Lieber ein Mädchen als einen Problembuben

Generationen von werdenden Eltern wünschten sich eher Söhne als Töchter – nun scheint der Trend zu kippen. Wo liegen die Gründe? Und was sagt das über uns aus?

Lieber Mädchen oder Jungs? Lediglich einem Drittel der werdenden Eltern ist das Geschlecht ihres Kindes egal. Foto: Disney/Pixar

Lieber Mädchen oder Jungs? Lediglich einem Drittel der werdenden Eltern ist das Geschlecht ihres Kindes egal. Foto: Disney/Pixar

Es gibt einen Fotoband, der berühmte Väter und ihre Söhne zeigt. Hemingway ist darin zu sehen, wie er mit dem zehnjährigen Gregory zufrieden an einem See liegt, neben ihnen Jagdgewehre. Männer unter sich! Meine Lieblingsmomente mit meinem Sohn sind weniger archaisch, aber durchaus vergleichbar: Fussball spielen, Steine schiefern oder zusammen gucken, wie sich Luke Skywalker mit seinem Vater Darth Vader mit dem Lichtschwert duelliert. Auch angeln steht demnächst auf dem Programm.

Kurz: Es ist alles so, wie ich mir erhofft hatte, als meine Frau schwanger war. Ich habe ein Kind, das Stammhalter und Kumpel zugleich ist. Fortschrittlich ist ein solches Denken nicht, schon klar. Wir leben im Jahr 2017, viele Väter spielen auch mit ihren Töchtern Fussball oder schauen mit ihnen «Star Wars». Die Antwort auf die Frage, ob sich jemand lieber ein Mädchen oder einen Jungen wünscht, lautet denn auch meistens: «Mir egal, Hauptsache, das Kind ist gesund.» Doch wirklich egal ist es den wenigs­ten.

Depressive Alphamännchen

Laut Umfragen wünschen sich Menschen in armen Gesellschaften Söhne, da diese bessere Verdienstaussichten haben. Weibliche Föten werden abgetrieben. In Asien soll es deshalb 170 Millionen weniger Frauen als Männer geben. Aber auch in westlichen Gesellschaften haben werdende Eltern lange männliche Nachkommen bevorzugt – dies zeigen die Resultate einer zwischen 1941 und 2011 regelmässig durchgeführten Studie des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup. Die Ergebnisse haben sich über die Jahrzehnte kaum verändert: Ungefähr 40 Prozent der Amerikaner mit Kinderwunsch hofften beim ersten Kind auf einen Jungen, 28 Prozent auf ein Mädchen. 32 Prozent hatten keine Vorliebe. Bei Männern war der Wunsch nach einem männlichen Nachkommen stärker ausgeprägt als bei Frauen, die praktisch keine Geschlechterpräferenz aufwiesen.

Die Konstanz der Zahlen überrascht, hat sich doch die soziale, finanzielle und rechtliche Situation der Frau im untersuchten Zeitraum massgeblich verbessert. Allerdings zeichnet sich seit ein paar Jahren ein neues Bild ab: In US-Kliniken, wo die In-vitro-Fertilisation inklusive Geschlechterwahl möglich ist, wünschen sich 80 Prozent der Kunden ein Mädchen. Und US-Zahlen zu Adoptionen belegen: Mädchen werden 30 Prozent häufiger adoptiert als Jungs, wobei die Adoptiveltern sogar bereit sind, für Mädchen mehr zu bezahlen, wie eine Studie der New York University ergab.

Für die Schweiz, wo bei Fruchtbarkeitsbehandlungen kein Geschlechterwunsch möglich ist, gibt es keine entsprechenden Zahlen. Auch bei Adoptionen sind solche Wünsche praktisch unmöglich. Eine nicht repräsentative Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt den Trend aus den Vereinigten Staaten jedoch: 41 Prozent der Befragten wünschen oder wünschten sich als erstes Kind ein Mädchen, 23 Prozent einen Jungen. 36 Prozent der Teilnehmer ist das Geschlecht egal. Unter den weiblichen Befragten wünschen sich 46 Prozent ein Mädchen, 20 Prozent einen Jungen, bei den Männern ist das Verhältnis 33 zu 27 Prozent.

Ob jemand lieber eine Tochter oder einen Sohn will, mag eine Privatangelegenheit sein – aber die statistischen Präferenzen werfen auch ein Licht auf gesellschaftliche Prozesse. Was hat es zu bedeuten, dass Frauen – und vor allem Männer – im Westen offenbar erstmals lieber Töchter als Söhne aufziehen?

Eine erste Umfrage im Kollegenkreis ergab ein diffuses «Mädchen machen weniger Ärger». Die Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Umfrage bestätigt dies: Jeder dritte männliche Teilnehmer nannte «weniger Probleme in Erziehung und Schule» als Grund, ein Mädchen zu wollen. Tatsächlich belegen Statistiken, dass Buben schlechtere Noten schreiben, öfter sitzen bleiben und die Schule mit schlechteren Abschlüssen verlassen. Waren Mädchen vor 50 Jahren an den Gymnasien deutlich in der Unterzahl, sind sie heute in der Überzahl. Möglich also, dass Abstiegsängste und Konkurrenzdenken bei werdenden Eltern Auslöser für den Wandel in der Geschlechtervorliebe ist.

Bloss: Kompetenzen, die in der Schule belohnt werden – etwa Kooperationsfähigkeit und Genauigkeit –, sind oft andere als jene, die einem später im Berufsleben zugutekommen. Für die Karriere ist es nach wie vor besser, wenn man die Ellbogen auszufahren weiss. Machogehabe als Türöffner zur Chefetage: Wachsen Jungs automatisch in diese Verhaltensmuster rein? Genau das befürchtet Andrew Reiner. Der US-Professor hat kürzlich einen Artikel in der «New York Times» veröffentlicht, in welchem er gestand, dass er statt seines Sohnes lieber eine Tochter gehabt hätte. Denn je fortschrittlicher er ihn erziehe, desto mehr würde sein Sohn unter der herrschenden Alphamännchen-Kultur leiden: «ein wortkarges John-Wayne-Ethos, das zu Entfremdung und Depression führt».

Klischee Gefühlskompetenz

Reiners Artikel hat in der Onlinekommentarspalte ein gewaltiges Echo ausgelöst. Viele Leser geben ihm recht. Andere äusserten machoides Unverständnis («Der Autor ist eine Pussy. Lass dir Eier wachsen!») – und bestätigten so wohl Reiners These der Alphamännchen-Kultur. Aber auch von feministischer Seite wurde Reiner angegriffen. Was wisse er denn davon, wie schwierig es sei, Mädchen zu selbstbestimmten Frauen zu erziehen und ihnen zu erklären, wieso es immer wieder zu sexuellen Übergriffen und Benachteiligungen komme – gerade in einem Amerika unter Donald Trump. Einige Männer wiederum deuteten Reiners Ängste als Folge einer Feminisierung der Gesellschaft. Diese sei das Resultat eines überbordenden Feminismus, der in seinem Ziel, die Rechte der Frauen zu stärken, das Selbstverständnis und die Anliegen der Männer in gefährlichem Masse verunglimpft habe.

Und schon steckt man mitten im Genderkrieg. Der Hinweis eines Lesers, dass er sich von seinen Töchtern erhoffe, dass sie ihn dereinst wohl eher pflegen würden als Söhne, bestätigt alte Rollenklischees – und Andrew Reiner in seinem Fazit: Er erzieht seinen Sohn so, wie er ein Mädchen erziehen würde, mit derselben Gefühlskompetenz und offenen Weltanschauung. Dies sei, was die Jungs (und letztlich die Gesellschaft) brauchen würden.

«Boys fuck things up, girls are fucked up», lautet ein Spruch des Komikers Louis C. K. Er hat recht. Jedes Geschlecht als Mysterium gleichberechtigt stehen lassen und akzeptieren zu können, ist der bessere Weg als ein forciertes Gendermainstreaming – und schliesst die Aufzucht von rücksichtsvollen Männern nicht aus. Ausserdem kann es ja nur in einer bösen Überraschung enden, wenn man seine gesellschaftlichen Idealvorstellungen auf ein Kind und dessen Geschlecht projiziert.

Ich jedenfalls gehe mit meinem Wunschsohn angeln. Wenn er dann dem Fisch nicht mit einem John-Wayne-Gesicht das Genick brechen kann, ist das völlig okay.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2017, 18:00 Uhr

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