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Bitte mehr Vermischung!

Es sei rassistisch, wenn Weisse Dreadlocks tragen und schwarze Musik hören, sagen Kritiker. Doch der Gedanke ist selber rassistisch.

Gerade an der Geschichte amerikanischer Musik und Kultur zeigt sich, wie unmöglich es ist, die gegenseitige kulturelle Beeinflussung von Schwarzen und Weissen streng zu trennen. Foto: Pexels
Gerade an der Geschichte amerikanischer Musik und Kultur zeigt sich, wie unmöglich es ist, die gegenseitige kulturelle Beeinflussung von Schwarzen und Weissen streng zu trennen. Foto: Pexels

Man steht morgens auf, lässt einen Rihanna-Song spielen, macht dazu Yoga und zieht einen Poncho an – schon ist man als Schweizerin mit deutschen und holländischen Wurzeln dreimal schuldig der «Cultural Appropriation» (kulturelle Vereinnahmung). Denn weder Rihanna noch Yoga noch der Poncho stammen aus unserem Kulturkreis, angebracht für einen Schweizer wären Gölä, Übungen nach Jack Günthard und eine Schweizer Tracht. Wobei man bei Gölä ein Fragezeichen setzen darf, denn der macht Rockmusik und die wurde eigentlich auch von Schwarzen erfunden.

Sicher ist nur eins: «Cultural Appropriation» ist der neue Kampfbegriff aus dem Labor der Diskriminierungsdetektive. Dazu gehört alles Mögliche: Ein vom Modelabel Chanel designter Bumerang wurde als Ausbeutung der Aborigines-Kultur gebrandmarkt. Wenn Besucher am Burning-Man-Festival mit Feder-Kopfschmuck auftauchen, sei das nicht korrekt gegenüber der indianischen Kultur. Und wenn Weisse Dreadlocks tragen, dann ist das kulturell übergriffig.

Das Problem mit «Cultural Appropriation»

Heftig werden dieser Tage auch Pocahontas- und Indianer-Kostüme für Halloween diskutiert, auch Norah Illi unter ihrem Nikab dürfte sich schuldig gemacht haben, aber vielleicht macht man bei Konvertiten auch eine Ausnahme. Denn den Kritikern geht es um Machtverhältnisse und Ausbeutung, und man kann ja wohl kaum ernsthaft behaupten, dass Norah Illi die islamische Kultur ausbeutet. Oder doch?

Das Problem mit «Cultural Appropriation» ist, dass die Vermischung von Kulturen eine der zentralsten Eigenschaften des Homo sapiens ist. Schon die frühen Menschen wanderten herum, stiessen auf andere Menschengruppen mit anderen Kulturen und übernahmen von ihnen, was sie brauchen konnten und was ihnen gefiel. Jeder CEO predigt heute, wie wichtig Diversität für den Erfolg eines Unternehmens ist, weil im Zusammenspiel von Verschiedenem am leichtesten neue Ideen entstehen können. Aber natürlich ist die Geschichte von Migration und Diversität eine gewalttätige, die in Kolonialismus und Sklaverei ihren Höhepunkt fand.

Hipness muss sein

Nicht nur Mode steht in der Kritik. Die amerikanische Sängerin Kelela stellt klar, dass sie ihren Blues nur für schwarze Frauen singt, und Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Präsidentin der SP-Migrantinnen in Zürich, empfiehlt Weissen, statt Jazz und Blues künftig ihre eigene Musik zu hören, sich auf Klassik zu beschränken. Doch gerade an der Geschichte amerikanischer Musik und Kultur zeigt sich, wie unmöglich es ist, die gegenseitige kulturelle Beeinflussung von Schwarzen und Weissen streng zu trennen.

Die Schwarzen erfanden Blues und Jazz, und weisse Hipster eigneten sich nicht nur schwarze Musik, sondern auch Teile der schwarzen Kultur an – und umgekehrt. Dass «Cultural Appropriation» weniger als Übergriff, sondern vielmehr als Durchdringung funktioniert, lässt sich an der Begriffsgeschichte des Wortes «hip» nachzeichnen. Ursprünglich bedeutete es «jemandem die Augen öffnen». Im 18. Jahrhundert bezeichneten westafrikanische Sklaven in den USA damit eine Art Sonderwissen, «hip» ist die Behauptung von Outsidern, die eigentlichen Insider zu sein.

Ein Spiel mit Diversitäten

Daraus entwickelte sich ein Abgrenzungs- und Integrationsbegriff von schwarzer und weisser Kultur. Aufgeklärte Weisse, die schwarze Kultur bewunderten, eigneten sie sich an und beeinflussten wiederum die schwarze Community – und ermöglichten so den weltweiten Siegeszug ihrer Musik. Hipness wurde zum alternativen Statussystem, das nicht durch Klasse, Herkunft oder Reichtum bestimmt wurde, sondern im Zusammenspiel von Zugehörigkeit und Abgrenzung.

Und das ist «Cultural Appropriation» im besten Fall auch heute noch – ein Spiel mit Diversitäten. Natürlich gibt es immer Menschen, die von anderen profitieren, das wäre dann aber eher ein Problem des Kapitalismus. Wer die Vermischung von Kulturen verbieten will, verbreitet eigentlich Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen. Wollte man «Cultural Appropriation» verhindern, müsste man alle Kulturen streng voneinander trennen. Das wäre dann Apartheid.

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