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«Auch Homosexualität entspricht Gottes Schöpfungswillen»

Innerhalb der Reformierten gibt es einen Streit um die Ehe für alle. Jetzt spricht der oberste Protestant Gottfried Locher ein Machtwort.

«Der Landeskirche steht es gut an, den gesellschaftlichen Konsens ernst zu nehmen», sagt Gottfried Locher. Foto: Keystone
«Der Landeskirche steht es gut an, den gesellschaftlichen Konsens ernst zu nehmen», sagt Gottfried Locher. Foto: Keystone

Herr Locher, der Kirchenbund hat zur Ehe für alle noch keine Position bezogen. Seine 26 Kantonalkirchen sind in der Frage offenbar gespalten.

Wir sind noch im Prozess der Urteilsbildung. Das muss sehr sorgfältig geschehen. Denn das Thema hat Potenzial, die Kirchen zu spalten, wie man das bei den Methodisten und Anglikanern sieht. Es ist mein Anliegen, dass das innerhalb des Kirchenbunds nicht passiert.

Wie wollen Sie das erreichen? Mit einer doppeldeutigen Stellungnahme? Nein, unsere Stellungnahme muss eindeutig sein. Mein Ziel ist es, noch in diesem Jahr, an der Abgeordnetenversammlung vom 4. November, zu einer Position zu gelangen. Dazu muss der Rat als Exekutive der Abgeordnetenversammlung, dem höchsten Organ im Schweizer Protestantismus, Antrag stellen. Diese Woche und Ende August werden wir innerhalb des Rates das Thema beraten.

Was ist denn Ihre Haltung zur Ehe für alle?

Ich kann nur für mich selber sprechen und will der Antwort der Abgeordnetenversammlung nicht vorgreifen. Zunächst ist für mich das klare Ja zur Homosexualität entscheidend: Auch Homosexualität entspricht Gottes Schöpfungswillen. Es gibt keinen Spielraum: Man kann nicht lavieren und sagen, das könne man verschieden sehen.

«Es ist ja nicht der Staat, der die Ehe für alle diktatorisch verordnet.»

Gottfried Locher

Also sagen Sie Ja zur Ehe für alle?

Ich finde einfach den Begriff nicht so glücklich. Wir wollen ja keine Kinderehe, keine Zwangsehe oder Vielehe. Lieber spreche ich mit dem Gesetzgeber von der Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare. Und diese befürworte ich. Wir haben das bewährte System, dass der Staat die Ehe definiert, die wir reformierterseits mit dem Segen Gottes ausstatten. Dieses System müssen wir beibehalten. Wenn sich der Staat zur gleichgeschlechtlichen Ehe hin öffnet, sehe ich keinen Grund, warum wir ihm nicht folgen sollten.

Die Frommen aber setzen Gott über den Staat und den Schöpfungsbericht vor das Gesetz.

Es ist gerade die Eigenart der reformierten Tradition, dass sie nie abschliessend definiert hat, was die Ehe ist. Der Landeskirche steht es gut an, den gesellschaftlichen Konsens ernst zu nehmen. Das ist kein Automatismus, wir segnen nicht einfach alles ab. Wir prüfen sehr wohl. Es ist ja nicht der Staat, der die Ehe für alle diktatorisch verordnet, sondern es ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens.

Ist die Ehe für alle keine Bekenntnisfrage?

Ganz klar nein, sie ist keine Bekenntnisfrage. Man muss das Thema endlich etwas versachlichen. Das ist der Schlüssel, um die Debatte zu entspannen: Die Ehe ist nicht Teil des christlichen Bekenntnisses, sie gehört nicht zu den Grundfragen des Glaubens.

«Die Ehe ist aus reformierter Sicht kein Sakrament, also machen wir kein Pseudo-Sakrament daraus!»

Ehe für alle bedeutet für die Kirchen Trauung für alle?

Ja. Nur haben wir da im Schweizer Protestantismus sicher keinen Konsens. Man meint, mit der Unterscheidung zwischen Segnungs- und Trauungsgottesdiensten dem schwierigen Thema ausweichen zu können. Das geht nicht. Der Unterschied zwischen Trauungen für Heterosexuelle und Segnungsfeiern für Homosexuelle ist theologisch schwer zu begründen. Die Ehe ist aus reformierter Sicht kein Sakrament, also machen wir kein Pseudo-Sakrament daraus!

Der Widerstand im Kirchenbund ist erheblich, ganz besonders bei den welschen Kirchen.

Ich bin nicht sicher, ob das stimmt. Ich glaube nicht, dass die Welschen unisono dagegen sind. Ich sehe primär einen Stadt-Land-Graben. Nehmen wir das Zürcher Oberland oder das Berner Oberland, da gibt es massiven Widerstand. Die Gay Pride etwa gehört klar ins urbane Umfeld. Mir ist die demokratische Meinungsbildung in der Kirche wichtig, nur so lassen sich Ängste abbauen.

Können Sie sich vorstellen, dass die Abgeordnetenversammlung sogar Nein sagen wird zur Ehe für alle?

Diesen Eklat kann ich mir nicht vorstellen, aber ich kann und will nicht vorgreifen. So oder so möchte ich verhindern, dass sich gewisse Kreise innerlich verabschieden. Vielleicht sagen dann evangelikale oder besser pietistische und konservative Reformierte, dass sie ihre Zukunft eher nicht mehr in der Landeskirche sehen. Ihnen gebe ich zu bedenken: Die Ehe für alle ist keine Bekenntnisfrage. Die reformierte Kirche soll nicht moralisieren, sondern das Evangelium weitertragen. Gemeinsam können wir die traditionelle Familie stärken, ohne gleichgeschlechtliche Paare zu diskriminieren.

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