Bespring doch den Roboter, Mann

Frankreichs erstes Sexpuppen-Bordell wird nicht geschlossen. Doch die Fragen darum sind ungeklärt.

Warten auf Freier: Pariser Sexpuppen im «salle de jeux». Foto: Getty

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Das Xdolls ist eine Wohnung von 70 Quadratmetern im XIV. Pariser Arrondissement. Diverse französische Medien haben das Lokal besichtigt, seit es am 1. Februar eröffnet wurde – das erste Sexpuppen-Bordell der Nation. Wobei, von Bordell oder «maison clos» darf keine Rede sein. Bordelle sind in Frankreich verboten, Prostitution seit 2016 auch. «Ich nenne es lieber Masturbation deluxe», sagt der Betreiber Joaquim Lousquy dem Kulturmagazin «Les Inrockuptibles». Im Handelsregister ist sein Geschäft als «salle de jeux» eingetragen, wie wenn es voller Flipperkästen stünde.

Gespielt wird mit Frauenpuppen, lebensgrossen Sextoys. Kim, Sofia und Lily, Latina, blond und asiatisch, alle mit grotesk grossen Brüsten und zierlichsten Körpern. Fabriziert in China, jede mehrere Tausend Euro teuer, hochwertiges Silikon, abwaschbar. 89 Euro kostet ein Stunde, die Kunden seien vor allem Männer zwischen 30 und 50, sagt Betreiber Lousquy im «Le Parisien».

Lousquy ist 29, er hat früher mit E-Zigaretten und LED-Lichtern gehandelt. Nun mit Puppensex. Der habe nur Vorteile, sagt er, tue niemandem weh, mache niemanden krank. Der Kunde brauche sich auch nicht zu genieren, und der Sex sei frei, so frei: «Man muss nie an die Befriedigung des anderen denken, es ist nur für einen selbst, selbst, selbst», sagt Lousquy einer Reporterin.

Das sehen nicht alle so positiv. Diese Woche befasste sich der Pariser Stadtrat mit dem Lokal, die Kommunisten forderten die Schliessung. Hier werde «Prostitution banalisiert», die «Rückkehr der Bordelle» vorbereitet. Doch der Rat verwarf das Anliegen nach einer polizeilichen Besichtigung. Das Puppenhaus darf weitermachen.

Eine Chance für die Einsamen

Künstliche Sexpartner faszinieren den Menschen schon lange, vom Sennentuntschi bis zu «Blade Runner». Nun sind sie Realität. In Barcelona und Dortmund haben letztes Jahr die ersten Puppenpuffs Europas aufgemacht, in der Schweiz kann man Luxus-Sexdolls als Escorts mieten. «Sexroboter-Bordelle werden sicher ein sehr grosser Markt werden», sagte der britische Forscher David Levy im Januar dieser Zeitung. Zumindest so lange sie zu teuer seien, um sie sich für daheim zu kaufen.

Stumme Puppen sind dabei von gestern, die neuen Modelle sind Roboter, mit künstlicher Intelligenz bestückt. Sie sprechen, reagieren. Fachleute glauben, dass Sexroboter menschliche Prostituierte bis 2050 ganz ersetzen werden. Was gut sei: Sexroboter werden nicht versklavt und übertragen auch keine Geschlechtskrankheiten.

In Privathaushalten werden Puppen ebenfalls Einzug halten, glauben Forscher. Erotische Beziehungen mit Silikonwesen würden normal, was eine Chance für die vielen einsamen Menschen unserer Zeit sei. Auch Frauen sollen profitieren, männliche Sexroboter sind in Arbeit. Mit dem richtigen «sexuellen Wissen» programmiert, würden sie auch erfolgreich, schreiben die Wissenschaftler Michelle Mars und Ian Yeoman.

Sex mit Kinderpuppe?

Der Aufstieg der Sexroboter wirft Fragen auf. Ist man seinem Partner untreu, wenn man mit einer sprechenden Puppe verkehrt? Dürfen Hersteller Sexroboter nach realen Vorlagen fertigen? Was ist mit Tieren? Und: Was wird den Menschen erotisch noch unterscheiden vom Roboter? Witz, Unberechenbarkeit, Versagen?

Ein Problem zeichnet sich schon jetzt ab: Sexroboter verändern das Normalitätsempfinden. Puppen wie jene in Paris sind biegsam, wehrlos, willig. Das kann ein Frauenbild ungut prägen. Der Pariser Bordellbetreiber sieht hier zwar kein Problem. Seine Puppen fühlten sich toll an, sagt er, aber dass sie keine echten Frauen seien, merke jeder Depp. Allein die riesigen Brüste, die kleinen Körper: «Das ist in der Natur schwer zu finden.» Er klingt bedauernd.

Wie prägt der Puppensex die Wahrnehmung der realen Welt? Sexpuppe Kim ist 1,53 Meter gross und wiegt 38 Kilo. So viel wie ein zehnjähriges Kind. Einige Firmen stellen explizit Kindersexpuppen her. Hier sind Fachleute ratlos: Sollen Pädophile sich so sicher ausleben können, oder wird dadurch der Trieb erst entfesselt? In den USA laufen Bemühungen, kinderähnliche Sexroboter zu verbieten. Dass einige Firmen damit begonnen haben, Puppen auf unwillig zu programmieren, sodass sie scheinbar vergewaltigt werden können, beschäftigt die Juristen.

Die Sexroboter sind da. Wie wir mit ihnen umgehen, ist nicht egal. Wer es normal findet, menschenähnliche Wesen zu misshandeln, wird auch reale Menschen anders sehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 00:12 Uhr

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