Burschen unter sich

In Österreich machen rechtsradikale Burschenschaften Schlagzeilen. Verbindungen in der Schweiz distanzieren sich – und doch gibt es Gemeinsamkeiten.

In einem Zug: Mitglieder der Studentenverbindung Helvetia Zürich in ihrem Verbindungslokal. Fotos: Reto Oeschger

In einem Zug: Mitglieder der Studentenverbindung Helvetia Zürich in ihrem Verbindungslokal. Fotos: Reto Oeschger

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Die Uniform sitzt. Ronald Roggen, Altherr der Zofingia, beobachtet, wie sich die Burschen seiner Studentenverbindung zur Kolonne formieren. An diesem kalten Abend in Bern wollen sie Farbe bekennen. Ihre «Couleur» zur Schau tragen. Ein Fackelzug in Vollmontur – im Vollwichs, wie es im Jargon heisst.

Weisse Hose, schwarze Stiefel und Jacke, um den Oberkörper eine Schärpe in den Verbindungsfarben Rot-Weiss-Rot. Auf dem Kopf die sogenannte Cerevis, in der Hand eine brennende Fackel. Im Gleichschritt kommen sie daher, diese Burschen. Passanten drehen sich um. «Unglaublich, dass es heute noch solche Nazis gibt», sagt ein Mann zu seinem Sohn. Roggen zuckt zusammen, als er das hört. «Ich hätte den Mann ansprechen sollen. Doch ich war zu perplex.»

Dabei kennt sich der 75-Jährige mit Vorurteilen aus: Versoffen, elitär, rechtslastig und frauenfeindlich seien Studentenverbindungen wie seine Zofingia. Solche Dinge hört er seit Jahrzehnten. Der Skandal um rechtsradikale Burschenschaften in Österreich verstärkt diese Vorwürfe und färbt aufs hiesige Verbindungsleben ab.

Im Januar gelangten folgende Liedzeilen an die Öffentlichkeit: «Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.» Sie stammen aus einem Liedbuch der Wiener Neustädter Burschenschaft Germania. In den Skandal verwickelt sind einige Mitglieder der FPÖ, der neuen Regierungspartei. Braunes Gedankengut in der obersten Etage der österreichischen Politik.

Die Schweizer am FPÖ-Ball

Anfang Februar machte das «St. Galler Tagblatt» publik, dass einige Burschen der Zofinger den Akademikerball in Wien besucht hatten. Ein jährliches Treffen für Rechtsbürgerliche, Rechtsex­treme und Bruderschaften in Österreich, organisiert von der FPÖ. Ebenfalls anwesend: Vertreter der völkisch orientierten Identitären Bewegung und der rechtsextremen Schweizer Partei Pnos. Altzofinger Ronald Roggen distanziert sich: «Was einzelne Mitglieder der Vereinigung tun, habe ich nicht zu bewerten.»

Stehen die Schweizer Burschenschaften zu Recht unter Generalverdacht? Journalist Hans Stutz, ein Kenner der rechtsradikalen Szene, verneint: «Mir ist keine bekannt, die rechtsradikal ist.» Das schliesse nicht aus, dass einzelne Mitglieder Sympathien zu politischen Positionen rechts der SVP hätten. «Es handelt sich um ausgeprägt traditionsbewusste oder konservative Mitglieder», so Stutz.

Für Laien sind die einzelnen Gruppierungen kaum zu unterscheiden: ähnliche Uniformen, ähnliche Rituale, patriotische Lieder. Zum Beispiel an einem Freitagabend im Saal der Studentenverbindung Helvetia Zürich:

«Schweizersöhne, laut ertöne euer Vaterlandsgesang! Vaterland, du Land des Ruhmes, weih zu deines Heiligtumes Hütern uns und unser Schwert!»

Rund 20 Männer sitzen um einen langen Tisch: Altherren, Burschen und Füxe – so werden die Anwärter aus den Mittelschulen bezeichnet. Heute Abend sind sie «Bierfüxe» und achten darauf, dass den älteren Kollegen der Gerstensaft nicht ausgeht. Der Zigarettenqualm liegt zäh unter der Lampe. Es riecht nach Schweiss, Tabak und Männerparfüm. Die Liegenschaft in der Zürcher Altstadt dient wöchentlich als Refugium einiger Dutzend Helveter, über 650 Mitglieder zählt die Verbindung schweizweit. Bierstämme oder Weisswurstessen finden hier statt. Gelegentlich wird auch ein Referent empfangen. Nächste Woche ist «Couleurbruder» Kurt Fluri zu Gast. Der FDP-Nationalrat trägt den Verbindungsnamen «Polo».

Bier und das Trinken von Bier sind zentral im Leben von Studentenverbindungen.

Für den ehemaligen Präsidenten Philipp Stampfli, einen ETH-Studenten, war der Beitritt in die Helvetia «Ehrensache». Nur schon seines Vaters wegen, der noch immer als Altherr dabei ist. «Die Jungen können von den Älteren lernen», sagt Stampfli. Oder noch direkter profitieren, von Vitamin B. «Wir bieten die Möglichkeit, mit alten Herren über Karriereschritte zu diskutieren», wirbt die Verbindung auf Facebook.

Die Helveter betonen, dass sie politisch offen seien. Extreme Haltungen, ob linke oder rechte, würden nicht toleriert. Ansonsten brauche es im Grunde nur drei Voraussetzungen, um Mitglied zu werden: Ein Mann muss man sein, einen Studienplatz haben, und fechten muss man wollen. Die Helvetia ist eine der wenigen schlagenden Verbindungen in der Schweiz. Sie führt streng reglementierte Fechtkämpfe durch. Die Narben, sogenannte Schmisse, die früher mit Stolz zur Schau getragen wurden, sind aber grösstenteils verschwunden.

Ein Bursche hebt das Bierglas Richtung Stampfli: «Zwei Quarten!» Es ist eine Ansage, der Stampfli nachkommen muss. Zwei Quarten entsprechen einem halben Bierglas. Einmal ansetzen ohne Unterbruch – so sind die Regeln. Kommt es zum unlösbaren verbalen Zwist, wird dieser mit einem Bierstreit gelöst – inklusive Bierschiedsgericht. Wer schneller trinkt, gewinnt. Kein Widerspruch.

Die Schweiz zählt mehr als 500 Verbindungen. Nur wenige nennen sich Burschenschaft – eine Untergruppierung, politisch verstärkt engagiert, zumeist rechtsgerichtet, wie sie in Österreich und Deutschland öfter vorkommt. Dort bekennen sie sich zu den Prinzipien der Urburschenschaft, die ab 1815 ein vereintes Deutschland forderte. Die hiesigen Studentenverbindungen beziehen sich mehr auf die Gründung des schweizerischen Bundesstaates von 1848, bei der sie eine tragende Rolle spielten.

Unterschiede zu Österreich

Die meisten Mitglieder der Schweizer Studentenverbindungen fühlen sich dem Freisinn zugehörig. Doch sie sind in allen Parteien vertreten, in Verbänden und einflussreichen Wirtschaftskreisen: Der gefallene Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist ein Altherr, ebenso Sepp Blatter oder der FDP-Nationalrat Kurt Fluri. Sogar der linke Soziologe Jean Ziegler darf sich Altherr nennen.

Für Historiker Roland Beck besteht ein klarer Unterschied zwischen Verbindungen in der Schweiz und jenen in Deutschland und Österreich. Die Schweizer Verbindungen hätten sich anders entwickelt, sagt Beck, selbst ein Helveter: «Sie schöpfen ihren Geist aus der republikanischen und radikal-demokratischen Bewegung des frühen 19. Jahrhunderts.»

In Deutschland und Österreich hätten zur Gründungszeit ähnliche Motive eine Rolle gespielt. Doch seit der Reichsgründung von 1871 steht in Deutschland das Gedankengut der national gesinnten Reichsbürger im Vordergrund. In Österreich wiederum sei es die Kaiserkultur, auf die sich die Burschen heute wieder berufen würden. Die Sehnsucht nach einem starken Führer.

Allerdings war die Gesinnung der Schweizer Verbindungen nicht immer eindeutig. Die Machtübernahme der Nazis brachte die Verbindungsmitglieder in einen Zwist. Viele verurteilten das Gedankengut Adolf Hitlers. Doch gerade junge Burschen begrüssten die Nazis als Gegenmittel zum Marxismus, wie aus dem Zentralblatt der Helveter im Jahr 1933 hervorgeht: «Mit der Übernahme der Regierungsgewalt hat Hitler zweifellos ganz Mitteleuropa, und damit auch uns Schweizern, einen gewaltigen Dienst erwiesen, indem er den Ansturm des Bolschewismus zurückwarf.»

In der Verbindungskneipe der Hel­veter ist es spät geworden, die Zungen sind schwer. Die Burschen sind bei einem deutschen Volkslied angekommen: «Papst und Sultan»:

«Der Sultan lebt in Saus und Braus, er wohnt in einem grossen Haus, voll wunderschöner Mägdelein, ich möchte doch auch Sultan sein.»

Das Lied verklingt, und ein Fux meint: Sollen sich Aussenstehende ruhig über sie amüsieren, sie in die braune Ecke drängen, sich über ihre Sitten und Bräuche lustig machen. «Sobald ich in unseren Saal trete, überkommt mich ein Gefühl der erhabenen Feierlichkeit.» Das Eigentümliche trete in den Hintergrund, das Verbindende in den Vordergrund. Er sei sich dann sicher: «Hier habe ich ein Zuhause.» Egal, wie schnell die Welt sich drehe, wie viele Kriege auf ihr gerade ausgetragen würden. «Unsere Freundschaft, die hält.» Der Fux hebt sein Glas. Drei Quarten, in einem Zug.

Erstellt: 19.03.2018, 23:09 Uhr

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In Zahlen

21

So viele Bundesräte waren bis heute Mitglied der Studentenverbindung Helvetia.

25

Prozent der Parlamentarier und zwei von sieben Bundesräten waren bei Gründung des Bundesstaats Mitglieder der Zofingia.

1999

Das Gründungsjahr der ersten weiblichen Studentenverbindung in der Schweiz. Die erste Frauenverbindung in Deutschland wurde hundert Jahre früher gegründet.


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