«Da schämt man sich, ein Mensch zu sein»

Tierpathologe Achim Gruber hat den berühmten Eisbär Knut obduziert, aber auch zu Tode geküsste Chinchillas und gequälte Hunde.

Wo hört Tierliebe auf, wo fängt Vermenschlichung an? Ein Mops in St. Moritz. Foto: Keystone

Wo hört Tierliebe auf, wo fängt Vermenschlichung an? Ein Mops in St. Moritz. Foto: Keystone

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«Da liegt das aufgeschnittene Herz, weiter oben die Lunge, da ein Stück vom Gehirn, der Enddarm, die Nieren.» Achim Gruber steht hinter einer dreckigen Glasscheibe und zeigt auf einen Stahltisch mit den fein aufgereihten Organen einer Katze, die gerade von zwei Studierenden obduziert wird. Gruber leitet die Tierpathologie der Freien Universität Berlin; und seit im Frühling sein Buch erschienen ist, sitzt er alle paar Wochen in irgendeiner Talkshow: «Das Kuscheltierdrama». 312 Seiten, die nicht nur etwas über Tiere verraten, sondern noch mehr über unsere Gesellschaft.

«Auf dem Seziertisch stochern wir in den Scherben, die beim Verhältnis zwischen Mensch und Tier übrig bleiben», sagt Gruber. In der Schweiz lebt in mehr als jedem vierten Haushalt ein Hund oder eine Katze, der Zoofachhandel boomt. Rechnet man Zahlen des Bundesamtes für Statistik auf die Schweizer Privathaushalte hoch, ergeben sich Ausgaben von jährlich über 1,2 Milliarden Franken für Haustiere.

Achim Gruber, 53, randlose Brille, Hemd in der Hose, schaut immer noch durch die Scheibe in den Obduktionssaal. Vor ihm: zwei Studierende in Gummistiefeln und Handschuhen, drei Sektionstische, darauf Innereien von sechs Katzen. Der Boden ist blassgelb gefliest. Im Regal an der Wand stapeln sich Werkzeugkästen mit Messern, Scheren, Pinzetten, Hämmern, Sägen. In den kleinen, roten Kästen liegt das feine Besteck für Goldfische und mongolische Wüstenrennmäuse.

Pro Jahr werden an Grubers Institut ungefähr 1000 Tiere obduziert, mehr als die Hälfte sind Katzen und Hunde. Ab und zu kommen Elefanten aus dem Zoo. Die sind so schwer, dass sie gleich im Hof aufgeschnitten werden, 40 Arbeitsstunden pro Elefant. Meistens landen die Tiere auf dem Sektionstisch, weil die Besitzer wissen wollen, was passiert ist. Manchmal geht es aber auch um juristische Fragen. Wusste der Besitzer vom Tumor seines Rennpferdes, bevor er es verkaufte? Hat der Nachbar die Katze vergiftet?

Rottweiler mit Hormonstörung

Gruber redet gern über sich, das merkt man auch bei seinen Fernsehauftritten. Früher, so wird erzählt, legte er bei den Unipartys auch mal als DJ auf. Mit einer Löwenmaske. Wenn Gruber interviewt wird, hat er drei Geschichten auf Lager, die er immer erzählt: das Chinchilla, das an einer Gehirnentzündung starb, weil ein Kind es zu Tode küsste. Lippenherpes. Das Meerschweinchen, das jedes Mal, wenn jemand von oben in den Käfig greift, denkt, dass ein Adler im Anflug ist. Und der Rottweilerrüde Haro, dem plötzlich das Fell ausgeht und die Hoden schrumpfen, weil er immer mit seiner Besitzerin im Bett liegt, die sich mit Östrogencreme einschmiert. Grubers Diagnose: Hormonstörung, beim Rüden.

Diese Anekdoten lassen sich schön im Fernsehen erzählen. Aber Gruber schaut auch in Abgründe. Er sieht geschändete Schafe und aufgeschlitzte Pferde. Hunde, die mit einer Gehwegplatte um den Hals in einen Fluss geworfen werden. Messie-Wohnungen, in denen Katzen andere Katzen fressen, um zu überleben. «Da schämt man sich dann, ein Mensch zu sein», sagt er.

«Wir haben manchmal Rennpferde, die kosten eine Million. Da kommt der Chef selber runter, das will ich sehen»: Achim Gruber. Foto: Regina Schmeken

Wer mit Achim Gruber durch sein Institut läuft, begegnet vielen Vitrinen. Hier das Rinderherz, 3,5 Kilo schwer. Weiter hinten der Schädelknochen eines 38-jährigen männlichen Borneo-Orang-Utans. An den Wänden hängen Plakate von spektakulären Fällen.

Gruber arbeitet seit 25 Jahren als Tierpathologe. Immer wieder bekommt er Tiere mit tennisballgrossen Tumoren auf den Tisch, die sterben mussten, weil sie zu spät behandelt wurden. Wenn Menschen von staatlicher Unterstützung leben oder obdachlos sind, keinen Rappen übrig haben, kann er das verstehen. Aber es sind längst nicht die Einzigen. Oft genug, erzählt er, sind es auch die mit den dicken Autos. Menschen mit Doktortiteln, die alles dafür tun, dass ihre Kinder Chinesisch lernen, aber es nicht auf die Reihe kriegen, zum Tierarzt zu gehen.

Manchmal liegen Pralinés im Napf

Etwas mehr Verständnis hat Gruber für die Menschen, die ihre Tiere wie Menschen behandeln. Gruber hört öfter von Hunden, die mit ihren Besitzern im Bett schlafen. Von Tieren, bei denen Pralinés im Napf liegen. Oder von Menschen, die ihre Katze vegan ernähren, weil sie es nicht ertragen, wenn das Tier andere Tiere frisst. «Das kann gefährlich werden», sagt er. Aber es sei auch nicht der richtige Weg, die Vermenschlichung zu dämonisieren.

Was denkt der Tierpathologe, wenn Besitzer mit ihren Hunden Geburtstag feiern? «Ich habe noch nie einen Hund sterben sehen, weil ihm jemand ein lustiges Hütchen aufsetzt.»

Um Tieren ein längeres Leben zu ermöglichen, fliesst immer mehr Geld. Künstliche Hüften, Grauer-Star-Operationen, Chemotherapien. Es gibt orthopädische Hundesofas, Treppenlifte, irre Konstruktionen. Zahlen des Zürcher Tierspitals veranschaulichen diese Entwicklung: In den letzten zehn Jahren sind die Umsätze bei der Behandlung von Hunden und Katzen stetig gestiegen.

Bei Hella und ihrem Herrchen muss die Bindung besonders eng gewesen sein. Wieder einer dieser Fälle, die Gruber erlebt hat. Eine tote Hündin mit Kopfschuss, daneben ein Rentner, beide mit derselben Pistole getötet. Hella hatte Metastasen in der Lunge und wäre wohl erstickt. Dem Mann fehlte laut Obduktionsbericht körperlich nichts. Grubers Interpretation: «Ich gehe davon aus, dass der Besitzer sie erlöst hat und sich dann selbst das Leben nahm.»

Die Menschen wollen gebraucht werden

Auf dem Tisch in Grubers Büro im ersten Stock des Instituts liegen Pakete, Papierstapel, Broschüren. In einem Schrank steht ein glänzender Oscar aus Plastik, Kategorie: «Schnellster Redner». Ein Geschenk seiner Studenten. Es gibt ein Thema, da redet Gruber noch ein bisschen schneller als sonst: Qualzucht. Bulldoggen und Möpse mit extrem verkürztem Schädel.

«Manche Menschen wollen unbedingt so einen Hund, weil sie dann das Gefühl haben, dass sie gebraucht werden.»Achim Gruber

Mehr als die Hälfte dieser Hunde erbrechen sich mehr als einmal am Tag. Fast ein Viertel schläft im Sitzen, weil sie sonst ersticken würden. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter Haltern. Warum sind diese Hunde so beliebt? Das habe auch mit dem Kindchenschema zu tun, sagt Gruber. Nicht nur wegen der grossen Augen. «Manche Menschen wollen unbedingt so einen Hund, weil sie dann das Gefühl haben, dass sie gebraucht werden.» Gerade in Grossstädten sei das ein Thema: fehlende Sozialpartner, Einsamkeit.

Im Keller des Instituts riecht es nach Formalin, was den Gruselfaktor ein wenig erhöht. Wieder grosse Vitrinen, diesmal gefüllt mit Knochenpräparaten und Plastinaten wie bei Gunther von Hagens' «Körperwelten». «Sie sehen hier zum Beispiel eine Hundelunge mit Metastasen», sagt Gruber. Aber auch eine Pferdeleber, Darmsteine und eine Katze mit einem Tumor in der Maulhöhle.

Alle Augen auf Knut

Gruber obduziert mittlerweile nur noch ab und zu. «Wir haben manchmal Rennpferde, die kosten eine Million. Da kommt der Chef selber runter, das will ich sehen.» Er hat auch Knut aufgeschnitten. Als der berühmte Eisbär 2011 vor den Augen der Besucher im Berliner Tierpark ertrank, ging die Nachricht um die Welt. Gruber war gerade auf dem Rückweg von einem Kongress, als sein Telefon klingelte: Knut ist tot. Sein erster Gedanke: Scheisse, der Knut?

Dann begannen die Spekulationen. Zoobesucher riefen im Institut an: Das Wasser ist seit Wochen nicht mehr sauber gemacht worden. Er hat das falsche Futter bekommen. Eisbären sind sowieso nichts für den Zoo. Es war die Einsamkeit, weil er seinen Pfleger vermisst hat. Der wurde von seiner Mutter gemobbt. «Wir hatten tagelang mit Anrufern zu tun, die alle wussten, woran Knut gestorben ist, bevor wir das wussten.»

Am Ende wurde Knut von fünf Pathologen obduziert. Im Wohnhaus gegenüber lauerten Paparazzi, bewaffnet mit riesigen Teleobjektiven. Alle Augen auf Knut. Als die Ergebnisse vorlagen, gab es eine Pressekonferenz: Knut war ertrunken, weil er einen epileptischen Anfall hatte. Auf Youtube steht noch immer ein Video von den letzten Minuten des Eisbären online. Es hat 810'601 Aufrufe.

Erstellt: 10.07.2019, 18:11 Uhr

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