Wie man 100 Jahre alt wird

Die Biologie ist ungerecht: Der Bestseller «Spring Chicken» bringt unseren 42-jährigen Autor ins Grübeln.

Der Jungbrunnen: Gemälde von Lucas Cranach (1546).

Der Jungbrunnen: Gemälde von Lucas Cranach (1546).

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letzthin habe ich zum ersten Mal einen medizinischen Check-up gemacht. Eine solche Untersuchung ist zwangsläufig auch ein Urteil über den eigenen Lebenswandel. Eine Zwischenbilanz. Wie ist man mit seinen naturgegebenen Pfründen umgegangen? Und vor allem: Wie wird es einem in Zukunft ergehen?

Es schien alles in Ordnung zu sein, aber richtig gejubelt hat der Arzt nach Sichtung der Resultate nicht. Ein bisschen mehr Bewegung könne nicht schaden. Also speiste ich die Blutwerte im Internet in einen Lebenserwartungsberechner der englischen Gesundheitsbehörde ein. Mein letztes Stündlein schlägt offenbar in 34 Jahren. Dann bin ich 76. 76! Die Queen Mum, die ziemlich dick war und jeden Tag Gin trank, wurde 102. Madame Clement, die rauchende Rekordhalterin aus Frankreich, brachte es gar auf 122 Jahre.

Man kennt diese biologische Ungerechtigkeit von Klassenzusammenkünften, wenn wallende Mähnen auf ergraute Halbglatzen treffen. Oder von Susan Sarandon, die stets 20 Jahre jünger aussieht, als sie alt ist (aktuell 69). Das Thema interessierte auch Bill Gifford, der mit «Spring Chicken» auf der Bestsellerliste der «New York Times» gelandet ist. Sein Buch geht der Frage nach, wieso wir unterschiedlich schnell altern und wie man «für immer jung bleibt», wie es auf dem Cover heisst. Habe ich mir sofort gekauft.

«Spring Chicken» liest sich so amüsant wie informativ – und widmet der Anti-Aging-Szene und ihren Gurus genauso viel Platz wie den wissenschaftlichen Koryphäen der Gerontologie und Zellbiologie. Da ist zum Beispiel Suzanne Somers. 1980 posierte die Amerikanerin für den «Playboy». Ihre schlanke Figur setzte sie fortan in der Werbung für Fitnessprodukte ein. In ihren 20 Büchern beschreibt sie ihren Kampf gegen das Altern. Tatsächlich sieht die 70-Jährige aus wie 40. Aber ihr persönlicher Jungbrunnen lässt einen erschaudern. Jeden Tag 40 Präparate, einen Schuss Östrogen direkt in die Vagina sowie Wachstumshormone. Auch die möglichen Nebenwirkungen sind beträchtlich: Krebs und Demenz.

Ein anderer berühmter Anti-Ager war der Pathologe Roy Walford. Er bezog in den 80ern ein keimfreies Glas-Habitat in der Wüste Tucsons. Zwei Jahre später verliess er die Glaskuppel als Wrack. Mit der Sauerstoffzufuhr hatte etwas nicht gestimmt. Anti-Ager, so scheint es, leben gefährlich. Trotzdem sind Walfords Nachfolger zahlreich. Der Biotechnologe und Philosoph Todd Becker aus Palo Alto etwa setzt auf Winterschwimmen, weil kurzfristiger Stress die Lebenserwartung verlängere. Bill Vaughan, der 77-jährige Erfinder des Gesundheitsriegels Powerbar, überwacht seine Cholesterinwerte täglich in einem Labor, das er zu Hause eingerichtet hat.

Das dünkt mich alles ein bisschen radikal und wenig massenkompatibel. Umso erfreuter las ich danach, dass immer mehr Silicon-Valley-Grössen in die Überlistung des Alters investieren. Craig Venter, der massgeblich an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms beteiligt war, hat kürzlich die Firma Human Longevity Inc. gegründet. Er will bis 2020 eine Million menschliche Genome sequenzieren und herausfinden, welche genetischen Eigenschaften Grundlage für ein langes Leben sind. Und das Google-Projekt Calico strebt danach, «die ewige Jugend zu finden oder zumindest den Tod erheblich hinauszuzögern».

Es ist ein alter Traum. Schon Lucas Cranachs berühmtes Bild «Der Jungbrunnen» aus dem 16. Jahrhundert zeigt ältere Menschen, die in einer Quelle baden, dadurch verjüngt werden und sich schliesslich bei Musik, Tanz und gutem Essen vergnügen. Moderne Variationen davon sind Ayurveda-Kuren, Schönheitskliniken, Diätfarmen. Das Versprechen blieb dasselbe: Aus dem Alter kann man aussteigen. Und tatsächlich: Seit 1840 stieg die Lebenserwartung im heutigen Mitteleuropa um rund 40 Jahre. Das sind drei Monate extra Leben pro Jahr. Zu verdanken haben wir das allerdings nicht Wellnesstempeln, sondern besserer Hygiene und Ernährung sowie medizinischem Fortschritt.

Laut James Vaupel, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, haben unsere Neugeborenen gute Chancen, 105 Jahre alt zu werden. Der exzentrische Biogerontologe Aubrey de Grey hat gar die Theorie aufgestellt, dass man das Altern umkehren kann. Menschen könnten demnächst Hunderte oder sogar Tausende Jahre alt werden. Man müsse lediglich die beim Altern ablaufenden Zellprozesse genau verstehen und könne dann Schäden auf dieser Grundlage eliminieren. Natürlich ist Grey höchst umstritten (auch wenn seine Thesen bisher nicht eindeutig widerlegt werden konnten). Mit ihm überhaupt nicht einverstanden gewesen wäre wohl Jonathan Swift. In «Gullivers Reisen» beschrieb der englische Satiriker das endlos verlängerte Leben als Hölle auf Erden, ein geriatrischer Albtraum voller Gebrechen und Einsamkeit.

Klar, ewiges Leben ist nicht ewige Jugend. Doch Swift war ein bekannter Misanthrop, und die Altersforschung hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Der Jungbrunnen ist vom Wunschtraum und Freak-Projekt zu einer wissenschaftlichen Möglichkeit geworden – auch dank eines Schweizers, der in «Spring Chicken» ausführlich gewürdigt wird. Tony Wyss-Coray, Professor an der Stanford-Universität, verblüffte die Fachwelt vor einem Jahr mit einer bahnbrechenden Entdeckung: Nachdem er alten Mäusen junges Blutplasma gespritzt hatte, verbesserten sich deren Gehirnfunktionen, auch das Herz und die Muskeln verjüngten sich. Das Fell der Mäuse erhielt seinen alten Glanz zurück. Parabiosis nennt sich das Verfahren. Es wird gerade an Menschen ausprobiert. Gute Nachrichten auch für die Glatzköpfe an den Klassenzusammenkünften.

Umfrage

Wie alt möchten Sie bei guter Gesundheit werden?






Oder nicht? Frage ich Leute, ob sie Angst vor dem Tod hätten, zucken auch viele Jüngere mit den Schultern. Irgendwann sei halt Schluss. Der Tod gehöre zum Leben, sagen sie: Er sei dessen Triebfeder. Und dass ihnen schon an Sonntagen langweilig sei – da wollten sie doch nicht 200 Jahre leben. Und ja, es stellen sich gesellschaftliche Fragen. Wie steht es um die Ressourcen? Die Umweltbelastung? Das AHV-Alter? Doch der demografische Wandel könnte auch Veränderungen herbeiführen, die überfällig sind. Und was könnte der Einzelne nicht an Weisheit (und Reichtum) anhäufen! Die gesamte Weltliteratur lesen, ein gefragter Experte werden, ein Chronist, der Regierungen kommen und gehen sieht. Den technologischen Fortschritt verfolgen, die Marslandung erleben oder sehen, wie der erste Mensch gebeamt wird.

Ich wäre jedenfalls dabei. Aber Herr Wyss-Coray soll sich beeilen, ich habe ja nur noch 34 Jahre. Inzwischen muss ich wohl oder übel auf das bisher einzige probate Verjüngungsmittel setzen: gesunde Ernährung und viel Bewegung.

Bill Gifford: Spring Chicken. Grand Central Publishing, 2015. Die deutsche Übersetzung erscheint 2016. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2015, 07:57 Uhr

Artikel zum Thema

Wo die Schweizer wie alt werden

Interactive Die interaktive Sterbekarte auf Gemeindeebene zeigt, wie unterschiedlich die Lebenserwartung in der Schweiz ist. Mehr...

Ewiges Leben soll möglich sein

Der erste Mensch, der den 1000. Geburtstag feiern wird, lebt bereits. Das zumindest behauptet der britische Forscher Aubrey de Grey. Seine Anleitung zum fast ewigen Leben erscheint bald auf Deutsch. Mehr...

Schweizer Männer haben höchste Lebenserwartung

In keinem anderen Industrieland leben die Männer so lang wie in der Schweiz. Sie werden im Schnitt 80,7 Jahre alt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Trägt ein aufwändiges Kostüm: Ein maskierter Mann posiert bei einer Kundgebung des senegalesischen Präsidenten in Dakar für Fotografen. (21. Februar 2019)
(Bild: MICHELE CATTANI) Mehr...