«Man wird in Elite und Nicht-Elite eingeteilt»

Zwei Deutsche erzählen, warum sie der Schweiz den Rücken kehren. Hauptproblem: das Schweizer Schulsystem.

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Deutsche haben keine Lust mehr auf die Schweiz. Jedenfalls nicht mehr so wie früher: Das zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik und des Staatssekretariats für Migration (zum Bericht). Für eine ausführliche Einschätzung der Gründe baten wir zwei, die seit Jahren mit Frau und Kindern in der Schweiz leben, ganz hier eintauchten und jetzt dennoch ihre Rückwanderung organisiert haben, zum Gespräch: einen, der, samt Familie, 2017 sogar Schweizer wurde, und einen, für den das nie in Frage kam.

Die Auswanderungswilligen
Peter Kastenmüller, 1970 in München geboren, leitete von 2013 bis jetzt das Theater Neumarkt in Zürich, wo er mit seiner Familie lebte. Wegen des Schulsystems kehrten Frau und Kinder schon ein Jahr früher zurück als er. Zielort Berlin: Peter Kastenmüller. Foto: Dominique Meienberg

Martin Sautter, 1962 in Stuttgart geboren, arbeitete von 2002 bis jetzt als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an diversen Zürcher Sprachschulen. Seine Söhne kamen hier auf die Welt (2004 und 2006), 2017 wurde die gesamte Familie in der Schweiz eingebürgert. Zielort Stuttgart: Martin Sautter. Foto: Sabina Bobst

Die Rückkehr-Motivation

Kastenmüller: Vor zwei Jahren hat es sich bei uns verdichtet, dass wir, wenn mein Vertrag ausläuft – also Sommer 2019 –, nicht bleiben werden, obwohl es für meine Partnerin und mich auch in der Schweiz Arbeitsmöglichkeiten gegeben hätte. Man muss sich ganz persönlich die Frage stellen: Will ich hier alt werden? Was macht das mit meiner Identität und der meiner Kinder? Stimmt dieses Lebensgefühl für mich selbst? Und unser Bauchgefühl sagte Nein.

Sautter: Heute war ich auf dem Kreisbüro für die Abmeldung, und es erfüllt mich schon mit grosser Wehmut. Mir ist wichtig, festzuhalten: Ich bin sehr dankbar für meine 17 Jahre in der Schweiz. Ich durfte hier wunderbare berufliche Erfahrungen machen, auch Freundschaften schliessen; das Zusammenleben mit netten Nachbarn in der Wohngenossenschaft hat grosse Freude gemacht; und ich erlebte herrliche Momente in der fantastischen Bergwelt. Meine zwei Söhne wurden hier geboren. Nicht der einzige, aber sicher der Hauptgrund für unseren Rückkehrwunsch ist das hiesige Schulsystem.

Das Schulsystem

Kastenmüller: Für mich beginnts beim Kindergarten. Um 12 Uhr Schluss zu machen: Das ist Wahnsinn! Ein kultureller Unterschied, der etwas über die Grundhaltung der Gesellschaft verrät. Wir schickten unsere Kinder tageweise in einen ganztägigen privaten Waldkindergarten. Aber das können nicht alle. Auch in der Primarschule muss man Mittagslösungen finden.

Und wie dort mit der Zeit ein Selektionsdruck aufgebaut wird! Übrigens nicht nur in der Schweiz. Und selbst nach dem Bestehen der schweren Gymiprüfung geht es stressig weiter mit der Probezeit; mit 12 Jahren wird man in Elite und Nicht-Elite eingeteilt. Damit hatten wir unsere Probleme.

In Berlin besucht mein Sohn eine Gemeinschaftsschule, wo alle bis zur 10. Klasse gemeinsam unterrichtet werden und es zugleich eine individuelle Ausdifferenzierung gibt. Für solche Konzepte müsste man hier eine Privatschule wählen.

«Wir haben auch tolle Lehrer erlebt. Allerdings mehrheitlich deutsche.»Martin Sautter

Sautter: Ich habe selbst eine Lehrerausbildung und stelle fest, dass die ressourcenorientierte Pädagogik für viele Lehrpersonen hier noch ein Fremdwort ist. Ich betone: Wir haben auch tolle Lehrer erlebt. Allerdings mehrheitlich deutsche.

Nicht selten werden alle Kids über einen Leisten geschlagen. Man schaut, wo die Schüler Fehler machen, statt sie bei ihren Stärken abzuholen. Strafen und negative, schwächenfokussierte Feedbacks für die Kinder sind der Normalfall. Da wurden zu Schülern Sachen gesagt, für die Lehrer in Deutschland hochkant von der Schule fliegen würden.

Unser Älterer hat die Gymiprüfung nicht gemacht, obwohl die Noten dafür gereicht hätten. Grund: Man hatte uns vor dem Druck am Gymi gewarnt und das Sekundarschulsystem angepriesen. Ganz ehrlich: Nach zweijähriger Erfahrung damit kann ich dies leider nicht tun. Zumindest nicht für unsere Sek, wo die Leistungsbereitschaft der Schüler geradezu untergraben wird.

Für meinen Jüngeren war bereits die Primarschule so frustrierend, dass er ab Sommer keine Stunde mehr im hiesigen Volksschulsystem verbringen sollte. Wir schauten uns Zürcher Privatschulen an, auch für den Älteren.

Ich hätte Sorge um die Buben, wenn sie weiter hier im öffentlichen System blieben. In Deutschland dagegen bekamen wir ruck, zuck für beide einen Gymnasialplatz. Das Gespräch mit dem Rektor war wohltuend unkompliziert. Und sollte es in einem Fach hapern, kann man da ein tieferes Level belegen, in anderen Fächern ein höheres. Diese Aufgeschlossenheit und Durchlässigkeit fehlt hier meist.

Die Gesprächskultur

Kastenmüller: In Berlin bin ich viel lauter, schneller und aktiver. Meine Frechheit kann besser herauskommen. Als Mensch braucht man Kontexte, die man versteht – und in denen man verstanden wird: also Zugehörigkeit. Ich benötigte drei Jahre Schweiz, bis ich mal eingegriffen habe, als ich im Niederdorf ein Racial Profiling durch Polizeibeamte bemerkte. Man bleibt Gast, geht wie auf Eiern: eine interessante Erfahrung für mich, mal nicht zur Mehrheit zu gehören.

«Das ist ein Scheissgefühl: Man spürt subkutane Signale, kann sie aber nicht deuten.»Martin Sautter

Sautter: Vieles wird hier mit wenig Bürokratie ratzfatz erledigt: Das ist super! Trotzdem habe ich nach 17 Jahren – und dem Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft, der für die ganze Familie easy war – immer noch Momente, in denen ich mich komisch fremd fühle. Nicht bloss, dass wir früher öfters angemacht wurden, wenn wir im Tram Hochdeutsch sprachen. Das ist länger nicht mehr passiert. Sondern manchmal verstehe ich einfach nicht, was die Leute in einer Diskussion sagen wollen.

Das ist ein Scheissgefühl: Man spürt subkutane Signale, kann sie aber nicht deuten. Man fühlt sich nicht zugehörig und hat ständig Angst, etwas falsch zu machen oder jemandem auf den Schlips zu treten. Sobald ich die Grenze nach Deutschland überschreite, ist diese implantierte Selbstkontrolle ausgeschaltet. Ich atme frei durch und kann umstandslos drauflosquatschen. Oder auch ironische Witze machen. Tut gut.

Die Einsamkeit

Kastenmüller: Absolut, es gibt sie. Eine Essenseinladung nachhause ist eine grosse Auszeichnung. Und den Schweizer muss man schon am Schlawittl packen und ihn an den Esstisch setzen. Sie sind sehr höflich und wollen nicht stören. Ich hatte ja andere Netzwerke, aber für einen deutschen Tramchauffeur in der Agglo kanns nicht einfach sein.

Sautter: Bis zur ersten Freundschaft mit Schweizern dauerte es rund zehn Jahre. Die Treppenhauskultur – dass man da jahrelang freundliche Worte wechselt, ohne je die Türschwelle zu überschreiten – war für uns gewöhnungsbedürftig. In unserer Siedlung herrscht aber ein herzliches Klima mit all den Österreichern, Deutschen, Italienern, Arabern und vielen Schweizern.

Insgesamt ist jedoch die historisch gewachsene Mentalität der Abschottung spürbar. Einer unserer Söhne wurde während der Fussball-WM auch gemobbt. Das Kleinkarierte und der Nationalstolz entsprechen mir nicht. Ein wenig habe ich zudem die Sehnsucht, mich daheim zu fühlen in der Umgebungssprache, nicht anzuecken mit der Muttersprache.

Erfolgsmodell Schweiz?

Kastenmüller: Ich überspitze mal: Mir ist es hier zu reich, zu sortiert und zuweilen zu konservativ. Und vieles ist natürlich auch schlicht einmalig. Der Perfektionismus und die Sehnsucht nach Kontrolle sind, sagen wir mal, beeindruckend. Eine Stunde nach der Street Parade ist alles aufgeräumt. Ich konnte auch beobachten, wie sonntags um 18 Uhr die Ampeln mit dem Wasserdampfstrahler gereinigt wurden. Da reibt man sich die Augen. Pointiert gesagt: Die Schweiz ist nicht realistisch.

«Die Schweiz durchzieht eine gewisse Grundtraurigkeit.»
Peter Kastenmüller

Für meine Kinder würde ich mir wünschen, dass sie eine andere Wirklichkeit kennen lernen. Mehr Normalität, auch wenn der Prenzlauerberg seine eigenen Abgehobenheiten hat. Die Schweiz durchzieht eine gewisse Grundtraurigkeit.

Sautter: Es ist genial, dass alles funktioniert, vom Neat-Bau bis zu den Abstimmungen. Und die Lebensqualität der Stadt Zürich, See, Natur, Aufgeräumtheit: spektakulär! Die Willkommenskultur der Stadt, die Einladung der Stadtpräsidentin zur Einbürgerung an alle Ausländer, tut gut. Aber dass die Schweiz ihren Reichtum von den Krisen der Welt abschöpft und sich sonst fein raushält – die Kombination von Kälte und Luxus –, finde ich schwierig. Und es existiert ein Perfektionsdruck auf Kosten der Lebendigkeit.

Da ich lange in Indien gelebt habe, weiss ich: Es geht auch anders. Mit den Kindern machten wir immer wieder Anti-Luxus-Camps, denn man gewöhnt sich allzu leicht daran, und die Gier danach wächst. Man bedenke: Fast 20 Prozent der Schweizer nehmen Psychopharmaka. Die Mauer hinter der blinkenden Fassade trägt nicht.

Die Lebenshaltungskosten

Kastenmüller: Mir jedenfalls würde das Selbstbewusstsein fehlen, ohne fixe Anstellung in der Schweiz zu leben: Geld spielt eine immense Rolle. In den fluiden prekären Verhältnissen des freien Künstlers kommt man in Deutschland besser klar. Kita, Krankenkasse, Altersheim: All das ist in Deutschland meist viel billiger. Und dass die Bevölkerung hier so krasse Summen für Zahnarzt und Optiker berappt: Das ist schwer nachzuvollziehen. Da profitieren einige wenige, der Rest zahlt drauf.

Ich persönlich hab hier zwar gut verdient, aber es war Ende Monat dennoch stets alles weg; na ja, soll so. Andererseits sind die Armut in Deutschland und die absurd tiefen Hartz-IV-Sätze schockierend. Auch ein Grund zurückzugehen: Ich will da ein Faktor sein, was tun.

«Bergbauern werden zu 70 Prozent subventioniert, bei der Bildung aber spart man, wo man kann.»Martin Sautter

Sautter: Wenn wir nicht so eine gute, günstige Genossenschaftswohnung gehabt hätten – wer weiss, ob wir so lang geblieben wären. Als DaF-Lehrer habe ich zwar ordentlich verdient, doch die Bedingungen verschlechterten sich allmählich. Für die Zahnspangen der Kinder fuhren wir jeweils nach Konstanz.

Allerdings: Die Obdachlosen auf den Berliner Strassen zu sehen, ist hammerhart. Für die Familie war Berlin zu rau, zu schmutzig, zu heftig. Trotzdem fühlt sich das Leben dort authentischer und beschwingter an. In Deutschland gibts bettelarme Menschen, und vieles funktioniert nicht richtig. Handkehrum überrascht mich manchmal die hiesige Subventionspolitik: Bergbauern werden zu 70 Prozent subventioniert, bei der Bildung aber spart man, wo man kann.

Stichwort Europa

Kastenmüller: Ich will Teil von Europa sein, informiert mitbestimmen können. Eben bin ich in die SPD eingetreten, die Loser-Partei: Jetzt erst recht! Deutschland will ich nicht rechten Krakeelern überlassen. Mir scheint, dass umgekehrt schweizerische Künstler oft mit Mitte 30 wieder heimkehren. Hier gibts das Ferienchalet der Eltern, diverse finanzielle Auffangstrukturen – und, so denke ich, eben dieses Kontext-Verständnis, aus dem Zugehörigkeitsgefühl gestrickt ist. Aber was soll ich sagen, ich geh ja auch wieder nach Hause.

«Ich werde dieses Land verdammt vermissen.»Peter Kastenmüller

Aber jetzt will ich auch etwas Grossartiges über die Schweiz sagen: Ich liebe den tiefsinnigen Humor, diese wunderbare Selbstironie der Schweizer. Und die direkte Demokratie, das ernsthafte Bemühen um Kompromisse. Die Freundlichkeit. Ich bin so gerührt, wenn meine Kinder in perfektem Schweizerdeutsch loslegen und ich dann plötzlich merke: Ich werde dieses Land verdammt vermissen.

Sautter: Für mich ist Europa ein wichtiges Projekt zur Völkerverständigung. Während der jüngsten Wahlen fürs Europaparlament trug ich ein Europa-T-Shirt zur Arbeit. Ich kann mir gut vorstellen, mich in Deutschland politisch einzubringen, etwa bei den Grünen. Es gibt viel zu tun: Die Gefahr eines Auseinanderdriftens von Europa, der wachsende Populismus und Nationalismus, der so bequem von anderen Problemen ablenken kann – das sind beängstigende Entwicklungen.


Viele Deutsche haben keine Lust mehr auf die Schweiz (ABO+) Die Statistiken zeigen: Die Deutschen mögen die Schweiz immer noch. Aber nicht mehr ganz so fest. Die Gründe.


Erstellt: 05.09.2019, 19:22 Uhr

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