Basel sehen und sterben

Ein hochbetagter Australier will nicht mehr leben – und plant eine Reise in die Schweiz.

Konkurrenz für die Schweiz? Auch die Kanalinsel Guernsey will Sterbehilfe zulassen. Foto: Keith Taylor (Alamy)

Konkurrenz für die Schweiz? Auch die Kanalinsel Guernsey will Sterbehilfe zulassen. Foto: Keith Taylor (Alamy)

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Er mag nicht mehr. Der australische Ökologieprofessor David Goodall, 104 Jahre alt, wolle im Mai in die Schweiz reisen, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, so meldet es die Agentur AFP. Zwar sei Goodall nicht unheilbar krank, doch seit einem Herzinfarkt mache ihm eine Lähmung zu schaffen, zudem sehe er schlecht. «Ich bin nicht glücklich, ich will sterben», sagte er dem australischen Sender ABC. Bis vor kurzem galt Professor Goodall als weltältester aktiver Wissenschaftler: 2016 wurde er auch von dieser Zeitung porträtiert, nachdem der Rektor seiner Universität ihn «aus Sicherheitsgründen» entlassen hatte. Goodall wehrte sich und wurde wieder eingestellt.

Nun ist er emeritiert und am Ende seiner Kraft. «Vor zwei Monaten hat Goodall nach einem Sturz versucht, sich selber das Leben zu nehmen, was misslang. Jetzt findet er: Genug ist genug», sagt der australische Sterbehilfeaktivist Philip Nitschke, bei dessen Organisation Exit International (nicht verwandt mit Exit Schweiz) Goodall Mitglied ist. Exit International sammelt Geld, um Goodalls Reise so angenehm wie möglich zu gestalten, Businessclass: «Es ist immerhin sein letzter Flug», heisst es trocken in der Vierteljahresschrift der Organisation.

Laut Exit International will Goodall in Basel mit dem Verein Lifecircle aus dem Leben gehen. Dessen wolkig benannte Stiftung Eternal Spirit ist eine der neuen, kleinen Sterbehilfeorganisationen. Sie wird geführt von der Hausärztin Erika Preisig, eine schriftliche Anfrage dieser Zeitung blieb unbeantwortet, Telefon ist keines eingetragen. 2015 waren in Schweizer Medien Vorwürfe erhoben worden, Lifecircle arbeite möglicherweise gewinnorientiert, was gesetzeswidrig wäre. Die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt aber kam nach Ermittlungen zum Schluss, dass «selbstsüchtige Beweggründe» eindeutig nicht vorlägen.

«Businessclass. Es sei immerhin sein letzter Flug.»

Die Fernsehaufnahmen David Goodalls gehen um die Welt. Er spricht aus, was Zehntausende beschäftigt: «Ältere Menschen wie ich sollten ein Bürgerrecht auf Sterbehilfe haben.» Dass ein Mensch in Goodalls Lage kaum Alternativen dazu habe, «in die Schweiz zu reisen», sei «lächerlich», schreibt Exit International. Zwar wird Sterbehilfe im australischen Victoria ab 2019 legal werden – aber nur für Menschen, die an einer tödlichen Krankheit leiden. Goodall hätte keine Chance.

Krank oder nur lebensmüde

Eigentlich gilt das auch in der Schweiz: Nur todkranke Menschen können legal Sterbehilfe beziehen. «Ist jemand nur lebensmüde, können wir ihn nicht begleiten», sagt Jürg Wiler, Vorstandsmitglied von Exit Deutsche Schweiz. Bei sehr alten Menschen allerdings müsse nicht zwingend ein zum Tod führendes Leiden vorliegen, sagt Wiler: «Rund ein Viertel der von Exit durchgeführten Freitodbegleitungen betreffen Hochbetagte in einer Situation der Polymorbidität, also Menschen, die unter mehreren Gebrechen leiden.» Menschen wie David Goodall.

Das Thema Altersfreitod gewinnt aufgrund der demografischen Entwicklung an Bedeutung. Bei Exit prüft eine Kommission, ob auch gesunden Menschen zum Suizid verholfen werden kann, wenn diese «am und im Alter» litten. Menschen über 85 sollten nicht «auf den Knien Bitti-Bätti machen müssen», sagte die Lifecircle-Chefin Erika Preisig der «Schweiz am Wochenende».

Auch weitere Staaten kommen zur Einsicht, dass die Themen Sterbehilfe und Altersfreitod zumindest diskutiert werden müssen. Mitte Mai wird das Parlament der britischen Kanalinsel Guernsey eine Vorlage beraten, die den assistierten Suizid straffrei machen will. Guernsey, das sich als Kronbesitzung selbst regiert, wäre der erste Ort im Land mit einer solchen Regelung.

Ärzte wollen Abflug verhindern

Laut der Lokalregierung gehe es nicht darum, neben Offshoregeldern nun auch Sterbetouristen anzulocken. Das neue Gesetz werde bei Annahme nur für die 62'000 Ortsansässigen Guernseys gelten, und es seien sicher «keine Todeskliniken wie in der Schweiz» geplant. Dass der Verein Dignitas der Insel in einem Brief ihr Know-how angeboten haben soll, wie die BBC berichtet, kam Befürwortern kaum gelegen.

Allen Nicht-Guernseyanern bleibt wieder nur die Schweiz, wo auch Ausländer in den Tod begleitet werden dürfen. «Ein schönes Land, doch ich will nicht hin», sagt David Goodall in Australien. Seine Ärzte wollen ihn nun am Abflug hindern, weil Goodall «ein Risiko für sich selber» darstelle. Die merken wirklich alles.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2018, 18:51 Uhr

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