Jetzt sorgt sich der katholische Sünder um reformierte Seelen

Als sich Bruder Beno in Seraina verliebte, verliess er das Kloster. Nun brüskiert er seine alten Glaubensgenossen abermals.

«Mein Hobby ist das Leben»: Schreiner, Mönch und Seelsorger Beno Kehl. Foto: Sabina Bobst

«Mein Hobby ist das Leben»: Schreiner, Mönch und Seelsorger Beno Kehl. Foto: Sabina Bobst

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Es ist ein dunstiger Herbstmorgen, die Sonne drückt nur wenig durch die Wolken. Sirnach im Hinterthurgau schläft noch, nur die Konfirmanden sind hellwach. Sie stehen aufgereiht in der reformierten Kirche.

Jetzt ist Alessio dran. «Alessio gamt sehr gern und kann unglaublich gut Formel 1 fahren mit der Konsole. Er liebt seine Katze. Und er lässt sich konfirmieren, weil er an Gott glauben will. Stimmts?», sagt der Diakon. Alessio nickt schüchtern, tritt zurück.

Dann wird plötzlich sein Diakon zum Konfirmand: «Mein Hobby ist das Leben. Ich mache alles gern, wie wenn es ein Hobby wäre», sagt Beno Kehl, er lächelt, «und ich lasse mich konfirmieren, weil ich ein vollwertiges Mitglied der reformierten evangelischen Landeskirche werden will.» Dann erbittet der 52-Jährige für sechs Jugendliche und sich selber den Segen für den Weg ins kirchliche Erwachsenenalter.

Was der Diakon vor der Kirchgemeinde nicht sagt: dass er katholisch ist und gleichzeitig reformiert sein will. Dass er mit diesem Wunsch manche Glaubensgenossen in der katholischen Kirche ein weiteres Mal brüskieren wird. Dass er darauf keine Rücksicht nehmen kann. Weil er immer seinem Herzen gefolgt ist. Weil er überzeugt ist, dass diese Art zu leben richtig ist.

Schreiner und Suchender

Beno Kehl war gut 20, aufgewachsen am Bodensee, im St. Gallischen. Die Mutter verstand das gut, als ihr Jüngster seinen Eltern sagte, er werde ins Kloster gehen. Beno hatte Schreiner gelernt, nichts Geistliches, er war der Handwerker. Aber er war auch ein Suchender. Hatte zwischen Freundinnen, Partys und Motorrädern immer auch Zeit gefunden, die Bibel zu lesen und die Schriften des heiligen Franz von Assisi. Er fuhr mit dem Fahrrad vom Rorschacherberg bis nach Assisi, um den Ort zu besuchen, an dem sein Vorbild gewirkt hatte. Dachte über die Aussage des Religionslehrers nach, man finde Gott in Grenzsituationen. An der Felswand hängend. Beno Kehl kam später zu einem anderen Schluss: Gott ist die Freude selbst, die uns von früh bis spät begleitet, wenn wir offen sind dafür.

Kehl nahm nichts als die Werkzeugkiste mit, als die Schwester ihn mit dem Auto zum Franziskanerkloster Mariaburg in Näfels GL fuhr. Alles andere hatte er verschenkt. Er würde geloben, arm zu sein, Gott zu gehorchen und auf Ehe und Partnerschaft für immer zu verzichten. Ein neues Leben lag vor ihm. Ein Leben, in dem er die Liebe zu Gott über alles andere stellen würde.

Er habe gespürt, dass er dieses Opfer erbringen müsse, erzählt Beno Kehl bei einem Treffen im Haus Zuflucht an der Fabrikstrasse in Zürich, das rund zwei Dutzend Obdachlosen eine Bleibe bietet. Beno Kehl hat es mitgegründet und gehört heute zu dessen Führungsteam.

Bruder Beno sollte als Gassenmönch bekannt werden, der in brauner Franziskanerkutte durch das Zürcher Langstrassenquartier ging, mit Randständigen sprach und in lokalen TV-Sendern auf eine sehr publikumsnahe Art über den Umgang mit der Askese Auskunft gab. «Natürlich verliebe ich mich manchmal», sagte er im Gespräch mit Hugo Bigi auf Tele 24. Ein Mönch sei ja auch ein Mensch. Ob er sich verliebe oder nicht, sei ohnehin nicht die zentrale Frage, sondern vielmehr, ob es ihm gelinge, die Liebe zu einer Frau in eine Liebe zu Gott und zu allen Menschen zu transformieren.

Das gelang Bruder Beno lange. Doch einmal, da transformierte sich die Liebe nicht, oder anders. Das war mit Seraina, jener zierlichen Frau, die sich in der Jugendarbeit engagierte und die mit Bruder Beno ein Hilfsprojekt in Afrika begleitete. Beno Kehl rang mit sich. Dann kam er zum Schluss, dass es an der Zeit sei, das Kloster zu verlassen. Er sagt: «Die Medien haben das so dargestellt, als hätte ich ausschliesslich wegen Seraina das Kloster verlassen. Doch ich wäre auch sonst gegangen. Die Zeit war reif für diesen Schritt.»

Am Zölibat ist nicht zu rütteln

Er ist nicht der Einzige, der das Gelübde bricht. Immer wieder gelangen Fälle an die Öffentlichkeit: der Priester in Brigels GR, der seiner Gemeinde eines schönen Sonntags eröffnete, dass dies sein letzter Gottesdienst sei, er werde fortan mit einer Frau zusammenleben. Sein Berufskollege im solothurnischen Mariastein, dem die Kirche anbot, er könne seine Freundin als Haushälterin tarnen. Man hoffte, ihn so im Amt behalten zu können. Und jedes Mal, wenn einer das Zölibat bricht, steht dieses zur Debatte. Man müsse es abschaffen, sagen die Kritiker. Es sei nicht mehr zeitgemäss. Es könne eine Ursache des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche sein.

Vor ein paar Tagen kündigte Papst Franziskus an, Bischöfe aus allen Ländern nach Rom zu rufen, um mit ihnen über den Schutz von Minderjährigen zu sprechen. Die päpstliche Universität Gregoriana in Rom bietet ab sofort einen zweijährigen Lehrgang an, der ausschliesslich der Prävention gewidmet ist. Der Umgang mit der Enthaltsamkeit ist dabei auch ein Thema. Doch am Zölibat mag die katholische Kirche nicht rütteln. In der Radiosendung «Echo der Zeit» sagte der Kinderschutzbeauftragte des Papstes, der deutsche Pater Hans Zollner, am Wochenende: «Das Zölibat ist ein Risikofaktor, aber keine Ursache von Missbrauch.» Wissenschaftliche Studien würden zeigen, dass Übergriffe von Priestern nicht allein mit deren Ehelosigkeit erklärbar seien. Andere Risikofaktoren wie Einsamkeit, Arbeitsüberlastung oder Persönlichkeitsdefizite würde die katholische Kirche angehen.

Das Zölibat sei nicht das Problem, sagt auch Beno Kehl. «Der Verzicht auf Sexualität und Partnerschaft war für mich jahrelang ein sehr sinnstiftender Lebensinhalt.» Das Problem sei, dass Menschen nicht auf sich hörten. «Ich trat aus dem Kloster aus, weil ich gespürt habe, dass ich diesen Schritt machen muss. Aus demselben Grund bin ich zwanzig Jahre vorher eingetreten.» Die Menschen müssten ihrer inneren Stimme folgen, sagt er. Sie sollten mit sich im Reinen sein. Sonst entstünden Schmerz und eine Altlast, die über Generationen vererbt werde und Leid verursache. «So kann es dann zu sexuellem Missbrauch kommen, beispielsweise.» Er wünscht sich, dass die katholische Kirche mit mehr Wohlwollen auf individuelle Lebensentwürfe reagieren würde und das Priesteramt nicht fix an das Männerzölibat geknüpft wäre.

Nachdem er das Kloster verlassen hatte, belegte das Bistum Basel Beno Kehl mit einem Berufsverbot. Zwischendurch hauste er in einem Wohnwagen, bald bauten er und Seraina sich eine Existenz auf. Heute leben sie mit Jonas und Mira, beide im Kindergartenalter, im thurgauischen Eschlikon.

Handwerk und Feuerläufe

Manche Pfarreien im Bistum engagieren Beno Kehl trotz des Verbots für Aufgaben wie Vorträge, Beerdigungen oder Jugendarbeit. Mit seiner Firma Kahnu («Kostenlos, aber hoffentlich nicht umsonst») bietet er Dienstleistungen gratis an in der Hoffnung, Spender für die Gassenarbeit und seine Afrikaprojekte zu finden. Das funktioniere, sagt er, der nach der Schreinerlehre im Kloster Theologie studiert und später einen Master in Sozialmanagement angehängt hatte. Auf der Internetsite findet sich eine endlose Liste von Dienstleistungsangeboten. «Alles, was ich kann und gerne mache.» Er hält Referate, organisiert Feuerläufe (bei denen man mit nackten Füssen über glühende Kohlen geht), bietet Beratung, Seelsorge, aber auch Einsätze als Handwerker an.

Video: Der mit dem Feuer tanzt

Quelle: YouTube / Beno Kehl (26. Februar 2017)

Und dann kam also die Anfrage aus Sirnach, Thurgau, ob er Seelsorger in der reformierten Kirche werden wolle. Er überlegte eine Weile. Die katholische Kirche ist seine Herkunftskultur, er ist immer noch stark verwurzelt in ihr, verlassen möchte er sie nicht. Viel Gutes verbindet er mit dem katholischen Glauben, die ganzen Erinnerungen, die Studien, die Lehrjahre im Kloster. Seine Frau, mit der er täglich betet, der Glaube ist ein Teil ihres gemeinsamen Fundaments. Trotzdem sagte er in Sirnach zu und sagte auch, dass er konfirmiert werden möchte, dass er sich mit den Konfirmanden zusammen auf den Weg machen wolle.

Das Verbot und die Praxis

Wer dem reformierten Glauben anhängt, verliert seine Rechte in der katholischen Kirche. Er darf nicht mehr zu den Sakramenten zugelassen werden. So weit die Theorie. In der Praxis schickt der Priester niemanden weg, weil er nicht katholisch ist – allein schon deshalb, weil er es in den meisten Fällen nicht weiss. Deshalb kann das Verbot der Doppelmitgliedschaften umgangen werden, indem beispielsweise die reformierte Partnerin eines katholischen Mannes mit diesem in den katholischen Gottesdienst geht. So wird das vielleicht auch bei Beno Kehl sein.

Konventionen waren für Beno Kehl immer schon eine Einladung gewesen, sie zu durchbrechen. Etwa mit dem Open Air, das er auf der Klosterinsel Werd im Bodensee veranstalten wollte, zu dem die Brüder Nein sagten. Zuerst habe er sich darüber geärgert, erzählt er. «Der menschliche Geist will immer in seinem kleinen Ego bleiben, er reagiert empfindlich auf Abweisung.» Doch dann habe er gemerkt, dass er diese Spannung in positive Energie transformieren könne. «Das ist ja das Prinzip all meiner Tätigkeiten.» So habe er besser damit umgehen können, wenn die Gemeinschaft ihm ein Projekt durchkreuzte.

Beno Kehl erzählt und lacht. Er lacht fast immer.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 10:07 Uhr

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