Cannabis-Umfrage: Die Resultate

Wie es unsere Leser mit der Legalisierung und dem eigenen Konsum halten. Dazu die Einschätzungen von einem Mediziner und einem Soziologen.

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Die Cannabis-Debatte ist in vollem Gange. Die Schweizer Städte Basel, Bern, Genf und Zürich erarbeiten zurzeit ein Pilotprojekt: Cannabis Social Clubs. In diesen soll Cannabis unter Aufsicht der Städte verkauft werden dürfen. Ausserdem will die Stadt Zürich minderjährigen Problemkiffern Cannabis abgeben, wenn sie sich einer Behandlung unterziehen. Auch Innenminister Alain Berset sprach sich für solche Projekte aus. Weil 2016 ein entscheidendes Jahr in der Drogenpolitik ist, lancierten wir auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine (nicht repräsentative) Umfrage zum Thema. 6232 Teilnehmer nahmen daran teil, das sind die ausgewählten Resultate. Sämtliche Umfrageergebnisse finden Sie unter diesem Link.

Bemerkenswert: Bei den Umfrageteilnehmern über 60 Jahren sind 70 Prozent für eine Liberalisierung. Bei den politisch rechts stehenden Teilnehmern sind 69 Prozent dafür. Bei Nichtkonsumenten sind 38 Prozent gegen eine Liberalisierung. Bei Konsumenten sind 4 Prozent dagegen.

Bemerkenswert: Unabhängig von der politischen Einstellung schwingt das kommerzielle Modell obenaus.

Bemerkenswert: 50 Prozent der rechts eingestellten Teilnehmer haben noch nie oder nur einmal gekifft, links sind es 27 Prozent. 49 Prozent der weiblichen Teilnehmer haben noch nie oder nur einmal Cannabis konsumiert, bei den Männern sind es 33 Prozent. Auf dem Land und in der Stadt wird gleich viel gekifft.

Bemerkenswert: Quer durch alle Altersschichten ist der Hauptkonsumationsgrund «Entspannung». Als süchtig bezeichnen sich am meisten Teilnehmer zwischen 20 und 40 Jahren.

Bemerkenswert: Je jünger die Umfrage-Teilnehmer, desto früher haben sie zum ersten Mal Cannabis konsumiert.

Bemerkenswert: Eigenanbau ist vor allem bei der Ü-60-Gruppe beliebt (23 Prozent). Auf dem Land und in der Stadt wird ähnlich viel selber angebaut.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2016, 12:11 Uhr

Das sagt Soziologe Sandro Cattacin

Genf will die Abgabe von Cannabis testen. Sandro Cattacin leitet die Arbeitsgruppe des Projekts.

Was ist die grösste Gefahr, die von Cannabis ausgeht?
Die Bussen, die man erhält, wenn man beim Rauchen erwischt wird. Beinahe 100'000 Bussen werden pro Jahr in diesem Zusammenhang ausgeteilt, meistens an junge Konsumierende, die dadurch schnell in eine sehr heikle Situation geraten können. Das ist zwar rechtlich zulässig, aber meines Erachtens doppelt störend: Die Konsumierenden behelligen niemanden, und die Polizei ist nicht dafür da, um unbescholtenen Jugendlichen nachzurennen und Bussen zu verteilen.

Sind Sie für eine Legalisierung?
Cannabis ist rund um die Uhr erhältlich, und abgesehen von ineffizienten Polizeieinsätzen, gibt es kaum Konsumschranken. Eine Regulierung ist daher bei Cannabis unumgänglich, nur so kann auch wirkungsvolle Präventionsarbeit, insbesondere bei Jugendlichen, geleistet werden. Die Regulierung als Legalisierung zu verkaufen, wie das zur Zeit immer wieder versucht wird, ist scheinheilig und vertuscht die wahren Probleme und die anzugehenden Herausforderungen.

Wie könnte ein vernünftiges Regulierungsmodell aussehen?
Für mich geht es bei der Regulierung vor allem darum, der Prohibition einen Riegel vorzuschieben. Denn diese kann erwiesenermassen keine Probleme lösen. Im Gegenteil, sie wirkt eher kontraproduktiv und wird dann gefährlich, wenn wir es mit einem Schwarzmarkt zu tun haben. Denn dieser bestimmt nicht nur die Preise, sondern auch die Qualität der Produkte. Ich gehe davon aus, dass sich nicht nur ein Modell bewähren wird, sondern dass es verschiedene Ansätze braucht, die je nach Kontext und Situation eingesetzt werden können.

Was ist von den geplanten Social Clubs zu halten?
Eine Vereinslösung scheint mir ein guter Weg, soziale Kontrolle, Vertrauen und einen vernünftigen Konsum zu fördern. Es sollten aber auf keinen Fall attraktive Clubs wie in Spanien gefördert werden, die zu einem Konsumanstieg führen könnten.

Zürich will Minderjährigen, die im Übermass kiffen, Cannabis kontrolliert abgeben. Ihre Meinung?
Die Idee ist ausgezeichnet. Jugendliche mit problematischem Konsum, die therapieresistent sind und riskieren, aus Schule und Lehre zu fliegen, könnten so wieder angesprochen und in ein begleitetes Setting integriert werden. Nichts für diese Jugendlichen zu machen, diese einfach abstürzen zu lassen, ist unverantwortlich.

Sollten Ärzte Cannabis als Heil- und Schmerzmittel verschreiben dürfen?
Ja, und zwar auf unkomplizierte Art und Weise. Cannabis ist ein Naturprodukt und hilft in vielen Fällen, auf chemische Substanzen zu verzichten. Nebenwirkungen sind gleich null, und wenn Cannabis mit tiefem THC und hohem Cannabidiol – ohne es zu rauchen – konsumiert wird, dann ist es wohl das derzeit beste erhältliche Schlafmittel.

Haben Sie schon einmal Cannabis konsumiert?
Ich nehme viele psychoaktive Substanzen zu mir: Kaffee, Wein, manchmal eine Zigarette, Entzündungshemmer, wenn das Knie wieder schmerzt. Ich bin jedoch kein Cannabisraucher.

Das sagt Mediziner Michael Schaub

Michael Schaub ist wissenschaftlicher Direktor des Schweizerischen Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung.

Was ist die grösste Gefahr, die von Cannabis ausgeht?
Wenn Cannabis geraucht wird, dann kommt es ganz auf die Häufigkeit an, mit der dies getan wird. In der Schweiz wird Cannabis hauptsächlich mit Tabak zusammen in einem Joint geraucht. Wird das mehrmals pro Woche oder gar täglich getan, dann ist das selbstverständlich ungesund, oft mit einer Tabakabhängigkeit verbunden – und das bringt die üblichen Probleme: erhöhtes Krebsrisiko, erhöhtes Infarktrisiko etc.

Sind Sie für eine Legalisierung?
Nein, natürlich nicht. Insbesondere nicht, wenn noch Werbung gemacht werden darf und das Produkt punkto psychoaktiver Wirkung hochgezüchtet wird (das geschieht im Moment beispielsweise in Colorado).

Wie könnte ein vernünftiges Regulierungsmodell aussehen?
Nur für Erwachsene, besser erst ab 21, könnte Cannabis in Apotheken abgegeben werden gegen eine Verordnung. Mittelfristiges Ziel wäre allerdings ganz klar eine psychosoziale Stabilisierung und dann, falls möglich, auch eine schadensmindernde Einnahme (Cannabis ohne THC, verdampft anstatt geraucht, deutliche Cannabisreduktion, ein bis zwei rauchfreie Tage pro Woche einführen etc.).

Was ist von den Versuchen mit den Social Clubs zu halten?
Das ist eigentlich ein Versuch, ein rechtliches Schlupfloch zu nutzen. Das kann gut gehen, wenn tatsächlich kein Cannabis an andere Personen und insbesondere Jugendliche gelangt. Dabei besteht dann auch die Möglichkeit, Personen über Cannabiskonsum und beispielsweise die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse angemessen aufzuklären und zu beraten.

Zürich will Minderjährigen, die im Übermass kiffen, Cannabis kontrolliert abgeben. Ihre Meinung?
Wenn das ganz klar an bereits abhängige Jugendliche mit zusätzlichen klaren psychosozialen Problemen geschieht, könnte die Chance bestehen, dass man gerade an diejenigen Jugendlichen kommt, die sonst keine Hilfsangebote aufsuchen. Dazu müssten nebst ausführlichen Vorabklärungen auch regelmässige Gespräche mit medizinischen Fachpersonen verbunden sein.

Sollten Ärzte Cannabis als Heil- und Schmerzmittel verschreiben dürfen?
Wenn es keine anderen Medikamente gibt, die besser sind, und es wissenschaftlich zumindest teilweise untersuchte medizinische Anwendungen sind, so wie bei Innenaugenüberdruck, chemotherapieinduzierter Übelkeit etc., selbstverständlich schon. Das ist ja inzwischen auch in der Schweiz der Fall mit entsprechender Meldung beim Bundesamt für Gesundheit.

Haben Sie schon einmal selber Cannabis konsumiert?

Ja, früher schon ab und zu. Heute bin ich verantwortungsbewusster Familienvater, da hat das keinen Platz. Ich fahre übrigens aus demselben Grund auch nicht mehr Motorrad.

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