«Bei der Hitze kann ich überhaupt nicht denken»

Ein Psychologe erklärt die fünf Typen der Wetter-Jammerer, was die Nörglerei nützt und wie man sie stoppt.

Sommer, Sonne, Schwimmbad: So verbringen die Schweizerinnen und Schweizer die Hitzetage. (SDA/Tamedia)

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Nörgeln liegt in der Natur des Menschen – findet zumindest Michael Thiel. Besonders die aktuelle Hitzewelle lade vortrefflich dazu ein, sich über das Wetter, sei es auch noch so schön, zu beschweren. Der Psychologe erklärt im Interview, was das Problem ist, welche Wettertypen es unter Jammerern gibt und ob das Nörgeln jemals ein Ende hat.

Es scheint fast, als ob wir uns jedes Jahr noch leidenschaftlicher über den Sommer und das Wetter echauffieren.
Michael Thiel: Nicht nur wir: Ich habe eine Zeitlang in Grossbritannien und in Amerika gelebt, und die Briten können das genauso. Die können sich sehr gefühlsbetont über das Wetter auslassen. Es ist nicht von ungefähr eine internationale Form, um ein erstes Gespräch aufzunehmen.

Weil es so ein simples Thema ist, bei dem jeder mitreden kann?
Und weil es jeden betrifft. Wir sind nun mal – auch wenn wir überdacht leben – dem Wetter ausgeliefert. Trotz Klimaanlagen oder Ventilatoren: Das Wetter beeinflusst den Körper und unsere Psyche.

Wie genau macht es das?
Es gibt natürlich eine ganz konkrete Seite: Die Hitze schränkt viele Menschen ein. Die mögen das Schwitzen nicht oder sind nicht so leistungsfähig wie sonst, denn die Konzentration lässt nach. Im Zug nimmt man Körperausdünstungen von anderen Menschen wahr, die man gar nicht mitbekommen will. Es gibt darüber hinaus aber auch ein relativ gut erforschtes psychologisches Phänomen: Die Hitze kurbelt unser Testosteron an – das Hormon also, das unter anderem auch für Aggressivität zuständig ist. Vielen Leuten merkt man dann an, dass sie dünnhäutiger werden. Besonders fatal ist bei Hitze und Kälte zudem: Sie können sich nur bis zu einem bestimmten Grad davor schützen. Selbst wenn Sie nackig herumliefen, könnten Sie immer noch nicht aus Ihrer Haut raus. Und dieser Kontrollverlust macht vielen zu schaffen, das Jammern geht los, und der Humor bleibt auf der Strecke.

Wieso kann man es uns – vor allem beim Wetter – nur so schwer rechtmachen?
Weil das Jammern so verlockend ist – vor allem ex negativo: Es gibt schlicht keinen Grund, nicht zu jammern. Es gibt auch keine Wetterlage, bei der man nicht jammern könnte. Und damit existieren auch die unterschiedlichsten Jammertypen. Auch solche, die taktisch jammern.

Wie jammert man taktisch?
Nehmen wir die aktuelle Hitzewelle: Es gibt die Schon-Jammerer, diejenigen also, die sich den Tag etwas erleichtern wollen. Die jammern darüber, dass sie wegen der Hitze kaum geschlafen hätten oder es allgemein zu heiss sei. Und dann sagen sie gern Dinge wie: «Bei der Hitze kann ich überhaupt nicht denken, ich kann einfach nicht so viel tun und sollte früher nach Hause gehen. Kann mir irgendjemand was abnehmen?» Eigentlich wollen sie aber einfach zum Glacestand. Was zeigt: Wer jammert, ist nicht automatisch eine schwache Person.

Welche Wettertypen von Jammerern gibt es noch?
Die Entlastungs-Jammerer, die das Jammern als Ventil nehmen. Die implodieren innerlich wegen der Hitze und müssen das mitteilen. Das ist dann ein seelischer Druckabbau. Dann gibt es noch die Solidaritäts-Jammerer, die sich wohlfühlen, wenn sie wissen, dass nicht nur sie schwitzen, sondern auch andere. Die freuen sich, wenn sie gemeinsam mal eine Runde losjammern können. Einige wollen im Mittelpunkt stehen – das sind die Aufmerksamkeits-Jammerer. Das sind jene, bei denen alles noch viel schlimmer ist und denen es noch schlechter geht als allen anderen. Und abschliessend sind da noch die Gewohnheits-Jammerer. Bei denen ist das Jammern im Gehirn abgespeichert. Die haben einen Jammer-Automatismus und echauffieren sich bei jeder Wetterlage – und auch eigentlich über alles andere.

Stört es einzelne Menschen, dass andere bei warmem Wetter noch besser gelaunt sind?
Oh ja. Wenn Sie sich richtig unbeliebt machen wollen, dann verweigern Sie sich doch einfach mal dem allgemeinen Lamento. Das gemeinsame Jammern weckt nämlich einen Solidaritätseffekt. Wer nicht mitmacht, wird sehr schnell ausgegrenzt.

Haben wir früher genauso über das Wetter geklagt?
Sicher. Und früher wohl auch mit mehr Recht. Zu Zeiten, als Menschen noch keine Klimaanlage hatten, hauste man bei solchen extremen Wetterlagen unter ganz schlimmen Bedingungen. Damals hatte man ausserdem noch kein Wissen darüber, wie das Wetter entsteht – und hielt es deshalb zu allem Übel auch noch für eine Strafe Gottes. Heutzutage ist daraus eher ein Luxusjammern geworden.

Wie hört das Jammern auf?
Das Jammern wird man nicht stoppen können. Es gehört zum Menschsein dazu. Man wird es einem Menschen weder austreiben noch verbieten können. Aber wir können selbst entscheiden, ob wir bei der Jammerei mitmachen oder so weise sind und sagen: «Ich habe keine Lust auf diese Jammerei, das verdirbt mir nur die Laune und macht das Wetter nicht erträglicher.» Wir haben es selbst in der Hand, ob wir Jammerern eine Bühne bieten. Ein Jammerer hat erst so richtig Spass am Nörgeln, wenn er eine Zuhörerschaft hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2018, 09:12 Uhr

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