsnationen befinden sich in der fatalen Spirale aus Ehrgeiz und Druck. Im Tigerstaat Südkorea hat man das Phänomen in der Landessprache verschlagwortet: Kwarosa. In China verwenden Wissenschaftler den japanischen Ausdruck für den lebens­gefährlichen Fleiss.

Mediziner aus Guangzhou haben in einer amerikanischen Fachzeitschrift festgestellt: «Karoshi ist ein ernsthaftes Problem in China geworden.» Der Wirtschaftssoziologe Hiroshi Ono sagt, amerikanische und europäische Städte hätten heute ebenso grosse Risiken wie in Tokio: «Meine Vergleichsstudien haben gezeigt, dass Menschen in New York und London genauso verrückte Arbeitszeiten haben.» (th)

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