Bleib mir weg mit deiner Schlange

Wie bekommt man einen WG-Platz? Eine Casterin packt aus.

Hat nicht so gute Chancen: Der Schlangenfan.

Hat nicht so gute Chancen: Der Schlangenfan. Bild: Keystone

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Sommerzeit ist WG-Zimmersuchzeit – neues Studium, neuer Job, neuer Lebensabschnitt. WG-Castings aber haben viele Tücken. Das Problem: Einen potenziellen Mitbewohner zu finden, ist ein Unterfangen mit vielen Unbekannten, auch im übertragenen Sinn.

Bereits mit den Bewerbungs-E-Mails beginnt der Hindernislauf um die unvorhersehbaren Fallgruben. Das hat unsere langjährige Erfahrung als WG, die ab und zu neue Mitbewohner castet, gezeigt.

Mit Bewerbungen für WG-Zimmer ist es nämlich ähnlich wie mit Job-Bewerbungen. Man will oder muss sich gut verkaufen. Es wird geschrieben über Ausbildung, Job, Alter, Beziehungsstatus, Hobbys, Musikgeschmack, kulinarische Gelüste, Vorlieben für bewusstseinstrübende Substanzen im Bereich legal bis illegal, Haushaltsqualitäten, Vorstellungen vom Zusammenleben.

Oft fallen Worte wie: unkompliziert, Reisen, Südamerika, Bier, mal was zusammen kochen, aber auch gerne Privatsphäre. Das kann dann alles heissen.

Das wissen auch die Bewerbenden. Sie wissen: Um eine Chance zu haben, muss ich herausstechen. Und so werden sie dazu verleitet, mit Extravaganzen aufzutrumpfen – sei es, wo sie schon überall reisen waren – natürlich dort, wo sonst noch niemand war, welches exotische Essen sie besonders gut kochen können, oder wie toll sie haushalten und wie genau sie das machen. Manche drehen auch bei den Fotos so richtig auf (ja, auch Fotos werden in Bewerbungsmails angehängt). Fotos in Pose auf einer Mauer vor dem Meer dahinter, mit wehendem Haar oder Männer oben ohne mit gestähltem Körper und verspiegelter Sonnenbrille. Oder tatsächlich Bewerbungsfotos. Stramm frisiert in Anzug und Krawatte.

Wer sind wir, wer wollen wir sein?

Nackte Bäuche, tiefe Ausschnitte, Karrierepushfotos. Sind wir sexistisch, oberflächlich und gemein, wenn wir zu all dem Nein sagen? Wir sind doch diejenigen, die immer so links-grün anything goes tun. Müssen wir unser Menschsein und unsere Toleranz überdenken? Trotzdem einladen?

Manchmal gibt es aber auch Fälle, bei denen wir nicht lange überlegen mussten, um abzusagen: «Ist es okay, wenn ich meine Schlange mitbringe?» Um Gottes willen, nein! Bleib mir weg mit deiner Schlange! «Leider haben wir uns für jemand anderen entschieden», schrieben wir zurück (ja, wir fühlen uns bis heute schlecht, dass wir gelogen haben).

Auch bei E-Mails, wo nur drinsteht, «Wann kann ich vorbeikommen?» oder «Ich will das Zimmer», sagen wir Nein. Ein bisschen Freundlichkeit oder zumindest die Bemühung, freundlich rüberzukommen, darf schon sein. Auch CVs sind uns suspekt. Too much information.

Dann kommt der Tag, an dem sie vor der Tür stehen und sich das Zimmer ansehen kommen. Wie stark das in der Bewerbung schön Geschriebene und die Fotos tatsächlich auf die Person zutreffen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Zum Beispiel von der Ehrlichkeit, Selbstwahrnehmung vs. Fremdwahrnehmung oder davon, wie verzweifelt jemand ein Zimmer sucht.

It’s (not) a match

Die Situation ist ein bisschen wie beim Daten. Öffnet man die Tür, weiss man manchmal nach der ersten Sekunde, wenns nicht passt. Im Idealfall ist einem die Person aber auch auf Anhieb sympathisch. In beiden Fällen lässt man sie rein. In ersterem trotzdem.

Das eigentliche Casting kann ganz unterschiedlich verlaufen. Man fragt zuerst mal nach Eckdaten und schweift im besten Fall in tiefgründige philosophische Diskussionen über Tierrechte, Zersiedelung, Integration und Lieblingshaustiere ab. Und nachdem man das Gastgeschenk, ein Sixpack Bier, erledigt hat, kommt einem in den Sinn, dass man der Person, mit der man seit Stunden am Küchentisch sitzt, eigentlich hätte das freie Zimmer zeigen wollen.

Manchmal läuft es aber auch ganz anders. Einer hat mal ungefragt all unsere Küchenschränke geöffnet, sogar den Kühlschrank. «Gut, alles sauber.» Dann sagte er: «Mein Vater wird dann auch ein Zeitungsabo für die WG sponsern.» Das Abo ging an eine andere WG.

Ehrlich sein, auch wenns wehtut

So oder so: Es ist nicht immer einfach, beim ersten Kennenlernen zu erkennen, ob jemand sich gut als Mitbewohner machen würde. Auf beiden Seiten stehen Menschen. Und die können nervös, verunsichert, gestresst, missgelaunt, aufgestellt oder müde sein. Wer erwischt wen an welchem Tag? Und auch der Charakter kehrt sich nicht in den ersten 10 Minuten nach aussen. Ist die Person wirklich da, wenns drauf ankommt? Auch, wenn man den WG-Keller entrümpeln und das Zeugs auf den Sperrmüll schleppen muss? Oder wenn sich jemand ausheulen muss?

Was wir über die Jahre gelernt haben: Ehrlich sein. Mit den anderen, aber vor allem auch mit sich selbst. Auch wenn man vieles noch nicht wissen kann. Stimmt das Bauchgefühl nicht, dann plädieren wir für nein. Sich eine Person wegen eines tollen Mails schönreden zu wollen, funktioniert nicht. Gleichzeitig sollte man auch einfach den gesunden Menschenverstand einschalten. Es nützt nichts, wenn jemand zwar nett ist, aber etwas völlig anderes möchte, als man ihm bieten kann und will. Auch da nützt es nichts, wenn jemand tolle Hobbys hat, dieselbe Musik mag oder auch ein Katzenfan ist, ansonsten aber auf einem gefühlt anderen Planeten lebt. Zweck-WG vs. Ersatzfamilie, Putzplan vs. Laisser-faire, Party vs. Ruhe, Wäsche von Mama waschen lassen vs. selber anpacken, zusammen kochen vs. Lieferpizza hinter geschlossener Tür im Zimmer essen.

Man kann sich aber auch täuschen und viele dieser «anderer Planet»-Attribute erst entdecken, wenn der vermeintliche Wunschkandidat bereits eingezogen ist und es darum geht, tatsächlich zu putzen, einzukaufen oder zusammen zu kochen.

Tja. Dann geht der ganze Zirkus wohl schon bald wieder von vorne los. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 16:54 Uhr

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