Bademeisterin, als Schlampe beschimpft und bedroht

Weibliches Badi-Personal hat besonders mit schwierigen Gästen zu kämpfen – aus dem Balkan und dem arabischen Raum, aber nicht nur.

Sie kennt den Stimmungspegel in der Badi gut: Alexandra Bürgi, Badmeisterin im Wiler Freibad. (Foto: Michele Limina)

Sie kennt den Stimmungspegel in der Badi gut: Alexandra Bürgi, Badmeisterin im Wiler Freibad. (Foto: Michele Limina)

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Der schwierigste Tag im Leben von Badmeisterin Alexandra Bürgi beginnt ganz normal. Sie überwacht das Schwimmbecken, kümmert sich um die Liegewiese, prüft die Wasserqualität. Zwischendurch ruft sie Badegästen zu: «Nicht vom Seitenrand springen!» Als Badmeisterin ist sie für die Sicherheit zuständig, wer dagegen verstösst, wird zurechtgewiesen. Wie die vier Männer aus dem Iran und dem Irak. «Ich habe sofort gemerkt, dass sie mir gar nicht zuhören! Da habe ich sie aufgefordert, die Badi zu verlassen.» Aber die Männer blieben.

Abends, kurz vor der Schliessung des Schwimmbads, geht Bürgi in die Technik, um alles abzuschalten. Der Raum liegt etwas versteckt. «Plötzlich habe ich gespürt, dass etwas hinter mir ist», sagt sie. «Ich drehte mich um, und die vier Männer stehen vor mir. Ich dachte: jetzt einfach nur noch raus hier!» Sie drängt an den Männern vorbei ins Freie, ruft die Polizei. Die vier erhalten ein Hausverbot.

Die Frauenverachtung heute sei nicht mehr tragbar

Seit 14 Jahren arbeitet Bürgi als Badmeisterin, heute ist sie Leiterin Betrieb bei den Wiler Sport­anlagen, die die Schwimmbäder betreiben. Sie kennt den Stimmungspegel in den Badis bestens: «Bei 90 Prozent der Gäste funktioniert es reibungslos, aber dann gibt es jene, die sich von einer Frau nichts sagen lassen. Unser Problem als Badmeisterinnen sind vor allem Männer mit einem anderen kulturellen Hintergrund. Die meisten sind zwischen 18 und 22 alt. Aber es geht schon bei 10-Jährigen los.»

Alle wissen, welche Herkunftsländer problematisch sind, weil dort ein patriarchaler Umgang mit Frauen herrscht. Genannt werden etwa die Balkanländer und der arabische Raum. Offen zu sagen, traut sich das niemand.

Michel Kunz, Präsident des Schweizer Badmeister-Verbands, weiss um die schwierige Aufgabe, die Frauen in Schweizer Bädern haben. «Ich habe schon einiges erlebt, aber was sich derzeit tut, ist nicht mehr tragbar», sagt Kunz. «Die Frauenverachtung hat zum Teil eine Stufe erreicht, die völlig inakzeptabel ist. Eine Berufskollegin musste sich Schlampe beschimpfen lassen – das geht nicht!» In der Badi, sagt Kunz, «prallen kulturelle Unterschiede aufeinander. Das hängt damit zusammen, dass einige glauben, Frauen hätten nichts zu sagen, und aggressiv werden gegenüber unseren Mitarbeiterinnen.» Es gebe zwar auch Schweizer, die sich daneben benähmen. «Aber wir stellen leider fest, dass es sich bei den Badegästen, die gegenüber Frauen ausfällig werden, oft um Jugendliche und Männer mit Migrationshintergrund handelt», sagt Kunz. «Sie sind es nicht gewohnt, dass Frauen Weisungen erteilen.»

Die Badi wird zur Zone des Kulturkampfs

Das Schwimmbad ist einer der letzten Orte, wo sich die Gesellschaft wirklich mischt. Für ein paar Stunden sitzen hier alle Handtuch an Handtuch. Ein Feldversuch der Toleranz, der nicht immer gut ausgeht. Die Badi wird zur Zone des Kulturkampfs. Das hat Sibylle Rykart, Vizepräsidentin des Schweizer Badmeister-Verbands, am eigenen Leib erlebt. «Als Frau muss man sich immer wieder Bemerkungen anhören, die unter der Gürtellinie sind, ich wurde auch schon angespuckt.»

Rykart hatte ihren ersten Einsatz als Badmeisterin 1995. «Früher gab es das nicht. Diese ­Respektlosigkeit ist eine Zeiterscheinung.»

Auch in Zuger Freibädern tummeln sich Gäste aus dem Ausland, die Probleme machen. Russische Oligarchen etwa, sagt eine Badmeisterin, die ihren Namen nicht nennen will – aus Angst, als Rassistin dazustehen. «Sie halten die Badmeisterin für ein Gratis-Kindermädchen, sitzen im Restaurant beim Essen, während ihre Kinder unbeaufsichtigt im Wasser sind», sagt die Zuger Badmeisterin. «Wenn ich sie darauf hinweise, dass sie als Eltern eine Aufsichtspflicht hätten, muss ich mir anhören: ‹Dafür sind Sie da!›»

Der Badmeister als Polizist am Beckenrand geht nicht mehr

Mit arroganten Besuchern und pöbelnden Gästen haben viele Schweizer Freibäder zu kämpfen. Sie berichten, dass sie mehrmals pro Saison die Polizei rufen müssten, um Ordnung zu schaffen und Störenfriede hinauszubegleiten. «Respekt, Anstand, Befolgen der Regeln – das hat deutlich abgenommen», sagt die Wiler Badmeisterin Alexandra Bürgi. «Jeder ist ein kleiner Egoist, der das Beste für sich will – auch auf Kosten der anderen.»

Dann müssen die Badmeister schlichten, zurechtweisen, tadeln. Auch das sei schwieriger geworden, sagt Marcel Schneller, Geschäftsführer der Wiler Sportanlagen. «Früher war der Badmeister eine Respektsperson und galt ein bisschen als Polizist am Beckenrand. Das kann man sich heute nicht mehr erlauben.» Heute müsse man vor allem «Gastgeber» sein und mit Fingerspitzengefühl auftreten. Anspruchsvoll sei es vor allem, bei Kindern mit «einem anderen kulturellen Hintergrund» zu intervenieren, sagt Schneller, «in diesen Kulturen sind Stolz und Ehre sehr wichtig».

An Hitzetagen, wenn das Schwimmbad rappelvoll ist, bittet Chef Schneller die Polizei, kurz durch die Badi zu laufen und Präsenz zu markieren. «Das reicht schon, um die Situation zu beruhigen. Ich mache das nicht, um zu drohen, sondern um unser Personal zu schützen», sagt Schneller. «Als Arbeitgeber muss man das Thema ernst nehmen.»

Das sieht auch der oberste Badmeister der Schweiz so. Michel Kunz sagt: «Die Aggressivität hat zugenommen. Heute ist es keine Seltenheit, dass das Personal in den Freibädern bedroht wird. Das läuft dann so ab, dass man dem Badmeister sagt: ‹Jetzt musst du aufpassen. Was ist dir deine Gesundheit wert?›» Davon seien zwar auch Männer betroffen, aber besonders schlimm sei es für die Frauen. «Was sich Badmeisterinnen anhören müssen, ist haarsträubend. Ich weiss nicht, ob ich das als Mann aushalten würde.»

Auch Alexandra Bürgi wird immer mal wieder beschimpft. Man dürfe sich nicht einschüchtern lassen, sagt die Ostschweizer Badmeisterin. «Wenn du Angst hast, bist du im falschen Job.»



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Erstellt: 06.07.2019, 21:44 Uhr

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