Bern

Dank der Rollator-Schule bleiben die Senioren mobil

Hohe Stufen und abrupte Bremsmanöver – wer mit einer Gehhilfe unterwegs ist, hat es im öffentlichen Verkehr schwer. Um Unfälle zu vermeiden, gibt es für Senioren Kurse für den Umgang mit dem Rollator.

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Hilda Kocher ist auch im Alter noch mobil. Ab und zu reist die 77-Jährige mit dem Zug bis nach Genf. Weil sie ein Rückenleiden hat, «wären solche Ausflüge ohne den Rollator nicht mehr möglich», sagt die Rentnerin. Eine Schrecksekunde habe sie im öffentlichen Verkehr bis jetzt zum Glück noch nie erlebt. Damit das so bleibt, besuchte sie zusammen mit sieben weiteren Seniorinnen und Senioren aus dem Senevita Westside einen Rollatorkurs in Bern.

Zahlreiche Hindernisse

Der vom Unternehmen Büro für Mobilität AG organisierte und von der Stadt Bern finanziell unterstützte Kurs ist der erste seiner Art überhaupt. Er besteht aus zwei Modulen. «Wer einen Rollator kauft, bekommt oft den richtigen Umgang nicht gezeigt», sagt Projektleiterin Noëlle Fischer. Deshalb üben die Senioren an diesem Nachmittag zuerst die richtige Bedienung der Gehhilfe. Zwei Physiotherapeutinnen zeigen, wie es geht – Bremsen lösen, Griffhöhe einstellen, vorsichtig Gehen und behutsam über Hindernisse hinweg steigen. «Wenn der Rollator im ÖV nicht richtig verwendet wird, begeben sich die Senioren unbewusst in Gefahr», sagt Noëlle Fischer.

Automatische Türen, schnelles Anfahren und Abbremsen, ein Spalt zwischen Fahrzeug und Perron oder hohe Stufen beim Einsteigen – Menschen, die mit einer fahrbaren Gehhilfe unterwegs sind, stossen im öffentlichen Verkehr auf zahlreiche Hindernisse. Martin Wichtermann und Thomas Minder arbeiten bei Bernmobil. Wenn sich beim Unternehmen ein Unfall ereignet, rücken die beiden Verkehrsdisponenten als Erste aus. Bei einem Notstopp in Tram oder Bus spiele es keine Rolle, wie alt man sei, sagt Thomas Minder: «Das geht so schnell, da purzeln alle.» Unfälle mit Senioren seien aber vielfach darauf zurückzuführen, dass diese nicht schnell genug auf ihrem Platz sitzen würden. «Es ist darum ganz wichtig, dass Sie so schnell wie möglich Platz nehmen», rät Minder den Teilnehmern. Damit diese schwierige Situationen im ÖV geübt werden kann, haben die Männer von Bernmobil zum Kurs einen Bus mitgebracht. Für die Senioren wird es Zeit, die Theorie in die Praxis umzusetzen.

Seit einem Armbruch vergangenen Dezember, den sie sich bei einem Sturz mit dem Rollator zugezogen hat, ist Heidi Clerc vorsichtiger geworden. Behutsam steigt sie in das Übungsfahrzeug ein, die beiden Verkehrsexperten von Bernmobil unterstützen sie dabei. «Wenn alle Haltestellen so gebaut wären wie diese hier, wäre es für alte Leute einfacher», sagt die 80-Jährige. Beim Berner Westside wurde versucht, Stolperfallen wie die Niveaudifferenz zwischen Fahrzeug und Perron, bereits beim Bau zu vermeiden. Genau das verlangt auch das Behindertengleichstellungsgesetz. Bis 2024 soll es Behinderten und altersbedingt eingeschränkten Personen möglich sein, den öffentlichen Verkehr in der Schweiz ohne fremde Hilfe zu benutzen.

Feuertaufe im Tram

«Im Alltag haben Senioren beim Einsteigen leider nicht so viel Zeit wie hier im Kurs», sagt Martin Wichtermann. Damit die Situation realistischer wird, üben die Teilnehmer zum Ende des Kurses mit einem richtigen Tram. Rein geht es problemlos. Eine Station weit fährt die Gruppe, danach steigen die Senioren wieder aus. Auch das klappt problemlos. Martin Wichtermann bedankt sich bei den übrigen Fahrgästen für die Geduld. Die Senioren haben die Feuertaufe bestanden.

Erstellt: 28.10.2013, 11:49 Uhr

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Mobilitätsberatung

Die Fachstelle der Stadt Bern organisiert diverse Kurse rund ums Thema Mobilität. Informationen unter: 031 321'63'19 oder ww.bern.ch/mobilitaet.

AHV zahlt nicht

Der Rollator ist eine fahrbare Gehhilfe. Erfunden wurde das Hilfsmittel 1978 von der Schwedin Aina Wifalk, die wegen einer Kinderlähmung selber gehbehindert war. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist die Gehhilfe auch in der Schweiz verbreitet.

Der Rollator ist meist aus Metallrohren gefertigt. Neben Fachhändlern bieten ihn mittlerweile auch Detailhändler an. Die Palette reicht von günstigen Geräten für 100 Franken bis zu Premium-Modellen für rund 500 Franken. Die Sendung Kassensturz des Schweizer Fernsehens testete kürzlich verschiedene Exemplare. Dabei zeigte sich, dass auch günstige Rollatoren brauchbar sind. Zwei Modelle aus dem Detailhandel (Aldi und Ottos) schafften es in die Kategorien genügend, respektive gut.

Wer einen Rollator braucht, muss diesen selber bezahlen. Je nach Krankenkasse übernimmt die Zusatzversicherung einen Teil der Kosten, die für Hilfsmittel anfallen. Die AHV zahlt nicht an die Gehhilfe. Rentnern, die Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV beziehen, werden die Kosten für den Rollator übernommen. (tma)

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