Darf ich in der Schweiz im Müll nach Essen suchen?

In Deutschland wurden zwei Frauen verurteilt, weil sie aus dem Müll eines Supermarktes Lebensmittel gefischt hatten. Ist das auch in der Schweiz illegal?

Aktivisten holen Lebensmittel aus Mülltonnen in Berlin. Gehört die Mülltonne einem Supermarkt, ist das illegal.

Aktivisten holen Lebensmittel aus Mülltonnen in Berlin. Gehört die Mülltonne einem Supermarkt, ist das illegal. Bild: Reuters

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Zwei Studentinnen wollten etwas gegen Lebensmittelverschwendung unternehmen. Diebstahl, befand gestern das Amtsgericht Fürstenfeldbruck in Bayern und sprach sie schuldig. Sie erhielten eine Verwarnung, eine Geldbusse, gemeinnützige Arbeit als Bewährungsauflage.

Im Juni wurden die beiden Frauen beim «Containern» erwischt, also dabei, wie sie bei einem Detailhändler Lebensmittel aus der Mülltonne fischten. Als Diebinnen sehen sich die Studentinnen nach ihrer Verurteilung nicht. Durch ihre Aktion sei niemand zu Schaden gekommen, sagten sie in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Zudem sei es moralisch nicht vertretbar, dass Lebensmittel, die noch nicht einmal das Haltbarkeitsdatum überschritten hätten, in grossen Mengen weggeschmissen würden. Trotzdem: Containern ist in Deutschland illegal.

Erlaubt, aber …

In der Schweiz ist Containern nicht grundsätzlich verboten. «Wenn jemand Lebensmittel in einen Müllcontainer schmeisst, die ausschliesslich der Vernichtung zugeführt werden sollen, dann kann jedermann darüber verfügen», erklärte der frühere Sprecher der Staatsanwaltschaft Basel, Markus Melzl, auf Anfrage von Greenpeace.

Erlaubt ist Containern aber nur, wenn die Mülltonne frei zugänglich ist, also wenn man beispielsweise nicht zuerst über einen Zaun oder eine Absperrung klettern muss. Wer abgeschlossenes Gelände betritt, begeht Hausfriedensbruch. Ist die Mülltonne verschlossen, ist es verboten, sie aufzubrechen. Tut man es trotzdem, ist dies Sachbeschädigung.

Obwohl Mülltauchen nicht illegal sei, finde es vor allem heimlich und in der Nacht statt, schreibt das Portal «Umweltnetz Schweiz» auf seiner Homepage. Mittlerweile gebe es in jeder grösseren Schweizer Stadt eine sogenannte «Dumpster Diving»-Szene.


Wo Backwaren vor der Mülltonne bewahrt werden Lebensmittel retten, ohne in der Mülltonne zu tauchen: In den Filialen der Äss-Bar gibt es Backwaren, Salate und Desserts vom Vortag.


Wie gehen Schweizer Detailhändler und Discounter mit Mülltauchenden um? «Das sogenannte Containern ist selbstverständlich nicht im Sinne von Aldi Suisse», schreibt der Discounter. Es sei aber in der Vergangenheit bereits vorgekommen. Aldi Suisse beobachte die Containering-Bewegung aufmerksam. Wenn nötig, würden situationsbedingt Massnahmen ergriffen. Bei gesetzeswidrigen Handlungen werde eine Anzeige erwogen.

Die Container stünden bei vielen Aldi-Suisse-Filialen in Mülleinhausungen. «Filialen ohne Mülleinhausung schliessen die Container in der Regel ab.» Abschliessen sei die beste Lösung, um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten. Entsorgt würden aber vor allem abgelaufene Lebensmittel oder solche, bei denen die Einhaltung der Kühlkette nicht mehr gewährleistet werden könne.

Auch bei Lidl Schweiz sind Container und deren Einhausungen grundsätzlich abgeschlossen, heisst es auf Anfrage. Dass darin nach Müll getaucht werde, sei der Discounterkette nicht bekannt.

Übriges für Tafeln, Abfälle für Biogas

«Zudem werfen wir grundsätzlich auch keine Lebensmittel in den Abfall», heisst es weiter. Unverkauftes, aber noch Geniessbares werde an Tafelorganisationen abgegeben. Ungeniessbare Lebensmittel – diese dürfen aus gesetzlichen Gründen an niemanden abgegeben werden – würden nicht in der Tonne, sondern in der Biogasanlage landen.

Ähnlich ist es bei Coop. Abfälle würden direkt in regionale Verteilzentralen gebracht und dann dem Recycling oder anderweitiger sinnvoller Entsorgung zugeführt, inklusive Biogas-Gewinnung. Dementsprechend würden keine Lebensmittel in Containern bei den Verkaufsstellen landen. «‹Containern› ist bei uns kein Thema.» Ebensowenig bei der Migros Zürich, bei der ungeniessbare Lebensmittel auch in Biogas verwandelt würden. Die Container für diese Abfälle stünden nur innerhalb der Gebäude, ausserhalb würden lediglich Verpackungsmaterialien entsorgt, und das in verschliessbaren Tonnen.

Ebenfalls wie Lidl Schweiz spenden Coop und die Migros Zürich qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die aber nicht mehr verkauft werden können, an Organisationen wie «Tischlein deck dich» oder die «Schweizer Tafel».

Forderung: Gesetz gegen Verschwendung

Eine gesetzliche Basis, die verhindert, dass Lebensmittel verschwendet werden, gibt es in der Schweiz nicht. Schweizer Detailhändler setzten auf Freiwilligkeit, und diese funktioniere gut, hiess es vor rund zwei Jahren von der IG Detailhandel Schweiz. Ihr gehören Coop, Denner, Manor und die Migros an.

In Deutschland verlangen die beiden verurteilten Studentinnen nun eine Gesetzesänderung: Supermärkte sollen dazu verpflichtet werden, noch geniessbare Lebensmittel weiterzuverteilen.

In Frankreich ist das bereits Alltag. 2015 beschloss das Parlament dazu drei Ergänzungen im Gesetz. Sie betreffen Supermärkte, die grösser als 400 Quadratmeter sind (etwa so gross wie ein Basketballfeld). Diese dürfen unverkaufte Nahrungsmittel nicht mehr in Container werfen. Sie müssen sie an karitative Einrichtungen spenden, kompostieren, als Tierfutter verkaufen oder zur Energiegewinnung zur Verfügung stellen. Das Gesetz verbietet dazu, überschüssige Lebensmittel ungeniessbar zu machen, etwa mit Chlor, wie dies in der Vergangenheit der Fall gewesen war.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.01.2019, 19:33 Uhr

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